{"id":17163,"date":"2017-04-01T00:00:00","date_gmt":"2017-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/erlebende-oder-opfer\/"},"modified":"2022-07-26T12:58:50","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:50","slug":"erlebende-oder-opfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/erlebende-oder-opfer\/","title":{"rendered":"&#8222;Erlebende&#8220; oder &#8222;Opfer&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p>Die Gruppe &#8222;St\u00f6renfriedas&#8220; ver\u00f6ffentlicht einen offenen Brief zu diesem Vorschlag und Sanyal erh\u00e4lt die M\u00f6glichkeit, diesen offenen Brief zu kommentieren ((1)). Es geht mir an dieser Stelle nicht darum, Partei zu beziehen oder den Leser_innen gar die &#8218;richtige&#8216; Seite in dieser Kontroverse aufzuzeigen. Vielmehr m\u00f6chte ich lediglich ausf\u00fchren, warum es \u00fcberhaupt wichtig ist, sich \u00fcber solche Wortverwendungen Gedanken zu machen. Es geht um die \u00e4u\u00dferst schwierige Suche nach einer Sprache mit und \u00fcber Menschen, die etwas Traumatisches erlebt haben: Wie k\u00f6nnen insbesondere diejenigen, die eine derartige Erfahrung zum Gl\u00fcck nicht machen mussten, respektvoll und solidarisch mit und \u00fcber durch sexualisierte Gewalt Traumatisierte sprechen?<\/p>\n<h3>Sprache und Macht<\/h3>\n<p>Sprache ist ein m\u00e4chtiges Instrument. Sprache legt fest, wie wir denken, wie wir unsere gemeinsame Wahrnehmung der Wirklichkeit aushandeln und was wir \u00fcberhaupt f\u00fchlen, wahrnehmen, erinnern, etc. k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Weil Sprache so machtvoll ist, steht sie auch stets zur Verhandlung: W\u00f6rter bekommen eine neue Bedeutung, werden in andere Sprachen \u00fcbernommen oder es werden neue Begriffe erfunden, wenn die alten Bezeichnungen nicht mehr tragf\u00e4hig sind. Dass wir z.B. von &#8222;Gefl\u00fcchteten&#8220; sprechen statt von &#8222;Fl\u00fcchtlingen&#8220;, von &#8222;Leser_innen&#8220; statt von Lesern usw. hat mit diesem Prozess zu tun und ist nicht trivial. Denn insbesondere die Art und Weise, wie wir \u00fcber andere Menschen sprechen, weist diesen Menschen ihren Ort in unserer Gesellschaft zu, verleiht ihnen Handlungsmacht und entscheidet dar\u00fcber, ob sie angeh\u00f6rt und ernstgenommen werden. Wenn ich z.B. nur von &#8222;Lesern&#8220; rede, dann bezeichne ich lediglich die m\u00e4nnlichen Teilnehmenden dieser Gruppe und klammere Frauen und andere Geschlechter vollst\u00e4ndig aus, so dass deren Teilhabe unsichtbar wird. Der Begriff &#8222;Fl\u00fcchtlinge&#8220; ist ein Beispiel f\u00fcr eine Ausgrenzung aus dem Kreis derer, die als Personen ernstgenommen werden, denn dieser Begriff ist eine Verniedlichungsform und klingt zudem seltsam dinghaft und gar nicht menschlich. Ganz besonders wir Anarchist_innen sind deshalb daran interessiert, unterschiedliche Menschen und Menschengruppen auf eine Art und Weise zu bezeichnen, die sie nicht hierarchisch unterordnet, klein macht, erniedrigt oder diffamiert.<\/p>\n<p>Dabei bem\u00fchen wir uns, diese Menschen und Menschengruppen selbst zu Wort kommen zu lassen und die Bezeichnungen zu benutzen, die sie selbst w\u00fcnschen.<\/p>\n<h3>Das Problem mit dem &#8218;Opfersein&#8216;<\/h3>\n<p>Anhand der Beispiele sollte deutlich geworden sein, dass es vor allem darum geht, Bezeichnungen zu finden, die Menschen als handelnde Akteure sichtbar machen und nicht zu Objekten degradieren. Aber gerade wenn wir versuchen \u00fcber Personen zu sprechen, die ein Gewaltverbrechen am eigenen K\u00f6rper erlebt haben, ist das unheimlich schwierig. Denn einerseits muss es uns darum gehen, Worte zu finden, die die Tat aufs Sch\u00e4rfste und ohne Kompromisse verurteilen. Andererseits wollen wir in den Personen nicht nur Objekte sehen, an denen eine Tat ver\u00fcbt wurde, sondern es geht darum, deutlich zu machen, dass sie als \u00dcberlebende, Verarbeitende, Weiterlebende, K\u00e4mpfende etc. wahrgenommen werden. Das hei\u00dft, wir sind auf der Suche nach Begriffen, die die Schwere der Tat nicht