{"id":17195,"date":"2017-05-01T00:00:00","date_gmt":"2017-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/05\/hoffnung-trotz-terror-und-krieg-in-syrien\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:05","slug":"hoffnung-trotz-terror-und-krieg-in-syrien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/05\/hoffnung-trotz-terror-und-krieg-in-syrien\/","title":{"rendered":"Hoffnung trotz Terror und Krieg in Syrien"},"content":{"rendered":"<p>Die Situation in Syrien ist so un\u00fcbersichtlich wie grausam. Die Sch\u00e4tzungen der get\u00f6teten Menschen belaufen sich inzwischen auf 470.000 (NGO SCPR). Von den rund 21 Millionen Menschen Syriens ist die H\u00e4lfte auf der Flucht, f\u00fcnf Millionen fl\u00fcchteten au\u00dfer Landes, weit \u00fcber sechs Millionen suchten innerhalb der Grenzen nach einem anderen, sichereren Ort. Die Lage ist f\u00fcr die Geflohenen und f\u00fcr die in den Kampfgebieten verbliebenen Menschen katastrophal und gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Hoffnung gibt es dagegen im Norden des Landes:<\/p>\n<p>Seit das Assad-Regime dort im Verlauf des B\u00fcrgerkriegs 2013 weitgehend seinen Einfluss verlor, versuchen die Menschen, ihre Gesellschaft neu zu organisieren. Die Widerst\u00e4nde sind immens. Sie mussten sich dabei unter Einsatz ihres Lebens gegen die Al-Kaida-nahe Al-Nusrah (jetzt Dschabhat Fatah asch-Scham) durchsetzen und aussichtsreich den IS bek\u00e4mpfen. Zudem sind sie ebenso einer st\u00e4ndigen Bedrohung von Seiten des t\u00fcrkischen Staates ausgesetzt.<\/p>\n<p>Das mehrheitlich von KurdInnen bewohnte Gebiet erkl\u00e4rte sich im M\u00e4rz 2016 zur Autonomen F\u00f6deration Nordsyrien-Rojava.<\/p>\n<p>Es erstreckt sich von der kurdischen Region Nord-Irak im Osten, \u00fcber ca. 450 Km entlang der t\u00fcrkischen Grenze im Norden, bis Koban\u00ea und Minbic. Nur noch ca. 30 Kilometer trennen die \u00f6stlichen Kantone Koban\u00ea und Cesire vom westlich gelegenen dritten Kanton Efrin.<\/p>\n<h3>Hohe gesellschaftliche Ziele unter Kriegsbedingungen<\/h3>\n<p>Die sozialen Ziele in Rojava sind hoch gesteckt: der Aufbau basisdemokratischer Strukturen, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Neuaufbau und friedliches Zusammenleben mit arabischen und assyrischen Mitmenschen.<\/p>\n<p>Das Verbot der Todesstrafe und die Religionsfreiheit stehen diametral der menschenverachtenden IS-Ideologie gegen\u00fcber. Die k\u00e4mpfenden Einheiten Rojavas, die Volksverteidigungseinheiten YPG und auch die Frauenverb\u00e4nde YPJ, haben mit der R\u00fcckeroberung von Koban\u00ea und durch die Befreiung der Jesiden internationale Ber\u00fchmtheit erlangt. Durch ihre milit\u00e4rischen Erfolge und ihre Schlagkraft gegen die Islamisten sind sie zu einem entscheidenden B\u00fcndnispartner des westlichen Milit\u00e4rb\u00fcndnisses avanciert.<\/p>\n<p>Dieses taktische B\u00fcndnis mit den USA, (ebenso wie eine strategische Zusammenarbeit mit Russland) sichert nicht nur die M\u00f6glichkeit von Luftangriffen gegen IS-Stellungen, sondern stellt auch einen wichtigen Faktor gegen das aggressive Vorgehen der t\u00fcrkischen Regierung dar. Diese versucht alles, um eine Vereinigung der Kantone Rojavas zu unterbinden.<\/p>\n<p>Die strategischen B\u00fcndnisse sind eine schwierige, aber notwendige Jonglage.