{"id":1712,"date":"1998-02-01T00:00:33","date_gmt":"1998-01-31T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1712"},"modified":"2011-11-05T22:49:35","modified_gmt":"2011-11-05T20:49:35","slug":"der-autoritare-brecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/02\/der-autoritare-brecht\/","title":{"rendered":"Der autorit\u00e4re Brecht"},"content":{"rendered":"<p>Einige der Dramen, die heute unter dem Namen Brecht firmieren, geh\u00f6ren sicherlich zum beeindruckendsten, was an den Theatern des 20. Jahrhunderts gespielt wurde. <em>Trommeln in der Nacht<\/em>, <em>Mutter Courage, Das Verh\u00f6r des Lukullus <\/em>oder <em>Pauken und Trompeten<\/em> sind zudem eindeutige Antikriegsst\u00fccke, die ehrliches Erschrecken \u00fcber das Hinschlachten im Ersten und Zweiten Weltkrieg beziehungsweise Brechts \u00f6ffentliche Kritik der Wiedereinf\u00fchrung der Wehrpflicht in den 50er Jahren dokumentieren, ob ihm das nun in der DDR den Vorwurf des Pazifismus einbrachte oder nicht. Es gibt in Brechts Dramenwelt so anr\u00fchrende Figuren wie die stumme Kattrin aus <em>Mutter Courage<\/em>, deren lautes Trommeln eine ganze Stadt vor den Soldaten rettet und die daf\u00fcr mit dem Leben bezahlt. Die Rolle des Azdak, der &#8222;Richter der Armen&#8220; aus <em>Der Kaukasische Kreidekreis<\/em> ist eine anarchistische Figur, durch Kriegswirren und Zuf\u00e4lle auf den Richterstuhl gehievt, die das Gesetzbuch nur als Sitzkissen benutzt, sich von den Reichen scheinbar bestechen l\u00e4\u00dft und dann doch den Armen das Recht unkomplizierter, humanistischer Gerechtigkeit zuspricht.<\/p>\n<p>Doch es gibt auch eine inzwischen nicht minder offensichtliche problematische Seite Brechts: den reaktion\u00e4ren, den autorit\u00e4ren Brecht. Und als Konsequenz daraus gibt es den politisch feigen, den verlogenen und den unterw\u00fcrfigen Brecht. Zwar wird in der <em>Dreigroschenoper <\/em>die ber\u00fchmte Moritat gesungen, &#8222;doch man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht&#8220; &#8211; da\u00df dies in gro\u00dfem Umfang gerade auf die Frauen im Umkreis von Brecht zutrifft, wird allerdings erst seit einigen Jahren thematisiert. Die Frauen an den Schreibmaschinen der &#8222;gro\u00dfen M\u00e4nner&#8220; waren aber nicht nur abschreibende Sekret\u00e4rinnen, sondern selbst Schreibende, kreative K\u00fcnstlerinnen, die oft gro\u00dfen Anteil am Werk &#8222;ihres&#8220; Mannes hatten. Da\u00df das besonders bei den Frauen um Brecht der Fall ist und da\u00df ihre Arbeit auf infame Weise von Brecht ausgebeutet wurde, ist schon von vielen, darunter auch von <em>Klaus Theweleit<\/em> im <em>Buch der K\u00f6nige<\/em> kritisiert worden.<\/p>\n<p>Welches Ausma\u00df die Ausbeutung von Frauen im Falle Brechts angenommen hat, wird gegenw\u00e4rtig an der umstrittenen neuen Biographie von <em>John Fuegi: Brecht &amp; Co. <\/em>diskutiert. Nach Fuegi, der in seiner profeministischen Forschung sehr viele Privatbriefe ausgewertet hat und dessen fehlerhaftes englisches Original durch einen riesigen Arbeitseinsatz des \u00dcbersetzers <em>Sebastian Wohlfeil <\/em>zu einem profunden Nachschlagewerk verbessert worden ist, anhand dessen nun wohl die Erben einige Rechtsstreits um Urheberrechte f\u00fchren werden, sind mehrere Dramen Brechts teilweise oder gar ganz von Frauen geschrieben, aber ausschlie\u00dflich unter Brechts Namen ver\u00f6ffentlicht und verkauft worden. So war nach Fuegi zum Beispiel die <em>Dreigroschenoper <\/em>durch die Arbeit von <em>Elisabeth Hauptmann <\/em>als Stoff entdeckt, von einer englischsprachigen Vorlage \u00fcbertragen und bearbeitet, so da\u00df sie bereits zu 80 Prozent fertig war, bevor Brecht \u00fcberhaupt einen Blick darauf warf. