{"id":17197,"date":"2017-05-01T00:00:00","date_gmt":"2017-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/05\/die-regierung-spuert-dass-ihr-die-macht-entgleitet\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:05","slug":"die-regierung-spuert-dass-ihr-die-macht-entgleitet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/05\/die-regierung-spuert-dass-ihr-die-macht-entgleitet\/","title":{"rendered":"Die Regierung sp\u00fcrt, dass ihr die Macht entgleitet"},"content":{"rendered":"<p><b>Nihan Acar: Hallo Naciye, erz\u00e4hlst du uns bitte ein wenig \u00fcber dich? Was ist dein Beruf? In welcher Institution hast du gearbeitet?<\/b><\/p>\n<p>Naciye Erta\u015f: Mein Name ist Naciye Erta\u015f. Ich hab 22 Jahre lang im \u00f6ffentlichen Dienst gearbeitet. 1994 habe ich mit 18 Jahren meinen Abschluss an der Health Care High School gemacht und angefangen als Hebamme zu arbeiten. Ich habe mich im Bereich Pflege weiterqualifiziert und an der Health Care High School noch einen weiteren Studiengang belegt. In der Zwischenzeit arbeitete ich weiterhin als Hebamme im \u00f6ffentlichen Dienst. Die Pflegeberufe bieten sich ja f\u00fcr Nachtschichten an, daher konnte ich nachts arbeiten und tags\u00fcber zur Schule gehen. Seit meinem f\u00fcnfzehnten Lebensjahr verstehe ich mich als Atheistin. Ich habe keine Beziehungen irgendwelcher Art zu religi\u00f6sen Institutionen oder zur Religion. Ich bin Mitglied der Gewerkschaft SES (Gewerkschaft f\u00fcr Gesundheit und Soziales), welche wiederum dem Gewerkschaftsbund KESK (Konf\u00f6deration der Gewerkschaften des \u00d6ffentlichen Dienstes) angeh\u00f6rt. Seit zehn Jahren verstehe ich mich als Feministin. Ich k\u00e4mpfe f\u00fcr ein Ende der Gewalt gegen Frauen, ich nehme an von Frauen organisierten Demonstrationen teil, und ich wehre mich gegen die M\u00e4nnlichkeitsdiskurse der Regierung. In diesem Bereich versuche ich etwas zu bewegen. Ich habe meine politischen Ansichten auch am Arbeitsplatz offen ausgedr\u00fcckt und wurde deshalb auf der Arbeit gemobbt. Infolge dessen musste ich mich auf eine andere Stelle versetzen lassen. Formal war der Versetzungsantrag meine eigene Entscheidung, aber in Wirklichkeit hatte ich keine andere Wahl und war gezwungen, um meine Versetzung zu bitten. Ich bewarb mich um eine Anstellung in einer anderen Institution, in der ich keine Nachtschichten arbeiten musste und die Arbeit leichter war. Auf dieser neuen Arbeitsstelle lief es zun\u00e4chst recht gut. Aber dann kam der Putschversuch vom 15. Juli 2016. Das war ein gro\u00dfer Schock f\u00fcr uns alle. In der Folge begannen alle, einander zu etikettieren. Es begann eine Zeit, in der jeder den anderen beargw\u00f6hnte: Wer unterst\u00fctzt wohl Fethullah G\u00fclen, wer ist konservativ, wer ist religi\u00f6s und so weiter. Alle \u00fcberlegten sich zweimal, was sie schrieben oder sagten. In dieser Entwicklung sah ich den Versuch der AKP, alle Oppositionellen zu Terroristen zu machen. Ich habe meine Kritik an dieser Strategie mehrfach zum Ausdruck gebracht. Wie ich bereits gesagt habe, war in den Augen der AKP jeder, der ihr widersprach, ein Anh\u00e4nger von Fethullah G\u00fclens &#8222;Terrorganisation&#8220; (FET\u00d6). Nun steht das Referendum bevor und es wird erkl\u00e4rt, dass alle, die mit &#8222;Nein&#8220; abstimmen werden, auch Terroristen sind. Die Regierung \u00e4u\u00dfert bereits massive Drohungen wie: &#8222;Wenn beim Referendum das Nein gewinnt, kommt es zum B\u00fcrgerkrieg.