{"id":17164,"date":"2017-04-01T00:00:00","date_gmt":"2017-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/frausein-in-aserbaidschan\/"},"modified":"2022-07-26T12:58:50","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:50","slug":"frausein-in-aserbaidschan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/frausein-in-aserbaidschan\/","title":{"rendered":"Frausein in Aserbaidschan"},"content":{"rendered":"<p>Der Anschlag ersch\u00fctterte die Welt, viele Menschen haben in sozialen Netzwerken auf unterschiedliche Art ihr Beileid kundgetan, Empathie gezeigt und den Terror verurteilt. Wegen den unschuldigen Opfern waren viele auf Anhieb fassungslos. Aber in Asberaidschan interessierten sich die meisten Aserbaidschaner*innen f\u00fcr eine ganz andere Angelegenheit, n\u00e4mlich die Anwesenheit einer aserbaidschanischen Frau allein in einem Nachtclub. Auch Nurana wollte sich, wie andere Menschen, in dieser Nacht am\u00fcsieren, mit dem Ziel des friedlichen Zusammenseins ist sie in diesen Club gegangen. Viele Aserbaidschaner*innen waren nicht emp\u00f6rt, weil sie bei einem Terroranschlag ihr Leben verloren hatte, sondern weil sich eine aserbaidschanische Frau \u00fcberhaupt allein in einem Nachtclub aufgehalten hat.<\/p>\n<h3>Hass auf eine freie Frau<\/h3>\n<p>Manche Kommentare waren noch heftiger: &#8222;Insofern sie in einem Nachtclub gestorben ist, muss sie gleich dort mit einem Glas Whisky in der Hand begraben werden.&#8220; Oder: &#8222;Warum soll eine Frau in einen Club gehen? Damit sie am Ende stirbt. Das ist gut so.&#8220; &#8222;Sie ist selber schuld. Wenn sie nicht dort gewesen w\u00e4re, w\u00e4re ihr das nicht geschehen.&#8220;<\/p>\n<p>Die aserbaidschanische Gesellschaft ist in gro\u00dfem Ma\u00dfe durch patriarchale Normen geregelt. Eine Frau steht zun\u00e4chst im Schatten ihres Vaters und Bruders und anschlie\u00dfend wird sie zu einem Leben im Schatten ihres Ehemannes verdonnert.<\/p>\n<p>Die in dieselbe Familie hineingeborenen T\u00f6chter und S\u00f6hne werden ganz unterschiedlich sozialisiert. Den S\u00f6hnen wird erlaubt, relative Freiheit zu genie\u00dfen, w\u00e4hrend die T\u00f6chter sich mit steigendem Alter in ein Modell der Ehre dieser Gesellschaft verwandeln. Auf ihren Schultern m\u00fcssen sie die streng definierten sozialen Regeln tragen, sei es zu Hause oder im Bett, sei es auf der Stra\u00dfe oder bei einer Unterhaltung.<\/p>\n<p>Das oben genannte Beispiel zeigt, wie die gesellschaftliche Haltung gegen\u00fcber Frauen mit abweichenden Werten aussieht. Victim Blaming (T\u00e4ter-Opfer-Umkehr) ist ein sehr verbreitetes und tief verwurzeltes Ph\u00e4nomen bei der Erkl\u00e4rung von sozialen Problemen in unterschiedlichen Lebensbereichen der aserbaidschanischen Frauen. Aus diesem Grund sind ein Gro\u00dfteil der Frauen eingesch\u00fcchtert und entmutigt, sich gegen die Unterdr\u00fcckung zu wehren.<\/p>\n<h3>Konservative Pr\u00e4gung<\/h3>\n<p>Die sozialen Normen in der Gesellschaft Aserbaidschans basieren auf den konservativen Pr\u00e4gungen durch Religion und eine traditionelle Grundeinstellung.<\/p>\n<p>Die Fessel der konservativ-religi\u00f6s gepr\u00e4gten sozialen Normen ist an den H\u00e4nden der Frauen zu sp\u00fcren. Um zu verstehen, was es hei\u00dft in Aserbaidschan eine Frau zu sein, betrachten wir kurz den Entwicklungslebenslauf des Frauseins in Aserbaidschan:<\/p>\n<p>Falls der Embryo aufgrund seines weiblichen Geschlechts nicht abgetrieben wird und \u00fcberlebt, hei\u00dft das, dass das Weibliche die erste Diskriminierungsphase erfolgreich \u00fcberstanden hat.