{"id":1695,"date":"1998-02-01T00:00:01","date_gmt":"1998-01-31T22:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1695"},"modified":"2011-10-30T21:49:49","modified_gmt":"2011-10-30T19:49:49","slug":"sachzwange-versus-basisdemokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/02\/sachzwange-versus-basisdemokratie\/","title":{"rendered":"Sachzw\u00e4nge versus Basisdemokratie"},"content":{"rendered":"<p>So richtig zufriedenstellend geklappt hat es auf den Jugendumweltkongressen noch nie mit der Basisdemokratie: schlecht besuchte Bezugsgruppen und SprecherInnenr\u00e4te, Plena mit hunderten Menschen, bei denen nur wenige zu Wort kommen und eine Moderation, die von der Kongre\u00dforganisation gestellt wurde und damit parteiisch war.<\/p>\n<p>Auf dem diesj\u00e4hrigen Juk\u00df gab es daher zum ersten Mal ein unabh\u00e4ngiges Moderationsteam, das sich um eine konsensorientierte Gestaltung der Bezugsgruppen, SprecherInnenr\u00e4te und Plena k\u00fcmmerte. Dennoch gab es eine massive Unzufriedenheit mit den Entscheidungsstrukturen auf dem Juk\u00df, die nach einem sehr mi\u00dflungenen Plenum in eine Art Aufstand gegen die als autorit\u00e4r empfundenen Strukturen m\u00fcndete. Aus dem &#8222;Aufstand&#8220; entwickelte sich ein beeindruckender, gro\u00dfe Teile des Kongresses erfassender Konsens- Lernproze\u00df, in dessen Verlauf basisdemokratischere Strukturen erst wirklich verankert wurden.<\/p>\n<h3>Lernfeld Basisdemokratie<\/h3>\n<p>Die Geschichte dieses &#8222;Aufstands&#8220; zeigt, da\u00df Basisdemokratie nur dann wirklich funktioniert, wenn sie von unten kommt und eingefordert wird. Und dann auch auf einem Kongre\u00df mit ca 700 Menschen m\u00f6glich ist, selbst wenn daf\u00fcr von der Organisation viel zu wenig Raum eingeplant wurde.<\/p>\n<p>Wir vom Moderationsteam (f\u00fcnf Leute mit mehr oder weniger Erfahrung im moderieren) wurden vom Orga-Team des Kongresses gebeten, uns um die Basisdemokratie auf dem Kongress zu k\u00fcmmern und die daf\u00fcr vorgesehenen Strukturen (mittags Bezugsgruppentreffen, danach SprecherInnenrat, abends Plenum) zu moderieren. Wir entwickelten eine Struktur, die den Bezugsgruppen sowie dem SprecherInnenrat ein m\u00f6glichst hohes Gewicht gaben. Danach sollten die Hauptdiskussionen in diesen Gremien stattfinden, und das abendliche Plenum vor allem der Informationsvermittlung, dem kurzen Andiskutieren von Entscheidungsfragen und der Abstimmung (angereichert mit einigen Konsens-Elementen) dienen. Allerdings war diese Struktur nat\u00fcrlich von uns ziemlich \u00fcbergest\u00fclpt und zudem nicht ausreichend vermittelt. Es bedurfte erst einiger Ab\u00e4nderungen im Zuge der Diskussionen um die zuk\u00fcnftige Entscheidungsstruktur, bevor schlie\u00dflich ein Entscheidungsmodus im Konsens angenommen wurde.<\/p>\n<p>Nach dem ersten Tag waren wir als Moderationsteam ziemlich zufrieden. Die Bezugsgruppen waren so gut besucht wie noch nie, da am ersten Tag eine Aktion in Bezugsgruppen, die sich nach verschiedenen inhaltlichen Aufgaben fanden, stattfand. Die Idee, die Bezugsgruppenfindung mit einer Aktion zu gestalten, bei der alle Teilnehmenden in Kleingruppen durch die Stadt ziehen, hat sich sehr bew\u00e4hrt. Entsprechend gut funktionierte auch der erste SprecherInnenrat, in dem ca. 30 Gruppen vertreten waren, sowie des erste Plenum.<\/p>\n<h3>Sprengstoff auf dem Plenum<\/h3>\n<p>Doch schon am n\u00e4chsten Tag kam es zu einen gro\u00dfen Eklat auf dem Plenum. Es standen eine Reihe wichtige Diskussionen und Entscheidungen an. Neben der Zensur der GWR durch das Umweltbundesamt (UBA) wurde auch dem Orga-Team Zensur vorgeworfen, da es zwei Arbeitskreise zu &#8222;Carwalking&#8220; und zu direktem Widerstand gegen Stra\u00dfenprojekte aufgrund einer Empfehlung des UBA aus dem offiziellen Programm genommen hatte und diese nur als spontane AK\u2019s stattfinden konnten. Au\u00dferdem ging es darum, ob ein M\u00f6nch von der Sekte &#8222;Anada Marga&#8220; Meditationsworkshops anbieten d\u00fcrfe sowie um die Frage in welcher Form der Juk\u00df in der Zukunft stattfinden k\u00f6nne, da mit einer F\u00f6rderung durch das UBA nicht mehr zu rechnen ist.