{"id":17203,"date":"2017-05-01T00:00:00","date_gmt":"2017-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/05\/der-anarchismus-bietet-eine-wunderbare-alternative\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:52","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:52","slug":"der-anarchismus-bietet-eine-wunderbare-alternative","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/05\/der-anarchismus-bietet-eine-wunderbare-alternative\/","title":{"rendered":"Der Anarchismus bietet eine wunderbare Alternative"},"content":{"rendered":"<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Regine, du bist politisch und sozial sehr aktiv. Wie bist du aufgewachsen? Wie fing alles an? Was hat dich politisiert?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Ich kann mich erinnern, dass mich die globale Ungerechtigkeit schon fr\u00fch umgetrieben hat. Aber ich hatte damals andere L\u00f6sungsstrategien als heute. Ich habe zum Beispiel ehrenamtlich bei einer Tafel, sp\u00e4ter bei einer Suppenk\u00fcche geholfen. Bei uns zu Hause wurde fr\u00fcher auch viel \u00fcber Politik diskutiert, ich hatte da schon einen Zugang und Interesse. Ich bin in einer kleinen Gemeinde zwischen Aachen und J\u00fclich gro\u00df geworden. Meine Eltern hatten einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Hofladen.<\/p>\n<p>Zum Journalisitk-Studium bin ich 2009 nach Dortmund gezogen, dort war ich bei Amnesty International aktiv. Richtig politisiert wurde ich aber erst, als 2011 die Occupy-Bewegung in Deutschland ankam. Zu der Zeit habe ich gerade mein Volontariat bei einer Lokalzeitung gemacht und war in einer Lokalgruppe von Attac. Wichtig war mir auch der Veganismus, \u00fcber den ich zur Konsumkritik kam. Mit dem Engagement bei Occupy wurde die Kritik dann umfassender und radikaler. Und ich lernte ganz neue Menschen und politische Richtungen kennen. So kam ich auch zum ersten Mal mit dem Thema Anarchismus in Kontakt.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Wie bist Du auf den Anarchismus gesto\u00dfen und was hat dich inspiriert, Anarchistin zu werden? Was verstehst du unter Anarchie? Wie sieht deine Utopie aus?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Ein anderer Aktivist aus der Occupy-Bewegung erw\u00e4hnte bei einem Treffen mal das Thema Anarchismus. Und irgendwie bin ich da hellh\u00f6rig geworden, weil ich davon noch keine richtige Vorstellung hatte &#8211; und auch die klassischen Vorurteile, wie sich herausstellte. Ich habe dann einige Texte im Netz gelesen und mir &#8222;Anarchie&#8220; von Horst Stowasser in der Uni-Bibliothek ausgeliehen.<\/p>\n<p>Als ich das las, fiel es mir sozusagen wie Schuppen von den Augen. Ich konnte meine pers\u00f6nlichen und politischen Ziele darin wiederfinden und wusste pl\u00f6tzlich: Das ist die Theorie, die mir bisher gefehlt hat. Der Anarchismus gab dem, was ich wollte und machte, einen Namen.<\/p>\n<p>Inzwischen habe ich nat\u00fcrlich noch mehr gelesen, mich mit vielen Anarchist*innen ausgetauscht und Erfahrungen gesammelt. Zudem ist das Thema Feminismus bzw. Intersektionalit\u00e4t dazugekommen. Ich verbinde mit Anarchie vor allem Herrschaftsfreiheit, Selbstbestimmtheit und Selbstorganisation. Ich stelle mir vor, wie Menschen sich gegenseitig ein gutes Leben erm\u00f6glichen, weil jede*r das bekommt, was er oder sie braucht &#8211; und zwar bedingungslos. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass erstens f\u00fcr alle genug da ist und wir uns zweitens so organisieren k\u00f6nnen, dass unsere positiven Eigenschaften wie Solidarit\u00e4t und Kooperation gef\u00f6rdert werden. Ich glaube nicht, dass der Mensch von Natur aus gut oder b\u00f6se ist. Ich glaube, wir sind beides. Aber dann sollten wir doch unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem so gestalten, dass wir unsere guten Seiten zeigen k\u00f6nnen, also z.B. solidarische \u00d6konomie statt Kapitalismus, und Konsens statt Mehrheitsentscheidungen.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Wie haben deine Eltern reagiert, als sie gemerkt haben, dass du Anarchistin bist?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Ich glaube, meine Eltern hoffen immer noch, dass das eine Phase ist. Wir haben auch nie wirklich dar\u00fcber gesprochen. Aber sie lesen meine Blog-Artikel und da schreibe ich ja h\u00e4ufiger \u00fcber Anarchismus. Sie machen sich Sorgen, dass ich mir damit mein Leben verbaue. Aber ich konnte sie insofern beruhigen, als dass ich ja eh kein Leben anstrebe, in dem ich meine anarchistischen \u00dcberzeugungen nicht leben kann, also z.B. eine Karriere im \u00f6ffentlichen Dienst oder so.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Du bist organisiert in der FdA. Was will diese F\u00f6deration deutschsprachiger Anarchist*innen? Wie ist sie entstanden? Wieviele FdA-Gruppen gibt es? Wie sieht euer Selbstverst\u00e4ndnis aus?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: In der FdA vernetzen sich anarchistische Gruppen und Einzelpersonen aus dem deutschsprachigen Raum. Die erste F\u00f6deration dieser Art gab es schon Anfang des 20. Jahrhunderts, damals hie\u00df sie Anarchistische F\u00f6deration Deutschlands. Zwischen den beiden Weltkriegen gab es dann die F\u00f6deration Kommunistischer Anarchisten Deutschland (FKAD). Daneben organisierten sich immer auch Arbeiter in der Freien Arbeiter-Union (FAU).<\/p>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es bis 1989 keine F\u00f6deration mehr, daf\u00fcr autonome Kleingruppen, weiterhin die FAU, die\u00a0<i>Graswurzelrevolution<\/i>oder auch das Projekt A von Horst Stowasser. 1989 wurde dann wieder eine Initiative f\u00fcr eine anarchistische F\u00f6deration in Deutschland gegr\u00fcndet, die 1991 auch in die Internationale der Anarchistischen F\u00f6derationen aufgenommen (IFA) wurde. Trotzdem scheiterte dieser Versuch, eine F\u00f6deration aufzubauen.<\/p>\n<p>Um die verbleibenden Kontakte nicht abrei\u00dfen zu lassen, verblieben einige Aktivist*innen im Forum deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA).<\/p>\n<p>Ab 2009 kamen neue und regelm\u00e4\u00dfige Aktivit\u00e4ten in Gang, also Treffen, gemeinsame Aktionen und die Zeitschrift\u00a0<i>Gaidao<\/i>. Seit 2013 hei\u00dft das Netzwerk F\u00f6deration deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA).<\/p>\n<p>Aktuell sind rund 25 Gruppen f\u00f6deriert. Praktisch geht es darum, sich auszutauschen, zu vernetzen und im Sinne der freien Vereinbarung gemeinsam aktiv und sichtbar zu werden, um dem Ziel einer herrschaftsfreien Gesellschaft n\u00e4her zu kommen.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Der Anarchismus fristet in Deutschland ein Nischendasein. Wo siehst du die Schw\u00e4chen des Gegenwartsanarchismus? Und was m\u00fcsste sich \u00e4ndern, damit er st\u00e4rker als bisher zu einer gesellschaftsver\u00e4ndernden Kraft wird?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Ich glaube, generell macht allen linken Bewegungen der Erfolg des Neoliberalismus zu schaffen, also dass wir von klein auf Wettbewerb, Konkurrenz und Individualismus eingeimpft bekommen und nichts anderes mehr vorstellbar zu sein scheint. Es ist schwer, sich noch auf Solidarit\u00e4t, Kooperation und Kollektivit\u00e4t zu berufen, weil diese Werte kaum noch irgendwo auftauchen. Nat\u00fcrlich spielen gerade beim Anarchismus immer noch die Klischees eine Rolle, die auch seine historische Belastung widerspiegeln.