<\/p>\n<h3>Selektiver Schwangerschaftsabbruch<\/h3>\n<p>Infolge selektiver Schwangerschaftsabbr\u00fcche ist die Anzahl der neugeborenen M\u00e4dchen im Vergleich zu den neugeborenen Jungen geringer. Denn nur das weibliche Geschlecht gilt als abtreibungswert, w\u00e4hrend das m\u00e4nnliche Geschlecht als Gl\u00fcck und Geschenk angesehen wird.<\/p>\n<p>Oft m\u00fcssen M\u00fctter sechs oder sieben T\u00f6chter geb\u00e4ren, bis endlich der ersehnte Sohn zur Welt kommt. Die Verwendung von Verh\u00fctungsmitteln ist in Aserbaidschan nach wie vor verp\u00f6nt.<\/p>\n<p>Oft wurden die ungewollten T\u00f6chter von ihren Familie sogar symbolisch &#8222;Yet?r&#8220; (wortw\u00f6rtlich \u00fcbersetzt: Es reicht!), &#8222;B?sti&#8220;(Basta oder Schluss damit!), &#8222;Kifay?t&#8220; (genug jetzt!), &#8222;F?lak?t&#8220; (katastrophal) oder &#8222;Qizqayit&#8220; (M\u00e4dchen, kehre zur\u00fcck!) genannt, weil sie glauben, dadurch der Geburt von weiteren weiblichen Kindern vorbeugen zu k\u00f6nnen. Dank der technologischen Entwicklungen k\u00f6nnen die Frauen das ungewollte weibliche Kind problemlos vorzeitig erkennen und abtreiben, bis sie schlie\u00dflich ein m\u00e4nnliches Kind bekommen.<\/p>\n<p>Diese Tendenz ver\u00e4ndert sich besonders unter den jungen Generationen von den 1990ern an, anl\u00e4sslich finanzieller Gr\u00fcnde und einem Wertewandel. Dieser Prozess erfolgt jedoch ganz schleichend. Also, in Aserbaidschan steht die Abtreibung nur im Zusammenhang mit dem weiblichen Geschlecht, weil von M\u00fcttern ein Sohn zwingend erwartet wird. Die M\u00fctter mit S\u00f6hnen haben einen h\u00f6heren sozialen Status, als die M\u00fctter mit T\u00f6chtern.<\/p>\n<h3>Pubert\u00e4t und Heiratsdruck<\/h3>\n<p>Wenn ein M\u00e4dchen Teenager wird, werden von ihr mehrere Herausforderungen verlangt: Sich vermummend anzuziehen, wenig mit gleichaltrigen Jungen in Kontakt zu treten, sogar kosmetische Operationen vorzunehmen, um &#8222;sch\u00f6n&#8220; zu werden (ohne zu wissen, dass genau das ein Selbstobjektivierungs-Prozess ist; eher wird dieser Schritt begangen, um soziale Akzeptanz zu erlangen), sich auf das zuk\u00fcnftige Frausein-Muttersein vorzubereiten. Wenn ein M\u00e4dchen Gl\u00fcck hat, kann es die Schule bis zum Ende besuchen. Aber ein Teil der M\u00e4dchen muss die schulische Ausbildung abbrechen und, auf Druck der Eltern, heiraten. Sonst m\u00fcssen sie das universit\u00e4re Studium verfolgen, um den Elterndruck auf Heirat auf sp\u00e4ter zu verschieben. Je n\u00e4her der 25ste Geburtstag r\u00fcckt, desto h\u00f6her wird der Druck auch von Verwandten.<\/p>\n<p>Das Studium erm\u00f6glicht den Frauen, dass sie ihre sozialen Anschl\u00fcsse ausdehnen, aber das relativ am\u00fcsante Leben endet, sobald sich die Zeit 19 Uhr n\u00e4hert. Generell wird das Sp\u00e4t-Au\u00dfer-Haus-Sein einer Frau sehr negativ betrachtet. Eine Frau kann ihr Leben selbstst\u00e4ndig leben, wenn sie allein au\u00dferhalb elterlicher Kontrolle ist, aber es ist unvorstellbar, dass sie aus dem Elternhaus auszieht, wenn sie nicht heiratet oder studiert.<\/p>\n<p>Die Frauen, die diesen Stritt gewagt haben, m\u00fcssen unter st\u00e4ndigem sozialen Druck leben. Wenn eine Frau lesbisch ist, muss sie ihr wahres Begehren geheim halten und sich f\u00fcr alternative M\u00f6glichkeiten entscheiden, um dem heterosexuellen Heirats-Druck zu entgehen.