&#8220;<\/p>\n<p><b>Nihan Acar: Glaubst du, deine Entlassung steht in Zusammenhang mit deinem Engagement in der feministischen Bewegung der T\u00fcrkei? Hast du dich in Folge dessen je unwohl gef\u00fchlt an deiner Arbeitsstelle?<\/b><\/p>\n<p>Naciye Erta\u015f: Ich hatte nie irgendeine Beziehung zu einer Organisation in der T\u00fcrkei, die als terroristische Vereinigung bezeichnet wird. Ich bin weiterhin Teil des Kampfes in der feministischen Bewegung. In der feministischen Bewegung in der T\u00fcrkei k\u00e4mpfen wir, indem wir gegen m\u00e4nnliche Gewalt k\u00e4mpfen, auch gegen die staatliche Gewalt, welche von dieser m\u00e4nnlichen Gewalt nicht unabh\u00e4ngig ist. Weil der t\u00fcrkische Staat dieses m\u00e4nnliche System st\u00e4ndig maskiert und die Gewalt gegen Frauen jeden Tag zunimmt. Nach dem 15. Juli nahm die Zahl der F\u00e4lle von Bel\u00e4stigung und Vergewaltigung in diesem Land zu. Ebenso wie die Morde an Frauen nahmen auch die Morde an Transsexuellen zu. Auch der Druck auf Homosexuelle und die Gewalt gegen sie stiegen an. Nat\u00fcrlich ist dies nicht unabh\u00e4ngig von der Machtrhetorik der Regierung und der AKP. Als eine Person, die Teil der feministischen Bewegung in der T\u00fcrkei ist, geh\u00f6re ich zu denen, die ihre Kritik an dieser Situation ausdr\u00fccken. Wenn du sagst, dass du eine Feministin bist, bist du auf der Arbeit eine Art Alien. Weil du st\u00e4ndig M\u00e4nner und Frauen aufh\u00e4ltst, die diese maskuline Sprache verwenden, und versuchst, Solidarit\u00e4t mit den Frauen aufzubauen, was eine weithin unbekannte Angelegenheit ist. Das ist nicht so leicht m\u00f6glich und nicht einfach in den Institutionen des Gesundheitsministeriums. Nach einer Weile beginnst du einsam zu werden.<\/p>\n<p>Dem Willen der Menschen wurde w\u00e4hrend und nach der Wahl vom 7. Juni 2015 keine Beachtung geschenkt. Danach wurde der &#8222;Friedensprozess&#8220; beendet und unschuldige Menschen wurden get\u00f6tet. Die herrschende Macht (AKP) schuf eine Welt der Furcht, wiederholte die Wahlen und gewann sie dann am 1. November 2015 ein weiteres Mal. Nach dem Putschversuch flammte die Furcht dramatisch auf. Die AKP-Regierung hat ein System von Informationsnetzen geschaffen, durch die sich Menschen gegenseitig denunzieren k\u00f6nnen. In diesem System begannen die Menschen sich gegenseitig zu denunzieren &#8211; entweder aus Angst, oder um ihre Position zu festigen. Vielleicht bin ich durch eine Person oder eine Gruppe von Personen denunziert worden, denen meine feministischen Diskurse missfielen. Aber um Gewissheit zu bekommen, warum ich gefeuert wurde, muss der Notstand erst einmal beendet werden, und dann k\u00f6nnen wir zu einem Punkt kommen, an dem wir juristisch gegen illegitime Handlungen vorgehen k\u00f6nnen. Dann muss ich dem Staat entgegentreten und fragen: &#8222;Warum habt ihr mir meinen Job genommen?