{"id":1705,"date":"1998-02-01T00:00:01","date_gmt":"1998-01-31T22:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1705"},"modified":"2022-07-26T13:06:11","modified_gmt":"2022-07-26T11:06:11","slug":"revolution-heist-jedem-verantwortung-geben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/02\/revolution-heist-jedem-verantwortung-geben\/","title":{"rendered":"&#8222;Revolution hei\u00dft jedem Verantwortung geben&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Als Dolci 1952 in das sizilianische Dorf Trappeto kam, war er 28 Jahre alt und von dem Willen bestimmt, aus seinen Erkenntnissen und \u00dcberzeugungen heraus zu leben. Die m\u00f6gliche Karriere als Architekt, Experte f\u00fcr Stahlbeton, bricht er ab: &#8222;In den letzten Jahren hatte ich immer deutlicher die Notwendigkeit gesp\u00fcrt, endlich Ordnung zwischen den verschiedenen Stimmen zu schaffen, das in mir Gesammelte zu kl\u00e4ren und es mit meiner eigenen Lebenserfahrung, mit meiner Wahrheit, mit meiner Intuition zu konfrontieren. (&#8230;).Mein Leben gab es fast nicht, und das wenige, was da war, entsprach nicht dem, was ich mit dem Kopf begriffen hatte. (&#8230;) Ich sah immer deutlicher Menschen um mich, die anders redeten, als sie dachten, und, zwischen beidem hin- und hergerissen, noch anders lebten. (&#8230;) Sogar die Kenntnis des Evangeliums benutzten sie als Instrument der Selbstbehauptung&#8230;&#8220; ((1)). Der Norditaliener, Sohn eines italienischen Vaters und einer slowenischen Mutter, &#8211; ein Gro\u00dfvater stammte aus Deutschland, was &#8222;zu einer nat\u00fcrlichen Offenheit \u00fcber &#8222;das Vaterland&#8220; hinaus&#8220; ((2)) beigetragen hat &#8211; w\u00e4chst in der N\u00e4he von Triest in einer Familie des b\u00fcrgerlichen Mittelstandes auf. Unpolitisch war er jedoch keineswegs. Er hatte 1943 den Kriegsdienst in der faschistischen Armee verweigert und war aus dem Gef\u00e4ngnis von Genua geflohen ((3)).<\/p>\n<p>Bevor er nach Sizilien ging, hatte er in einer Einrichtung f\u00fcr Waisen und Obdachlose gearbeitet. \u00dcber die Lebensbedingungen in S\u00fcditalien hat Dolci vor seiner Abreise keine klaren Vorstellungen. Er schreibt: &#8222;Ich wei\u00df nicht mehr genau, wie und warum ich (\u2026) nach Sizilien gegangen bin, nach Trappeto, dem \u00e4rmsten Dorf, das ich je gesehen hatte. Ich sah mich um, ich war unwissend gegen\u00fcber den Problemen des S\u00fcdens, unwissend, was die Technik einer sozio-\u00f6konomischen Arbeit betraf, (\u2026) arbeitete ich mit den Bauern und Fischern, nahm ich an ihrem Leben teil.&#8220; ((4)) Wie auf der ganzen Insel herrschte in Trappeto gro\u00dfe Arbeitslosigkeit, war der Analphabetismus weit verbreitet und die Gewalt der Mafia allgegenw\u00e4rtig. Er traf Menschen an, die verbittert und zutiefst unzufrieden waren, aber nichts Grundlegendes taten, um eine Ver\u00e4nderung herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Vor allem das Elend der hungerleidenden Kinder, die h\u00e4ufig allein aufwachsen mu\u00dften, Kriegswaisen oder Kinder, deren Eltern von der Mafia umgebracht oder vom Staat inhaftiert worden waren, dr\u00e4ngte ihn zur Aktion. 