{"id":17174,"date":"2017-04-01T00:00:00","date_gmt":"2017-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/still-alive\/"},"modified":"2022-07-26T12:58:50","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:50","slug":"still-alive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/still-alive\/","title":{"rendered":"Still Alive"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe \u00fcber Jahre verbale, emotionale, indirekte, gegen Ende auch direkte und sexualisierte direkte Gewalt erlebt.<\/p>\n<p>Ich erkannte lange nicht, dass ich in einer sogenannten &#8222;toxischen Beziehung&#8220; war, der &#8222;Feind&#8220; in meinem Bett lag.\u00a0((1))<\/p>\n<p>Schon fr\u00fch auftretende psychosomatische Symptome (Tinnitus, Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme, rheumatische Schmerzen, M\u00fcdigkeitssyndrom, Panikattacken, Gewichtszunahme, u.v.m.) nahm ich als Beleg f\u00fcr MEINE Schw\u00e4che, mit der ich andere belaste. Meine Unf\u00e4higkeit, meine Schw\u00e4che, meine Abh\u00e4ngigkeit, mein Nicht-Richtig-Sein schien der Grund f\u00fcr das zu sein, was mir &#8222;passierte&#8220;.<\/p>\n<p>\u00dcber Jahre systematisch ausge\u00fcbte Destabilisierung meines Selbstwertes, Verdrehung meiner Wahrnehmung, kleine und gr\u00f6\u00dfere, private wie \u00f6ffentliche Dem\u00fctigungen, unterlassene Hilfeleistungen und Gewalt bis zur Vergewaltigung.<\/p>\n<p>Nachdem ich &#8222;entsorgt&#8220; wurde, ein neues Opfer war schon lange &#8222;klargemacht&#8220;, dauerte es ein Jahr und vier Monate, in denen ich in eine Depression bis hin zur Suizidalit\u00e4t abrutschte, bis einer aufmerksamen Psychologin aufgrund eines Nebensatzes von mir auffiel, dass nicht &#8222;etwas in mir&#8220; das Problem war, sondern dass ich ein gewaltiges Problem hatte. &#8222;H\u00f6ren Sie eigentlich, was Sie da sagen?&#8220;<\/p>\n<p>Ich h\u00f6rte mir zu. Ich hatte gerade wie nebenbei von einer Vergewaltigung gesprochen &#8211; und erinnerte mich, dass ich den T\u00e4ter am n\u00e4chsten Morgen noch daf\u00fcr getr\u00f6stet hatte, als er so &#8222;merkw\u00fcrdig&#8220; schaute, was ich als &#8222;Betroffenheit&#8220; interpretierte.<\/p>\n<p>Posttraumatische Belastungsst\u00f6rung\u00a0((2))\u00a0mit T\u00e4terintrojektion\u00a0((3)), auch bekannt unter dem Namen &#8222;Stockholm-Syndrom&#8220;, war die sp\u00e4ter erfolgende Diagnose.\u00a0((4))<\/p>\n<p>Ich musste erkennen, ich war \u00fcber Jahre Opfer gewesen. Opfer eines intelligenten, subtilen, vorwiegend passiv-aggressiv und sp\u00e4ter mir gegen\u00fcber zunehmend offen aggressiv agierenden Mannes. Nicht nur meine angedachte Zukunft war zerbrochen, auch das, was ich bis dahin \u00fcber meine Vergangenheit, \u00fcber mich dachte und \u00fcber das, was ich als &#8222;selbstverst\u00e4ndlich&#8220; geglaubt hatte.<\/p>\n<p>Akribische Kleinarbeit war n\u00f6tig, um die Geschehnisse zu sortieren. Die objektiven \u00e4u\u00dferen Folgen waren f\u00fcr alle sichtbar. Die innere Zerst\u00f6rung kam erst nach und nach ans Licht. Nachfragen bei Freunden, das Durchforsten alter Kalender, Sichtung alter Fotos, ein weiteres Jahr l\u00f6sten Erinnerungen immer wieder neue Schocks aus, bis sich das Gesamtbild der &#8222;Beziehungs-&#8222;Vergangenheit und meiner aktuellen seelischen Lage abzeichnete.