<\/p>\n<p>Viele brisante Fragen also, die dadurch zu Sprengstoff wurden, da\u00df an diesem und dem n\u00e4chsten Tag fast keine Zeit f\u00fcr Plena war. Das Orga-Team hatte in einer Mischung aus Unerfahrenheit und Geringsch\u00e4tzung basisdemokratischer Strukturen die Abende so zugeplant, da\u00df an diesem Tag nur eine Stunde f\u00fcr das Plenum blieb und am n\u00e4chsten Tag, Sylvester, gar kein Plenum stattfinden sollte. Dies und einige Fehler in der Moderation des unter Zeitdruck leidenden Plenums f\u00fchrten zu einem Eklat. Mit gutem Grund entstand der Eindruck, da\u00df wichtige Diskussionen auf autorit\u00e4re Art und Weise unterdr\u00fcckt und verz\u00f6gert werden sollen. Direkt nach dem so schlecht gelaufenen Plenum bildete sich eine ca. 50 Leute umfassende Gruppe, die extrem unzufrieden war, die Moderation absetzen und selbst \u00fcbernehmen wollte, zeitweise gar St\u00f6raktionen \u00fcberlegte und am Sylvestertag den Raum f\u00fcr ein gro\u00dfes Plenum erk\u00e4mpfen wollte. Diese Gruppe baute eine Art Parallelstruktur zu dem SprecherInnenrat auf und arbeitete am n\u00e4chsten Tag intensiv und produktiv an grunds\u00e4tzlichen Fragen zur Entscheidungstruktur auf dem JUK\u00df. Einige der in dieser Gruppe Aktiven waren auch an der Besetzung eines Raumes beteiligt, mit der sie einen Freiraum gegen die Verplantheit des Kongresses und die von Ihnen angeklagte Zensur radikaler Inhalte schaffen wollten.<\/p>\n<p>Doch auch in den Bezugsgruppen gab es eine gro\u00dfe Unzufriedenheit sowie viele Verbesserungsvorschl\u00e4ge, die am n\u00e4chsten Tag in einer vierst\u00fcndigen SprecherInnenratssitzung aufgearbeitet wurden. Der Kongre\u00df brodelte und an vielen Orten war der Aufstand sichtbar: Im Plenumssaal prangerte ein gro\u00dfes Transparent mit den Worten &#8222;Sachzwang statt Basisdemokratie&#8220; sowohl das Verhalten gegen\u00fcber der Zensur als auch den Vorzug fest geplanter Kulturveranstaltungen gegen\u00fcber einem notwendigen Plenum an. Auf dem Weg zum Plenum hingen etliche Papiere mit Forderungen nach mehr Partizipation, und der sogenannte &#8222;Platz der \u00f6kologischen Steuerreform&#8220;, ein Ort an dem immer Orga-Durchsagen per Megaphon gemacht wurden, wurde kurzerhand in &#8222;Platz der Monologe&#8220; umbenannt.<\/p>\n<h3>Produktive L\u00f6sungen<\/h3>\n<p>Der SprecherInnenrat und die Gruppe, die die Moderation \u00fcbernehmen wollte, stimmten ihre Vorstellungen ab und entwickelten als Konsensvorschlag eine neue Grundlage zur Moderation und Entscheidungsfindung auf dem Kongress. In langen und anstrengenden Sitzungen wurde aus der Wut vom Abend zuvor eine enorm konstruktive Arbeit an der basisdemokratischen Utopie. An Abend zuvor noch deprimiert von dem mi\u00dflungenen Plenum, machte dieser Tag auf mich den Eindruck eines gewaltigen kollektiven Lernprozesses, bei dem sehr viele Menschen positive Erfahrungen mit Konsens machten.<\/p>\n<p>Wir als Moderationsgruppe wurden schlie\u00dflich doch nicht abgesetzt, da als Hauptursache der Misere die wenige Zeit f\u00fcr das Plenum erkannt wurde, f\u00fcr die das Orga-Team verantwortlich war. Allerdings mu\u00dften und wollten wir uns von diesem Moment an f\u00fcr alle, die mit den Plena unzufrieden waren, \u00f6ffnen und ein Gro\u00dfteil der Moderation wurde fortan von neuen Leuten geleistet, was sich als sehr produktiv erwies. Die Offenheit der Moderationsgruppe war ein wichtiges Ergebnis der Kritik, da eine geschlossen und intensiv arbeitende Moderationsgruppe nie wirklich mit der Stimmung auf dem Kongre\u00df verbunden sein kann. Die Moderation soll aus der Mitte des Kongresses kommen und keine abgehobene Stellung einnehmen.