{"id":17190,"date":"2017-04-01T00:00:00","date_gmt":"2017-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/es-gibt-kein-zurueck-zur-natur-des-menschen\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:53","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:53","slug":"es-gibt-kein-zurueck-zur-natur-des-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/es-gibt-kein-zurueck-zur-natur-des-menschen\/","title":{"rendered":"Es gibt kein Zur\u00fcck (zur &#8222;Natur des Menschen&#8220;) &#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>1. Die Natur des Menschen ist (und bleibt) unbekannt<\/h3>\n<p>Gemeinhin ist mit der &#8222;Natur des Menschen&#8220; ja so etwas wie sein Wesen gemeint, eine Essenz, die man nicht sieht oder direkt sp\u00fcrt, die aber irgendwie im Hintergrund zu wirken scheint. Im Vordergrund spielt dann Kultur und Politik. Natur wird als unver\u00e4nderlich gedacht, Kultur als dynamisch. Die Natur ist in dieser Vorstellung auch universell (alle Menschen teilen sie), Kultur partikular (also je nach Situation unterschiedlich). Allein wegen dieser Vereinheitlichung, der unterstellten Vorstellung eines von allen gleicherma\u00dfen geteilten Pools an &#8211; ja, was \u00fcberhaupt? Empfindungen, Bed\u00fcrfnissen, Denkweisen? -, sind viele (u.a. Postanarchist*innen) der &#8222;Natur des Menschen&#8220; gegen\u00fcber skeptisch geworden. Dar\u00fcber hinaus stellt sich die Frage: Wie kommt man diesem Wesen, dem ontologischen Status (der &#8222;Seinsweise&#8220;), auf die Spur? Letztlich gelingt dies nur durch Philosophie und andere Kulturtechniken. Was die &#8222;Natur des Menschen&#8220; ist, bleibt also blo\u00df Spekulation. Man kann au\u00dfer gut begr\u00fcndeten Annahmen nichts \u00fcber sie wissen. Deshalb haben die modernen Sozial- und Kulturwissenschaften (mit Ausnahme der Anthropologie) die Frage nach der &#8222;Natur des Menschen&#8220; auch f\u00fcr relativ irrelevant erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Weil man es einfach nicht wei\u00df, sondern nur spekulieren kann, wie etwas (&#8222;der Mensch&#8220;) wirklich ist, interessiert sie &#8211; und mit ihnen den Postanarchismus &#8211; eher, wie etwas (&#8222;der Mensch&#8220;) gemacht wird: Sie fragen bzw. er fragt also nach Produktionsverh\u00e4ltnissen (Marx), nach dem Werden (Gilles Deleuze), nach Entstehungsweisen (also nach &#8222;Genealogien&#8220; im Sinne Michel Foucaults).<\/p>\n<h3>2. Aus der Natur des Menschen folgt nichts notwendiger Weise<\/h3>\n<p>Jede Annahme zur &#8222;Natur des Menschen&#8220; ist demnach auch nichts anderes als eine legitimatorische Erz\u00e4hlung: sie soll bestimmte Praktiken rechtfertigen. Als mit der Aufkl\u00e4rung Gott als letzte Begr\u00fcndung f\u00fcr Ereignisse wie Verhaltensweisen wegfiel, stellten sich die Menschen selbst an seine Stelle. Verschiedene Rechtfertigungen gerieten dabei aber auch in Konflikt miteinander, sie wurden also relativ beliebig: Von Jean-Jacques Rousseau \u00fcber Kropotkin bis hin zu Steinbei\u00df meinten viele emanzipatorisch Gesinnte aus der &#8222;Natur des Menschen&#8220; bestimmte politische Ma\u00dfnahmen und kulturelle Regeln als &#8222;nat\u00fcrlich&#8220; ableiten und andere, etwa staatliche, als &#8222;unnat\u00fcrlich&#8220; brandmarken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dagegen spricht vor allem zweierlei. Erstens ist es illusorisch zu glauben, die &#8222;Natur des Menschen&#8220; w\u00fcrde Jahrtausende langes und sehr dynamisches gesellschaftliches Leben unbeschadet \u00fcberstehen. Anders gesagt: So angeblich nat\u00fcrliche Empfindungen und Bed\u00fcrfnisse wie Ekel und Angst, Scham und Schmerz, Intimit\u00e4t und Feiern, sind allesamt hochgradig kulturell gepr\u00e4gt und \u00fcberformt. Hier werden sie anders gelebt als dort, heute anders beschrieben als fr\u00fcher etc. (Warum ekeln wir uns vor Ratten und nicht vor Eichh\u00f6rnchen? Warum empfinden wir Furzen in der \u00d6ffentlichkeit als unh\u00f6flich? etc.)