<\/p>\n<p>In dieser Zeit hatte ich ein diffuses Gemisch aus Opfer- UND Schuldgef\u00fchlen, Selbstverachtung und Selbstverurteilung und vor allem Angst.<\/p>\n<p>Ich hatte Schreckliches erlebt und hatte es in der Zeit des Erlebens ausgeblendet, um zu \u00fcberleben.<\/p>\n<h3>Opfer<\/h3>\n<p>Die Folgen des jahrelangen psychischen und physischen Missbrauchs waren nicht mit der Erkenntnis verschwunden. Sie waren jeden Tag sichtbar und sp\u00fcrbar. Jede jetzt auftauchende Erinnerung warf mich erneut in die Hilflosigkeit und Ohnmacht der damaligen Situation zur\u00fcck. Dies zeigte sich auch im Alltag. Kleinste \u00c4hnlichkeiten mit fr\u00fcheren Situationen, \u00e4hnliches Aussehen, ein Geruch, Ger\u00e4usche, eine Bemerkung im Verhalten Dritter holten alle damaligen, verdr\u00e4ngten Gef\u00fchle hervor.<\/p>\n<p>Ausl\u00f6ser waren Spr\u00fcche, auch &#8222;Du bist doch so stark&#8220; , &#8222;Schau doch nach vorn&#8220;, &#8222;Man muss auch mal abschlie\u00dfen&#8220;, &#8222;So schlimm kann es doch nicht gewesen sein&#8220;, &#8222;Es sind immer zwei beteiligt&#8220; oder &#8222;Wieso hast du nicht&#8230;.&#8220; und wenn mir nicht geglaubt, wenn relativiert oder banalisiert wurde.<\/p>\n<p>Spr\u00fcche warfen mich in die Hilflosigkeit und Selbstverachtung zur\u00fcck. Wieso hatte ich, die sich doch mit Gewalt &#8222;auskennt&#8220;, damals nicht gesehen, was geschieht, dementsprechend gehandelt? Wieso glaubt man mir nicht?<\/p>\n<p>Es war der Austausch mit anderen, die ebenfalls Opfer einer solchen Gewalt gewesen waren, die eindeutig sagten &#8222;Du bist Opfer, wir sind Opfer, und das muss auch genau so benannt werden&#8220;.<\/p>\n<p>Meine zerst\u00f6rte Identit\u00e4t fand den Anker in der Opfer-Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ich brauchte Verst\u00e4ndnis von Menschen, die dies aus der Opferperspektive kennen, meinen Gef\u00fchlen und Gedanken bis in den jetzt aufkommenden Hass folgen und verstehen konnten.<\/p>\n<h3>Hass<\/h3>\n<p>Ich entdeckte meinen Hass. Der Hass auf diesen T\u00e4ter. Der Hass auf alle T\u00e4ter. Dieser Hass schien zu helfen, hochkommende, unertr\u00e4gliche Opfer-Gef\u00fchle, die immer wieder gef\u00fchlte Ohnmacht und Hilflosigkeit, weg zu dr\u00e4ngen. Die mich doch an anderer Stelle einholten.<\/p>\n<p>Jeder, der jenseits dieses Hasses \u00fcber T\u00e4ter und Opfer sprach oder schrieb, war f\u00fcr mich ein T\u00e4ter-Unterst\u00fctzer. In dieser Zeit habe ich einigen Menschen gew\u00fcnscht, \u00e4hnliches zu erleben, damit sie wissen, wovon sie eigentlich reden. Der Versuch, mich innerlich weniger ohnm\u00e4chtig und hilflos zu f\u00fchlen, indem ich in meiner Phantasie potenzielle T\u00e4ter &#8222;f\u00fcr mich arbeiten&#8220; lie\u00df, damit sowohl die T\u00e4ter als auch die in meiner Wahrnehmung &#8222;Banalisierenden&#8220; mein Opfer-Gef\u00fchl endlich verstehen und anerkennen.<\/p>\n<p>Es war der Versuch, zu vermeiden, mich als Opfer zu f\u00fchlen, weil dies unertr\u00e4glich schien.<\/p>\n<p>Ich brauchte die Anerkennung meines &#8222;Status&#8220; als Opfer, um die in mir angelegte Selbstverachtung zu \u00fcberwinden und zu lernen, mich freundlich auch darin zu betrachten, statt mich selbst weiter f\u00fcr meine damalige Hilflosigkeit und Ohnmacht zu verurteilen.