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die <em>Heilige Johanna der Schlachth\u00f6fe.<\/em> Fuegi spricht von Brecht mehr als Dichter: kurzfristig konnte er kreativ sein, die meisten Gedichte (auch hier gibt es Ausnahmen, unausgewiesene Plagiate oder gar von anderen Geklautes) stammen tats\u00e4chlich von ihm. \u00dcber l\u00e4ngere Zeit aber konnte Brecht nicht kreativ arbeiten; l\u00e4ngere Arbeiten, vor allem die Dramen und Romane, konnte er weder strukturieren noch abschlie\u00dfen. Daf\u00fcr brauchte er &#8222;seine&#8220; Frauen. Fuegi kann zeigen, da\u00df die groben, gewaltsamen M\u00e4nnerfiguren in Brechts St\u00fccken, wie etwa <em>Baal <\/em>oder auch <em>Mackie Messer <\/em>aus der <em>Dreigroschenoper<\/em> allesamt von Brecht stammen oder von ihm modelliert wurden, w\u00e4hrend viele starke Frauengestalten wie <em>Jenny, Polly <\/em>oder sp\u00e4ter <em>Kattrin <\/em>aus der <em>Mutter Courage<\/em> auf die Schriftstellerinnen in Brechts Umkreis und ihren feministischen oder mindestens frauenrechtlerischen Anspruch zur\u00fcckgehen, dem sie jedoch in ihrem eigenen Leben in Brechts N\u00e4he nie gerecht wurden.<\/p>\n<h3>Die sexuelle H\u00f6rigkeit<\/h3>\n<p>In seiner Augsburger Jugendzeit hat der damals regelm\u00e4\u00dfige Bordellg\u00e4nger Brecht im Freundeskreis als S\u00e4nger und Dichter mit oft sexuell expressiven, dabei Frauen objektivierenden, das hei\u00dft auf ihre Sexualit\u00e4t reduzierenden Texten begonnen:<\/p>\n<p>&#8222;Was brauchen den Dirnen die Stirnen breit sein<br \/>\nViel besser, die H\u00fcften sind breit.<br \/>\nEs kommt mehr heraus, und es geht mehr hinein<br \/>\nUnd das f\u00f6rdert die Seligkeit.&#8220;<\/p>\n<p>(Brecht: Gedichte \u00fcber die Liebe, zit. nach Fuegi, S.66)<\/p>\n<p>Gleichzeitig m\u00fcssen Erscheinung wie dichterische Ausdrucksweise Brechts auf bestimmte Frauen faszinierend gewirkt haben, denn bereits in dieser Zeit organisierte er sein System &#8222;sexueller H\u00f6rigkeit&#8220; &#8211; auch sie wird ja in der <em>Dreigroschenoper <\/em>besungen. Brecht hatte zeit seines Lebens meist drei bis f\u00fcnf sexuelle Beziehungen parallel laufen, darunter mit Frauen, die selbst Schriftstellerinnen waren oder es in diesen Beziehungen wurden, von denen die wichtigsten sind: <em>Elisabeth Hauptmann, Marieluise Flei\u00dfer, Margarete Steffin, Ruth Berlau<\/em>. Patriarchal und autorit\u00e4r ist an Brecht nun keineswegs das Erlebnis mehrerer gleichzeitiger sexueller Beziehungen, sondern die typisch m\u00e4nnliche und besitzergreifende Umgangsweise Brechts mit diesen Frauen. Brecht gestatte ihnen n\u00e4mlich keineswegs, was er f\u00fcr sich in Anspruch nahm: er war rasend eifers\u00fcchtig, wenn &#8222;seine&#8220; Frauen gleichzeitig Beziehungen zu anderen M\u00e4nnern aufnahmen, sofort stand er auf der Matte, setzte sie unter Druck und fuhr seine Zuwendung genau dann zur\u00fcck, wenn sie zu ihm zur\u00fcckgekehrt waren oder den Rivalen fallen lie\u00dfen. Brecht belog alle Frauen mit Versprechungen, sie seien die einzigen f\u00fcr ihn. Er verschwieg andere Beziehungen vor ihnen bis zur Groteske und auch dann noch, als sie l\u00e4ngst dar\u00fcber Bescheid wu\u00dften. Er versprach mehreren gleichzeitig, sie zu heiraten oder in