{"id":17210,"date":"2017-05-01T00:00:00","date_gmt":"2017-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/05\/ich-frage-mich-ob\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:53","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:53","slug":"ich-frage-mich-ob","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/05\/ich-frage-mich-ob\/","title":{"rendered":"Ich frage mich, ob&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Wer f\u00fcrchten sollte, wir w\u00fcrden br\u00fcllend und (im \u00fcbertragenen Sinne) mit den F\u00e4usten aufeinander losgehen &#8211; frei nach dem Satz des Kabarettisten Wolfgang Neuss: &#8222;Wir k\u00f6nnen hier richtig deutsch diskutieren, wir haben Verbandszeug im Hause&#8220; &#8211; der darf sich beruhigt zur\u00fccklehnen. Sollte es im Folgenden doch einmal hart zur Sache gehen, so wird es eben genau dies tun: zur Sache gehen. Niemals zur Person.<\/p>\n<p>Trauriger ist, dass ich mir gar nicht sicher bin, ob eine neuerliche Wortmeldung meinerseits \u00fcberhaupt Sinn macht. Im schlimmsten Fall wird sie Lubin, dessen Position ja sehr eindeutig ist, zwingen, seine Ansichten noch einmal in anderen Worten zu wiederholen. Das w\u00e4re f\u00fcr ihn, mich, und alle, die unserer Diskussion folgen, langweilig. Daran, publizistisch das letzte Wort zu haben, ist mir nichts gelegen. Hinzu kommt, dass meine Position nicht einmal im Ansatz so eindeutig ist wie die von Lubin. Nichts ist fertig, fix oder in Stein gemei\u00dfelt. Ich hege und n\u00e4hre lediglich Zweifel, sowohl an der postanarchistischen Orthodoxie als auch an der traditionsseligen Theorieverweigerung einiger meiner Genossinnen und Genossen, und bin zugleich der Ansicht, dass es f\u00fcr das anarchistische Denken an der Zeit ist, sich neu zu orientieren, um endlich die Relevanz im Mit- und Gegeneinander der verschiedenen Ans\u00e4tze zur Ver\u00e4nderung zu erlangen, die ich ihm w\u00fcnschen w\u00fcrde. Jede Ver\u00e4nderung beginnt mit Zweifeln am Bestehenden. Deshalb wird das Leitmotiv meiner Antwort hoffentlich kein lautes: &#8222;Ich meine, dass&#8230;&#8220; sein, sondern ein sch\u00fcchternes: &#8222;Ich frage mich, ob&#8230;&#8220;.<\/p>\n<h3>Eine anarchistische &#8222;Anthropologie von unten&#8220;?<\/h3>\n<p>Die Frage, die meinem Artikel &#8222;Zur\u00fcck zur Natur des Menschen&#8220; zugrunde lag, war, ob es sinnvoll sein k\u00f6nnte, eine anarchistische &#8222;Anthropologie von unten&#8220; zu entwickeln. Eine philosophische Anthropologie wohlgemerkt, denn soziale Anthropologien anarchistischer Couleur gibt es mittlerweile genug und \u00fcbergenug. Ihr politischer Nutzen allerdings &#8211; dies sei mit allem Respekt vor Autoren wie David Graeber oder Ghassan Hage gesagt &#8211; erscheint mir als eher gering. Das Wissen darum, dass es in der Menschheitsgeschichte immer wieder herrschaftsfreie Gesellschaften gab, ist gewiss lehrreich und erhellend, nutzt einem aber nicht viel, wenn es um die Frage geht, wie eine solche Gesellschaft im postindustriellen Westeuropa des 21. Jahrhunderts zu organisieren w\u00e4re. Unter einer &#8222;Anthropologie von unten&#8220; versteht man im Allgemeinen den Versuch, eine Antwort auf die alte philosophische Frage: &#8222;Was ist der Mensch?