<\/p>\n<p>Und dar\u00fcber hinaus kann zweitens jede selbst noch so universell konzipierte Annahme zur &#8222;Natur des Menschen&#8220; verschiedene Effekte haben: Sollte &#8222;der Mensch&#8220; von &#8222;Natur aus gut&#8220; sein, und nur durch den Staat gehindert und unterdr\u00fcckt werden, das auch auszuleben &#8211; wie viele Anarchist*innen meinen -, was w\u00fcrde das f\u00fcr welche Situation bedeuten? Es gibt wohl doch sehr verschiedene Ausdrucksweisen dessen, was als urt\u00fcmliche moralische Qualit\u00e4t (&#8222;Gutsein&#8220;) erscheinen kann.<\/p>\n<h3>3. Die Natur des Menschen ist etwas anderes als seine physische Existenz<\/h3>\n<p>Es kommt in dieser Frage des Verh\u00e4ltnisses von Natur und Kultur dann h\u00e4ufig zu einer Bedeutungsverschiebung des Naturbegriffes, auch bei Steinbei\u00df. Pl\u00f6tzlich ist sie, die Natur, nicht mehr das &#8222;Wesen&#8220; des Menschen, sondern seine physische Existenz, etwa in Form von K\u00f6rperlichkeit und Bed\u00fcrfnissen und Begehren. So hofft ja auch Steinbei\u00df (wie viele vor ihm) mit dem &#8222;Zur\u00fcck zur Natur des Menschen&#8220; auf irgendwie bessere politische Regulierungen nach dem Motto: Weil alle nat\u00fcrlicher Weise Hunger haben, sollte es doch einsichtig sein, dass Lebensmittel gerecht verteilt werden m\u00fcssen. Aber aus der einfachen Tatsache eines &#8222;nat\u00fcrlichen&#8220; Bed\u00fcrfnisses (Hunger) folgt politisch notwendig rein gar nichts (etwa eine bestimmte Produktion und Verteilung von Lebensmitteln). Die Bewusstwerdung des Zusammenhangs von Hunger und Lebensmittelverteilung ist im Gegenteil ein kultureller Vorgang par excellence (und auch ohne Bezug auf die Natur des Menschen m\u00f6glich), und die Konsequenzen, die daraus gezogen werden (etwa kontrollierte Produktion und gerechte Verteilung) sind durch und durch politisch. Sich bei der Begr\u00fcndung daf\u00fcr auf die Natur zu berufen, bringt auch &#8211; anders als Steinbei\u00df meint &#8211; keine Vorteile, weil jede\/r sich auf diese Natur und die vermeintlich logische Folgerung berufen kann: &#8222;Zur\u00fcck zur Natur&#8220; kann hier genauso hei\u00dfen, das vermeintliche &#8222;Recht des St\u00e4rkeren&#8220; zur Geltung kommen zu lassen, was ja neoliberale Vordenker wie Friedrich August von Hayek auch vorgef\u00fchrt haben. Gegen diesen Sozialdarwinismus war Kropotkin mit der Idee der Gegenseitigen Hilfe in der Tier- und Menschenwelt zwar angetreten. Dabei wurde aber nur die eine Legitimation gegen die andere gehalten. \u00dcberzeugend ist das nicht.<\/p>\n<p>Die kritischen Sozial- und Kulturwissenschaften sind demgegen\u00fcber &#8211; keineswegs blo\u00df in ihrer postanarchistischen Variante &#8211; immer auch Ent- oder Denaturalisierungsprojekte: Es geht ihnen darum, aufzuzeigen, dass die sozialen Verh\u00e4ltnisse nicht naturgegeben so sind, wie sie sind, sondern von Menschen gemacht wurden. Nur so k\u00f6nnen sie auch als ver\u00e4nderbar beschrieben werden.<\/p>\n<p>Und was die physische Existenz betrifft, so wird sie im Postanarchismus keinesfalls geleugnet oder f\u00fcr unwichtig gehalten. Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler etwa gilt berechtigterweise als Bezugsquelle f\u00fcr postanarchistisches Denken. Sie bezieht sich durchaus auf K\u00f6rper. Als Reaktion auf die Vorw\u00fcrfe, sie w\u00fcrde mit ihrer These des K\u00f6rpers als &#8222;diskursiver Effekt&#8220; leibliche Existenzen leugnen, ver\u00f6ffentlichte sie schon 1993 ein Buch mit dem (nicht ironischen) Titel &#8222;K\u00f6rper von Gewicht&#8220; (&#8222;Bodies that matter&#8220;). Darin besch\u00e4ftigt sie sich &#8211; entsprechend des Blicks auf Entstehungsformen und Produktionsverh\u00e4ltnisse &#8211; mit &#8222;Materialisierungen&#8220;, also mit der Frage, wie K\u00f6rper zu dem werden, was sie sind. (Es gibt hier also auch eine 25j\u00e4hrige Debatte, auf die Steinbei\u00df mit keinem Wort verweist.) Materialisierungen entstehen demnach unm\u00f6glich au\u00dferhalb gesellschaftlicher Normen. Anders gesagt: Kultur ist immer schon da, wenn wir uns mit Natur besch\u00e4ftigen. Die (postanarchistische) Besch\u00e4ftigung mit Kultur statt Natur kann also durchaus auch materialistisch genannt werden, eben weil sie Materialisierungen und ihre Produktionsverh\u00e4ltnisse in den Fokus r\u00fcckt.