{"id":1710,"date":"1998-02-01T00:00:45","date_gmt":"1998-01-31T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1710"},"modified":"2011-11-05T22:47:09","modified_gmt":"2011-11-05T20:47:09","slug":"mein-brecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/02\/mein-brecht\/","title":{"rendered":"Mein Brecht"},"content":{"rendered":"<p>Vor 20 Jahren, im Februar 1978, erschien im <em>Spiegel <\/em>ein Essay mit dem Titel &#8222;Brecht ist tot&#8220;. Im obligatorischen Jubil\u00e4umsartikel zum 100. Geburtstag des St\u00fcckemachers mu\u00df das Wochenmagazin Ende des Jahre 1997 z\u00e4hneknirschend zugeben, da\u00df der zwei Jahrzehnte zuvor f\u00fcr tot erkl\u00e4rte Brecht &#8222;rund um die Welt als erfolgreichster Dramatiker dieses Jahrhunderts&#8220; gilt. Ein Autor vom Range Brechts kann nicht einfach durch einen <em>Spiegel<\/em>-Artikel f\u00fcr immer ins Jenseits bef\u00f6rdert werden. Doch gibt es auch andere M\u00f6glichkeiten, einen unbequemen Autor politisch zu neutralisieren, beispielsweise, indem er als &#8222;geniales Scheusal&#8220; hingestellt wird.<\/p>\n<p>Zu dieser Einsch\u00e4tzung gelangte der <em>Spiegel<\/em> vor allem durch die Studien des Brecht-Forschers John Fuegi, der behauptet, ein bedeutender Teil der Werke, durch die Brecht weltber\u00fchmt wurde, sei in Wirklichkeit von seinen Mitarbeiterinnen und Geliebten, vor allem aber von Elisabeth Hauptmann, geschrieben worden. Brecht habe es geschickt verstanden, die Arbeit der Frauen um ihn herum als sein eigenes Werk auszugeben.<\/p>\n<p>Es ist hier nicht meine Absicht, die Zuverl\u00e4ssigkeit von Fuegis Studie im Detail zu untersuchen. Unbestreitbar scheint mir zu sein, da\u00df Brecht andere Menschen &#8211; vor allem Frauen &#8211; benutzt, h\u00e4ufig auch ausgenutzt, ja ausgebeutet hat. Hinsichtlich seines oft sch\u00e4bigen Verhaltens anderen Menschen gegen\u00fcber m\u00f6chte ich nichts verteidigen, nichts zurechtbiegen, nichts relativieren. Und wenn nun durch John Fuegi, Sabine Kebir und andere der Blick auf die hochbegabten Mitarbeiterinnen Brechts f\u00e4llt, kann ich das nur begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Trotz seines oft h\u00f6chst problematischen Umgangs mit anderen Menschen hat Brecht mit seinen Dramen, Erz\u00e4hlungen und Gedichten ein Werk hinterlassen, das hinsichtlich seiner politischen Brisanz und Aktualit\u00e4t seinesgleichen sucht. Dies m\u00f6chte ich im folgenden anhand einiger Beispielen &#8211; vor allem einiger Gedichte &#8211; deutlich machen.<\/p>\n<h3>Der antimilitaristische Brecht<\/h3>\n<p>Von gro\u00dfer Aktualit\u00e4t erscheint mir etwa sein radikaler Antimilitarismus. Brecht war, sp\u00e4testens seit seinem 18. Lebensjahr, ein konsequenter und kompromi\u00dfloser Gegner des deutschen Militarismus. Schon im Jahre 1915, also mitten in der Kriegsbegeisterung des Ersten Weltkriegs, nannte er in einem Schulaufsatz den Ausspruch <em>S\u00fc\u00df und ehrenvoll ist es, f\u00fcr das Vaterland zu sterben<\/em> eine &#8222;Zweckpropaganda&#8220;, auf die nur &#8222;Hohlk\u00f6pfe&#8220; reinfallen w\u00fcrden. Dies f\u00fchrte zu einem kleinen Schulskandal. Zwei Jahre sp\u00e4ter schrieb Brecht die <em>Legende vom toten Soldaten<\/em>, meiner Ansicht nach eins der kraftvollsten und gelungensten Anti-Kriegs-Gedichte, das je geschrieben wurde. Es war vor allem dieses Gedicht, das die Nazis veranla\u00dfte, in Brecht einen ihrer wichtigsten Feinde zu sehen.