&#8220; zu geben, die auf \u00fcbergeordnete Kategorien (wie etwa Gott) verzichtet und stattdessen von den nat\u00fcrlichen Gegebenheiten ausgeht &#8211; soweit ihr dies denn m\u00f6glich ist. Bis jetzt wird dieses Feld vor allem von den entgegengesetzten Disziplinen der Soziobiologie und Kybernetik beackert &#8211; einflussreichen und ernst zu nehmenden Disziplinen des menschlichen Denkens, nat\u00fcrlich, aber in ihren politischen Konsequenzen oft eher gruselig. Sinn einer anarchistischen &#8222;Anthropologie von unten&#8220; w\u00e4re es, zu verdeutlichen, dass der Schutz der Umwelt und damit die Rettung des Lebens auf diesem Planeten nicht ohne radikale Ver\u00e4nderungen der politischen und sozialen Ordnung zu haben sein werden; also quasi eine Verbindung von radikal\u00f6kologischen Positionen mit dem sozialrevolution\u00e4ren Gedankengut des Anarchismus herzustellen. Auf diese Idee kam ich nach einem etwas verst\u00f6renden Gespr\u00e4ch mit einem Freund, einem promovierten Philosophen und hochkritischen Geist, der, als ich versuchte, ihm (in meinem furchteinfl\u00f6\u00dfend laienhaften Verst\u00e4ndnis) die Gef\u00e4hrlichkeit bestimmter Entwicklungen des Klimas zu erl\u00e4utern, in tiefstem Desinteresse die Schultern zuckte, murmelte: &#8222;Ich bin halt kein \u00d6ko&#8230;&#8220; und mich stehen lie\u00df. Es geht hier gar nicht darum, dass ich meinem armen Freund wom\u00f6glich einfach nur auf den Wecker gefallen bin. Seine Ehre ist nicht angetastet. Wer aber heute noch glaubt, Natur- und Umweltbewusstsein sei nichts weiter als ein politisches Orientierungsangebot unter vielen auf dem bunten Bazar der politischen Identit\u00e4ten, der wird noch staunen, wie sehr sich das ungeliebte Thema ihm k\u00fcnftig aufn\u00f6tigen wird. Noch bedenklicher finde ich, dass in derartigen Verweigerungen ein neokolonialistischer Hochmut steckt; die Weigerung n\u00e4mlich, anzuerkennen, was die wesentlich vom reichen Norden und Westen verursachte Klimakatastrophe in anderen Regionen der Welt anrichtet. Chandran Nair, Gr\u00fcnder und Direktor des Global Institute for Tomorrow (Gift) in Hongkong, hat erst vor kurzem in einer kritischen Auseinandersetzung mit Thomas Pikettys &#8222;Das Kapital im 21. Jahrhundert&#8220; auf diese Scheel\u00e4ugigkeit des Westens und Nordens hingewiesen &#8211; in Formulierungen, die (in aller Demut) fast von mir h\u00e4tten stammen k\u00f6nnen: &#8222;Die sch\u00e4rfste Form der Ungleichheit wird [&#8230;] oft \u00fcbersehen: die zwischen den Menschen auf der untersten Stufe der \u00f6konomischen Leiter und denen, die es gar nicht auf die Leiter schaffen. Ich meine damit jene hunderte Millionen Menschen in aller Welt, die nicht einmal \u00fcber die elementarsten Ressourcen verf\u00fcgen: Wohnraum, ausreichendes und unbedenkliches Essen, sauberes Wasser, eine Toilette. [&#8230;] Ihnen ist nicht geholfen, wenn das \u00f6konomische Kapital weiter anw\u00e4chst, sondern nur, wenn das Naturkapital gesch\u00fctzt und gerechter verteilt wird&#8220;. Ohne Reflexion \u00fcber eine wie auch immer geartete Natur des Menschen aber, in diesem Fall etwa seiner elementarsten Bed\u00fcrfnisse, wird es in keiner Anthropologie der Welt abgehen. Das zu Recht popul\u00e4re und hoffnungsstiftende Konzept des &#8222;Buen vivir&#8220; [&#8218;Gut leben&#8216;], das auf indigene Kulturen zur\u00fcckgeht und in Ecuador inzwischen sogar verfassungswertig ist, ist ja auch nichts anderes als ein Nachdenken dar\u00fcber, welche nat\u00fcrlichen Bed\u00fcrfnisse des menschlichen Lebens erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen, ohne den Fortbestand des Lebens auf diesem Planeten zu gef\u00e4hrden. Ich w\u00fcrde gerne auch die Stimme des Anarchismus in diesem Kanon zu h\u00f6ren bekommen.<\/p>\n<h3>Oskar Lubins Kritik und meine Positionen<\/h3>\n<p>Lubin nun bezweifelt, dass die Berufung auf die Natur des Menschen n\u00f6tig sei, um eine solche \u00f6ko-anarchistische Politik voranzubringen. F\u00fcr diesen Zweifel habe ich Verst\u00e4ndnis. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob es nicht andere, bessere Wege gibt, ein Umdenken (nicht nur) in den Reihen der Anarchistinnen und Anarchisten zu bewirken &#8211; so es nicht l\u00e4ngst schon stattgefunden hat (was ich, gest\u00fctzt auf leidige Erfahrung, allerdings bezweifle). Lubins Feststellung allerdings, dass sich aus nat\u00fcrlichen Gegebenheiten der menschlichen Existenz nicht automatisch politische Konsequenzen oder Forderungen erg\u00e4ben, ist &#8211; Verzeih&#8216; mir, Oskar! &#8211; der schw\u00e4chste Teil seiner Kritik: Ich habe ja nirgends behauptet, dass sich irgendetwas aus irgendetwas nat\u00fcrlicher- oder zwangsweise ergeben w\u00fcrde. Jede Bedeutung ist eine Zuweisung, beziehungsweise das Resultat eines konfliktiven Aushandlungsprozesses; eines &#8222;kulturellen Kampfes&#8220;, wenn man so will. Das ist im Postanarchismus nicht viel anders als in der alten Naturphilosophie. Was ich allerdings sehr wohl behauptet habe und weiterhin behaupten werde, ist, dass sich aus den nat\u00fcrlichen Gegebenheiten der menschlichen Existenz politische Forderungen ableiten lassen, und dass es sinnvoll sein k\u00f6nnte &#8211; merke: k\u00f6nnte &#8211; dies im anarchistischen Kontext auch zu tun. Zwei Gr\u00fcnde f\u00fchren mich zu dieser schn\u00f6den Starrk\u00f6pfigkeit. Der eine ist eher pragmatisch, der andere perspektivisch.<\/p>\n<h3>1. Pragmatische Gr\u00fcnde<\/h3>\n<p>Meine pragmatischen \u00dcberlegungen sind rasch abgehandelt: Jeder, der schon einmal versucht hat, einer interessierten Seele die Weigerung des Postanarchismus zu erl\u00e4utern, sich auf die Natur des Menschen zu berufen, wei\u00df, dass er daf\u00fcr viel Zeit braucht. Man muss kilometerweit ausholen, um auch nur ein minimales Verst\u00e4ndnis zu vermitteln. Selbst im H\u00f6rsaal ist dergleichen m\u00fchsam. Bei Genossinnen und Genossen ohne akademische Bildung ist es sogar oft sinnlos. Dass ich die Position des Postanarchismus zur Natur des Menschen eine &#8222;kauzige Marotte&#8220; genannt habe, bezog sich also nicht in erster Linie auf die Position an sich, ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit, sondern auf die Wirkung, die sie sogar bei durchaus wohlmeinenden Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rern erzeugt. Nat\u00fcrlich kann und sollte man sich stets die M\u00fche machen, auch bockige oder sperrige Meinungen zu vertreten, wenn man sie denn f\u00fcr richtig h\u00e4lt. Fest steht aber, dass sich &#8211; Stand jetzt &#8211; der Postanarchismus, sogar innerhalb der internationalen anarchistischen Bewegung, in einem akademischen Elfenbeinturm zu isolieren scheint, in dem &#8211; und dies kommt erschwerend hinzu &#8211; keineswegs alle die gleichen gr\u00fcndlichen Kenntnisse besitzen wie Lubin. Wer einfach nur mit Hitze in eine Diskussion hinein br\u00fcllt: &#8222;Es gibt keinen pr\u00e4diskursiven K\u00f6rper!&#8220;, der d\u00fcrfte den politischen Meinungsbildungsprozess nur wenig vorangebracht haben. Verdinglichte Denkkategorien sind in der Postmoderne auch nicht attraktiver als in anderen Zeiten oder Str\u00f6mungen. Wie unendlich viel leichter haben es da jene, die (meist aus sehr anderen politischen Zusammenh\u00e4ngen) keinerlei Hemmungen haben, noch mit den aberwitzigsten R\u00fcckgriffen auf die Natur des Menschen um sich zu werfen! Sie werden m\u00fchelos verstanden, und k\u00f6nnen die Dringlichkeit ihrer Handlungsaufforderungen gut vermitteln. Eine anarchistische &#8222;Anthropologie von unten&#8220; m\u00fcsste versuchen, den groben Unfug auszusortieren, und gleichzeitig anschlussf\u00e4hig f\u00fcr breitere gesellschaftliche Schichten zu werden. Und damit w\u00e4re ich auch schon bei meinen zweiten, perspektivischen \u00dcberlegungen.