<\/p>\n<p>Nichts ist der t\u00fcrkischen Regierung unter Staatspr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdo?an mehr verhasst, als ein sich vergr\u00f6\u00dferndes und zusammenh\u00e4ngendes Gebiet unter kurdischem Einfluss, direkt an der S\u00fcdgrenze der T\u00fcrkei.<\/p>\n<p>Die Folge: eine geschlossene Grenze, die Abriegelung von Hilfslieferungen bis hin zur Drohung, die milit\u00e4rische Intervention auszuweiten. Zurzeit errichtet die t\u00fcrkische Regierung eine Mauer entlang der Grenze zu Rojava, vor den bereits bestehenden meterhohen NATO-Drahtverhauen, den Wacht\u00fcrmen und Panzern auf syrischem Boden, der zu diesem Zweck zuvor okkupiert wurde. Es ist jedoch nicht nur die geschlossene Grenze zur T\u00fcrkei, die Probleme bereitet.<\/p>\n<p>Die N\u00e4he zur kurdischen Arbeiterpartei PKK und das Bestreben in Rojava ein selbstverwaltetes politisches System errichten zu wollen, wird auch im benachbarten kurdischen Nord-Irak, als politische Konkurrenz betrachtet.<\/p>\n<p>Vor allem der hier dominierende Barsani-Clan pflegt ein gutes kooperierendes Verh\u00e4ltnis zur T\u00fcrkei und der USA.<\/p>\n<p>Die Folge: Auch hier ist die Grenze nicht wirklich offen, auch hier kommt es immer wieder zu Schwierigkeiten in Fragen der Versorgung und auch beim Grenz\u00fcbertritt.<\/p>\n<p>Eine Embargopolitik, die vor allem f\u00fcr die Kranken und Verletzten Rojavas h\u00e4ufig t\u00f6dlich ist.<\/p>\n<h3>Die Rahmenbedingungen: Macht- und Einfluss Zonen, Stellvertreterkriege<\/h3>\n<p>Im M\u00e4rz 2011 begann mit Protesten gegen das Regime von Staatschef Baschar al-Assad der B\u00fcrgerkrieg in Syrien. Der Konflikt, eskaliert durch die blutige Verfolgung der Opposition, stand von Anfang an massiv unter dem Einfluss internationaler M\u00e4chte und Interessen. Seit Sommer 2011 schlossen sich vor allem sunnitische Gruppen zur Freien Syrischen Armee (FSA) zusammen. Da die FSA zum Teil aus sogenannten gem\u00e4\u00dfigten K\u00e4mpfern bestand, die in Opposition zum Assad-Regime standen und gleichzeitig auch Gegner des IS waren, wurde sie zum Ansprechpartner und Hoffnungstr\u00e4ger des Westens. Dahinter stand das Ziel, sich nach Beendigung des Krieges, einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Einfluss bzw. sich Einflusszonen in Syrien sichern zu k\u00f6nnen. Die USA, Gegner Assads, unterst\u00fctzte die FSA und f\u00fchrt milit\u00e4risch seit September 2014 das &#8222;westliche&#8220; Milit\u00e4rb\u00fcndnis (inklusive Deutschland) gegen den im Verlauf des Aufstands entstandenen IS und gegen den Al-Kaida-Ableger Al-Nusra. Russland geht seit September 2015 milit\u00e4risch gegen die Gegner der Assad-Regierung und gegen den IS vor. Auf Seiten Assads stehen ferner der schiitische Iran und die von diesem gest\u00fctzte libanesische Hisbollah. Im Verlauf der Auseinandersetzungen, sp\u00e4testen mit dem Engagement Russlands, verlor die FSA an Einfluss und Gebiet, ebenso wie an zentraler Machtstruktur.<\/p>\n<p>In eine Vielzahl lokaler Einheiten zerfallen, wuchs gleichzeitig der Einfluss radikal-islamischer Gruppen. Unterst\u00fctzung finden davon salafistische Fraktionen und die Muslimbruderschaft von Saudi-Arabien und Katar. Die T\u00fcrkei unter dem Staatspr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdo?an, fr\u00fcher in M\u00e4nnerfreundschaft mit Assad verbunden, wandelte sich im Konflikt zu dessen Gegner. Sie duldete und unterst\u00fctze lange den IS als Gegner Assads, bis sie unter internationalen Druck und selber ins Visier des &#8222;Islamischen Staates&#8220; geriet.