&#8220; Aber im Moment wird der Notstand best\u00e4ndig ausgeweitet, und wir m\u00fcssen mit massiven Ver\u00e4nderungen rechnen. Wir wissen, dass sie immer weiter reichende Pl\u00e4ne haben. Neue Dekrete (KHK) werden verk\u00fcndet, Parlamentsmitglieder und JournalistInnen werden verhaftet, Vereine, Fernseh- und Radiosender werden geschlossen. Dadurch wird ein neues Arbeitslosenheer geschaffen. In diesem Umfeld habe ich keine M\u00f6glichkeit, meine Angelegenheit kl\u00e4ren zu lassen. Kein Gericht nimmt meinen Fall an.<\/p>\n<p><b>Nihan Acar: Hattest du, wenn du von Entlassungen anderer h\u00f6rtest, wie du sie eben beschrieben hast, jemals den Gedanken, dass dir das Gleiche passieren k\u00f6nnte?<\/b><\/p>\n<p>Naciye Erta\u015f: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mir so etwas passieren w\u00fcrde. Andererseits leben wir in Zeiten, in denen jeder Angst haben muss, seinen Job zu verlieren oder ins Visier von Ermittlungen zu geraten. Selbst die Anh\u00e4ngerInnen der AKP haben Angst. Von daher hatte ich genauso Angst wie jedeR andere. Aber zugleich dachte ich, es gibt so viele andere, die eher ihre Stelle verlieren werden als ich. Nun ja, man macht interessante Erfahrungen. So habe ich mehrfach mitbekommen, dass Leute mit engen Verbindungen zur FET\u00d6 trotz allem weiterarbeiten; dass es F\u00e4lle gibt, wo FET\u00d6-Unterst\u00fctzerInnen zun\u00e4chst ihre Arbeit verloren, dann aber aufgrund eines neuen Dekrets wieder an ihre Arbeitspl\u00e4tze zur\u00fcckgekehrt oder sogar bef\u00f6rdert worden sind. Interessant, oder? Und Leute wie ich fliegen raus, weil sie angeblich Verbindungen zur FET\u00d6 haben.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens gibt es zahlreiche Bilder, die den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Erdo\u011fan zusammen mit Fethullah G\u00fclen zeigen. Es gab ja mal eine Zeit, wo Erdo\u011fan \u00f6ffentlich zur Unterst\u00fctzung G\u00fclens aufgerufen hat. Wird der Pr\u00e4sident daf\u00fcr jetzt zur Rechenschaft gezogen? Als B\u00fcrgerin der T\u00fcrkei w\u00fcnsche ich mir ein System, in dem dieser Sachverhalt juristisch gekl\u00e4rt wird.<\/p>\n<p>Ich habe mich mein Leben lang nie mit Fethullah G\u00fclen besch\u00e4ftigt. Mein Wissen \u00fcber ihn beschr\u00e4nkt sich auf Bilder aus den Medien. Ich kenne keine einzige seiner Reden. Aber der Pr\u00e4sident kennt ihn sehr gut. Sie waren eine Zeit lang enge Freunde. Und das gilt nicht nur f\u00fcr den Pr\u00e4sidenten, sondern f\u00fcr fast alle Mitglieder der AKP-Fraktion im Parlament. Wenn sie jetzt nach G\u00fclen-Unterst\u00fctzerInnen fahnden, kann ich ihnen einfach eine Liste ihrer Minister und Parlamentsmitglieder geben.<\/p>\n<p><b>Nihan Acar: Wie hast du von deiner Entlassung erfahren?<\/b><\/p>\n<p>Naciye Erta\u015f: Es war an einem Samstagabend im Oktober, ich war mit FreundInnen einen trinken. Unterwegs h\u00f6rten wir, dass ein neues KHK herausgekommen sei und viele Beamte und Regierungsangestellte entlassen worden seien. Wir haben dar\u00fcber spekuliert, wen es dieses Mal treffen w\u00fcrde. Es gab einen regelrechten Ansturm auf die Website des Amtsblatts, so dass sie vor\u00fcbergehend nicht erreichbar war. Ich dachte gar nicht daran, dass ich betroffen sein k\u00f6nnte. Als ich