{"id":17206,"date":"2017-05-01T00:00:00","date_gmt":"2017-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/05\/ein-kampf-ohne-die-frauen-ist-kein-kampf\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:05","slug":"ein-kampf-ohne-die-frauen-ist-kein-kampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/05\/ein-kampf-ohne-die-frauen-ist-kein-kampf\/","title":{"rendered":"&#8222;Ein Kampf ohne die Frauen ist kein Kampf&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Anja Kraus: Manoli, m\u00f6chtest Du mir etwas \u00fcber Dein Leben erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p>Manoli Ramajo: Ich war, als ich 25 Jahre alt war, bis ich 34 Jahre alt war, in Deutschland arbeiten und geh\u00f6rte zu gar keiner Gruppe. In Deutschland habe ich mich von meinem Ehemann getrennt, er war ein Macho und hat mich nicht respektiert. Frauen, die ohne ihren Ehemann mit einem anderen Mann lebten, wurden als gef\u00e4lscht bezeichnet, &#8222;adulterio&#8220;, das war ein Delikt und wurde mit Knast bestraft. Ein Mann wurde nicht bestraft, wenn er seine Frau verlie\u00df. Ich hatte damals vier Kinder, drei T\u00f6chter und einen Sohn. Die Kinder waren bei mir oder bei meiner Mutter in Spanien und einige Zeit waren sie im Internat.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit lebte ich in Wiesbaden. Dort hatte ich einen \u00e4lteren Compa\u00f1ero, er geh\u00f6rte einer aktiven militanten anarchistischen Gruppe an und hatte an der Spanischen Revolution 1936 teilgenommen. Wir hatten in Wiesbaden ein spanisches Zentrum, dort arbeiteten wir gegen den spanischen Diktator Franco, aber auch gegen die Ausl\u00e4ndergesetze in Deutschland, wir haben Gesetze studiert, denn wir hatten als spanische Arbeitnehmer in Deutschland schlechtere Arbeit und niedrigere L\u00f6hne. Zudem haben wir uns gegen die Todesstrafe in Spanien engagiert.<\/p>\n<p>Franco ist dann 1975 gestorben. 1977 bin ich nach Madrid zur\u00fcckgegangen. In Usera, einem Stadtteil von Madrid, haben wir dann ein &#8222;Ateneu libertario&#8220; [das sind &#8222;libert\u00e4re Lokale&#8220;, vergleichbar mit den Infol\u00e4den oder A-L\u00e4den] aufgebaut.<\/p>\n<p>Wir haben in Deutschland auch gek\u00e4mpft, als sie 1976 Ulrike Meinhof in der Haft ermordet haben. Wir haben dann Kampagnen gemacht. Auch 1980, als sie den Flughafen Frankfurt erweitert haben, haben wir bei den ersten Camps mitgemacht, ich bin dann von Spanien nach Deutschland gekommen. Vor der Flughafenerweiterung haben wir diverse Kampagnen gegen den Flughafenausbau gemacht.<\/p>\n<p>Damals bin ich dann auch in den CNT eingetreten. [Manoli zeigt mir stolz ihren CNT-Ausweis.]<\/p>\n<p>Ich habe noch Zeitungen der UTE, das hei\u00dft &#8222;Union de Trabajadores Emigrantes&#8220; (Union der emigrierten Arbeiter). In unserem spanischen Zentrum gab es Menschen der unterschiedlichsten F\u00e4rbungen, nicht nur Anarchisten.<\/p>\n<p>Wir Anarchisten waren sogar weniger, aber trotzdem hielten wir alle zusammen. Wir haben wirklich sehr viele Flugbl\u00e4tter gegen den Mord an Ulrike Meinhof gemacht, meinen Lebensgef\u00e4hrten Viktor haben sie sogar eine Nacht verhaftet und eingesperrt, weil er diese Flugbl\u00e4tter abgeholt hatte.<\/p>\n<p><b>Anja Kraus: Warst du auch bei den Mujeres Libres, der anarchosyndikalistischen Frauenorganisation?<\/b><\/p>\n<p>Manoli Ramajo:Bei den Mujeres Libres war ich nur kurz. Als meine Tochter drogens\u00fcchtig wurde, bin ich in die Gruppe &#8222;M\u00fctter gegen die Drogen&#8220; eingetreten.