der Zukunft allein mit ihnen zu leben. Ideal war also keineswegs etwa die freie Liebe, sondern heterosexuelle Ausschlu\u00dfbeziehungen unter Brechts Vorherrschaft. So entstand ein zerm\u00fcrbendes internes Psychosystem, ein sado-masochistisches Beziehungsgeflecht, in welchem die Frauen zwar immer die Opfer waren, aber keineswegs nur unschuldig. Schlie\u00dflich machten sie bis zur Selbstaufgabe mit, bek\u00e4mpften sich eifers\u00fcchtig untereinander oder kehrten nach Phasen der Unabh\u00e4ngigkeit immer wieder zu Brecht zur\u00fcck. Mehrere wie Hauptmann und Flei\u00dfer machten Selbstmordversuche; Steffin lie\u00df Brecht ihre Tuberkulose-Krankheit nie richtig auskurieren, Berlau hatte mehrere Nervenzusammenbr\u00fcche und wurde in der Psychiatrie mit Elektroschocks gefoltert. Gefangen im System von Brechts sexueller H\u00f6rigkeit machten sich die urspr\u00fcnglichen Feministinnen klein, Steffin sah sich als &#8222;Dreck&#8220;, Berlau als &#8222;Kreatur&#8220; Brechts. Ersch\u00fctternd etwa folgendes unterw\u00fcrfige Gedicht Berlaus aus den fr\u00fchen 50er Jahren, als sie zu alt f\u00fcr Brecht und daher sexuell uninteressant wurde:<\/p>\n<p>&#8222;Da steh und geh ich nun<br \/>\nmit brennende, klopfende<br \/>\nnasse Futse.<br \/>\nUnd wird sein sch\u00f6nen Schwantz gross<br \/>\ndann geht er woanders hinein.<br \/>\nWoanders hinein. (&#8230;)<br \/>\ngib mir etwas ab<br \/>\nselbst ein alte Hund gibt man ein Brocken<br \/>\nund jedenfalls am Schluss<br \/>\nein gnades Schuss.&#8220;<\/p>\n<p>(Berlau, Tippfehler im Original, zit. nach Fuegi, S.797)<\/p>\n<p>Das ist die Realit\u00e4t eines angeblichen Kollektivs unter dem Firmennamen Brecht! Dazu kam, da\u00df Brecht den kreativen Anteil seiner Mitautorinnen schamlos nach au\u00dfen hin verschwieg und ein Gesch\u00e4ftsgebaren an den Tag legte, als habe er alles selbst geschrieben. Er verkaufte seine B\u00fccher, Theaterauff\u00fchrungs- und Filmrechte ohne R\u00fccksicht auf bestehende Vertr\u00e4ge nicht nur gleichzeitig und mehrfach, sondern auch ohne Angabe des Anteils der Frauen an den Werken, den er genau kannte. Seine Geliebten wurden nicht einmal wie Sekret\u00e4rinnen bezahlt, sie waren von ihm finanziell abh\u00e4ngig und wurden am Existenzminimum gehalten, w\u00e4hrend die Gelder aus Tantiemen auf seine vor allen geheimgehaltenen Schweizer und sonstigen Konten flossen. Brecht war reich, gab sich aber vor allem den Frauen gegen\u00fcber st\u00e4ndig den Anschein des &#8222;armen Brecht&#8220;.<\/p>\n<h3>Die Ma\u00dfnahme: Zweck-Mittel-Extremismus<\/h3>\n<p>Es ist nahezu ausgeschlossen, da\u00df solch patriarchale und autorit\u00e4re Beziehungsmuster nicht auch auf Brechts Werk durchschlagen. Und so gibt es neben den eingangs genannten emanzipatorischen St\u00fccken und Figuren auch eine ganze Reihe inhaltlich geradezu reaktion\u00e4rer St\u00fccke, zu denen meines Erachtens besonders <em>Baal, Der Jasager <\/em>und <em>Die Ma\u00dfnahme<\/em> geh\u00f6ren. Am Beispiel des St\u00fcckes <em>Die Ma\u00dfnahme <\/em>kann aufgezeigt werden, wie sich dabei sadistische Anteile Brechts und masochistische Anteile einer &#8222;seiner&#8220; Frauen, der Mitautorin Elisabeth Hauptmann, aufs Schlimmste erg\u00e4nzten.