<\/p>\n<h3>\u00dcberlebende<\/h3>\n<p>Als ich begann, mich zunehmend in meinem Opfer-Gewesen-Sein und noch oft Opfer-Sein annehmen zu k\u00f6nnen, mir meine fr\u00fchere und auch jetzige immer wieder auftauchende Hilflosigkeit und Ohnmacht verzeihen konnte, mich daf\u00fcr nicht mehr verurteilte, sondern echtes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr mich entwickelte, begann der Prozess der inneren Verarbeitung.<\/p>\n<p>Die Fragen, die sich mir stellten, waren, wieso konnte ich damals &#8222;die Zeichen&#8220; nicht erkennen, mich nicht wehren? Was ist es aus meiner Historie von Kind an, das es mir auch so schwer macht, dieses Erleben zu verarbeiten? Wie &#8222;ticken&#8220; die verschiedenen T\u00e4ter-Typen, welche &#8222;Techniken&#8220; verwenden sie, woran lassen sie sich erkennen? Wie lassen sie sich stoppen? Erst zu dieser Zeit war ich in der Lage, Arbeiten zur &#8222;Thematik&#8220; aus anderer Perspektive zu lesen, dort f\u00fcr mich vielleicht Hilfreiches zu suchen, zu finden oder als nicht hilfreich zu verwerfen.<\/p>\n<h3>Zur\u00fcck ins Leben<\/h3>\n<p>Meine Welt lag in Tr\u00fcmmern und in diesen Tr\u00fcmmern musste ich mich suchen, neu finden und parallel in kleinsten Schritten mich und ein neues Leben aufbauen. An je mehr Stellen mir dies gelang, desto weniger schmerzhaft wurden Unsensibilit\u00e4ten, Unverst\u00e4ndnis und Unglaube von Menschen, die dies zu ihrem Gl\u00fcck nicht kennen. Eine Zeit harter Arbeit in kleinsten Schritten.<\/p>\n<p>Lernen, leben zu wollen. Lernen wieder zu essen. Lernen, unter Menschen. Lernen, mit Menschen &#8222;Belangloses&#8220; zu reden. Alles, was f\u00fcr Menschen, die eine solche Gewalt nicht erlebt haben, die &#8222;kleinen Normalit\u00e4ten&#8220; des Alltags sind, musste hart erk\u00e4mpft werden, war etwas Besonderes.<\/p>\n<p>Besonderheiten, die sich mit der Zeit aufaddierten, zu Sicherheiten wurden, die mir wohl nie mehr selbstverst\u00e4ndlich oder &#8222;normal&#8220; erscheinen werden. R\u00fcckschl\u00e4ge ins Opfer-Gef\u00fchl sind jedoch inbegriffen. Noch heute, zweieinhalb Jahre nach meinem &#8222;Aufwachen&#8220; bin ich weit davon entfernt, ein normales Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Opfer, \u00dcberlebende, Erlebende?<\/h3>\n<p>Jeder dieser Begriffe hat seine eigene Berechtigung, Je nachdem, in\/zu welcher Situation bzw. an welchem Punkt der Verarbeitung ein Mensch ist, der Gewalt erlebt bzw. erlebt hat, der Opfer von solchen T\u00e4tern ist oder es war, dies \u00fcberlebt hat.<\/p>\n<p>In Gespr\u00e4chen mit vielen Frauen erkannte ich, gleich, ob ein Mensch dies jahrelang erlebte oder ob es sich um ein einmaliges Erleben handelte, es zerst\u00f6rt den Glauben an alles, was bis dahin das eigene Ich und die eigene Welt ausmachte.<\/p>\n<p>Ohnm\u00e4chtig und hilflos einem Geschehen ausgesetzt, in dem an einem bestimmten Punkt keinerlei eigenes Handlungsverm\u00f6gen existiert, mit allen Folgen f\u00fcr die Psyche.