1952 machte er mit einer achtt\u00e4gigen Fastenaktion auf den Hungertod eines kleinen Jungen aufmerksam und forderte ein Ende der T\u00f6tung durch unterlassene Hilfe. Zwei Jahre sp\u00e4ter er\u00f6ffnete er das &#8222;Borgo didio&#8220;, ein Haus, in dem bed\u00fcrftige Kinder aus Trappeto versorgt und betreut wurden.<\/p>\n<h3>Autoanalisi popolare = Selbstanalyse des Volkes<\/h3>\n<p>Dolci und seine MitarbeiterInnen gr\u00fcndeten in dieser Zeit nicht allein soziale Einrichtungen, sondern versuchten dar\u00fcber hinaus die Ursachen der Armut systematisch zu ergr\u00fcnden und zu dokumentieren. Mit den B\u00fcchern <cite>Umfrage in Palermo<\/cite> und <cite>Banditen in Partinico<\/cite> machten sie die Ergebnisse Mitte der f\u00fcnfziger Jahre \u00f6ffentlich. Die Publikationen erlangten gro\u00dfe Aufmerksamkeit. Die darin dokumentierten Beschreibungen der armseligen Lebensbedingungen auf Sizilien, von in Hunger und Not lebenden Menschen selbst geschildert, machten die Ungleichzeitigkeit der \u00f6konomischen und sozialen Entwicklungen in Europa eindr\u00fccklich deutlich. Dolcis soziologische Untersuchungen der Armut und sein gleichzeitiges leidenschaftliches Bem\u00fchen, die SizilianerInnen zu bef\u00e4higen und zu ermutigen, selbst aktiv zu werden, um eine Verbesserung der Lebensbedingungen zu erreichen, stie\u00dfen auf reges internationales Interesse. Zur Wirkung der B\u00fccher Dolcis schreibt Eduard W\u00e4tjen in seinem Nachwort zur deutschen Ausgabe von <cite>Banditen in Partinico<\/cite>: &#8222;Der Klasse der Miserablen behilflich zu sein, entsprach auch der Notwendigkeit Danilo Dolcis, der sich von der ihm durch eigene Arbeit gesicherten Lebenslage eines jungen, begabten und dank seiner Ver\u00f6ffentlichungen bereits bekannten Architekten und Architektur-Lehrers freiwillig getrennt hatte und selbst zu den Elenden geh\u00f6rte. Nur wer das erkennt, begreift die Ursache des Eigent\u00fcmlichen der Wirkung jener B\u00fccher, die Danilo Dolci verfa\u00dfte, B\u00fccher, die die Elenden Siziliens selbst durch die Feder eines Mannes schreiben, der ihr Leben zumal teilt und reflektiert.&#8220; ((5)) Die Ver\u00f6ffentlichungen wurden in viele Sprachen \u00fcbersetzt und es entstand ein internationaler Unterst\u00fctzerInnenkreis zu dem u.a. Paulo Freire, Robert Jungk, Jean Goss, Aldous Huxley, Noam Chomsky und J\u00fcrgen Habermas geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Es stellte sich heraus, da\u00df eine wesentliche Ursache der unbeschreibliche Not und Armut der Bev\u00f6lkerung das Fehlen eines ausreichenden Bew\u00e4sserungssystems war. Das Wasser flo\u00df gr\u00f6\u00dftenteils ungenutzt ins Meer oder war unter der Kontrolle der Mafia. Abermals mit einem Hungerstreik machte Dolci 1955 auf die Notwendigkeit eines Staudamms am Flu\u00df Jato aufmerksam. Durch eine intensive Aufkl\u00e4rungsarbeit unter der Bev\u00f6lkerung \u00fcber den Sinn und Zweck des Staudamms gelang es, den Druck, der zun\u00e4chst nur von wenigen ausging, immer mehr zu verst\u00e4rken, so