<\/p>\n<p>Brecht seinerseits geh\u00f6rte zu denen, die sehr klar sahen, da\u00df die Nazis einen neuen Krieg ansteuerten. In den Svendburger Gedichten, die er &#8211; zusammen mit seinen Mitarbeiterinnen &#8211; im d\u00e4nischen Exil (1933-1938) verfa\u00dfte, geh\u00f6rt die Warnung vor einem zweiten Weltkrieg zu den wichtigsten Themen. In Anspielung auf Hitlers beschwichtigende Reden aus dieser Zeit hei\u00dft es etwa:<\/p>\n<p>Wenn die Oberen vom Frieden reden<br \/>\nWei\u00df das gemeine Volk<br \/>\nDa\u00df es Krieg gibt.<\/p>\n<p>Wenn die Oberen den Krieg verfluchen<br \/>\nSind die Gestellungsbefehle schon ausgeschrieben.<\/p>\n<p>(Bertolt Brecht: Die Gedichte [BBG], S. 636)<\/p>\n<p>Die Oberen<br \/>\nHaben sich in einem Zimmer versammelt.<br \/>\nMann auf der Stra\u00dfe<br \/>\nLa\u00df alle Hoffnung fahren.<\/p>\n<p>Die Regierungen<br \/>\nSchreiben Nichtangriffspakte.<br \/>\nKleiner Mann<br \/>\nSchreibe dein Testament.<\/p>\n<p>(BBG, S. 636)<\/p>\n<p>Die Oberen sagen:<br \/>\nEs geht in den Ruhm.<br \/>\nDie Unteren sagen:<br \/>\nEs geht ins Grab.<\/p>\n<p>(BBG, S. 637)<\/p>\n<p>Und in einem der eindrucksvollsten Gedichte aus dieser Zeit k\u00f6nnen wir lesen:<\/p>\n<p>Deutsches Lied<\/p>\n<p>Sie sprechen wieder von gro\u00dfen Zeiten<br \/>\n(Anna, weine nicht)<br \/>\nDer Kr\u00e4mer wird uns ankreiden.<\/p>\n<p>Sie sprechen wieder von Ehre<br \/>\n(Anna, weine nicht)<br \/>\nDa ist nichts im Schrank, was zu holen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Sie sprechen wieder vom Siegen<br \/>\n(Anna, weine nicht)<br \/>\nSie werden mich schon nicht kriegen.<\/p>\n<p>Es ziehen die Heere<br \/>\n(Anna, weine nicht)<br \/>\nWenn ich wiederkehre<br \/>\nKehr ich unter andern Fahnen wieder.<\/p>\n<p>(BBG, S. 641)<\/p>\n<p>Sind diese Verse nicht \u00e4hnlich aktuell und brisant wie das Tucholsky-Zitat &#8222;Soldaten sind M\u00f6rder&#8220;? Die Zahl der Arbeitslosen und Sozialhilfeempf\u00e4ngerInnen steigt, gleichzeitig beschlie\u00dft der Bundestag das teuerste R\u00fcstungsprogramm in der Geschichte der BRD, den Eurofighter. Einer der bekanntesten Neonazis h\u00e4lt einen Vortrag an einer F\u00fchrungsakademie der Bundeswehr, deutsche Soldaten d\u00fcrfen wieder \u00fcberall in der Welt eingesetzt, aber nicht als M\u00f6rder bezeichnet werden, denn diesmal geht alles freiheitlich-demokratisch zu, egal, ob &#8222;unsre Jungs&#8220; vor laufender Videokamera Folterungen \u00fcben, &#8222;aus Versehen&#8220; einen Somali t\u00f6ten oder &#8211; wie lange wird es noch dauern? &#8211; der &#8222;Raum K\u00f6nigsberg&#8220; (M. Roeder) als &#8222;neuestes Bundesland&#8220; der BRD &#8222;angegliedert&#8220; wird.<\/p>\n<h3>Der nationalismuskritische Brecht<\/h3>\n<p>Brecht war nat\u00fcrlich nicht der einzige bedeutende deutsche politische Dichter in diesem Jahrhundert. Neben dem schon genannten Kurt Tucholsky schrieben auch Erich M\u00fchsam, Ingeborg Bachmann, Erich Fried und andere eindrucksvolle politische Gedichte.