heimkam, fand ich auf meinem Handy zahlreiche Nachrichten von FreundInnen und auch eine vom Gewerkschaftspr\u00e4sidenten. Normalerweise bekomme ich so sp\u00e4t in der Nacht keine pers\u00f6nlichen Nachrichten, nicht von meinen FreundInnen und schon gar nicht vom Gewerkschaftspr\u00e4sidenten! Aber ich habe noch immer nicht begriffen, was Sache war. Ich habe also erst mal auf die Nachricht einer guten Freundin geantwortet und wir haben gechattet. Bald wurde meiner Freundin klar, dass ich die Liste noch nicht kannte, und sie h\u00f6rte auf zu texten und rief mich an, um mir zu sagen, dass mein Name auf der Liste derer stand, die durch das neue Dekret ihre Stelle verloren hatten. Im ersten Moment stand ich unter Schock. Mein Herz raste. Ich konnte es gar nicht fassen. Dann rief ich den Gewerkschaftspr\u00e4sidenten an.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchlte mich stigmatisiert, das war ein \u00fcbles Gef\u00fchl, das mich noch wochenlang begleitete. Ich hatte immer den Eindruck, mich anderen gegen\u00fcber erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen. Ich hatte aber keine Antwort auf Fragen wie &#8222;Was wirst du jetzt tun?&#8220; Denn wenn man mit so einem Ereignis nicht rechnet, hat man ja auch keinen Plan B. Deshalb antwortete ich mit Spr\u00fcchen wie: &#8222;Wir werden es erleben, wir werden sehen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Nihan Acar: Du wirst aus einer Institution geworfen, f\u00fcr die du 20 Jahre gearbeitet hast. Welche Folgen hat das f\u00fcr dich?<\/b><\/p>\n<p>Naciye Erta\u015f: Diejenigen unter den Gek\u00fcndigten, die zuvor die entsprechenden Pr\u00e4mien einbezahlt haben, haben Pensionsanspr\u00fcche. Aber nat\u00fcrlich m\u00fcssen sie warten, bis sie das Rentenalter erreicht haben. Ich habe meine Pr\u00e4mien bereits komplett einbezahlt, muss aber warten, bis ich 52 bin. Jetzt bin ich 40 Jahre alt. Ich habe 22 Jahre im \u00f6ffentlichen Dienst gearbeitet. Und ich muss noch zw\u00f6lf Jahre warten, bis ich in den Ruhestand gehen kann. Aber wie kann ich wissen, was in den n\u00e4chsten zw\u00f6lf Jahren geschehen wird? Ob ich in zw\u00f6lf Jahren noch dieses Anrecht habe? Und wichtiger noch: Wie die T\u00fcrkei in drei oder f\u00fcnf Jahren aussehen wird? Es ist gut m\u00f6glich, dass eine, die wie ich gefeuert worden ist, \u00fcberhaupt keine Pensionszahlungen bekommt, auch wenn sie alle formalen Kriterien erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Sobald du zu arbeiten beginnst, beginnt der Staat, von deinem Gehalt einen bestimmten Betrag einzubehalten, um f\u00fcr die Zeit deines Ruhestands Geld anzusammeln. Nun aber bekommen diejenigen, die ihre Stelle verloren haben, ihr Geld nicht, auch wenn sie bereits im Ruhestandsalter sind. Dabei ist doch die Pension nicht etwas, was die AKP-Regierung uns gew\u00e4hrt und jetzt einfach vorenthalten kann! Die BeamtInnenschaft und den \u00f6ffentlichen Dienst gibt es seit fast hundert Jahren, also sehr viel l\u00e4nger als die AKP. Die Besch\u00e4ftigten arbeiten f\u00fcr den Staat, und alles, was ihnen zusteht, verdienen sie durch ihre eigene Arbeit, nicht durch die Gnade der Regierung.