da\u00df die Regierung in Rom den Bau des Staudamms 1962 schlie\u00dflich genehmigte. Die mit dem Kampf um den Staudamm verbundenen Ver\u00e4nderungen im Herrschaftsgef\u00fcge der Region beschreibt Dolci so: &#8222;\u00dcber die verzweifelte Bev\u00f6lkerung herrschte die Mafia mit ihren starken politischen Verbindungen. (\u2026) Man pr\u00fcft die Notwendigkeit und M\u00f6glichkeit f\u00fcr den Bau eines gro\u00dfen Staudamms zur Bew\u00e4sserung des Gebietes. (\u2026) Der Druck geht zuerst von wenigen aus, verbreitet sich dann immer weiter und l\u00e4\u00dft nicht nach, bis mit dem Bau des Staudamms begonnen wird. Unter den Arbeitern der Gro\u00dfbaustelle entwickelt sich eine Gewerkschaft. Beschl\u00fcsse werden nicht mehr durch die Mafia gefa\u00dft, die an Prestige verliert. (\u2026) Es entstehen die ersten, wenn auch rudiment\u00e4ren Zentren zur Bildung einer demokratischen Bew\u00e4sserungsgenossenschaft, um demokratisches Wasser zu bekommen und kein Mafia-Wasser.&#8220; ((6))<\/p>\n<h3>Der umgekehrte Streik<\/h3>\n<p>Die hohe Arbeitslosigkeit, unter der die Menschen litten, war ein weiteres Thema, dem sich Dolci und seine MitarbeiterInnen in dieser Zeit widmeten. Sie waren der Ansicht, da\u00df die Menschen Selbstachtung und Eigeninitiative verlieren, wenn sie vom produktiven Arbeitsproze\u00df ausgeschlossen sind. Ein Thema, das auch heute wieder an Aktualit\u00e4t gewinnt. Die spektakul\u00e4re Aktion, die Dolci 1956 organisierte, ist aber wohl kaum auf heutige Verh\u00e4ltnisse \u00fcbertragbar. Dolci rief die 7 000 Arbeitslosen des Ortes Partinico, in dem er jetzt lebte, auf, eine f\u00fcr die lokale Infrastruktur wichtige Stra\u00dfe instand zu setzen. Die Politik hatte diese dringliche Angelegenheit seit Jahren nicht in Angriff genommen. Die Menschen, die sich schlie\u00dflich daran machten, die Stra\u00dfe wieder herzurichten, verlangten keinen Lohn, sondern klagten das in der Verfassung verankerte Recht auf Arbeit ein und stellten damit die Unf\u00e4higkeit der Politik blo\u00df. Die Polizei l\u00f6ste die Aktion auf, Dolci wurde sp\u00e4ter zusammen mit 21 anderen angeklagt und wegen &#8222;widerrechtlicher Besetzung eines Grundst\u00fccks&#8220;, also &#8222;Hausfriedensbruch&#8220; verurteilt! Er mu\u00dfte f\u00fcr zwei Monate ins Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Johann Galtung versuchte 1956 in einem Aufsatz Parallelen zwischen dem Wirken Gandhis und Dolcis aufzuzeigen, so da\u00df Dolci danach auch als &#8222;sizilianischer Gandhi&#8220; bezeichnet wurde. Das war sicher eher als Anerkennung gemeint, denn als Ausdruck f\u00fcr die Annahme, Dolci sei eine Art europ\u00e4ische &#8222;Wiedergeburt&#8220; des Mahatma. Ohne Zweifel hatte Gandhi Dolcis Ansichten und Arbeit beeinflu\u00dft, so war auch f\u00fcr ihn die Gewaltlosigkeit nicht nur eine Methode oder eine Taktik. Seine Aktionen waren Ausdruck der Erkenntnis, da\u00df grundlegende gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen notwendig seien, um Armut, Not und Ungerechtigkeit und vor allem gewaltf\u00f6rmige Beziehungen und