{"id":17184,"date":"2017-04-01T00:00:00","date_gmt":"2017-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/andrea-caffi-1887-1955\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:53","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:53","slug":"andrea-caffi-1887-1955","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/andrea-caffi-1887-1955\/","title":{"rendered":"Andrea Caffi (1887-1955)"},"content":{"rendered":"<p>Auch deutsche Anarchosyndikalisten wie Rudolf Rocker oder Helmut R\u00fcdiger sahen f\u00fcr die BRD unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs keinen Sinn in einer direkten Propaganda f\u00fcr eine gewaltsame, libert\u00e4re Revolution. Sie optierten angesichts der zahlenm\u00e4\u00dfigen Schw\u00e4che der \u00fcbriggebliebenen oder zur\u00fcckgekehrten AnarchosyndikalistInnen f\u00fcr die Beteiligung an Kommunalparlamenten, am Wiederaufbau der Gemeinden und f\u00fcr den Reformismus. Auf der anderen Seite des Ozeans gab es jedoch Versuche, die direkte gewaltfreie Basisaktion, ja die gewaltfreie Revolution als Konsequenz aus der unmittelbaren Kriegserfahrung zu begr\u00fcnden und darauf hinzuarbeiten.<\/p>\n<p>Dieser Aufsatz von Andrea Caffi beeinflusste Dwight Macdonald und f\u00fchrte u.a. zu dessen Organisation CNVR (Committee for Non-Violent Revolution). Sie wurde im Februar 1946 gegr\u00fcndet, eine Art Umsetzungsversuch dieses Textes also, der im Januar 1946 erschien. Das CNVR bestand bis Ende 1948, als die Erwartung einer gewaltfreien Revolutionsperspektive in den USA zun\u00e4chst aufgegeben wurde.\u00a0((1))<\/p>\n<p>Albert Camus war seit 1941 mit Nicola Chiaromonte, dem er bei dessen Flucht aus Europa geholfen hatte, befreundet. Chiaromonte war im US-Exil im Kreis um &#8222;Politics&#8220; gelandet und lud Camus nach der Befreiung zu einer dreimonatigen Reise von M\u00e4rz bis Mai 1946 in die USA ein. In New York diskutierte Camus mit Macdonald und Chiaromonte \u00fcber diesen Text Caffis, den wohl Chiaromonte an &#8222;Politics&#8220; \u00fcbermittelt hatte, und weitere Texte aus &#8222;Politics&#8220;. Daraus entstand unmittelbar nach seiner R\u00fcckkehr nach Paris Camus&#8216; Schrift &#8222;Weder Opfer noch Henker&#8220; (Herbst 1946). In seiner bald darauf folgenden englischen \u00dcbersetzung durch Nancy und Dwight Macdonald rezipierte diese Schrift Camus&#8216; wiederum in den USA der schwarze gewaltfreie Aktivist Bob Moses, der, explizit dadurch inspiriert, einige Jahre sp\u00e4ter, 1960, das radikal-gewaltfreie, basisdemokratische und b\u00fcrgerrechtsbewegte SNCC (Student Non-Violent Coordinating Committee) in den S\u00fcdstaaten der USA mit begr\u00fcndete und pr\u00e4gte.<\/p>\n<p>Der hier abgedruckte, lange vergessene Text von Caffi hat also eine erstaunliche Rezeptionsgeschichte dies- und jenseits des Atlantiks. Wir ver\u00f6ffentlichen ihn in der GWR in deutscher \u00dcbersetzung in mehreren Teilen. Dieser erste Teil wurde an zwei Stellen leicht gek\u00fcrzt: um eine Er\u00f6rterung der Zivilisationstheorien von Condorcet und Voltaire im 18. Jahrhundert; sowie um einen historischen Exkurs Caffis in die Antike. Die K\u00fcrzungen schm\u00e4lern nicht die Essenz des Textes.<\/p>\n<h3>Wer war Andrea Caffi?<\/h3>\n<p>Andrea Caffi war ein politisches Ph\u00e4nomen, eine Art Polit-Nomade und Kosmopolit. Er beteiligte sich an wesentlichen K\u00e4mpfen des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts, wurde mehrfach verletzt, u.a. von den Nazis gefangen genommen und gefoltert und zog seine hier aufbereiteten theoretischen Schl\u00fcsse nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Basis dieses breiten eigenen Erfahrungsschatzes. Sein Freund Chiaromonte nannte ihn ein wandelndes Lexikon. Er war st\u00e4ndig verarmt, oft sogar wohnungslos. Caffi \u00fcbernachtete manchmal in Bibliotheken, wo er sich abends versteckte und einschlie\u00dfen lie\u00df.