{"id":17189,"date":"2017-04-01T00:00:00","date_gmt":"2017-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/ein-gewagtes-vorhaben\/"},"modified":"2022-07-26T12:53:04","modified_gmt":"2022-07-26T10:53:04","slug":"ein-gewagtes-vorhaben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/ein-gewagtes-vorhaben\/","title":{"rendered":"Ein gewagtes Vorhaben"},"content":{"rendered":"<p><b>Der junge Karl Marx, Drama\/Kunstfilm von Raoul Peck, Deutschland 2017, 1h 58m<\/b><\/p>\n<p>Der seit M\u00e4rz 2017 in den Kinos zu sehende Film &#8222;Der junge Karl Marx&#8220; von Raoul Peck macht den Versuch, einen Ausschnitt im Leben eines Theoretikers zu verfilmen, der vor allem durch seine Schriften gewirkt hat. Mir schien es von vorne herein fraglich zu sein, ob das Leben von Karl Marx einen guten Stoff f\u00fcr einen Spielfilm bieten kann. Die andere Frage, die ich mir stellte, war die, wie ein Film Theorien darzustellen vermag, denn dass in einer Biografie von Marx seine Theorien eine bedeutende Rolle spielen m\u00fcssen, ist selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Der Film zeigt eine Zeitspanne von etwa sechs Jahren im Leben von Marx. Er beginnt im Jahre 1842 mit Marx&#8216; Zeitungsartikel zum Holzdiebstahlgesetz und dem Ende der &#8222;Rheinischen Zeitung&#8220; im folgenden Jahr und zeigt anschlie\u00dfend seine Stationen im Exil, \u00fcber Paris und Br\u00fcssel bis nach London. In Paris beginnt die Zusammenarbeit mit Friedrich Engels, dessen eigenes Leben st\u00e4rker thematisiert wird als der Filmtitel vermuten lie\u00dfe. Ein Zentralst\u00fcck des Films ist die B\u00fcndnispolitik von Marx und Engels, zun\u00e4chst \u00fcber die Bekanntschaft mit Proudhon und die Zusammenarbeit mit Weitling, bis hin zur Aufnahme in den &#8222;Bund der Gerechten&#8220;.<\/p>\n<p>Das Ende des Films bildet die Umbenennung des &#8222;Bunds der Gerechten&#8220; in den &#8222;Bund der Kommunisten&#8220; und die Verfassung des Kommunistischen Manifests Anfang 1848.<\/p>\n<h3>Wenig Potenzial, um eine Auseinandersetzung mit Marx anzuregen<\/h3>\n<p>Eines der gr\u00f6\u00dften Probleme des Films ist die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller: Vor allem August Diehl vermag Marx nicht als interessierten und nachdenklichen Intellektuellen darzustellen. Seine Interpretation von Marx entspricht in der Tat dem Titel des Films &#8222;Der junge Karl Marx&#8220;, eine Jungendlichkeit die jedoch nicht aus den Texten des jungen Marx spricht. \u00dcber Stefan Konarske als Friedrich Engels lie\u00dfe sich gleiches sagen. Allgemein machen die beiden h\u00e4ufig den Eindruck, als w\u00fcrden sie sich wenig M\u00fche geben authentisch zu schauspielern und als f\u00fchlten sie sich in ihren Rollen nicht wohl.<\/p>\n<p>Was an marxistischer Theorie erw\u00e4hnt wird, sind die allgemeinsten Aussagen: Es bedarf einer konkreten Analyse der Verh\u00e4ltnisse und keiner abstrakten Kategorien, die Religion ist ungeeignet den Menschen zu erl\u00f6sen, Emanzipation kann nur im politischen Kampf errungen, und nicht durch N\u00e4chstenliebe herbeigef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Der Eindruck von der marxistischen Theorie, der dadurch entsteht, ist nicht etwa der einer komplexen Vielschichtigkeit, sondern einiger ein wenig beliebiger, politischer Positionen. Das mag man dem Film nachsehen, da er eben keine theoretische Abhandlung ist und auch nicht sein kann. Dass das Feuer intellektueller Begeisterung in einem jungen, mit Marx unvertrautem Publikum aber durch eine solche theoretische Abgeschmacktheit, in Kombination mit den etwas naiv wirkenden Verk\u00f6rperungen von Marx und Engels, entfacht werden k\u00f6nnte, ist nur schwer vorstellbar.<\/p>\n<h3>Wenige Erkl\u00e4rungen und wenig Authentizit\u00e4t<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend des ganzen Filmes wird kaum eine Entwicklung in den theoretischen Positionen von Marx dargestellt. Eine Ausnahme bildet Marx&#8216; Zuwendung zur \u00d6konomie. Aber wie wird diese dargestellt? Engels erz\u00e4hlt Marx, dass es nur eines gebe, was es an seinen Schriften auszusetzen gebe, eben dass er sich nicht mit den englischen \u00d6konomen besch\u00e4ftige, das sei aber sozusagen der heilige Gral. Marx erwidert darauf nichts, sondern zieht sich einige Szenen sp\u00e4ter in die Bibliothek zur\u00fcck und vergr\u00e4bt sich in B\u00fcchern. Inhaltliche Begr\u00fcndung: Fehlanzeige. Im zu Beginn des Films zitierten Artikel &#8222;Debatten \u00fcber das