<\/p>\n<p>Oft bleibt nur ein Ausweg \u00fcbrig: Die lesbische Frau heiratet einen Bekannten, der schwul ist. Auf diese Weise k\u00f6nnen beide ihr Leben relativ &#8222;leicht&#8220; und &#8222;bequem&#8220; gestalten.<\/p>\n<h3>Jungfr\u00e4ulichkeit<\/h3>\n<p>Die andere und heiligste Herausforderung einer Frau ist der Schutz ihrer Jungfr\u00e4ulichkeit vor der Ehe. Es wird genau \u00fcberpr\u00fcft, ob eine Frau diese Aufgabe erfolgreich erledigt hat oder nicht. W\u00e4hrend der Hochzeitszeremonie bekommt immer eine \u00e4ltere Frau (Yeng?) daf\u00fcr die spezielle Aufgabe zugewiesen, dass sie nach der Hochzeitsnacht den Bettbezug \u00fcberpr\u00fcft, ob tats\u00e4chlich ein Blutfleck da ist. Dann wird der erwartete Fleck euphorisch gefeiert. Im anderen Fall wird unerm\u00fcdlich ein erbitterter Druck auf die nicht jungfr\u00e4uliche Frau ausge\u00fcbt. Da eine Frau ein Modell der Ehre einer Familie ist, gilt dieser Fall als Schande f\u00fcr die Familie. Aufgrund des unerm\u00fcdlichen sozialen Drucks begehen viele Frauen Suizid. So geben die Familien, besonders M\u00fctter, bei Gyn\u00e4kolog*innen viel Geld aus, damit die &#8222;Schande&#8220; beseitigt bzw. gen\u00e4ht wird. Genau diese soziale Norm bereitet den N\u00e4hrboden f\u00fcr eine nutzenmaximierende Business-Branche. Das ist ein klares Beispiel f\u00fcr die kapitalistische Ausbeutung des K\u00f6rpers der Frau.<\/p>\n<h3>Die Frau als Geb\u00e4rmaschine<\/h3>\n<p>Im Endeffekt verwandeln sich die Frauen gleich nach der Hochzeitphase in Geb\u00e4rmaschinen f\u00fcr ihre Nation. Mit dem Anfang der Familiengr\u00fcndung erfolgt die Metamorphose der Frauen zum st\u00e4ndig sesshaften Mitglied des Hauses. Auf diese Weise vergeht mit der Sorge um die Familie die Zeit f\u00fcr die Frauen.<\/p>\n<p>In Aserbaidschan, wo es als Schimpfwort angesehen wird, wenn sich jemand als Feministin oder Feminist bezeichnet, kann von einer Frauenbewegung \u00fcberhaupt nicht die Rede sein, weil es hier ganz einfach keine gibt. Ein Verein, der die Rechte der Frauen f\u00f6rdert, setzt das Frausein genau mit Mutter-Sein, Geb\u00e4rmaschine-Sein gleich. Eine Frau ist im Kontext von Familie zu verstehen. Das Komische ist aber, fast niemand sieht da ein Problem, sondern alles eher als Normen, die unver\u00e4nderbar und harmlos sind.<\/p>\n<h3>Gegen Sexismus, Rassismus und Klassismus<\/h3>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir, dass die Frauen eines Tages mutig auf die Stra\u00dfen in Aserbaidschan gehen und dass sie das falsche Bewusstsein aufbrechen werden. Gemeinsam, solidarisch, miteinander. Ich w\u00fcnsche mir, dass der 8. M\u00e4rz nicht als ein Tag wahrgenommen wird, an dem den Frauen nur Parf\u00fcm und Kuschelb\u00e4ren geschenkt werden, sondern als Kampftag gegen Sexismus, Rassismus, Klassismus. Ein Tag, an dem der Hass gegen\u00fcber den alternativen Lebensformen und feministischer Entfaltung nachdr\u00fccklich in Erinnerung gerufen wird.<\/p>\n<p><b>Rovshana<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anschlag ersch\u00fctterte die Welt, viele Menschen haben in sozialen Netzwerken auf unterschiedliche Art ihr Beileid kundgetan, Empathie gezeigt und den Terror verurteilt. Wegen den unschuldigen Opfern waren viele auf Anhieb fassungslos. 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