Abh\u00e4ngigkeiten endg\u00fcltig abzuschaffen. Als er und seine MitarbeiterInnen soziale Einrichtungen, Bildungszentren und Produktionsgenossenschaften gr\u00fcndeten, war damit mehr als &#8222;nur&#8220; Sozialarbeit zur Linderung der akuten Not verbunden. Dolci strebte eine gewaltlose Revolution an, die das Mafia-Klientelsystem und die damit einhergehende Gewalt aufbrechen sollte. Auf Sizilien wirkte seiner Ansicht nach ein Klientelsystem, in das Politiker verstrickt waren, deren Macht und Prestige von &#8222;einflu\u00dfreichen W\u00e4hlern&#8220; grundlegend bestimmt wurde, die f\u00fcr die n\u00f6tigen Stimmen sorgten. Also ein System der Abh\u00e4ngigkeit und Erpressung: &#8222;gibst du mir was, dann geb ich dir W\u00e4hlerstimmen.&#8220; Nach Dolcis Ansicht sind die Grundbedingungen dieser Struktur: &#8222;- das niedere \u00f6konomische Niveau der breiten Massen, aufgrund dessen die Suche nach Brot und Arbeit so dringlich ist, da\u00df alles \u00fcbrige zweitrangig wird; &#8211; das niedere kulturelle und politische Niveau breiter Kreise der Bev\u00f6lkerung: sie verfechten kurzsichtig ihre eigenen Interessen, handeln egoistisch nur f\u00fcr sich selbst, ohne sich dabei auch nur im geringsten um das Interesse aller zu k\u00fcmmern; &#8211; die mangelnde F\u00e4higkeit zu einem neuen Leben der Gemeinschaft und Zusammenarbeit: dieses Terrain ist fruchtbar f\u00fcr jedes autorit\u00e4re Abenteurertum, f\u00fcr jede Art von Faschismus, Monopolismus und Oligopolismus.&#8220; ((7)) Die Klientelsysteme sind, so Dolci, in dem Ma\u00df m\u00f6glich, in dem die Einzelnen, die Isolierten, aus Unkenntnis nicht in der Lage sind, ihre Rechte geltend zu machen und unt\u00e4tig bleiben.<\/p>\n<p>Gewaltf\u00f6rmige Beziehungen und Klientelsysteme sieht Dolci aber nicht nur in Westsizilien am Werk, sondern auch in den scheinbar demokratischen Systemen. Das Verst\u00e4ndnis des sizilianischen Klientelsystems ist f\u00fcr ihn daher beispielhaft. Die \u00dcberwindung dieser Verh\u00e4ltnisse macht revolution\u00e4re Ver\u00e4nderungen notwendig, die im Bereich der Erziehung, der Organisation, der Technologie und der Konflikte anzusetzen haben. Unter revolution\u00e4r versteht Dolci: Die Erziehung wird revolution\u00e4r, wenn es ihr gelingt, Einzelne oder Gruppen zu bef\u00e4higen, die eigenen Probleme zu erkennen und L\u00f6sungsinstrumente zu finden. \u00dcberwunden werden mu\u00df die Auffassung, da\u00df Erziehung f\u00fcr die Heranbildung geeigneten Personals zu sorgen hat, das den Anforderungen der Industriegesellschaft entspricht. Vielmehr soll sie die Menschen durch Selbstanalyse und Selbstbef\u00e4higung sensibilisieren und zu B\u00fcrgerInnen einer neuen Gesellschaft machen, die sich nur so weit anpassen, wie sie es f\u00fcr annehmbar halten.