<\/p>\n<p>Abgesehen davon habe ich aber den Eindruck, dass sehr viele Menschen, die sich politisch engagieren, viel mit den Prinzipien des Anarchismus anfangen k\u00f6nnen und teilweise auch danach handeln, ohne sich explizit Anarchist*innen zu nennen. Und bei Veranstaltungen, die ich z.B. in Dortmund und Kassel miterlebt habe, nehmen die Ber\u00fchrungs\u00e4ngste ab &#8211; so mein Eindruck. Trotzdem f\u00fchren wir ein Nischendasein, das stimmt.<\/p>\n<p>Ich denke, wir sollten st\u00e4rker versuchen, uns aus der eigenen Szene heraus zu bewegen, \u00f6ffentlich Stellung beziehen und uns in Diskussionen einmischen.<\/p>\n<p>Gerade in einer Zeit, wo die Menschen von Politiker*innen und Parteien entt\u00e4uscht sind und sich nicht mehr vertreten f\u00fchlen, bietet der Anarchismus eine wunderbare Alternative.<\/p>\n<p><b>Emilio Backmann: Du betreibst den Blog dasmaedchenimpark.org. Gab es einen besonderen Anlass, oder Grund f\u00fcr dich, mit diesem Blog anzufangen? Und wie kam es zu diesem Namen?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Ganz am Anfang habe ich \u00fcber Veganismus gebloggt, wie wahrscheinlich ganz viele andere Menschen auch. Damals habe ich gerade mein Volontariat absolviert und wollte dar\u00fcber hinaus noch \u00fcber dieses Thema schreiben &#8211; einfach, weil es mir Spa\u00df gemacht hat und ich anderen Menschen einen Einblick geben wollte. Mit dem politischen Aktivismus nahmen auch die Themen zu, \u00fcber die ich schreiben wollte.<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich ging es um Demonstrationen, Aktionen, Kapitalismuskritik, Antirassismus, Demokratie und so weiter. Das M\u00e4dchen im Park ist eigentlich eine Figur aus dem Buch &#8222;Kapitalismus aufbrechen&#8220; von John Holloway. Es geht darum, dass ein M\u00e4dchen sich entscheidet, im Park ein Buch zu lesen, statt zur Arbeit zu gehen, und damit schon einen revolution\u00e4ren Akt leistet. Diesen Gedanken der allt\u00e4glichen Revolte fand ich spannend und ich konnte mich damit auch identifizieren. Als ich 2014 in die Villa Locomuna einzog, startete ich den Blog unter diesem Namen neu.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Du bist Redakteurin der\u00a0<i>Contraste<\/i>. Diese \u00fcberregionale &#8222;Monatszeitung f\u00fcr Selbstorganisation&#8220; wurde 1984 als\u00a0<i>Wandelsblatt<\/i>\u00a0und Sprachrohr von selbstverwalteten Betrieben und Kollektiven gegr\u00fcndet. Nach dem pl\u00f6tzlichen Tod des hauptamtlichen<i>Contraste<\/i>-Redakteurs Dieter Poschen 2013 erschien sie zun\u00e4chst unregelm\u00e4\u00dfig und es sah so aus, als w\u00fcrde sie eingestellt. Heute macht sie wieder einen lebendigen Eindruck. Wann und wie kamst du dazu? Wie sch\u00e4tzt du die Situation und die Perspektiven der\u00a0<i>Contraste<\/i>\u00a0und anderer alternativer Printmedien ein?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Das war Zufall. Die\u00a0<i>Contraste<\/i>-Redaktion traf sich in Kassel, bei uns in der Kommune, zu ihrem Winterplenum. Diese Verbindung von Journalismus und Selbstorganisation &#8211; da musste ich mal vorbeischauen. Seitdem bin ich Redaktionsmitglied. Die Situation der Zeitung ist sehr prek\u00e4r. Eine Redakteurin arbeitet hauptamtlich f\u00fcr unseren gemeinn\u00fctzigen Verein, alle anderen arbeiten ehrenamtlich. Honorare f\u00fcr Texte bezahlen wir keine. Das w\u00fcnschen wir uns nat\u00fcrlich anders.