<\/p>\n<p><em>Die Ma\u00dfnahme<\/em> wurde 1929-30 fertiggestellt. Hauptmann arbeitete bereits seit 1924 f\u00fcr Brecht, erste Risse ihrer Beziehung waren sp\u00fcrbar. Typisch f\u00fcr die Frauen um Brecht, sowohl f\u00fcr Hauptmann, Berlau, Steffin, aber auch Brechts Ehefrau <em>Helene Weigel<\/em> war, da\u00df sie zunehmende Unzufriedenheit in der Beziehung zwar mit einem Streben nach schriftstellerischer Eigenst\u00e4ndigkeit und mit politischem Engagement kompensierten, doch da\u00df das keineswegs antiautorit\u00e4re Befreiungsakte waren. W\u00e4hrend der Patriarch Brecht sich in seinem Beziehungsgeflecht spiegelte und darin selbst gen\u00fcgte, also glaubte, auf Parteieintritte verzichten zu k\u00f6nnen, traten alle genannten Frauen bei ihrer Suche nach unabh\u00e4ngiger Identit\u00e4t tats\u00e4chlich in die KPD ein. Hauptmann hatte sich Ende der 20er Jahre mit autorit\u00e4ren mittelalterlichen japanischen und chinesischen Theatertraditionen besch\u00e4ftigt, die nun als eigenst\u00e4ndige Arbeit in <em>Die Ma\u00dfnahme <\/em>einflossen.<\/p>\n<p>Das traf sich aber doch mit einer damaligen politischen Standortbestimmung Brechts, der gerade Marx studierte und dabei Karl Korsch als seinen &#8222;Lehrer&#8220; betrachtete, wie das insbesondere <em>Werner Mittenzwei <\/em>in seiner Biographie mitteilt (hier zeigt sich Fuegi sehr unwissend \u00fcber die damaligen Diskussionen zwischen Anarchismus und Marxismus). Korsch nahm das Marx&#8217;sche Ziel des &#8222;Absterben des Staates&#8220; ernst, war aus der KPD schon ausgetreten und propagierte die geistige Aktion, die aktive subjektive Haltung, die Integrit\u00e4t im Kampf um die &#8222;Sache der Freiheit&#8220;. Brecht sah darin eher eine Entfernung von Lenin und dessen objektivistischer Betrachtungsweise. Aus Brechts Position heraus kann <em>Die Ma\u00dfnahme <\/em>daher auch als Anti-Korsch-St\u00fcck gelesen werden. Brecht bef\u00fcrwortete die objektivistische Betrachtung unbewu\u00dft l\u00e4ngst gegen\u00fcber den Frauen und nun bewu\u00dft gegen die anarchistischen Tendenzen bei Korsch.<\/p>\n<p><em>Die Ma\u00dfnahme <\/em>zeichnet die politische Arbeit einer Gruppe internationalistischer KommunistInnen beim klandestinen Parteiaufbau in China nach. Die Gruppe kommt zur\u00fcck nach Moskau und mu\u00df sich vor der Komintern rechtfertigen, symbolisiert von einem riesigen Chor, einem &#8222;Kontrollchor&#8220;. Ein in Parteiarbeit unerfahrener junger Genosse hatte die Gruppe mehrfach durch subjektivistische Aktion bei ihrem objektiven Ziel des Parteiaufbaus gef\u00e4hrdet: er hat Mitleid mit dem Auspeitschen von Kulis, greift in einen Streik ein und f\u00e4llt einem Polizisten in den Arm, weigert sich einem zynischen reichen Waffenh\u00e4ndler Waffen abzukaufen, unterst\u00fctzt einen von den anderen f\u00fcr verfr\u00fcht gehaltenen Arbeiteraufstand. Die Gruppe verurteilt den jungen Genossen wegen dessen subjektivistischer Irrt\u00fcmer zum Tode; der junge Genosse sieht seine Fehler in den Debatten mit der Gruppe ein und bef\u00fcrwortet selbst seine Erschie\u00dfung (das ist &#8222;die Ma\u00dfnahme&#8220;); der Parteikontrollchor in Moskau legitimiert die &#8222;Ma\u00dfnahme&#8220; der Gruppe schlie\u00dflich als historisch und objektiv notwendig. Das St\u00fcck ist eine brutale, kalte Rechtfertigung daf\u00fcr, da\u00df f\u00fcr das Ziel des Sozialismus jedes Mittel recht ist, da\u00df der Zweck alle Mittel heiligt, insbesondere Gewalt und Todesstrafe, da\u00df ein menschliches Leben nichts z\u00e4hlt vor einer die Geschichte lenkenden Parteiraison. In ihrem Bem\u00fchen, Lenins Objektivismus gegen Korschs subjektivistisch-libert\u00e4re Tendenz zu verteidigen, nimmt die Brecht-Gruppe, KPD-Mitglied Hauptmann wie