<\/p>\n<p>Nach einem sehr intensiven Nachmittag mu\u00dfte nun die Forderung nach einem dreist\u00fcndigen Plenum gegen\u00fcber dem Orga-Team durchgesetzt werden, das sich dagegen str\u00e4ubte, das schon fertig geplante Sylvesterprogramm zusammenzuk\u00fcrzen. Es war klar, da\u00df die Stimmung auf dem Kongre\u00df ohne Plenum explodiert w\u00e4re und so gelang es uns nach langem Gefeilsche auch das Plenum durchzusetzen &#8211; auf Kosten einer von weit angereisten Band, deren Auftritt bis zuletzt unklar blieb.<\/p>\n<h3>Basisdemokratie funktioniert!<\/h3>\n<p>Das mit so viel Energie erk\u00e4mpfte Plenum wurde schlie\u00dflich ein sehr gro\u00dfer Erfolg und ging dank der intensiven Vorarbeit in 90 Minuten \u00fcber die B\u00fchne, so da\u00df doch noch das gesamte Sylvesterprogramm stattfinden konnte. Das zuvor entwickelte Entscheidungsmodell wurde im Konsens angenommen und bew\u00e4hrte sich trotz einiger Schwierigkeiten in den folgenden Tagen. Es unterschied sich nicht grunds\u00e4tzlich von dem zuvor von uns vorgegebenen Modell, hatte aber aufgrund der intensiven Diskussionen darum eine viel tiefere Legitimation und wurde damit auch erst wirklich praxistauglich. Grob zusammengefasst ist das Plenum nach diesem Modell kein Ort an dem Diskussionen ausgetragen werden. Neue Themen werden im Plenum in einer Statementdiskussion andiskutiert und schlie\u00dflich zur Diskussion in die Bezugsgruppen weitergegeben. Im SprecherInnenrat wird aus den Vorschl\u00e4gen der Bezugsgruppen ein Konsensvorschlag erarbeitet, der beim n\u00e4chsten Plenum ohne weitere Diskussion nach vier Fragen abgefragt wird: &#8222;Ich stimme dem Vorschlag vorbehaltlos zu&#8220;, &#8222;Ich habe Bedenken, stimme aber zu&#8220;, &#8220; Ich habe schwere Bedenken, toleriere aber den Beschlu\u00df&#8220;, &#8222;Veto&#8220;. Nur bei einem Veto ist die Entscheidung blockiert. L\u00e4\u00dft sich das Veto nicht innerhalb des Plenums ausr\u00e4umen, so m\u00fcssen die Bezugsgruppen einen neuen Konsensvorschlag entwickeln. Nur wenn eine Entscheidung so dringend ist, da\u00df sie direkt im Plenum entschieden werden mu\u00df, kann sie auch direkt dort diskutiert werden.<\/p>\n<p>Dieses Modell hat sicherlich noch einige Schw\u00e4chen und entspricht auch nicht allen Anspr\u00fcchen an Konsensentscheidungen. Dennoch sind die Schwerpunktlegung auf die Bezugsgruppen, die Aufschl\u00fcsselung der Abstimmung und das Vetorecht f\u00fcr den Juk\u00df ein deutlicher Zuwachs an Partizipation, der von allen Teilnehmenden mitgetragen wurde.<\/p>\n<p>In den folgenden Tagen wurden nach dem Modell einige Entscheidungen getroffen. Eine Resolution gegen Zensur wurde zusammen mit einem Foto von Teilnehmenden mit zugeklebten M\u00fcndern an die Presse geschickt. Es wurde ein Forderungskatalog f\u00fcr das Orga-Team des n\u00e4chsten Juk\u00df entwickelt, in den die wichtigsten Diskussionen auf dem Kongre\u00df ihren Eingang fanden. Der n\u00e4chste Kongre\u00df wird wohl sowieso nicht mehr vom UBA finanziert werden und bietet somit die M\u00f6glichkeit dem Wunsch nach gr\u00f6\u00dferer Unabh\u00e4ngigkeit zu entsprechen.<\/p>\n<p>Insgesamt sind nach meiner Beobachtung sowohl in Sachen Konsens als auch bez\u00fcglich Zensur und Abh\u00e4ngigkeit vom UBA auf dem Kongre\u00df einige libert\u00e4re Impulse geschehen. Es bleibt zu hoffen, da\u00df sich diese in der stark von Umweltverb\u00e4nden gepr\u00e4gten Jugendumweltbewegung weiterentwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und was die Zensur an der GWR betrifft, so kann ich mit Gru\u00df an das UBA sagen, da\u00df seine repressiven Ma\u00dfnahmen nat\u00fcrlich das Interesse an der Zeitung und ihren Bekanntschaftsgrad extrem erh\u00f6ht haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So richtig zufriedenstellend geklappt hat es auf den Jugendumweltkongressen noch nie mit der Basisdemokratie: schlecht besuchte Bezugsgruppen und SprecherInnenr\u00e4te, Plena mit hunderten Menschen, bei denen nur wenige zu Wort kommen und eine Moderation, die von der Kongre\u00dforganisation gestellt wurde und damit parteiisch war. 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