<\/p>\n<p>Bei alternativen Medien kommen einige Dinge zusammen. Sie m\u00fcssen mit vielen anderen Angeboten konkurrieren, sie haben keine allzu gro\u00dfe Reichweite, sie haben wenig finanzielle und personelle Ressourcen &#8211; das ist ein Teufelskreis. Aber ich glaube, dass eine solche Gegen\u00f6ffentlichkeit sehr wichtig ist. Und dass wir nicht aufh\u00f6ren d\u00fcrfen, Geschichten von Selbstorganisation und Alternativen zu erz\u00e4hlen. Vielleicht m\u00fcssen wir etwas an unseren Formaten oder an unseren Strukturen \u00e4ndern, aber ich pers\u00f6nlich bin ja immer noch ein gro\u00dfer Fan von gedruckten Zeitungen.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Ich auch. Leider sind ja seit dem &#8222;Siegeszug&#8220; des Internets viele Bewegungszeitschriften verschwunden. Der\u00a0<i>Schwarze Faden<\/i>, der ab 1980 eine wichtige anarchistische &#8222;Vierteljahresschrift f\u00fcr Lust und Freiheit&#8220; war, wurde 2004 eingestellt und die ab 1977 erschienene anarchosyndikalistische\u00a0<i>Direkte Aktion<\/i>\u00a0(DA) erscheint seit Mai 2016 nicht mehr als Printmedium. Wie siehst du angesichts der allgemeinen Printmedienkrise die Perspektiven f\u00fcr alternative und anarchistische Monatszeitschriften wie\u00a0<i>Graswurzelrevolution<\/i>,<i>Contraste<\/i>\u00a0und\u00a0<i>Gaidao<\/i>?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Unsere gemeinsame St\u00e4rke ist sicherlich, dass wir \u00fcber Dinge berichten, die in den so genannten Mainstream-Medien nicht auftauchen. Und vielleicht wird das Interesse daran ja im Zuge der multiplen Krisen wieder gr\u00f6\u00dfer? Ansonsten kann ich nur f\u00fcr die\u00a0<i>Contraste<\/i>sprechen. Die gibt es ja schon seit mehr als 30 Jahren. Das spiegelt sich auch in der Leser*innenschaft wider.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns w\u00e4re es vor allem wichtig neue Zielgruppen zu erreichen, die noch nicht so Teil der Szene sind, die all die Projekte, \u00fcber die wir berichten, noch nicht kennen. Leider fehlen uns dazu oft die Ressourcen. Aber wir versuchen jetzt z.B. in den sozialen Medien sichtbarer zu werden und auch die Homepage soll bald attraktiver gestaltet werden. Bei uns k\u00f6nnen Menschen auch selber Artikel vorschlagen und schreiben, das ist viel partizipativer als bei anderen Zeitungen. Insofern hat die\u00a0<i>Contraste<\/i>\u00a0inhaltlich und konzeptionell einiges zu bieten, wir br\u00e4uchten aber mehr Abonnements und Spenden. Ich bin der Meinung, dass Printmedien trotz Internet \u00fcberleben k\u00f6nnen, weil sie einfach ein anderes Produkt sind. Radio gibt es ja auch noch, trotz TV und Internet.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Du lebst in der Kommune Villa Locomuna in Kassel. Wie ist sie entstanden? Wie ist das Leben in dieser Kommune organisiert?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Die Villa Locomuna wurde 2000 gegr\u00fcndet. Ich selbst wohne erst seit Oktober 2014 hier, kann also von der Gr\u00fcndungszeit nicht berichten. Einige Gr\u00fcndungsmitglieder leben aber noch hier. Wir sind Teil des Interkomm-Netzwerkes in der Region Kassel und auch des Kommuja-Netzwerkes. Darin organisieren sich politische Kommunen aus dem deutschsprachigen Raum. Politisch hei\u00dft in dem Fall, dass wir gemeinsame \u00d6konomie praktizieren, alle Entscheidungen im Konsens treffen, ein linkes Selbstverst\u00e4ndnis haben und auch mit sozialen Themen und unserer Kommunikation besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>In der gemeinsamen Alltags\u00f6konomie werfen wir all unsere Einkommen zusammen und wirtschaften damit dann gemeinsam. Das funktioniert sehr gut. Wir tauschen uns \u00fcber unsere Ausgaben aus und auch dar\u00fcber, wie wir unsere Zeit verbringen. Geld- und Zeit\u00f6konomie geh\u00f6ren f\u00fcr uns zusammen. Ausgaben \u00fcber 150 Euro k\u00fcndigen wir an und diskutieren sie bei Bedarf.