<\/p>\n<p>Wenn du l\u00e4ngere Zeit im \u00f6ffentlichen Dienst gearbeitet hast, bekommst du einen besonderen Pass, den so genannten Gr\u00fcnen Pass. Auch diese Gr\u00fcnen P\u00e4sse werden uns unrechtm\u00e4\u00dfig weggenommen, genau wie unsere Pensionsanspr\u00fcche. Ich hatte auch einen solchen Pass, er ist f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt worden.<\/p>\n<p>Wer durch ein KHK seine Stelle verloren hat, wird es nicht leicht haben, einen Job in der Privatwirtschaft zu finden. Kein privatwirtschaftliches Unternehmen wird es sich mit der Regierung verderben wollen, indem es mich einstellt. Ich f\u00fchle mich wie eine Gefl\u00fcchtete im eigenen Land. Ich ertappe mich dabei, wie ich den Leuten um mich herum erkl\u00e4re, dass ich keine G\u00fclen-Anh\u00e4ngerin bin. Es ist schrecklich, dass ich in diese Verteidigungshaltung verfalle, das sollte ich nicht tun. Schuld ist die faschistische Haltung der AKP-Regierung!<\/p>\n<p><b>Nihan Acar: Hast du nach deiner Entlassung Unterst\u00fctzung erfahren? Gibt es Solidarit\u00e4t aus der feministischen Bewegung, innerhalb oder au\u00dferhalb deiner Gewerkschaft?<\/b><\/p>\n<p>Naciye Erta\u015f: Ja, ich erlebe verl\u00e4ssliche Solidarit\u00e4t in der feministischen Bewegung. Die Freundinnen sind im Zuge der j\u00fcngsten Entwicklungen enger zusammenger\u00fcckt und wollen den Weg in die Zukunft gemeinsam gehen. Zuerst verfiel ich in Panik: Ich muss mir einen Job suchen! Dabei war ich gar nicht in der Verfassung, mich intensiv aufs Arbeiten zu konzentrieren.<\/p>\n<p>Freundinnen und Freunde aus der LGBTI-Bewegung und Freundinnen aus der feministischen Bewegung haben jedoch ein Netzwerk der Solidarit\u00e4t aufgebaut. Sie haben mich finanziell unterst\u00fctzt. Auch meine Gewerkschaft hat mich finanziell unterst\u00fctzt. Dank dieser Solidarit\u00e4t konnte ich mich erst mal erholen. Die Solidarit\u00e4t hat mich psychisch st\u00e4rker gemacht.<\/p>\n<p>Mit dem KHK, durch das ich meine Arbeit verloren habe, sind insgesamt 431 Mitglieder unserer Gewerkschaft entlassen worden; beim vorigen Dekret waren es nur neun gewesen. Zun\u00e4chst mussten mit dem Geld aus den Mitgliedsbeitr\u00e4gen also neun entlassene Gewerkschaftsmitglieder unterst\u00fctzt werden, und pl\u00f6tzlich stieg die Zahl auf 440. Als Antwort darauf haben viele Gewerkschaften begonnen, Solidarit\u00e4tsveranstaltungen zu organisieren. Zum Beispiel gab es Theaterauff\u00fchrungen, deren Erl\u00f6s an die Gewerkschaften gespendet wurde. Auch Filmabende und Konzerte wurden zu diesem Zweck organisiert.<\/p>\n<p><b>Nihan Acar: Was geschah nach deinem Rauswurf? Was hast du gemacht? In welchen K\u00e4mpfen bist du jetzt aktiv? Soweit ich wei\u00df, haben die entlassenen Besch\u00e4ftigten des \u00f6ffentlichen Dienstes vor kurzem einen Marsch nach Ankara unternommen. Wie lief das? Gab es Behinderungen, hat der Staat versucht, den Marsch zu stoppen?