<\/p>\n<p>Eine Organisation ist dann revolution\u00e4r, wenn sie ohne Hierarchie auskommt und durch neue zwischenmenschliche Beziehungen ein Netzwerk von freiwilligen Zusammenschl\u00fcssen geschaffen wird, das so lange Druck aus\u00fcbt, bis das politische Leben die fortschreitende Entwicklung dieser &#8222;organischen Zellen&#8220; nicht mehr behindert, sondern beg\u00fcnstigt. Durch lokale Entwicklungsarbeit wird ein Netz gekn\u00fcpft, das sich von verschiedenen Punkten aus immer weiter verzweigt. Professionelles Politikmachen mu\u00df \u00fcberwunden und die Trennwand zwischen B\u00fcrokratie und Bev\u00f6lkerung eingerissen werden.<\/p>\n<p>Die Technologie ist revolution\u00e4r, wenn es ihr gelingt, den Menschen st\u00e4rker zu machen und die wesentliche Entwicklung zu beg\u00fcnstigen, anstatt sie zu verst\u00fcmmeln oder zu zerst\u00f6ren; und wenn es ihr gelingt, eine Beziehung herzustellen, die die Natur nicht ausraubt, sondern achtet und vern\u00fcnftig verwertet.<\/p>\n<p>Die Zerst\u00f6rung der parasit\u00e4ren Beziehungen des Klientelsystems, wird nicht ohne dauernden harten Kampf zu erreichen sein. Dieser Kampf ist aber nur revolution\u00e4r, wenn er gef\u00fchrt wird, ohne da\u00df get\u00f6tet wird. Wird das Wort &#8222;Revolution&#8220; im Sinne radikaler, umfassender Ver\u00e4nderungen verwandt, kann der Krieg &#8211; auch wenn man den relativen Beitrag anerkennt, den Gewaltaktionen leisten k\u00f6nnen &#8211; nicht als etwas wirklich Neues, Revolution\u00e4res anerkannt werden. ((8))<\/p>\n<p>Und zusammenfassend schreibt Dolci: &#8222;Die Selbstverwaltung der Bev\u00f6lkerung ist etwas anderes, als das Volk zu regieren und ihm vielleicht Wahlen zu erlauben, um jedes Risiko auszuschalten. Der Wunsch, lediglich den Platz der alten Macht einnehmen zu wollen,ist etwas anderes, als in jedem Einzelnen Macht zu schaffen. Bewu\u00dftseinsbildung gen\u00fcgt nicht. Die Massen, die an einer Ver\u00e4nderung interessiert sind, m\u00fcssen driingend sich selbst erkennen und sich zusammenschlie\u00dfen. (&#8230;) umfassende, tiefgreifende Selbstanalysen in die Wege leiten, um die genaue Kenntnis der Situationen, der Ursachen und der besonderen strukturellen Hindernisse f\u00fcr den Fortschritt zu erwerben; Dokumentationen ver\u00f6ffentlichen und die Anklage in der Weise f\u00fchren, da\u00df alle die Lage genau begreifen k\u00f6nnen; durch experimentelle Initiativ-Zentren die L\u00f6sung der Probleme in die Wege leiten und zusammen mit den schon bestehenden Kr\u00e4ften in Angriff nehmen; bei den Einzelanalysen minuti\u00f6s verfahren, ohne das Gesamte aus den Augen zu verlieren; diejenigen herausfinden, die an Ver\u00e4nderungen interessiert sind, und sich mit ihnen verb\u00fcnden, aber nicht durch b\u00fcrokratische Schliche, sondern indem man eine neue, notwendige Organisationsform sucht; Vorstellungen, Gruppen, Techniken der Gruppenarbeit und die fehlenden Instrumente in ein System bringen (anstatt jene weiter zu st\u00e4rken, die die gegenw\u00e4rtigen Strukturen aufrecht erhalten; speziellen Druck aus\u00fcben, um das zu erreichen, was nicht unmittelbar von uns abh\u00e4ngt: von einem Punkt ausgehend andere miteinbeziehen und so allm\u00e4hlich eine Verbreiterung erreichen, &#8211; das ist die Methode, an die ich glaube.