<\/p>\n<p>Zurzeit leben 13 Menschen in der Gemeinschaft, es k\u00f6nnen aber noch mehr werden. Im Monat haben wir sechs Treffen, jeweils zwei Finanzplena, zwei Orgaplena und zwei Sozialplena. Au\u00dferdem essen wir unter der Woche abends zusammen, eine Person kocht immer f\u00fcr den Rest der Gruppe. Und wir haben im Jahr dann meistens noch zwei Intensivwochenenden, Bautage und gemeinsame Ausfl\u00fcge.<\/p>\n<p><b>Emilio Backmann: Hast du gezielt nach einer Kommune gesucht? Hattest du vorher schon den Gedanken, dass das Kommuneleben etwas f\u00fcr dich sein k\u00f6nnte?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Haha, nein, eigentlich nicht. Vorher hatte ich eine eigene Wohnung in Dortmund &#8211; also zur Miete. Das mochte ich auch ganz gern. Aber ich hatte das Gef\u00fchl, dass mir die politische Arbeit &#8222;drau\u00dfen&#8220; nicht mehr reicht. Ich wollte, dass sich das auch in meinem Alltag st\u00e4rker niederschl\u00e4gt und ich konkret Dinge anders mache, die \u00fcber so was wie bewussten Konsum oder so hinausgehen. Ich habe dann 2014 beim ersten Interkommune-Seminar bei den Gastwerken in Escherode mitgemacht, auch eine Kommune aus dem Interkomm-Netzwerk.<\/p>\n<p>Dort haben wir an einem langen Wochenende viele Workshops zu Kommune-Themen gemacht und uns den Lossehof in Oberkaufungen, die Kommune Niederkaufungen und auch die Villa Locomuna angeschaut. Dort wurden gerade vor allem neue junge Leute gesucht. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Und wenige Wochen sp\u00e4ter hatte ich auch schon mein Kennenlerngespr\u00e4ch!<\/p>\n<p><b>Emilio Backmann: Was unterscheidet f\u00fcr dich am st\u00e4rksten das Leben in einer Kommune etwa vom Wohnen mit der Familie, oder alleine in einer eigenen Wohnung?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Wir haben hier einen bestimmten Ansatz des Zusammenlebens und wir haben uns alle bewusst daf\u00fcr entschieden. Das hei\u00dft, wir wohnen nicht nur aus praktischen Gr\u00fcnden zusammen, wie zum Beispiel in den meisten WGs.<\/p>\n<p>Ich habe mich auf diese Gemeinschaft eingelassen, das ist so etwas wie meine Wahlverwandtschaft. Aber gleichzeitig hat das f\u00fcr mich gesellschaftliche Relevanz, weil wir hier Dinge praktizieren, die f\u00fcr mich wegweisend sind f\u00fcr eine andere Wirtschafts- und Gesellschaftsform. Die gemeinsame \u00d6konomie ist da mit der wichtigste Punkt. Das machen Familien zwar teilweise auch, aber ich denke, dort spielen auf jeden Fall Hierarchien eine st\u00e4rkere Rolle.<\/p>\n<p>Wir begegnen uns hier alle auf Augenh\u00f6he, jede*r hat Mitspracherecht, jede*r kann seine oder ihre Meinung, Bed\u00fcrfnisse und F\u00e4higkeiten einbringen. Da ist es auch egal, ob ich erst zwei oder schon 15 Jahre hier wohne. Wir tauschen uns \u00fcber alles M\u00f6gliche aus und finden gemeinsame L\u00f6sungen, z.B. \u00fcber unser berufliches T\u00e4tigsein, \u00fcber finanzielle Fragen, \u00fcber pers\u00f6nliche Konflikte, Krisen usw. Au\u00dferdem stehen mir hier viele Dinge zur Verf\u00fcgung, die ich alleine nicht h\u00e4tte, z.B. ein Auto, eine Werkstatt, ein B\u00fcro, ein gro\u00dfer Garten&#8230; und die vielen F\u00e4higkeiten meiner Mitkommunard*innen. Es gibt Momente, da vermisse ich meine eigene Wohnung, weil zu viel los ist und ich mich gerne zur\u00fcckziehen m\u00f6chte. Ich bin tats\u00e4chlich auch eher wegen des politischen Konzeptes in die Kommune eingezogen, nicht so sehr, um mein Bed\u00fcrfnis nach Gemeinschaft zu befriedigen. Aber insgesamt passt mir die Mischung aus Gemeinschaft und Autonomie hier ziemlich gut.