<\/p>\n<p>Und letztlich ist es auch eine Errungenschaft gegen\u00fcber politisch rechten &#8211; rassistischen und sexistischen &#8211; Konzepten, physische Existenz und soziale Praktiken als unabh\u00e4ngig voneinander zu betrachten: Geb\u00e4rf\u00e4higkeit bringt eben nicht besondere F\u00e4higkeiten oder gar die Notwendigkeit zur Kinderbetreuung mit hervor, auch hat Hautfarbe nichts mit intellektuellen oder musikalischen Potenzialen zu tun.<\/p>\n<h3>4. Die Natur des Menschen ist auch etwas anderes als der Mensch in der (oder als Teil der) Natur<\/h3>\n<p>Auf die Verschiebung von Wesen zu K\u00f6rper folgt dann oft, ebenso im Text von Steinbei\u00df, eine weitere Bedeutungsverschiebung des Naturbegriffes: Nun ist weder &#8222;Wesen&#8220;, noch &#8222;K\u00f6rper&#8220;, sondern &#8222;Umwelt&#8220; damit gemeint. Wobei durchaus unterstellt wird, alle drei Ebenen seien direkt miteinander verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Niemand behauptet, dass der Mensch nicht Teil der Natur ist, wenn damit die physischen Existenzbedingungen &#8211; von der Luft zum Atmen angefangen &#8211; gemeint sind. \u00d6kologisch, aber auch sozial und kulturell ist kein Mensch unabh\u00e4ngig \u00fcberlebensf\u00e4hig. Das zu behaupten, w\u00e4re empirisch wie theoretisch einfach Unsinn. Deshalb behaupten auch PostanarchistInnen das nicht. Etwas anderes aber ist es, zu fordern, die &#8222;Menschen (wieder) als Teile nat\u00fcrlicher Zyklen zu begreifen und so der \u00f6kologischen Katastrophe besser entgegenzuwirken, die das gesamte Leben auf diesem Planeten bedroht&#8220;. Diese Herangehensweise, behauptet Steinbei\u00df, &#8222;w\u00e4re, schlicht und ergreifend, brauchbarer als ihr postmoderner Konterpart&#8220;.<\/p>\n<p>Vor allem der letzten Behauptung, der politischen Schlussfolgerung, ist zu widersprechen. Was auch immer &#8222;nat\u00fcrliche Zyklen&#8220; sein sollen, deren Teil die Menschen sind &#8211; aus der Anerkennung dieser Teilhabe muss nicht notwendiger Weise politisch etwas folgen, und schon gar nicht unbedingt Gutes. Anders gesagt: Selbst wenn ich sehe, dass ich Teil des Kosmos bin &#8211; was ja auch nur durch Reflexion, also eine Kulturtechnik zu sehen ist -, kann ich mich dennoch wie eine \u00f6kologische Drecksau verhalten, und zwar einfach, weil ich \u00fcber (wie auch immer \u00f6konomisch und kulturell eingeschr\u00e4nkte) Entscheidungsgewalt verf\u00fcge. Auch Traditionsanarchist*innen fliegen mal mit dem Flugzeug in den Urlaub und essen Fleisch, obwohl sie um ihr Teil-der-Welt-Sein bestens Bescheid wissen.<\/p>\n<p>Zwischen einem angenommenen &#8222;Wesen des Menschen&#8220; und den (im \u00dcbrigen auch sehr verschiedenen) k\u00f6rperlichen Existenzweisen und der Frage nach der Praxis innerhalb von Umweltbedingungen lassen sich sicherlich irgendwelche Zusammenh\u00e4nge konstruieren. Aber eindeutig, kausal und logisch eindimensional sind sie wohl nie.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend also kurz und polemisch: Der R\u00fcckbezug auf die &#8222;Natur des Menschen&#8220; bringt f\u00fcr emanzipatorische Politik \u00fcberhaupt keine Vorteile und sollte sogar tunlichst gemieden werden. Er wird f\u00fcr die Rechtfertigung emanzipatorischer Vorstellungen und Praxis nicht gebraucht. Denn \u00fcber Sinn und Bedeutungen von Ereignissen und Empfindungsweisen wird in sozialen und kulturellen K\u00e4mpfen entschieden &#8211; letztlich ist das Kultur: Praktiken und Prozesse von Sinn- und Bedeutungsgebung -, sie liegen nicht irgendwo verborgen im Wald herum.<\/p>\n<p><b>Oskar Lubin<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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