&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Viele Aspekte dieses Konzeptes sind denen der Idee der Graswurzelrevolution sicher \u00e4hnlich: die Gewaltlosigkeit und die Notwendigkeit eines radikalen Bruchs mit den \u00fcberkommenen, im Kern autorit\u00e4ren, Herrschaftsstrukturen z.B. Etwas fraglich ist allerdings, ob die Bedeutung, die den p\u00e4dagogischen Ma\u00dfnahmen zur Selbstanalyse und Selbstbef\u00e4higung, sowie die angenommene sich selbst verst\u00e4rkende Kraft eines Netzwerkes von lokalen Initiativen verallgemeinerbar sind. Ohne Zweifel waren die Projekte und Initiativen, die von Danilo Dolci und seinen MitarbeiterInnen in Westsizilien verwirklicht wurden, Kristallisationspunkte f\u00fcr Auseinandersetzungen, die die Lebensbedingungen verbessert haben. Aber viele Ma\u00dfnahmen sind wohl doch sehr stark von den spezifischen lokalen und regionalen Bedingungen bestimmt worden. Die Unterschiede zwischen den eher \u00fcberschaubaren Strukturen einer Dorfgemeinschaft und den anonymeren und un\u00fcbersichtlicheren einer Gro\u00dfstadt sind doch erheblich und beeinflussen die M\u00f6glichkeiten zur organisierten Selbstanalyse und zur Ausbildung eines Selbstbewu\u00dftseins durch selbstorganisiertes Handeln. Vor allem um die ungemein best\u00e4ndigen und stabilisierenden b\u00fcrokratischen Strukturen zu durchbrechen, ist ein langer Atem notwendig. Niederlagen sind unvermeidbar; viele Erfolge des Anfangs werden von den Klientel-Strukturen zu einer Teil- Modernisierung der alten Machtverh\u00e4ltnisse benutzt und in ihrer radikalen Perspektive einged\u00e4mmt Der Erfolg von lokal und regional begrenzten Initiativen ist m\u00f6glich, aber vermutlich von spezifischen, nicht \u00fcbertragbaren Bedingungen abh\u00e4ngig. Ganz abgesehen vom globalen Ma\u00dfstab, in dem sich gegenw\u00e4rtig viele Ver\u00e4nderungsprozesse abspielen. Die Probleme, mit denen Dolci und etwa auch die in vieler Hinsicht mit ihm sehr vergleichbaren Aktivisten Cesar Chavez (vgl. GWR 180) und Paolo Freire (vgl. GWR 220) konfrontiert waren, sind geblieben und versch\u00e4rfen sich in den Modernisierungsprozessen z.T.: Analphabetismus, Angst der Unterdr\u00fcckten vor Terror, sozialer Ausschlu\u00df und geringe F\u00e4higkeit zur Selbstorganisation. Deshalb m\u00fcssen die Erfahrungen mit Versuchen des sozialen Widerstands und kreativer Ver\u00e4nderung, die sie gemacht haben, aufgenommen, \u00fcberdacht und kritisiert werden. Die neue Mafia erzeugt ihre &#8222;Kultur des Schweigens&#8220; nicht mehr durch &#8222;Familien&#8220;-Loyalit\u00e4ten, sondern durch Massenmedien und die Aufl\u00f6sung traditioneller Weltbilder und Einstellungen. Die desorientierten und atomisierten Individuen sind die leichte Beute von &#8222;F\u00fchrern&#8220;, &#8222;Managern&#8220; und \u00e4hnlichen &#8222;Interessenvertretern&#8220;. Die alten Mafia-Regeln und zu Lebensweisheiten gewordenen Erfahrungen der Ent-Solidarisierung gelten st\u00e4rker als je: &#8222;Wer allein spielt, verliert nie&#8220;. Aber es bleibt auch dabei: &#8222;Wenn die Herrschenden gesprochen haben, werden die Beherrschten sprechen. Wer wagt zu sagen: niemals?