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei unterst\u00fctzt K\u00e4mpfer der FSA und turkmenische Einheiten und setzt diese seit August 2016 gezielt in der Auseinandersetzung gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und deren Verb\u00fcndete in den Demokratischen Kr\u00e4ften Syriens (SDF) ein.<\/p>\n<p>Die Strategie des &#8222;Euphrat Shields&#8220;, mit massivem Einsatz t\u00fcrkischer Truppen auf syrischem Gebiet, sollte die Vereinigung des westlichen Rojavagebiets Efrin mit dem \u00f6stlichen Kanton Koban\u00ea um jeden Preis verhindern.<\/p>\n<h3>Rojava &#8211; medizinische Versorgung in Kriegszeiten<\/h3>\n<p>&#8222;Die medizinische Versorgung im Kriegszustand ist ein riesiges Problem, umso mehr, wenn diese Aufgabe unter Embargo-Bedingungen gel\u00f6st werden muss&#8220;, sagt Dr. Sherwan, Zahnarzt und Aktivist bei Herva Sor a Kurd (HSaK), dem kurdischen Roten Halbmond. Ich kenne ihn seit meiner ersten Reise nach Rojava im Jahr 2014. Die unabh\u00e4ngige zivile Hilfsorganisation kooperiert eng mit dem neu etablierten Gesundheitssystem, baute in den vergangenen Jahren zahlreiche Ambulatorien und Polykliniken in Rojava auf, transportiert Verletzte und betreibt Apotheken, die den \u00e4rmeren Teil der Bev\u00f6lkerung mit kostenlosen Medikamenten versorgen.<\/p>\n<p>Das Gesundheitssystem Rojavas ist f\u00fcr gesch\u00e4tzte vier Millionen Menschen zust\u00e4ndig, die hier beheimatet sind oder vor dem IS Zuflucht gefunden haben. Behandelt werden m\u00fcssen nicht nur die \u00fcblichen Grunderkrankungen, sondern auch verletzte K\u00e4mpfer und K\u00e4mpferinnen. Krankenh\u00e4user sind oft zerst\u00f6rt und medizinisches Personal ist knapp; \u00c4rztinnen und \u00c4rzte wurden get\u00f6tet und viele haben das Land verlassen.<\/p>\n<h3>&#8222;Meister der Improvisation und Mangelverwaltung&#8220;<\/h3>\n<p>&#8222;Wir haben gelernt mit Schwierigkeiten umzugehen- wir geben unser Bestes&#8220;, sagt der 28-j\u00e4hrige Sherwan. &#8222;Alles ist weiterhin knapp &#8211; nicht nur Medikamente, sondern auch Ersatzteile und medizinisches Material.&#8220; Bestimmte Behandlungen k\u00f6nnen gar nicht, oder nur unter gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten durchgef\u00fchrt werden. Zum Beispiel Krebstherapien oder auch Dialysebehandlung. &#8222;Wir sind hier alle Meister der Improvisation und der Mangelverwaltung.&#8220; Das ist auch mein Eindruck auf meiner vorletzten Reise nach Rojava, im Sp\u00e4tsommer 2016, wir helfen im Hospital von Koban\u00ea. Tausende EinwohnerInnen sind zur\u00fcckgekehrt in eine verw\u00fcstete Stadt, die 2014 den Angriffen des IS trotzte. Unz\u00e4hlige Opfer machten Koban\u00ea zu einem Symbol des Widerstands. Nur wenige Menschen lebten noch unter den Tr\u00fcmmern, als der IS die Belagerung aufgeben musste. Der Aufbau der Stadt erfolgt seitdem aus eigener Kraft. Die Zur\u00fcckkehrenden, die in der T\u00fcrkei oder in sicheren Teilen Rojavas Zuflucht gefunden hatten, erhalten zu wenig