<\/p>\n<p>Andrea Caffi wurde in St. Petersburg von italienischen Eltern geboren. Im Alter von 16 Jahren war er bereits Mitorganisator der ersten Typographen-Gewerkschaft in St. Petersburg. Er nahm auf der Seite der Menschewiki an der Revolution von 1905 teil, wurde verhaftet, zu drei Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt, kam 1907 frei und verbrachte seine Studienjahre dann in Berlin. Er ging sp\u00e4ter nach Paris, wo er auch insgesamt die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. 1914 finden wir ihn als Freiwilligen der franz\u00f6sischen Armee; fast unmittelbar nach Beginn der K\u00e4mpfe wurde er bei Verdun verletzt. Er wurde nach Italien versetzt und wieder verletzt, diesmal an der Trentino-Front. 1917 war Caffi mit dem Journalisten Guiseppe Antonio Borgese in Z\u00fcrich und betrieb dort ein Propagandab\u00fcro f\u00fcr die unterdr\u00fcckten Nationalit\u00e4ten des Habsburgerreichs. 1919 ging Caffi nach Italien und ver\u00f6ffentlichte dort zusammen mit dem Philanthropen Umberto Zanotti Bianco die Zeitschrift &#8222;La Voce di Popoli&#8220; (Die Stimme des Volkes); er schrieb ebenfalls f\u00fcr die Tageszeitung &#8222;Corriere della Sera&#8220; (Abendkurier). Letztere schickte ihn als Auslandsberichterstatter ins revolution\u00e4re Russland. In Odessa gab Caffi den Journalistenjob auf. Angesichts des von ihm erlebten Elends und Hungers im russischen B\u00fcrgerkrieg beteiligte er sich an der internationalen Hilfsaktion des Norwegers Fridtjof Nansen. Er kritisierte bereits die Bolschewiki, wandte sich aber auch gegen die franz\u00f6sisch-englische Milit\u00e4rinterventionen f\u00fcr die &#8222;Wei\u00dfen&#8220; und sah darin einen irreparablen Bruch zwischen Europa und dem neuen Russland. 1923 kehrte Caffi nach Italien zur\u00fcck. Als Antifaschist gegen Mussolini ging er dort bald in den Untergrund, es drohte ihm die Verhaftung, so dass er 1926 nach Frankreich floh.\u00a0((2))<\/p>\n<p>Dort bewegte sich Caffi zun\u00e4chst haupts\u00e4chlich im Milieu des italienischen antifaschistischen Exils und war Mitglied der antifaschistischen Bewegung &#8222;Giustizia e Libert\u00e0&#8220; (Gerechtigkeit und Freiheit) von Carlo Roselli. Mit diesem gab es ab 1932 Konflikte wegen Caffis kritischer Einsch\u00e4tzung Stalins in den Publikationen der Bewegung. Au\u00dferdem war Caffi gegen den R\u00fcckbezug auf das nationalistische Risorgimento, die italienische nationalstaatliche Einigung von 1815-1870, als Basis des Antifaschismus gegen Mussolini. Caffi formulierte bereits eine grunds\u00e4tzliche Kritik des Nationalstaats und favorisierte stattdessen eine transnationale europ\u00e4ische F\u00f6deration.\u00a0((3))<\/p>\n<p>1935 trat Caffi dann zusammen mit Chiaromonte aus &#8222;Giustizia e Libert\u00e0&#8220; aus. Laut Chiaromonte wollte Caffi &#8222;die Anti-Mussolini-Propaganda auf das Niveau einer europ\u00e4ischen Bewegung heben und positiv zur Erneuerung der libert\u00e4ren und sozialistischen Tradition beitragen&#8220;.\u00a0((4))<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Nazi-Okkupation Frankreichs war Caffi ab Juli 1940 in Toulouse,. Er nahm dort an den Aktivit\u00e4ten italienischer, spanischer als auch franz\u00f6sischer R\u00e9sistance-Gruppen teil und wurde noch sp\u00e4t im Jahre 1944 von den Nazis verhaftet und gefoltert. Wie durch ein Wunder kam er durch die Entlastungsaussage eines korsischen Kollaborateurs frei, der Caffi unter Obdachlosen in Toulouse gekannt hatte und ihn wohl als harmlos einsch\u00e4tzte.