<\/b><\/p>\n<p>Naciye Erta\u015f: Die Gewerkschaft f\u00fcr Gesundheit und Soziales, der ich angeh\u00f6re, hat unmittelbar auf den Erlass reagiert und eine Versammlung in Ankara einberufen. Es wurde beschlossen, eine Presseerkl\u00e4rung vor dem Ministerium abzugeben. Aber die Polizei lie\u00df uns nicht mal aus unserer Gewerkschaftszentrale in Ankara raus. Die Polizei stand mit Wasserwerfern direkt vor unserer T\u00fcr. Als wir trotzdem in Richtung Ministerium marschieren wollten, wurden wir mit Gas und Plastikgeschossen angegriffen. Mehrere Leute wurden festgenommen. Sp\u00e4ter kamen ParlamentarierInnen der CHP und HDP zur Gewerkschaftszentrale. Am Abend konnten wir dann doch noch unsere Presseerkl\u00e4rung \u00f6ffentlich verlesen. Das war seit Verh\u00e4ngung des Ausnahmezustands noch nicht vorgekommen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, ich glaube es war Ende Dezember, rief der Gewerkschaftsbund KESK zu einem Marsch von Istanbul nach Ankara auf. Das hat aber nicht so geklappt, wie wir gehofft hatten. In Istanbul, D\u00fczce und ?zmit wurden wir von der Polizei angegriffen. Die Polizei erlaubte uns nicht, unsere Gewerkschaftsjacken zu tragen, ja wir durften nicht mal auf der Stra\u00dfe gehen. Wir mussten unsere Reise nach Ankara in Bussen fortsetzen. Wir hatten vor, auf dem Weg von Istanbul nach Ankara in mehreren St\u00e4dten Presseerkl\u00e4rungen abzugeben, aber die Polizei lie\u00df auch das nicht zu. Die Istanbuler Polizei folgte uns bis zur Grenze der Provinz ?zmit. Dort \u00fcbergaben sie uns der Polizei von ?zmit, und diese wiederum begleitete uns bis nach D\u00fczce. Dort wurden wir der Polizei von D\u00fczce \u00fcbergeben usw. So mussten wir den gesamten Weg nach Ankara unter Polizeibewachung zur\u00fccklegen. In Ankara gaben wir eine Presseerkl\u00e4rung ab, und dann ging jeder seines Weges.<\/p>\n<p><b>Nihan Acar: Mit den j\u00fcngsten Erlassen wurden zahlreiche Vereine geschlossen, darunter auch viele, die f\u00fcr Frauen und Frauenrechte arbeiteten. Das waren Anlaufstellen, sichere Orte, an die sich von Gewalt betroffene Frauen wenden konnten &#8211; die gibt es nun nicht mehr. Weiterhin aber gibt es Gewalt gegen Frauen und Morde an Frauen. Was ist die Absicht des t\u00fcrkischen Staates, wenn er Frauenrechtsorganisationen verbietet in einem Umfeld, in dem Frauen nach wie vor Opfer von Gewalt sind?<\/b><\/p>\n<p>Naciye Erta\u015f: Ich glaube, diese Regierung hat Angst vor Frauen. Sie hat Angst vor Frauen, die ausgehen, Frauen, die im Stra\u00dfenbild sichtbar sind, Frauen, die sich bemerkbar machen. Die Regierung will nicht, dass Frauen au\u00dfer Haus arbeiten. Deshalb schr\u00e4nkt sie die Bereiche, in denen Frauen besch\u00e4ftigt sind, immer weiter ein. Sie sieht die Frauen nur als Geb\u00e4rmaschinen, als diejenigen, die Kinder, Kranke und Alte pflegen, die kochen, putzen und waschen; als Dienerinnen ihrer Ehem\u00e4nner. Sie beschreibt Frauen nur aus der Perspektive der Mutterschaft: Entweder als M\u00fctter oder als potentielle M\u00fctter.<\/p>\n<p>Frauen wie ich hingegen sind dieser Regierung ein Dorn im Auge. Ich habe nicht geheiratet und werde auch nicht heiraten, ich habe keine Kinder geboren, und ich kritisiere die Institution Ehe. Denn die Ehe ist etwas, das den Frauen vom Patriarchat aufgezwungen wird. Eine Freundin von mir sagte einmal treffend: &#8222;Wenn die Ehe wirklich so toll w\u00e4re, w\u00e4re sie f\u00fcr Frauen garantiert verboten.&#8220; Recht hat sie!