<\/p>\n<p>Und doch ist Brechts Lyrik in mancherlei Hinsicht einzigartig. Nehmen wir etwa folgendes 1933 geschriebenes Gedicht:<\/p>\n<p>Deutschland<\/p>\n<p>M\u00f6gen andere von ihrer Schande sprechen<br \/>\nich spreche von der meinen.<\/p>\n<p>O Deutschland, bleiche Mutter!<br \/>\nWie sitzest du besudelt<br \/>\nUnter den V\u00f6lkern.<br \/>\nUnter den Befleckten<br \/>\nF\u00e4llst du auf. [&#8230;]<\/p>\n<p>In deinem Hause<br \/>\nWird laut gebr\u00fcllt, was L\u00fcge ist<br \/>\nAber die Wahrheit<br \/>\nMu\u00df schweigen.<br \/>\nIst es so?<\/p>\n<p>Warum preisen dich ringsum die Unterdr\u00fccker, aber<br \/>\nDie Unterdr\u00fcckten beschuldigen dich?<br \/>\nDie Ausgebeuteten<br \/>\nZeigen mit Fingern auf dich, aber<br \/>\nDie Ausbeuter loben das System<br \/>\nDas in deinem Hause ersonnen wurde! [&#8230;]<\/p>\n<p>H\u00f6rend die Reden, die aus deinem Hause dringen, lacht man.<br \/>\nAber wer dich sieht, der greift nach dem Messer<br \/>\nWie beim Anblick einer R\u00e4uberin.<\/p>\n<p>O Deutschland, bleiche Mutter!<br \/>\nWie haben deine S\u00f6hne dich zugerichtet<br \/>\nDa\u00df du unter den V\u00f6lkern sitzest<br \/>\nEin Gesp\u00f6tt oder eine Furcht!<\/p>\n<p>(BBG, S. 487)<\/p>\n<p>In der deutschsprachigen politischen Lyrik des 20. Jahrhunderts kenne ich eigentlich nur ein Gedicht, das eine \u00e4hnliche Intensit\u00e4t erreicht wie die besten Brecht-Gedichte aus den 30er Jahren, und das ist die <em>Todesfuge <\/em>von Paul Celan. In Brechts Lyrik ist es eine eigent\u00fcmliche Verbindung der politischen Lage mit dem subjektiven Befinden des lyrischen Ichs, die seine Gedichte aus dieser Zeit auszeichnen. Dabei denke ich vor allem an das Gedicht <em>An die Nachgeborenen<\/em>, das zu recht zu den bekanntesten Brecht-Gedichten z\u00e4hlt (BBG, S. 722-725).<\/p>\n<p>Zitiert werden m\u00fc\u00dften hier auch das autobiographische Gedicht <em>Verjagt mit gutem Grund<\/em> (BBG, S. 721f), die drei Stophen von <em>Die Hoffnung der Welt <\/em>(BBG, S. 738f) oder auch <em>Fr\u00fchling 1938 <\/em>aus der <em>Steffinischen Sammlung <\/em>(BBG, S. 815f). Da\u00df ein gutbezahlter <em>Spiegel<\/em>-Schreiberling mit diesen Werken nicht viel anfangen kann, sollte uns nicht weiter verwundern. Doch wer wie Brecht die Hoffnung auf eine gerechtere Welt noch nicht aufgegeben hat, wird diese Gedichte zu den unverg\u00e4nglichen Kostbarkeiten der deutschen Literatur z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>\u00dcber Brechts <em>Theaterst\u00fccke<\/em> &#8211; oder genauer: \u00fcber die Theaterst\u00fccke, die Brecht mit Hilfe seiner Mitarbeiterinnen schrieb &#8211; ist oft gesagt worden, sie seien belehrend, didaktisch, nicht l\u00e4nger aktuell. Einige St\u00fccke, etwa <em>Die Mutter<\/em>, wirken heute tats\u00e4chlich etwas anachronistisch, andere dagegen erscheinen mir brennend aktuell. An erster Stelle m\u00f6chte ich hier <em>Mutter Courage<\/em> nennen, das meiner Ansicht nach zu den ganz gro\u00dfen Theaterst\u00fccken des 20. Jahrhunderts geh\u00f6rt. Es lohnt sich, denke ich, einmal ein literaturwissenschaftliches Werk (etwa das <em>Brecht-Handbuch <\/em>von Jan Knopf) zur Hand zu nehmen, um zu sehen, wie kunstvoll <em>Mutter Courage <\/em>komponiert ist. Solange es Kriege gibt und Menschen, die davon profitieren, solange wird dieses Drama aktuell sein.