Unterst\u00fctzung von au\u00dferhalb. Hilfe kommt ausschlie\u00dflich von Nichtregierungsorganisationen oder von im Ausland lebenden Kurden\/Kurdinnen, die mit Material- und Geldspenden helfen. In Koban\u00ea hat sich viel ver\u00e4ndert. Seit meinem Besuch 2015 hat sich nicht nur die Ausstattung der Klinik verbessert, viele Ruinen des zu rund 90 Prozent zerst\u00f6rten Stadtzentrums wurden eingeebnet, um Raum zu schaffen f\u00fcr neue Stra\u00dfen, H\u00e4user und Pl\u00e4tze. Der \u00dcberlebenswille der Menschen ist beeindruckend, die neuen Geb\u00e4ude sind nur der sichtbare Teil ihrer Aufbauleistung. Alles muss neu organisiert werden: die Energie- und Trinkwasserversorgung, ebenso wie das Schul- und Gesundheitssystem.<\/p>\n<h3>Krieg gegen den IS<\/h3>\n<p>Es ist August 2016 und es ist gnadenlos hei\u00df, auch \u00fcber dem Hospital steht die Luft. Die Verletzten von der belagerten Stadt Minbic kommen in zum Teil dichter Folge, Tag und Nacht. Schwestern, Pfleger und MedizinerInnen schuften rund um die Uhr. Der IS ist zu diesem Zeitpunkt im Zentrum der Stadt eingeschlossen und hat die Geb\u00e4ude vermint. An einem Tag werden uns in einem Zeitraum von nur einigen Stunden neun Schwerverwundete gebracht. Trotz aller Bem\u00fchungen sind zwei Menschen nicht mehr zu retten. Die anderen k\u00f6nnen wir zumindest am Leben halten.<\/p>\n<p>Explodierende Granaten zerfetzen K\u00f6rperteile oder treiben eine Vielzahl Fremdk\u00f6rper in den Leib der Opfer. Verbrannte, von Projektilen durchschlagene K\u00f6rper, abgetrennte Gliedma\u00dfen &#8211; grauenhafte Bilder, die abzubilden nicht zumutbar ist. Nach einer Woche fahren wir weiter, zu einem 1,5 Stunden entfernten improvisierten Verbandsplatz hinter der Front. Hierher werden die Verwundeten von den vorderen Linien gebracht. Schwerstverletzte und Tote auf Pickups- w\u00e4hrend wir uns um die Ersteren k\u00fcmmern und versuchen sie f\u00fcr den Weitertransport zu stabilisieren, steht f\u00fcr die letzteren ein K\u00fchlwagen bereit, der die Leichen nach Koban\u00ea bringt. Viele Schussverletzte durch Sniper, aber vor allem Opfer von Sprengfallen und Minen, nicht nur K\u00e4mpferInnen, sondern auch zivile Opfer, darunter Kinder. Auch verwundete IS-K\u00e4mpfer werden versorgt. Es fehlt an vielem, an Ausr\u00fcstung und an ausgebildetem Personal. F\u00fcr Sch\u00e4del-Hirn Verletzte z.B., die im Koban\u00ea Hospital nur zwischenversorgt werden k\u00f6nnen, bedeutet dies eine stundenlange Verlegung nach Qamislo im Osten \u00fcber Holperstra\u00dfen, bei der sie zudem nur von Hand beatmet werden k\u00f6nnen. Es fehlt an neurochirurgischen Kr\u00e4ften wie an Beatmungsger\u00e4ten. Au\u00dferdem: Helfer, die oft hilflos sind angesichts dieses Desasters. Es sei schon seit Wochen so, bekomme ich gesagt, alle seien am Ende. Ich bewundere die Menschen, die \u00fcber so lange Zeit diese Arbeit verrichten. Die Ersch\u00f6pfung ist ihnen anzusehen.<\/p>\n<h3>K\u00f6rperliche und psychische Traumata<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend ich nur zwei Wochen im Gebiet bin, arbeiten andere \u00fcber Monate, ja zum Teil \u00fcber Jahre unter diesen Bedingungen. Eine Arbeit, die ihre Spuren hinterl\u00e4sst. Die Frauen und M\u00e4nner geben meist alles, um anderen zu helfen und vergessen dabei ihre eigenen k\u00f6rperlichen und psychischen Grenzen. Die Achtsamkeit gegen\u00fcber der eigenen Befindlichkeit und den eigenen Ressourcen bleibt gerade unter Kriegsbedingungen auf der Strecke.