Holzdiebstahlgesetz&#8220;\u00a0((1))\u00a0argumentiert Marx, im Gegensatz zu seinen sp\u00e4teren, \u00f6konomischen Schriften, von einem stark juristisch gepr\u00e4gten Standpunkt aus. Dies bleibt jedoch bei nur einem kleinen Zitat und keiner expliziten Thematisierung, oder sp\u00e4teren Kritik, fast unbemerkt. Zudem: Weder die Pariser Manuskripte, noch die Deutsche Ideologie werden auch nur erw\u00e4hnt (sieht man von einem entstellten Zitat der elften Feuerbachthese und vagen Anspielungen ab), obwohl sie in die Zeitspanne fallen, die der Film zeigt und obwohl sie bedeutende Stationen in der theoretischen Entwicklung von Marx darstellen. Statt der Darstellung einer solchen Entwicklung nutzt der Film vielmehr die gesamte L\u00e4nge seiner Handlung um einen groben theoretischen Abriss zu geben, wie dieser oben dargestellt wurde, und wird damit dem Charakter der Biografie eines Theoretikers in keiner Weise gerecht.<\/p>\n<p>Als Anfangspunkt des Films und als Szene, die Marx&#8216; Radikalisierung erkl\u00e4ren soll, wird die Verhaftung der Redaktion der &#8222;Rheinischen Zeitung&#8220; gew\u00e4hlt. Diese hat jedoch in der historischen Realit\u00e4t so niemals stattgefunden; die &#8222;Rheinische Zeitung&#8220; war im April 1843 verboten worden, Marx jedoch hatte die Zeitung bereits am 17. M\u00e4rz verlassen.\u00a0((2))<\/p>\n<p>Der Film nimmt die historische Genauigkeit nicht ernst. Das gilt auch f\u00fcr andere Szenen, wie etwa die des Aufeinandertreffens von Marx und Engels in Paris, wo es so dargestellt wird, als h\u00e4tten sich die beiden das erste Mal in einer Berliner Kneipe getroffen. Dass dieses Treffen in der historischen Wirklichkeit in der Redaktion der &#8222;Rheinischen Zeitung&#8220; stattfand, und Engels im Anschluss auch Artikel f\u00fcr diese verfasste, wird ausgeblendet.\u00a0((3))<\/p>\n<h3>Wenig Atmosph\u00e4re<\/h3>\n<p>&#8222;Der junge Karl Marx&#8220; schafft es nur selten den Zuschauer in die Atmosph\u00e4re von Armut, Klassenkampf und intellektuellem Aufbruch eintauchen zu lassen. Die Filmmusik ist zur\u00fcckhaltend und uninteressant. Sie h\u00e4tte ein Verst\u00e4rker der Begeisterung intellektueller Bet\u00e4tigung und der Spannung politischer Auseinandersetzung sein k\u00f6nnen. Auch eine Illustrierung dramatischer Armut w\u00e4re vorstellbar gewesen. Krasse Armut kommt jedoch gar nicht vor, ihre Darstellung ist wenig eindringlich: Selbst die Familie der gerade gefeuerten Fabrikarbeiterin sitzt abends fr\u00f6hlich und mit reichlich Bier gemeinsam am Tisch. Die ProletarierdarstellerInnen in &#8222;Der junge Karl Marx&#8220; sehen, abgesehen von ein wenig Dreck im Gesicht, so aus, als w\u00e4ren sie von bester Gesundheit &#8211; von M\u00fcdigkeit und k\u00f6rperlichen Gebrechen auf Grund der harten Arbeit ist wenig zu sehen.<\/p>\n<p>Der Zuschauer wird leider auch wenig in den Eifer intellektueller Auseinandersetzungen hineinversetzt. Marx theoretische Gegner, vor allem Proudhon und Weitling, bieten viel Angriffsfl\u00e4che f\u00fcr Kritik, diese muss daher auch nicht besonders scharfsinnig sein. Wenn Weitling davon redet N\u00e4chstenliebe statt Kritik sei der Weg zum Sozialismus, gen\u00fcgt ein m\u00fcdes L\u00e4cheln um dies f\u00fcr den Kinobesucher abzutun. Proudhon indes wei\u00df sich gegen Marx gar nicht zu verteidigen, oder aber nur mit l\u00e4ppischen Bemerkungen. Es wird die Gelegenheit vertan, zumindest bruchst\u00fcckhaft eifrige intellektuelle Diskussionen zu zeigen. So finden auch Feuerbach und Max Stirner, welche eindeutig w\u00fcrdigere Konkurrenten gewesen w\u00e4ren als ein Weitling, nur einmal kurz Erw\u00e4hnung. Bakunin hingegen kommt in zwei Szenen vor, erh\u00e4lt jedoch nicht die Ehre sich theoretisch zu \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Der Film ist weder geeignet ein junges, mit Marx unvertrautes Publikum anzusprechen, noch bietet er viel f\u00fcr all diejenigen, welche sich f\u00fcr eine genauere Auseinandersetzung mit Marx&#8216; Biografie interessieren, noch ist er gute Unterhaltung. Schade, dass dieser Versuch misslang.<\/p>\n<p><b>Emilio Backmann<br \/>\n<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der junge Karl Marx, Drama\/Kunstfilm von Raoul Peck, Deutschland 2017, 1h 58m Der seit M\u00e4rz 2017 in den Kinos zu sehende Film &#8222;Der junge Karl Marx&#8220; von Raoul Peck macht den Versuch, einen Ausschnitt im Leben eines Theoretikers zu verfilmen, der vor allem durch seine Schriften gewirkt hat. 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