<\/p>\n<p>Ein anderes Meisterwerk von bleibender Bedeutung ist die Szenenfolge <em>Furcht und Elend des Dritten Reiches<\/em>. In einer Zeit, in der sich viele Jugendliche neo-nazistischen Gruppen zuwenden, ist ein Theaterst\u00fcck, das mit gro\u00dfer Eindringlichkeit die Grausamkeit des allt\u00e4glichen Faschismus zeigt, von herausragender Wichtigkeit. Und da\u00df sich dieses Drama gut weiterschreiben l\u00e4\u00dft, hat meiner Ansicht nach Franz Xaver Kroetz im Jahre 1993 mit seinem St\u00fcck <em>Ich bin das Volk. Volkst\u00fcmliche Szenen aus dem neuen Deutschland <\/em>auf \u00fcberzeugende Weise demonstriert. Beide St\u00fccke erscheinen nur selten auf den Spielpl\u00e4nen der gro\u00dfen Theaterh\u00e4user. Aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden, wie mir scheint.<\/p>\n<h3>Der aktuelle Brecht<\/h3>\n<p>Vielleicht ist es an dieser Stelle sinnvoll, sich einmal zu fragen, warum die von Brecht und seinem Team geschriebenen Werke rund um den Globus in den letzten Jahrzehnten so \u00fcberaus erfolgreich waren. Beruht das alles nur auf einem Mi\u00dfverst\u00e4ndnis? Wohl kaum. Im Gegenteil: In Sao Paolo, Nairobi oder Kalkutta werden diese St\u00fccke heute sicherlich besser verstanden als in Frankfurt oder D\u00fcsseldorf. Ein Theaterst\u00fcck wie <em>Der gute Mensch von Sezuan <\/em>hat hier ungleich mehr mit der Lebenswirklichkeit der Bev\u00f6lkerungsmehrheit zu tun als die Dramen von Thomas Bernhard oder Botho Strauss.<\/p>\n<p>Doch auch in Europa ist die Auseinandersetzung mit den Werken von &#8222;Brecht &amp; Co.&#8220; (J. Fuegi) nach wie vor eine \u00e4u\u00dferst lohnenswerte Sache. Vieles k\u00f6nnte heute geschrieben sein. Etwa folgendes Gedicht:<\/p>\n<p>An den Schwankenden<\/p>\n<p>Du sagst:<br \/>\nEs steht schlecht um unsere Sache.<br \/>\nDie Finsternis nimmt zu. Die Kr\u00e4fte nehmen ab.<br \/>\nJetzt, nachdem wir so viele Jahre gearbeitet haben<br \/>\nSind wir in schwierigerer Lage als am Anfang.<\/p>\n<p>Der Feind aber steht st\u00e4rker da denn jemals.<br \/>\nSeine Kr\u00e4fte scheinen gewachsen. Er hat ein unbesiegliches Aussehen angenommen.<br \/>\nWir aber haben Fehler gemacht, es ist nicht zu leugnen.<br \/>\nUnsere Zahl schwindet hin.<br \/>\nUnsere Parolen sind in Unordnung. Einen Teil unserer W\u00f6rter<br \/>\nHat der Feind verdreht bis zur Unkenntlichkeit.<\/p>\n<p>Was ist jetzt falsch von dem, was wir gesagt haben<br \/>\nEiniges oder alles?<br \/>\nAuf wen rechnen wir noch? Sind wir \u00dcbriggebliebene, herausgeschleudert<br \/>\nAus dem lebendigen Flu\u00df? Werden wir zur\u00fcckbleiben<br \/>\nKeinen mehr verstehend und von keinem verstanden?<\/p>\n<p>M\u00fcssen wir Gl\u00fcck haben?<\/p>\n<p>So fragst du. Erwarte<br \/>\nKeine andere Antwort als die deine!<\/p>\n<p>(BBG, S. 678)<\/p>\n<p>Oder folgende Strophen aus der Resolution der Kommunarden:<\/p>\n<p>In Erw\u00e4gung unsrer Schw\u00e4che machtet<br \/>\nIhr Gesetze, die uns knechten solln.<br \/>\nDie Gesetze seien k\u00fcnftig nicht beachtet<br \/>\nIn Erw\u00e4gung, da\u00df wir nicht mehr Knecht sein wolln. [&#8230;]<\/p>\n<p>In Erw\u00e4gung, da\u00df da H\u00e4user stehen<br \/>\nW\u00e4hrend ihr uns ohne Bleibe la\u00dft<br \/>\nHaben wir beschlossen, jetzt dort einzuziehen<br \/>\nWeil es uns in unsern L\u00f6chern nicht mehr pa\u00dft. [&#8230;]<\/p>\n<p>In Erw\u00e4gung, da\u00df wir der Regierung<br \/>\nWas sie immer auch verspricht, nicht traun<br \/>\nHaben wir beschlossen, unter eigner F\u00fchrung<br \/>\nUns nunmehr ein gutes Leben aufzubaun.