<\/p>\n<p>Die Emanzipation der Frau bedeutet, dass Frauen selbst entscheiden k\u00f6nnen, wie viele Kinder sie bekommen; dass sie sich scheiden lassen k\u00f6nnen, wenn sie wollen; und dass sie gegen den vom Patriarchat diktierten Patriotismus aufstehen k\u00f6nnen. In diesem Sinne ist die Emanzipation nichts, was den M\u00e4nnern an der Macht gef\u00e4llt. Und das Vorhandensein von Frauenorganisationen ist etwas, was die Frauen st\u00e4rkt. Ich zum Beispiel brauchte diese Organisationen, und ich bekam Hilfe von einer solchen Organisation. Das Wissen, dass ich diese Organisationen habe, st\u00e4rkt mich als Frau &#8211; auch unabh\u00e4ngig von der konkreten Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Was zurzeit passiert, ist leider nicht nur ein Kampf gegen die FET\u00d6. Vielmehr wird das Land im Geiste der &#8222;Neuen T\u00fcrkei&#8220; umgestaltet. Gewalt gegen Frauen, Bel\u00e4stigung und Vergewaltigung haben massiv zugenommen, denn der m\u00e4nnliche Diskurs der Macht durchdringt den Alltag. Denke nur an den Gesetzentwurf, der vorsah, das sexuelle M\u00fcndigkeitsalter auf 12 Jahre herabzusetzen. Die Regierung hat versucht, ein Gesetz durchzubringen, mit dem Vergewaltigung und Kindesmissbrauch legalisiert worden w\u00e4ren! Angeblich braucht die Regierung den Ausnahmezustand, um mit der FET\u00d6 fertigzuwerden, aber in Wirklichkeit geht es um die Macht der Frau, ihre Vagina und ihre Vulva.<\/p>\n<p><b>Nihan Acar: Erdo\u011fan, der unter dem Vorwand des Notstands praktisch tun und lassen kann, was er will, f\u00fchlt sich in dieser Lage offenbar sehr wohl &#8211; er sagt: &#8222;Sie sagen, der Ausnahmezustand solle enden. Warum haben sie es denn so eilig, den Ausnahmezustand zu beenden?&#8220; Das hei\u00dft wohl leider, dass die Unterdr\u00fcckung noch eine ganze Weile andauern wird. Was m\u00fcssen wir deiner Meinung nach tun, um aus dieser Phase gest\u00e4rkt hervorzugehen?<\/b><\/p>\n<p>Naciye Erta\u015f: Ein entlassener Universit\u00e4tsprofessor hat dazu eine treffende Bemerkung gemacht. Er sagte: &#8222;Sie haben sich keinen Gefallen getan, indem sie mich entlassen haben. Ihr werdet schon sehen. Ich werde ihnen Schwierigkeiten machen.&#8220; Diesen Kampfgeist sp\u00fcre ich auch in mir. Wenn irgendwo eine Presseerkl\u00e4rung zu verlesen ist, dann m\u00f6chte ich sie verlesen. Wenn etwas gesagt werden muss, dann m\u00f6chte ich es sagen. Ich m\u00f6chte all das sagen, was ich in der Vergangenheit nicht gesagt habe, nicht sagen durfte. Durch meine Erfahrung bin ich st\u00e4rker geworden. Meine einzige organische Verbindung mit diesem System war meine Arbeit als Besch\u00e4ftigte im \u00f6ffentlichen Dienst. Jetzt hat mir der Staat diese Arbeit weggenommen. Warum sollte ich jetzt noch schweigen? Wovor sollte ich Angst haben? Fr\u00fcher sah ich die Gefahr, im Falle einer Verhaftung meine Arbeit zu verlieren. Jetzt gibt es diese Gefahr nicht mehr. Warum also sollte ich nicht reden? Ich gebe Zeitungsinterviews, ich rede und werde weiter reden.