<\/p>\n<p><b>Emilio Backmann: Habt ihr als Kommune eine gro\u00dfe Au\u00dfenwirkung, oder meinst du, dass die Bewegungen eher durch Medien wie die<i>Contraste<\/i>, f\u00fcr die du schreibst, oder durch Organisationen wie die FdA in die Breite getragen werden k\u00f6nnen?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Es braucht auf jeden Fall beides. Kommunen sind f\u00fcr mich ein wichtiger Ort, weil sie in der Praxis zeigen, wie Menschen sich selbstbestimmt organisieren k\u00f6nnen und sich so unabh\u00e4ngiger machen k\u00f6nnen vom kapitalistischen System. Auf der anderen Seite nimmt das Leben in einer Kommune nat\u00fcrlich viel Zeit in Anspruch, die mensch nicht mehr in politische Arbeit &#8222;drau\u00dfen&#8220; stecken kann. Nichts desto trotz halte ich die Strategie f\u00fcr sehr sinnvoll, vor allem wenn sie sich immer mehr ausbreitet und die Kommunen sich auch \u00fcberregional miteinander vernetzen.<\/p>\n<p>In Kassel selbst werden wir sichtbar, wenn wir uns in Initiativen oder in der Nachbarschaft einbringen. Und es kommen auch immer wieder Anfragen von Medien, \u00fcber uns zu berichten. Das hat dann schon gr\u00f6\u00dfere Wirkung. Zudem organisieren wir weiterhin die Interkommune-Seminare und alle zwei Jahre ein Festival, das &#8222;Los geht&#8217;s&#8220;, f\u00fcr Menschen, die Interesse an Kommune haben.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach braucht es diese Kombination aus Projekten und Gegen\u00f6ffentlichkeit. Wir sollten uns in gesellschaftliche Debatten einmischen &#8211; und wenn wir dann gleich auch eine funktionierende Alternative anbieten k\u00f6nnen, ist das doch wunderbar.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Leider haben auch der Neofaschismus und rassistische Parteien wie die AfD Zulauf. Wie sch\u00e4tzt du die Situation antifaschistischer, sozialer Bewegungen insbesondere auch in Kassel und Dortmund ein? Wo siehst du in den n\u00e4chsten Jahren sozial, politisch und \u00f6kologisch die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Ich finde solche &#8222;Einsch\u00e4tzungen&#8220; immer schwierig. Woran soll ich Erfolge festmachen? Woran Misserfolge? Sind wir stark oder sind wir schwach im Vergleich zu rechten Bewegungen?<\/p>\n<p>Das wei\u00df ich einfach nicht. Da ich seit \u00fcber zwei Jahren nicht mehr in Dortmund wohne, f\u00e4llt es mir schwer, dazu etwas zu sagen. Ich verfolge aber mit gro\u00dfem Interesse die Aktivit\u00e4ten rund um das anarchistische Dortmunder Buch- und Kulturzentrum Black Pigeon und die Gruppen, die dort aktiv sind.<\/p>\n<p>In Kassel gab es auch einen Ableger von Pegida, der konnte aber zum Gl\u00fcck nicht richtig Fu\u00df fassen &#8211; auch weil kontinuierlich Gegenkundgebungen und Proteste organisiert wurden. Der NSU-Komplex ist auch ein gro\u00dfes Thema, weil Halit Yozgat hier ermordet wurde. Die AfD hat es in Kassel nicht leicht. Entweder es fliegen Torten oder die Veranstaltungen werden gest\u00f6rt. Das funktioniert ganz gut.<\/p>\n<p>Aber auch wenn wir rechte Aktivit\u00e4ten nicht unkommentiert lassen sollten und ich gerne Zeichen dagegen setze, sollte das nicht automatisch Priorit\u00e4t haben. Ich m\u00f6chte nicht alles andere stehen und liegen lassen, nur weil die AfD meint, mal wieder irgendwo rassistischen Bl\u00f6dsinn zu verzapfen. Ich hoffe ja auch immer noch, dass sich das Problem AfD mit der Zeit wieder von selbst erledigt. Vielleicht bin ich da aber zu naiv. Insofern stecke ich &#8211; wie viele andere wahrscheinlich auch &#8211; in einer Zwickm\u00fchle zwischen sichtbarem Protest einerseits und Aufmerksamkeit entziehen andererseits.