<\/p>\n<p>(BBG, S. 653-655)<\/p>\n<h3>Der anarchistische Brecht<\/h3>\n<p>Damit sind wir bei einem Thema, das in Feierreden und Jubil\u00e4umsartikeln nicht allzuviel Erw\u00e4hnung findet: beim <em>anarchistischen <\/em>Brecht. Damit meine ich nicht den Autor des Dramas <em>Baal<\/em>. Dieses St\u00fcck \u00fcber den egozentrischen Genu\u00dfmenschen Baal, das Brecht als 20j\u00e4hriger schrieb, fand ich schon immer recht problematisch. Anarchistisch (im Sinne von: Ablehnung jeglicher Herrschaft) finde ich demgegen\u00fcber etwa folgende Strophe aus der Ballade vom Wasserrad:<\/p>\n<p>Ach, wir hatten viele Herren<br \/>\nHatten Tiger und Hy\u00e4nen<br \/>\nHatten Adler, hatten Schweine<br \/>\nDoch wir n\u00e4hrten den und jenen.<br \/>\nOb sie besser waren oder schlimmer:<br \/>\nAch, der Stiefel glich dem Stiefel immer<br \/>\nUnd uns trat er. Ihr versteht: ich meine<br \/>\nDa\u00df wir keine andern Herren brauchen, sondern keine!<\/p>\n<p>(BBG, S. 1176)<\/p>\n<p>War der Autor dieser Verse ein &#8222;Scheusal&#8220;? In gewisser Hinsicht war er es, wie wir gesehen haben, tats\u00e4chlich. Aber im Unterschied zu anderen ber\u00fchmten &#8222;Scheusalen&#8220; &#8211; etwa Goethe oder Richard Wagner &#8211; war er auch ein Mensch, der sich bewu\u00dft auf die Seite der Unterdr\u00fcckten gestellt hatte und seine gro\u00dfen k\u00fcnstlerischen F\u00e4higkeiten dazu einsetzte, Unterdr\u00fcckung und Ungerechtigkeit zu bek\u00e4mpfen. Und ich denke, da\u00df es keine Koketterie war, als er folgende Bitte <em>An die Nachgeborenen <\/em>richtete:<\/p>\n<p>Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut<br \/>\nIn der wir untergegangen sind<br \/>\nGedenkt<br \/>\nWenn ihr von unseren Schw\u00e4chen sprecht<br \/>\nAuch der finsteren Zeit<br \/>\nDer ihr entronnen seid.<br \/>\nGingen wir doch, \u00f6fter als die Schuhe die L\u00e4nder wechselnd<br \/>\nDurch die Kriege der Klassen, verzweifelt<br \/>\nWenn da nur Unrecht war und keine Emp\u00f6rung.<\/p>\n<p>Dabei wissen wir doch:<br \/>\nAuch der Ha\u00df gegen die Niedrigkeit<br \/>\nVerzerrt die Z\u00fcge.<br \/>\nAuch der Zorn \u00fcber das Unrecht<br \/>\nMacht die Stimme heiser. Ach, wir<br \/>\nDie wir den Boden bereiten wollten f\u00fcr Freundlichkeit<br \/>\nKonnten selber nicht freundlich sein.<\/p>\n<p>Ihr aber, wenn es so weit sein wird<br \/>\nDa\u00df der Mensch dem Menschen ein Helfer ist<br \/>\nGedenkt unsrer<br \/>\nMit Nachsicht.<\/p>\n<p>(BBG, S. 724f)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 20 Jahren, im Februar 1978, erschien im Spiegel ein Essay mit dem Titel &#8222;Brecht ist tot&#8220;. Im obligatorischen Jubil\u00e4umsartikel zum 100. Geburtstag des St\u00fcckemachers mu\u00df das Wochenmagazin Ende des Jahre 1997 z\u00e4hneknirschend zugeben, da\u00df der zwei Jahrzehnte zuvor f\u00fcr tot erkl\u00e4rte Brecht &#8222;rund um die Welt als erfolgreichster Dramatiker dieses Jahrhunderts&#8220; gilt. 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