<\/p>\n<p><b>Anja Kraus: Ihr tretet dort f\u00fcr die Legalisierung aller Drogen ein. Kannst du mir diese Position erl\u00e4utern? Es ist ja eine konfliktive Forderung.<\/b><\/p>\n<p>Manoli Ramajo: Wir wollten die Mafia aus dem Drogenhandel rausbekommen, weil auf dem Schwarzmarkt die Qualit\u00e4t der Drogen stark schwankte, was bei Heroin lebensgef\u00e4hrlich enden kann, oder die Drogen wurden mit Giftstoffen versetzt. Wir wollen, dass Drogen in den Apotheken frei verkauft werden, damit die Qualit\u00e4t zertifiziert und gesichert ist. Sie haben damals gepanschte Drogen verkauft, das hie\u00df dann auch &#8222;adulterio&#8220; (so wie ich, als ich meinen Mann verlassen habe, ich habe die Familie gepanscht). Es sind wirklich viele junge Leute gestorben, weil sie sich etwas reingetan haben, was sie sich gar nicht reintun wollten. Seit 1984\/85 bin ich in dieser Gruppe und sie arbeitet bis heute. Ich muss aber dazu sagen, dass diese Gruppe nichts mit der CNT zu tun hat, es arbeiten dort Menschen mit sehr unterschiedlichen Ideologien mit.<\/p>\n<p><b>Anja Kraus: M\u00f6chtest du \u00fcber den Tod deiner Tochter sprechen?<\/b><\/p>\n<p>Manoli Ramajo: Warum nicht, ich habe dar\u00fcber ja auch schon im spanischen Fernsehen gesprochen. Meine Tochter Marife ist gestorben w\u00e4hrend ihrer Gefangenschaft im spanischen Gef\u00e4ngnis, in einem normalen Krankenhaus. Sie hatte im Knast gro\u00dfe Probleme. Bis heute arbeite ich im Gef\u00e4ngnis, haupts\u00e4chlich mit \u00e4lteren Menschen. Wir machen Veranstaltungen, besuchen das Gef\u00e4ngnis. Wir haben zwei Wohnungen angemietet, in denen wir Menschen aufnehmen, die aus dem Knast kommen und nicht wissen, wohin sie gehen sollen. Wir bekommen daf\u00fcr \u00fcberhaupt keine Subventionen. Wir haben Anw\u00e4lte, auch daf\u00fcr wenn die Gefangenen Probleme mit ihren Familien haben, besonders wenn es um die Unterbringung der Kinder geht. Manchmal wollen sie den M\u00fcttern die Kinder wegnehmen, wir verteidigen die Rechte der M\u00fctter.<\/p>\n<p><b>Anja Kraus: Ich hatte Marife 1984 in einem besetzten Haus in Madrid\/Vallecas getroffen. Warum ist sie drogens\u00fcchtig geworden?<\/b><\/p>\n<p>Manoli Ramajo: Damals wurde in einer Schule in Madrid ein M\u00e4dchen namens Jolanda von einem Nazi get\u00f6tet. Es gab in den Schulen Madrids Streiks, bei denen sich die Sch\u00fclerInnen eingeschlossen haben in den Schulen. Da hat ihr jemand harte Drogen angeboten. Da war sie 17 Jahre alt. Sie hatte zwischenzeitlich lange Phasen, wo sie keine harten Drogen genommen hat. Sie hat damals drei Jahre mit Stefan, einem deutschen Maler, im besetzten Dorf Vilar gewohnt. Er starb damals.<\/p>\n<p><b>Anja Kraus: Warum war sie denn im Gef\u00e4ngnis?<\/b><\/p>\n<p>Manoli Ramajo: Sie hatte eine Bank \u00fcberfallen. &#8222;Quien roba al ladron tien 100 anos de perdon&#8220; (Wer einen R\u00e4uber beraubt, bekommt 100 Jahre verziehen.)<\/p>\n<p>Als sie dann im Gef\u00e4ngnis war, musste sie Dinge tun, die sie nicht machen wollte, erz\u00e4hlte mir ihre Gef\u00e4ngnispsychologin. Die Psychologin sagte nichts deutlich, aber ich hatte den Eindruck, dass es um sexualisierte Dienstleistungen mit Gef\u00e4ngnisangestellten ging. Im Gef\u00e4ngnis hatte sie lange keine Drogen genommen. Danach ist sie im Gef\u00e4ngnis wieder draufgekommen und dann im Hospital gestorben.