<\/p>\n<p>Am Beispiel von Jamila wird klar, worum es geht: Sie arbeitet seit einem halben Jahr im Krankenhaus von Koban\u00ea, oft rund um die Uhr, der Krieg kennt keine geregelten Arbeitszeiten und die Personaldecke ist zu d\u00fcnn, um ein Schichtsystem einzuf\u00fchren. Mit ihren 26 Jahren geh\u00f6rt Jamila zu den jungen Aktiven und ist doch erfahren um Umgang mit Schwerstverletzten und Sterbenden. Abgerissene Gliedma\u00dfen sind ihr ebenso vertraut wie das Klagen der Angeh\u00f6rigen der Get\u00f6teten. &#8222;Ich habe so vieles gesehen&#8220;, sagt Jamila, &#8222;aber der Kampf gegen Daesch (IS) ist eben so&#8220;. Sie spricht leise und verhalten, nicht aufgeregt. Und doch ist sp\u00fcrbar, dass Jamila am Ende ist. Sie ist dem Zusammenklappen gef\u00e4hrlich nahe, muss dringend abgel\u00f6st und von der Arbeit entlastet werden. Bei vielen HelferInnen droht der eigene Enthusiasmus in \u00dcberforderung und Burn-Out zu enden.<\/p>\n<p>Zusammen mit Verantwortlichen von Herva Sor a Kurd und der italienischen NGO UPP entsteht der Plan zur Entwicklung eines Trainings f\u00fcr Psychosoziales Selbstmanagement und Psychische Erste Hilfe, ein Programm, das helfen soll, der \u00dcberforderung zu begegnen.<\/p>\n<p>Im Februar 2017 startete der erste Kurs, 20 meist junge VertreterInnen von Herva Sor sind nach Derik gereist. Sie kommen aus Koban\u00ea, Serekanye, Tal Tamir und Qamislo, alle gr\u00f6\u00dferen Ortsgruppen des Kurdischen Roten Halbmondes haben Delegierte entsandt. Der \u00dcbersetzer hat viel zu tun &#8211; deutsch, kurdisch, powerpoint in arabischer Schrift. Es geht um Gruppenstrukturen, um Stress und sch\u00fctzende, stabilisierende Faktoren, ebenso wie um Belastendes und den Umgang damit. Auch soziale und famili\u00e4re Konflikte kommen zur Sprache. Die Region ist im Umbruch, verkrustete Moralvorstellungen und neugewonnene Freiheit f\u00fchren zum Teil zu enormen Spannungen. \u00dcber Schw\u00e4chen zu reden, f\u00e4llt den TeilnehmerInnen des Kurses nicht leicht: Zu sehr lastet auf den teils fronterfahrenden M\u00e4nnern und Frauen der Druck, funktionieren zu m\u00fcssen. Burn-out und Depression haben als Bedrohung einen anderen Stellenwert in einem Land, in dem Explosionen und Sch\u00fcsse Alltag sind. Stressmanagement &#8211; anfangs nur ein Fremdwort &#8211; wird jedoch im Verlauf des Trainings und in der Auseinandersetzung mit der allt\u00e4glichen Lebensrealit\u00e4t der Anwesenden zur Option, Gefahren zu vermindern.<\/p>\n<p>Ein psychisches Trauma kann schwerere und auch l\u00e4ngere Sch\u00e4den setzen als eine Schussverletzung. Die Delegierten von Herva Sor, eher auf k\u00f6rperliche Verletzungen und Krankheiten geeicht, lernen einiges in diesen Tagen, \u00fcber mentale St\u00f6rungen, \u00dcberforderung und wie man sich davor sch\u00fctzt &#8222;leer zu brennen&#8220;. Bezeichnend ist, dass es wiederum eine Nichtregierungsorganisation ist, die den Kurs finanziert und sich in Zusammenarbeit mit dem Kurdischen Roten Halbmond darum bem\u00fcht, M\u00f6glichkeiten der psychosozialen Betreuung zu etablieren, die so