<\/p>\n<p>Die KHKs gehen unterdessen weiter. So wurden beispielsweise mit dem j\u00fcngsten Dekret sieben AkademikerInnen, die ich pers\u00f6nlich aus meiner Studienzeit kenne und sch\u00e4tze, entlassen. Sie hatten an der Universit\u00e4t Ankara an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Sprache, Geschichte und Geografie im Bereich Theaterwissenschaften gearbeitet. Dieser Bereich musste inzwischen seine Graduierten- und Doktorandenstudieng\u00e4nge einstellen. Und auch im Grundstudium werden die Lehrkr\u00e4fte schon knapp.<\/p>\n<p>Es wird auch eine wachsende Zahl von Frauen entlassen, und viele widerst\u00e4ndige Frauen stehen dagegen auf. Wir sind organisiert. Ich habe das Gef\u00fchl, meine Befreiung zu erleben. Ich habe die Freiheit, keine Staatsbedienstete mehr zu sein. Ich bin sicher, eines Tages werden wir diesen Kampf gewinnen. Weil wir im Recht sind. Wir haben nichts Falsches getan, wir sind nicht schuldig. Sie haben den Ausnahmezustand genutzt, um uns unsere Arbeit wegzunehmen, aber wir lassen uns nicht vertreiben. Allerdings will ich gar nicht mehr f\u00fcr den Staat arbeiten. Das ist meine Entscheidung. Ich werde mir meine Rechte zur\u00fcckerobern, einschlie\u00dflich meiner Pensionsanwartschaft, und dann werde ich diesem System den R\u00fccken kehren.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass all die Verfolgung, der Druck, die Folter Zeichen daf\u00fcr sind, dass ihre Macht im Schwinden begriffen ist. Die Regierung sp\u00fcrt, dass ihr die Macht entgleitet, und wehrt sich mit aller Gewalt. Aber sie hat auf Dauer keine Chance. Sie verprellt ja schon ihre eigenen Anh\u00e4ngerInnen und W\u00e4hlerInnen. Nicht einmal diese glauben doch, dass ich Mitglied bei der FET\u00d6 oder sonst einer terroristischen Organisation bin. Alle kennen die Wahrheit. Mein ganzes Umfeld. Meine FreundInnen im B\u00fcro. Meine Familie, mein Vater, meine f\u00fcnf Geschwister, meine Verwandten, meine KollegInnen &#8211; die bekommen alle mit, was da l\u00e4uft. Eine einzige Person wird entlassen, und das zieht solche Kreise! Ich denke, mit diesen massenhaften Entlassungen untergr\u00e4bt die Regierung ihre eigene Macht.<\/p>\n<p>Deshalb sehe ich durchaus die Chance, dass beim Referendum das &#8222;Nein&#8220; gewinnt. Diese Regierung wird als eine Regierung schrecklicher Verbrechen in Erinnerung bleiben. Und dann? Dann wird so bald wie m\u00f6glich der juristische Kampf beginnen. Zurzeit werden massenhaft Petitionen eingereicht, aber im Land gibt es keine Gesetze mehr. Wenn das so weitergeht, wird jeder nach seinem eigenen Gesetz handeln, und es wird Chaos ausbrechen. Dem widersetzen wir uns. Wir handeln, als g\u00e4be es funktionierende Gesetze in diesem Land. Wir k\u00e4mpfen darum, dass das Recht wiederhergestellt wird, denn wir glauben noch immer an das Recht. Wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen. Wir geben nicht auf. Der Widerstand w\u00e4chst. Solidarisch erheben wir unsere Stimme auf der Stra\u00dfe. Wir st\u00f6ren die Regierung. Wir sagen: &#8222;Wir stehen f\u00fcr das Leben, nicht f\u00fcr den Tod&#8220;. Wir werden gewinnen.<\/p>\n<p><b>Interview: Nihan Acar<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nihan Acar: Hallo Naciye, erz\u00e4hlst du uns bitte ein wenig \u00fcber dich? Was ist dein Beruf? In welcher Institution hast du gearbeitet? Naciye Erta\u015f: Mein Name ist Naciye Erta\u015f. 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