<\/p>\n<p><b>Anja Kraus: M\u00f6chtest du mir noch etwas zu deiner Arbeit bei der CNT erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p>Manoli Ramajo: In der CNT Madrid treffen wir uns einmal pro Woche und arbeiten zu Arbeitskonflikten.<\/p>\n<p><b>Anja Kraus: Spielt \u00d6kologie in euren K\u00e4mpfen eine Rolle?<\/b><\/p>\n<p>Manoli Ramajo: Wir haben unter den Beteiligten eine Menge Leute, die Veganer sind. Wir haben auch viele Gruppen in der CNT, die selbst Honig produzieren und viele selbstbestimmte Gruppen, die Selbstversorgung anfangen.<\/p>\n<p>In Madrid haben wir vier Gruppen f\u00fcr selbstbestimmtes Leben. Au\u00dferdem einen gro\u00dfen &#8222;huerta comun&#8220; (kommunaler Garten) und alle, die in dem Garten mitarbeiten, k\u00f6nnen dort auch ernten. Aber wir sprechen auch \u00fcber Ideologien, verkaufen B\u00fccher auf dem Flohmarkt, wir verteidigen die Menschen in den Fabriken und wir haben Rechtsanw\u00e4lte.<\/p>\n<p><b>Anja Kraus: Sind deine Kinder politisch aktiv?<\/b><\/p>\n<p>Manoli Ramajo: Mit meiner Tochter, die in Deutschland lebt, gehe ich ab und zu auf Versammlungen, aber ich beteilige mich nicht sehr. Mein Sohn k\u00e4mpft nicht, aber er hat seine Kinder nicht getauft und er hat niemals gew\u00e4hlt, meine T\u00f6chter sind aktiv.<\/p>\n<p><b>Anja Kraus: Was denkst du \u00fcber freie Sexualit\u00e4t?<\/b><\/p>\n<p>Manoli Ramajo: Na, die Sexualit\u00e4t muss auch frei sein, wenn wir eine freie Gesellschaft wollen. Nicht nur f\u00fcr die Frau, sondern auch f\u00fcr den Mann. Wir haben in Madrid ein enormes Problem, das sind k\u00f6rperliche Angriffe von Nazis auf Homosexuelle.<\/p>\n<p><b>Anja Kraus: Gibt es etwas, was du der Jugend heute gerne sagen w\u00fcrdest?<\/b><\/p>\n<p>Manoli Ramajo: Ihr m\u00fcsst eure Rechte verteidigen. Ein Kampf ohne die Frauen ist kein Kampf, es ist nur ein halber Kampf, weil eine H\u00e4lfte fehlt. Wir haben eine unterschiedliche Erziehung. Wir m\u00fcssen ausw\u00e4hlen, mit wem wir leben wollen und mit wem wir zusammensein wollen.<\/p>\n<p><b>Anja Kraus: Vielen Dank f\u00fcr deine Offenheit.<\/b><\/p>\n<p><b>Interview: Anja M. Kraus<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anja Kraus: Manoli, m\u00f6chtest Du mir etwas \u00fcber Dein Leben erz\u00e4hlen? Manoli Ramajo: Ich war, als ich 25 Jahre alt war, bis ich 34 Jahre alt war, in Deutschland arbeiten und geh\u00f6rte zu gar keiner Gruppe. In Deutschland habe ich mich von meinem Ehemann getrennt, er war ein Macho und hat mich nicht respektiert. Frauen, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/05\/ein-kampf-ohne-die-frauen-ist-kein-kampf\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Ein Kampf ohne die Frauen ist kein Kampf\" - graswurzelrevolution","description":"Anja Kraus: Manoli, m\u00f6chtest Du mir etwas \u00fcber Dein Leben erz\u00e4hlen? Manoli Ramajo: Ich war, als ich 25 Jahre alt war, bis ich 34 Jahre alt war, in Deutschland a"},"footnotes":""},"categories":[995,1038,1042,1027],"tags":[],"class_list":["post-17206","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-419-mai-2017","category-kleine-unterschiede","category-ohne-chef-und-staat","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17206","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17206"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17206\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17206"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17206"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17206"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}