\u00a0((5))\u00a0Chiaromonte gibt seinerseits an, dass Caffi bis Februar 1948 in Toulouse geblieben sei. Wie er mit Caffi Verbindung hielt oder nach der Befreiung wieder aufnahm, wie Caffis Text nach New York zu Chiaromonte\/Macdonald kam und sich dann der Briefwechsel Caffi-Macdonald entspann, w\u00e4re noch zu kl\u00e4ren. Als Caffi 1948 nach Paris zur\u00fcckkam, war Chiaromonte bereits seit einem Jahr wieder aus New York zur\u00fcck. Albert Camus lernte Caffi, wahrscheinlich wieder \u00fcber Chiaromonte, in Paris erst pers\u00f6nlich kennen, freundete sich schnell mit ihm an und vermittelte ihm eine Arbeit beim Gallimard-Verlag. In Paris trat Caffi zwischen 1948 und 1950 dem franz\u00f6sischen Zweig der &#8222;Groupes de Liaison internationale&#8220; (GLI; Internationale Verbindungsgruppen) bei, dem auch Camus angeh\u00f6rte und deren US-Zweig die Macdonalds gegr\u00fcndet hatten. Zusammen mit spanischen AnarchistInnen im franz\u00f6sischen Exil machten die GLI Kampagnen f\u00fcr die Freilassung von Gefangenen und f\u00fcr zum Tode Verurteilte in den Gef\u00e4ngnissen Francos und Stalins.\u00a0((6))\u00a0In der Nachkriegszeit beteiligte sich Caffi von Frankreich aus an ersten Initiativen der entstehenden gewaltfreien Bewegung Italiens um Aldo Capitini (1899-1968).\u00a0((7))<\/p>\n<p>Die Aktualit\u00e4t des hier \u00fcbersetzten Textes ergibt sich m.E. aus ann\u00e4hernd historisch vergleichbaren Situationen: Damals war fast die ganze Welt \u00fcber viele Jahre hinweg im Krieg, heute sind gro\u00dfe Teile der Welt ebenfalls seit vielen Jahren im Krieg. Die Frage war damals wie heute: Wie einen gesellschaftlichen Neuanfang schaffen, der mit den Kriegsdynamiken und einer Kultur der Gewaltanwendung auf allen Seiten bricht? Gerade vor seinem eigenen Erfahrungshintergrund ist die gewaltfrei-libert\u00e4re Aufarbeitung und Neuorientierung Caffis ebenso radikal wie bemerkenswert.<\/p>\n<p><b>Lou Marin<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch deutsche Anarchosyndikalisten wie Rudolf Rocker oder Helmut R\u00fcdiger sahen f\u00fcr die BRD unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs keinen Sinn in einer direkten Propaganda f\u00fcr eine gewaltsame, libert\u00e4re Revolution. Sie optierten angesichts der zahlenm\u00e4\u00dfigen Schw\u00e4che der \u00fcbriggebliebenen oder zur\u00fcckgekehrten AnarchosyndikalistInnen f\u00fcr die Beteiligung an Kommunalparlamenten, am Wiederaufbau der Gemeinden und f\u00fcr den Reformismus. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/andrea-caffi-1887-1955\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":504,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Andrea Caffi (1887-1955) - graswurzelrevolution","description":"Auch deutsche Anarchosyndikalisten wie Rudolf Rocker oder Helmut R\u00fcdiger sahen f\u00fcr die BRD unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs keinen Sinn in einer"},"footnotes":""},"categories":[968,1030,1042],"tags":[],"class_list":["post-17184","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-418-april-2017","category-es-wird-ein-laecheln-sein","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17184","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/504"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17184"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17184\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17184"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17184"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17184"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}