dringend ben\u00f6tigt wird. Nicht nur die akut Verletzten und die dauerhaft Verst\u00fcmmelten, sondern auch die seelisch Verwundeten brauchen Hilfe. Die Auf- und Bearbeitung von psychischen Traumata ist eine unverzichtbare Aufgabe. Das Erkennen schwerer psychischer St\u00f6rungen und die Einleitung erster Behandlungsschritte schlie\u00dfen den Kurs ab. Wie bitter n\u00f6tig diese Basiskenntnisse sind, wird mir erneut vor Augen gef\u00fchrt, als ich tags darauf das Fl\u00fcchtlingslager bei Al Hawl betrete. 14.000 Menschen, fast ausschlie\u00dflich arabischer Herkunft, sind vor den K\u00e4mpfen um die irakische Gro\u00dfstadt Mosul in den S\u00fcden Rojavas geflohen. Die Zelte stehen bis zum Horizont.<\/p>\n<p>Das Fl\u00fcchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) plant hier weitere Kapazit\u00e4ten f\u00fcr mehr als 40.000 Menschen. Betreut werden sie ausschlie\u00dflich vom UNHCR, internationalen und lokalen Hilfsorganisationen. F\u00fcr die medizinische Versorgung sind ausschlie\u00dflich die HelferInnen und \u00c4rztInnen von Herva Sor a Kurd zust\u00e4ndig. Eine einzelstaatliche oder auch europ\u00e4ische Unterst\u00fctzung sucht man vergebens.<\/p>\n<p>Die Menschen stehen vor gewaltigen Aufgaben. Im Camp ist es bitterkalt in diesen Tagen, die Temperaturen fallen nachts bis weit unter den Gefrierpunkt. Es sind Helferinnen wie ?Jamila, die sich hier verausgaben und meist auf ein eigenes Studium und eine Ausbildung verzichten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Zum Kotzen ist die Skrupellosigkeit europ\u00e4ischer und deutscher Politiker, die vollmundig die Rede von der notwendigen Verbesserung der Lebensbedingungen vor Ort im Munde f\u00fchren, aber nichts Positives unternehmen. Wer es ernst meinte mit der Aussage &#8222;Fluchtursachen vermeiden&#8220; zu wollen, m\u00fcsste seinen Worten Taten folgen lassen.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re ein Leichtes, Medikamente, Baumaterial und Maschinen f\u00fcr den Wiederaufbau zu liefern. Die Maximen der Politik sind jedoch andere: Die Bedenken, mit der Unterst\u00fctzung der PKK-nahen KurdInnen Nordsyriens die T\u00fcrkei vor den Kopf zu sto\u00dfen und damit den NATO-Partner zu verprellen, stehen weit \u00fcber der Notwendigkeit, konkrete Hilfe zu gew\u00e4hren. Als B\u00fcndnispartner und Hauptakteur im Kampf gegen den IS sind die K\u00e4mpferInnen der YPG gefragt, aber in der BRD sind ihre Symbole seit Februar 2017 ebenso verboten wie die PKK.<\/p>\n<h3>Rojava ist eine Herausforderung<\/h3>\n<p>Rojava ist Hoffnung und Perspektive, es ist die Alternative gegen\u00fcber den autorit\u00e4ren Regimen des Nahen Ostens und ebenso eine Alternative zur Profitorientierung des Westens. Unter Embargo und Kriegsbedingungen, arbeiten die Menschen am Aufbau neuer gesellschaftlicher Strukturen mit gro\u00dfem Mut und Begeisterung.