<\/p>\n<p>Dieses, durch die T\u00e4ter auferlegte und erzwungene Erleben l\u00e4sst noch lange immer wieder Opfer werden. Vor allem Opfer der Gef\u00fchle aus diesem fr\u00fcheren Erleben, die ein aktuell stattfindendes Erleben &#8222;\u00fcberschwemmen&#8220;. Dies kann auch geschehen, wenn ein anderer oder neuer Begriff nicht zum eigenen aktuellen inneren Erleben im Verarbeitungsprozess passt.<\/p>\n<p>Heute kann ich den Begriff &#8222;Erlebende&#8220; f\u00fcr mich annehmen. Anderes ist noch nicht ganz verarbeitet, dort sehe ich mich als \u00dcberlebende und bei anderem ist noch die Ohnmacht und Hilflosigkeit, bin ich innerlich vor allem noch Opfer der psychischen, gesundheitlichen und materiellen Folgen von dem, was mir dieser T\u00e4ter damals angetan hatte.<\/p>\n<p>Die vehemente \u00f6ffentliche Diskussion um die &#8222;richtige&#8220; Bezeichnung bewirkte in mir als erstes die altbekannte Hilflosigkeit. In den Angriffen auf Mithu Sanyal erkannte ich meinen damaligen Hass auf alle, die T\u00e4ter, und die, von denen ich mich nicht verstanden sah.<\/p>\n<p>Aber auch in der folgenden Diskussion und der von den Vertreterinnen der Begriffe &#8222;Opfer&#8220; und &#8222;\u00dcberlebende&#8220; indirekt implizierte Forderung, mich entscheiden zu m\u00fcssen, welcher der Begriffe &#8222;richtig&#8220; ist, bedeutete f\u00fcr mich, einen Teil von mir negieren zu m\u00fcssen, um noch dort &#8222;anerkannt&#8220; zu sein.<\/p>\n<p>Um nicht wieder zuzulassen, mich als Opfer zu f\u00fchlen, sagte ich, niemand hat das Recht, mich auf eine der Begrifflichkeiten fest zu schreiben oder mir einen anderen Begriff vorzugeben. Dennoch k\u00f6nnen das Nachdenken und die Diskussion \u00fcber neue Begriffe hilfreich sein, zu meiner Zeit nach meinem Willen.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Es ist ein &#8222;schmutziger Krieg&#8220;, den solche T\u00e4ter jeden Tag an vielen Orten auf vielerlei Art f\u00fchren. Ihr Ziel ist das Zerbrechen der psychischen und k\u00f6rperlichen Integrit\u00e4t, des Lebens und des Ichs anderer Menschen, mit allen ihnen zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln.<\/p>\n<p>Die &#8222;Kriegsfolgen&#8220; sind f\u00fcr die davon Betroffenen viele Jahre sp\u00fcrbar, die Aufr\u00e4umarbeiten sind m\u00fchsam. Die dabei immer wieder erlebten Schw\u00e4chemomente lassen dies manchmal unm\u00f6glich erscheinen. Es dauert lange, bis nach dem reinen \u00dcberlebenskampf wieder ein wenig normales Leben in diesen inneren und \u00e4u\u00dferen Tr\u00fcmmern entstehen kann. Der Streit, welche Begriffe &#8222;die richtigen&#8220; sind, spielt nur solchen T\u00e4tern in die H\u00e4nde.<\/p>\n<p>Solidarisch vereint vorgehen gegen solche T\u00e4ter und gegen gesellschaftliche Gewalt-Strukturen, die diesen T\u00e4tern ihre Taten erleichtern und erm\u00f6glichen, die dort sogar teilweise als &#8222;Leistung&#8220; anerkannt werden, das ist es, was ich mir stattdessen w\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Als Betroffene, Opfer, Erlebende, \u00dcberlebende, oder wie ich dies alles f\u00fcr mich zusammenfasse, als &#8222;Still Alive&#8220;.<\/p>\n<p><b>Still Alive<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe \u00fcber Jahre verbale, emotionale, indirekte, gegen Ende auch direkte und sexualisierte direkte Gewalt erlebt. 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