relativieren, die aber auch die Opfer der Tat nicht auf ihren Objektstatus reduzieren. Einige m\u00f6chten daher nicht als &#8218;Opfer&#8216; bezeichnet werden, da der Begriff zu einseitig die Unterlegenheit, das Objektsein betont. Zugleich jedoch ist es anderen wichtig, sich zun\u00e4chst einmal \u00fcberhaupt als Opfer einer (sexualisierten) Gewalttat zu erkennen, da sie h\u00e4ufig die Schuld zun\u00e4chst bei sich selbst suchen oder denken, dass ihnen das, was sie erlebt haben, zurecht widerfahren ist. (Lest dazu bitte den Artikel &#8222;Still Alive&#8220; in dieser Ausgabe!) Die Selbstbezeichnung als &#8218;Opfer&#8216; kann deshalb also auch bereits das Ergebnis eines Verarbeitungsprozesses (oder Bearbeitungsprozesses) meinen.<\/p>\n<h3>Von Opfern und K\u00e4mpfer_innen<\/h3>\n<p>Es ist also schwierig eine libert\u00e4re Sprache zu finden, mit der wir mit und \u00fcber die Opfer insbesondere von sexualisierter Gewalt sprechen k\u00f6nnen und mit der wir ihren jeweiligen Selbstentw\u00fcrfen in Bezug auf die Tat gerecht werden. Vielleicht gibt es daf\u00fcr einfach nicht den einen guten Begriff. Aber wir haben als Libert\u00e4re die Aufgabe Begriffe zu pr\u00e4gen, die nicht nur Mitleid zum Ausdruck bringen, sondern auch unsere Solidarit\u00e4t. Denn eines muss klar sein: \u00dcberlebende sexualisierter Gewalt k\u00e4mpfen jeden Tag mit ihrem Trauma und ben\u00f6tigen dabei das Verst\u00e4ndnis und den Beistand nicht nur von Therapeut_innen und anderen &#8218;Opfern&#8216;, sondern auch von Personen, denen gl\u00fccklicherweise diese Erfahrung erspart blieb. Wir sollten also eine Sprache finden, die sowohl das &#8218;Opfer-Sein&#8216; als auch das K\u00e4mpfer_in-Sein einf\u00e4ngt. Mithu Sanyal hat sich auf die Suche gemacht und einen Vorschlag geliefert, der nun heftig kritisiert wird. Ob der Vorschlag ein guter ist, mag zun\u00e4chst jede_r Leser_in selbst entscheiden und sich selbst dazu verhalten. Ich lade euch ein, mit Leser_innenbriefen, Kommentaren etc. an dieser Suche teilzunehmen. Die Graswurzelrevolution wird die Debatte weiterverfolgen und eure Stellungnahmen abdrucken.<\/p>\n<p>Jedoch m\u00f6chte ich noch eines abschlie\u00dfend sagen: Sprache ist ein machtvolles Instrument, das habe ich bereits betont. Sprache kann aber genau deshalb auch selbst zu einer Form von Gewalt werden. Die Art und Weise wie Mithu Sanyal gegenw\u00e4rtig in den Sozialen Netzwerken und auch offline bedroht und verfolgt wird, ist widerlich und gewaltt\u00e4tig. Menschen eine Vergewaltigung zu w\u00fcnschen ist \u00fcbel, grausam, absto\u00dfend und nicht zuletzt selbst eine Form sexualisierter Gewalt. Der offene Brief der &#8222;St\u00f6renfriedas&#8220; ist selbstverst\u00e4ndlich ein absolut legitimer Weg, eine Gegenposition zu einem \u00f6ffentlich publizierten und distribuierten Artikel darzustellen. Der Brief \u00fcbt zwar scharfe, aber eindeutig feministische Kritik an Mithu Sanyals Thesen, und es w\u00e4re unfair und falsch, ihn f\u00fcr die sexistischen und rassistischen Angriffe Dritter verantwortlich zu machen. Es ist jedoch erschreckend zu sehen, wie die erh\u00f6hte Aufmerksamkeit, die Sanyals Artikel dadurch erfahren hat, Sexist_innen, Rassist_innen, Nazis, etc. auf den Plan ruft, die im Netz eine widerliche Hetze verbreiten. Wir m\u00fcssen uns eine Diskussionskultur erschaffen bzw. erhalten, in der es erlaubt ist, Vorschl\u00e4ge zu machen, diese Vorschl\u00e4ge zu kritisieren und abzulehnen. Auf keinen Fall sollten wir uns dazu herablassen, feministische Positionen gegeneinander auszuspielen. Gerade bei einem derart heiklen und emotionalen Thema ist es wichtig, sachlich und beim Thema zu bleiben, auch wenn man sich vielleicht aufregt oder w\u00fctend ist.<\/p>\n<p><b>Kerstin Wilhelms-Zywocki<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gruppe &#8222;St\u00f6renfriedas&#8220; ver\u00f6ffentlicht einen offenen Brief zu diesem Vorschlag und Sanyal erh\u00e4lt die M\u00f6glichkeit, diesen offenen Brief zu kommentieren ((1)). 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