&#8220;<\/p>\n<p>Die Erfolge und die vielleicht unterschwellig oder an anderer Stelle &#8222;auftauchenden&#8220; Wirkungen der Bildungszentren und anderen Projekte sollen nicht geschm\u00e4lert werden, vielleicht werden sie auch erst vor Ort verst\u00e4ndlich. Eine Besucherin schreibt 1983 \u00fcber die sichtbaren und sichtbaren Wirkungen der Arbeit: &#8222;Sichtbar, weil sich tats\u00e4chlich vieles in der Region ge\u00e4ndert hat, und zwar auch im Zusammenhang mit der Selbstanalyse und Selbst-Bewu\u00dftwerdung der Bev\u00f6lkerung; verborgen, weil die Arbeitszentren so unsicher wie eh und je (\u2026) Es gibt seit Jahren Cooperativen f\u00fcr Weinbauern, Handwerker und K\u00fcnstler, die in direktem oder indirektem Zusammenhang mit dem Centro stehen. Die Menschen sind nicht zu z\u00e4hlen, die aus dem Wissen um und der Mitarbeit am Staudamm Mut gesch\u00f6pft haben (&#8230;) Da aber das Prinzip der \u2018organischen Planung\u2019 darin besteht, Geburtshilfe f\u00fcr die jeweils eigenst\u00e4ndige Arbeit zu leisten, dauert es lange, bis einem Besucher von drau\u00dfen deutlich wird, welche Kraftquellen in den paar bescheidenen Geb\u00e4uden und einfachen Organisationsformen gesprudelt sind und jederzeit wieder in neue Richtungen flie\u00dfen k\u00f6nnen.&#8220; ((10))<\/p>\n<p>In den siebziger Jahren, als die nationale und internationale Aufmerksamkeit nachgelassen hatte, konzentrierte sich Danilo Dolci auf die p\u00e4dagogische Arbeit. Er gr\u00fcndete 1972 ein Erziehungszentrum. Ein Schulbetrieb wurde aufgenommen, der mangels finanzieller Unterst\u00fctzung vor\u00fcbergehend eingestellt werden mu\u00dfte, bis 1983 die staatliche Genehmigung der Scuola Materna erreicht wurde.<\/p>\n<p>In den achtziger Jahren war Danilo Dolci selbst in Italien vielen, die sich in der Friedensbewegung engagierten, unbekannt. Ob er sich bewu\u00dft von dieser Bewegung zur\u00fcckhielt, sich andere Schwerpunkte gesetzt hatte oder von seiten der Friedensbewegung keine Interesse an seinen Erfahrungen, Ideen und Methoden bestand, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden.<\/p>\n<p>Dolci hat in dieser Zeit offenbar weiterhin an Analysen von Macht- und Gewaltverh\u00e4ltnissen und Alternativen zur gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft gearbeitet. 1987 ver\u00f6ffentlichte er &#8222;Die Massenkommunikation gibt es nicht&#8220;, ein Jahr sp\u00e4ter &#8222;Vom \u00dcbertragen des Herrschaftsvirus zum Kommunizieren in einer kreativen Struktur&#8220; und 1989 den Entwurf eines Manifestes. ((11)) Alle diese Titel sind bislang nicht auf deutsch erschienen und somit in unserem Sprachraum kaum wahrgenommen worden. Vielleicht ist der Tod Danilo Dolcis ein Anla\u00df, sich erneut mit seinen \u00e4lteren sowie j\u00fcngeren Arbeiten zu besch\u00e4ftigen und sich von seinen Analysen und Ideen f\u00fcr eine gewaltlose Revolution inspirieren zu lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Dolci 1952 in das sizilianische Dorf Trappeto kam, war er 28 Jahre alt und von dem Willen bestimmt, aus seinen Erkenntnissen und \u00dcberzeugungen heraus zu leben. 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