<\/p>\n<p>Die Organisierung ist umfassend und alle Bereiche betreffend. Sie ist einerseits basisdemokratisch, Dorf und Stadtteilkomitees entscheiden mit, ebenso wie eigene Frauenstrukturen, aber auch unverkennbar beeinflusst von der PKK. Die allgegenw\u00e4rtige kultartige Verehrung Apos, des F\u00fchrers Abdullah \u00d6calan, ist f\u00fcr anarchistisch orientierte Menschen befremdend. Sein Bild findet sich \u00fcberall, selbst in Frauenzentren ziert es die W\u00e4nde. Er h\u00e4ngt dort, so wurde mir auf meine Frage des Warums beschieden, nicht als Mann, sondern als Symbol des Widerstands und der Revolution. Seit 1999 in der T\u00fcrkei inhaftiert, haben sich die Positionen \u00d6calans gewandelt, \u00fcber den Marxismus-Leninismus, die Kritik am realen Sozialismus, bis hin zum demokratischen Konf\u00f6deralismus, beeinflusst von den Schriften des \u00d6ko-Anarchisten Murray Bookchin und der kritischen Theorie. Ohne Zweifel gibt er vielen Kraft, er ist wesentliches Gesicht des gesellschaftlichen Wandels, das mentale Unterst\u00fctzung gibt und dessen Theorien praktischen Niederschlag im gesellschaftlichen Wandel haben. Und ohne den es Rojava in dieser Form so nicht g\u00e4be. Die Verehrung ist gro\u00df und es gibt Gr\u00fcnde daf\u00fcr. Und doch ist der Schritt von Respekt und Verehrung zum zweifellosen Gehorsam nicht weit. So erntete ich bei einigen TeilnehmerInnen des Psychosozialen Trainings ungl\u00e4ubiges Staunen, als ich behaupte, dass es notwendig ist, alles und jeden zu hinterfragen und dass es erlaubt und sinnvoll ist, Autorit\u00e4ten in Frage zu stellen. Auch Apo. Es gibt Diskussionen &#8211; und das ist gut so. Die emanzipativen Ver\u00e4nderungen sind jung, sie begannen f\u00fcr viele erst seit der Seinswerdung von Rojava. Und sie sind mit erheblichen Umbr\u00fcchen und Auseinandersetzungen mit den bis vor wenigen Jahren ungebrochen g\u00fcltigen autorit\u00e4ren Mustern einer machistischen Clangesellschaft verbunden. Gemessen an der Ausgangssituation und der K\u00fcrze der Zeit sind die erreichten Ver\u00e4nderungen allerdings erstaunlich.<\/p>\n<p>So gro\u00df die Herausforderung einer gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung im Innern ist, so schwierig gestaltet sie sich in der Auseinandersetzung mit den umgebenden M\u00e4chten.<\/p>\n<p>Rojavas Situation stabilisiert sich einerseits durch zunehmende Strukturierung im Inneren, andererseits durch seine milit\u00e4rische St\u00e4rke nach au\u00dfen, die sich vor allem in der Zur\u00fcckdr\u00e4ngung des IS ausdr\u00fcckt. Ohne Zweifel ist es der letztere Faktor, der bis jetzt verhindert hat, dass Rojava zwischen den Interessen der umgebenden und den am Syrienkrieg beteiligten Gro\u00dfm\u00e4chte zerrieben wird. Es erfordert bewundernswertes Geschick, sich gegen Gestalten wie Assad und Erdo?an zu behaupten, gegen den IS vorzugehen und gleichzeitig strategische B\u00fcndnisse mit den USA und Russland einzugehen, ohne sich jedoch an zweifelhafte Partner zu verkaufen bzw. sich von diesen abh\u00e4ngig zu machen. Es ist zu hoffen, dass es den Menschen Rojavas gelingt ihre Unabh\u00e4ngigkeit zu bewahren. Sie haben jede erdenkliche Unterst\u00fctzung verdient.<\/p>\n<p><b>Michael Wilk<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Situation in Syrien ist so un\u00fcbersichtlich wie grausam. Die Sch\u00e4tzungen der get\u00f6teten Menschen belaufen sich inzwischen auf 470.000 (NGO SCPR). Von den rund 21 Millionen Menschen Syriens ist die H\u00e4lfte auf der Flucht, f\u00fcnf Millionen fl\u00fcchteten au\u00dfer Landes, weit \u00fcber sechs Millionen suchten innerhalb der Grenzen nach einem anderen, sichereren Ort. 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