Nicht-KPD-Mitglied Brecht selber, zeitlich noch vor den Moskauer Schauprozessen genau deren Ablauf ideologisch vorweg: auch dort stimmen die Angeklagten nach angeblichen Irrt\u00fcmern ihrer Verurteilung zu und gehen mit gutem Beispiel voran in den Tod. Es ist ein Zweckrationalismus, der damals selbst der KPD peinlich war. In der Parteipresse erkl\u00e4rte Alfred Kurella zum St\u00fcck, Brecht m\u00fcsse noch einiges \u00fcber die Taktik des Kommunismus lernen. Politischer Mord war zwar eine zul\u00e4ssige Methode, sie aber ungeschminkt im Theater vor der b\u00fcrgerlichen \u00d6ffentlichkeit zu sanktionieren, taktisch ganz falsch (vgl. Fuegi, S.355).<\/p>\n<p>Die Ex-KPD-Vorsitzende Ruth Fischer alias Elisabeth Eisler &#8211; eine sehr problematische Figur, die stalinistische Inhalte erst kritisierte, nachdem sie sie selbst in der KPD vertreten hatte, und die sp\u00e4ter im US-Exil mit dem FBI zusammenarbeitete &#8211; brachte <em>Die Ma\u00dfnahme<\/em> \u00fcbrigens in den 40er Jahren in einem Artikel &#8222;Bert Brecht, Minnes\u00e4nger der russischen Geheimpolizei&#8220; und dann als Belastungszeugin vor McCarthys &#8222;Ausschu\u00df f\u00fcr unamerikanische Umtriebe&#8220; (HUAC) als ideologische Vorwegnahme der Schauprozesse wieder aufs Trapez. Brecht sagte vor dem Ausschu\u00df aus und bestritt diese Interpretation. Mit seiner Aussage hatte Brecht, einer der spektakul\u00e4ren &#8222;Hollywood 19&#8220; bei der McCarthy-Anh\u00f6rung 1947, gegen den Aufruf Albert Einsteins versto\u00dfen, zivilen Ungehorsam im Sinne Gandhis zu praktizieren und solche Anh\u00f6rungen durch Aussageverweigerung erst gar nicht zu legitimieren. Brecht verriet somit die anderen 18 Angeklagten, die alle verweigerten wollten. Er entschuldigte sich zwar bei ihnen nachtr\u00e4glich, zeigte also sein schlechtes Gewissen, bahnte aber der Legitimierung und Durchsetzung solcher Anh\u00f6rungen in den USA durch seine Aussage den Weg. Das konkrete Verhalten Brechts, das aus seinen autorit\u00e4ren Objektivierungen von Frauen wie auch aus der Objektivierung subjektivistisch-libert\u00e4rer Aktion resultierte, war also ganz sch\u00f6n feige: so feige, verlogen und unterw\u00fcrfig wie vor McCarthy war Brecht dann auch w\u00e4hrend und nach dem 17. Juni 1953 beim Ostberliner Aufstand, wieder mit schlechtem Gewissen. \u00dcberhaupt hat er den Stalinismus nie \u00f6ffentlich, nur privat kritisiert. Gegen Ruth Fischers Denunziationen erz\u00fcrnte sich Brecht noch:<\/p>\n<p>&#8222;Die Sau wird erschossen. Ideologische Streitigkeiten zwischen Genossen bringt man nicht vor die Polizei.&#8220; (zit. nach Fuegi, S.635) Mit dem zweiten Satz hatte Brecht zweifellos recht. Was er aber im ersten Satz als Sanktion vorschl\u00e4gt, hat Brecht zusammen mit Hauptmann &#8211; mitgehangen ist nun mal mitgefangen &#8211; in St\u00fccken wie <em>Die Ma\u00dfnahme <\/em>propagiert, auch wenn ein sp\u00e4teres St\u00fcck wie <em>Leben des Galilei <\/em>als Gegenentwurf zur <em>Ma\u00dfnahme <\/em>und als versteckte Kritik an den Schauprozessen interpretiert werden kann. Dabei sah Brecht im offiziellen Widerruf Galileis vor der Inquisition sicher auch eine Rechtfertigung f\u00fcr sein eigenes, feiges Verhalten vor McCarthy.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige der Dramen, die heute unter dem Namen Brecht firmieren, geh\u00f6ren sicherlich zum beeindruckendsten, was an den Theatern des 20. Jahrhunderts gespielt wurde. 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