<\/p>\n<p>In Kassel habe ich das Gef\u00fchl, dass die sozialen und antifaschistischen Bewegungen ganz gut aufgestellt sind. Aber ich lebe da auch in einer Blase. Im Verh\u00e4ltnis sind wir sicherlich in der Minderheit und noch nicht wirksam genug. Aber auch da ist wieder die Frage: Wie messe ich Wirksamkeit? Vor allem dauert aber gef\u00fchlt alles immer viel zu lange, wenn es zum Beispiel um die Folgen des Klimawandels geht.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung ist sicherlich, f\u00fcr alle sozialen, politischen und \u00f6kologischen Bewegungen an Schlagkraft, Sichtbarkeit und Bedeutung zu gewinnen. F\u00fcr mich geh\u00f6rt das auch alles zusammen. Wie k\u00f6nnen wir eigene autonome Strukturen aufbauen?<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir uns wieder die Mittel und Ressourcen aneignen, die wir f\u00fcr ein gutes Leben brauchen und sie kollektiv verwalten? Und wie k\u00f6nnen wir Menschen f\u00fcr uns gewinnen, die sich bisher noch auf staatliche Institutionen verlassen?<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Was k\u00f6nnen wir tun, um dem Ziel einer solidarischen, herrschaftslosen Gesellschaft n\u00e4her zu kommen?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Ich denke, es ist wichtig, sich mit anderen zu organisieren und eigene Strukturen aufzubauen, die uns ein selbstbestimmtes und herrschaftsfreies Leben erm\u00f6glichen. Diese Strukturen sollten offen sein f\u00fcr Interessierte, sie sollten in allen m\u00f6glichen Zusammenh\u00e4ngen bekannt gemacht werden. Ich meine so etwas wie Kommunen, solidarische Landwirtschaft, Kollektivbetriebe, Solidar\u00f6konomien und so weiter.<\/p>\n<p>Wir sollten uns nicht davor scheuen, in der \u00d6ffentlichkeit klar Stellung zu beziehen &#8211; mit Namen und Gesichtern. Zumindest hierzulande geht das im Moment ja noch. Es besteht nat\u00fcrlich die Gefahr, dass die Repressionen in Zukunft zunehmen, wenn \u00fcberall rechte Regierungen an die Macht kommen und im Zuge dessen die \u00d6ffentlichkeitsarbeit schwieriger und gef\u00e4hrlicher wird. Dann m\u00fcssen wir unsere Kommunikationsstrategien \u00e4ndern. Viele bereiten sich darauf ja auch schon vor und bauen sichere Kommunikationswege auf.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke und Emilio Backmann: M\u00f6chtest du den Leser*innen noch etwas mit auf den Weg geben, was dir in diesem Interview bisher zu kurz gekommen ist?<\/b><\/p>\n<p>Regine Bey\u00df: Auf viele Fragen haben wir im Moment vielleicht noch keine zufriedenstellenden Antworten. Aber das sollte uns nicht davon abhalten, Fragen zu stellen. Die Dinge k\u00f6nnen nicht so bleiben, wie sie sind. Punkt.<\/p>\n<p>Und wenn mir jemand sagt, dass meine Ideen unrealistisch seien oder nicht funktionieren w\u00fcrden, dann kann ich nur entgegenhalten: Das System, in dem wir gerade leben, funktioniert doch auch vorne und hinten nicht. Keine Ahnung, ob wir was anderes hinkriegen oder grandios scheitern werden. Aber versuchen sollten wir es.<\/p>\n<p>Oh je, das war jetzt ein bisschen zu pathetisch. Aber manchmal brauche ich sowas, um den Mut und die Motivation nicht zu verlieren.<\/p>\n<p><b>Emilio Backmann und Bernd Dr\u00fccke: Herzlichen Dank!<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke: Regine, du bist politisch und sozial sehr aktiv. Wie bist du aufgewachsen? Wie fing alles an? Was hat dich politisiert? Regine Bey\u00df: Ich kann mich erinnern, dass mich die globale Ungerechtigkeit schon fr\u00fch umgetrieben hat. Aber ich hatte damals andere L\u00f6sungsstrategien als heute. 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