<\/p>\n<h3>2. Perspektivische Gr\u00fcnde<\/h3>\n<p>Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass die Relevanz nat\u00fcrlicher Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der menschlichen Existenz in der Gesellschaft, Kultur und Politik der Zukunft zunehmen wird &#8211; und das keineswegs in einem Sinne, der Anarchistinnen und Anarchisten Freude machen wird. Das oben zitierte Gebr\u00fcll, es gebe keinen &#8222;pr\u00e4diskursiven K\u00f6rper&#8220;, ist ja zumindest stark diskussionsbed\u00fcrftig. Mir pers\u00f6nlich gef\u00e4llt in diesem Zusammenhang die Definition eines der Gro\u00dfen der poststrukturalistischen Forschung zur Sexualit\u00e4t: Thomas Laqueur. Ich muss vorwegschicken, dass die poststrukturalistische Theorie (mit Michel Foucault an der Spitze) ihre Entdeckung der Diskurse, also jener Empfindungs-, Denk-, Rede- und Handlungsordnungen, die unser Leben bestimmen, ohne dass uns dies notwendigerweise bewusst w\u00e4re, wesentlich am genealogischen Studium der Humanwissenschaften entwickelt hat &#8211; einfacher ausgedr\u00fcckt: an der Geschichte der Medizin mit ihren zum Teil dramatisch wechselnden &#8218;Wahrheiten&#8216;. Meine polemische Frage, wie man eigentlich an der Natur des Menschen zweifeln k\u00f6nne, wo es eine Medizin gibt, w\u00e4re, so betrachtet, eine ziemlich einladende L\u00fccke in der Mauer meiner Argumentation gewesen. Aber dies nur nebenbei.<\/p>\n<p>Thomas Laqueur nun hat in der Gruppe der poststrukturalistischen Gro\u00dftheoretikerinnen und -Theoretiker einen Sonderstatus. Denn er ist Diskurstheoretiker und Mediziner. Schon sein Vater war ein gefeierter wissenschaftlicher Pathologe. Den menschlichen K\u00f6rper und seine Funktionen eine blo\u00dfe &#8222;Manifestation&#8220; zu nennen, w\u00e4re ihm deshalb nicht \u00fcber die Lippen gekommen. In seinem lesenswerten Buch &#8222;Making Sex&#8220; fasst er seine Position zusammen: Es gibt selbstverst\u00e4ndlich einen pr\u00e4diskursiven, physischen K\u00f6rper, n\u00e4mlich jenen, in dem wir Leben oder den der Arzt, Chirurg oder Pathologe vor sich hat. Dieser K\u00f6rper hat zweifellos seine eigenen, bio-physischen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten. Sobald wir aber versuchen, uns \u00fcber diese Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten zu verst\u00e4ndigen, ihre Funktionen zu erfassen, sie zu bewerten oder gar gesellschaftliche Schl\u00fcsse aus ihnen zu ziehen, werden gesellschaftliche Diskurse und Machtstrukturen wirksam. Ich denke, mit einer solchen Definition sollte auch Lubin gut leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber genau hier liegt meiner Ansicht nach das Problem: Die Position des Postanarchismus zur Natur des Menschen erinnert mich ein wenig an die der antiken Skeptiker. Deren \u00dcberzeugung l\u00e4sst sich in drei S\u00e4tzen zusammenfassen: &#8222;Es gibt nichts. G\u00e4be es etwas, w\u00e4re es nicht erkennbar. W\u00e4re es erkennbar, w\u00e4re es nicht darstellbar&#8220;. Wo immer Postanarchistinnen und Postanarchisten &#8211; grunds\u00e4tzlich ja durchaus richtig &#8211; darauf beharren, die physische Existenz des Menschen nie geleugnet zu haben, bin ich immer versucht, in Klammern (und in ihrem Geiste) ein kleines, rotes: &#8222;Ja ja&#8220; dahinter zu setzen, durchaus im dem Sinne von: &#8222;Leck mich am A&#8230;!&#8220;. Denn f\u00fcr postanarchistische \u00dcberlegungen spielt diese Physis ja gerade keine Rolle. Hat man aber die Existenz der physischen Wirklichkeit des Tieres Mensch einmal gro\u00dfm\u00fctig einger\u00e4umt: Wie wahrscheinlich ist es dann noch, dass diese physische Wirklichkeit keinen Einfluss auf das Leben, die Wahrnehmung und m\u00f6glicherweise auch die Politik menschlicher Gesellschaften hat &#8211; oder haben sollte? Die Tatsache, dass Diskurse unsere physische Selbstwahrnehmung steuern, bedeutet ja nicht automatisch, dass Medizin, Psychologie, Hirn- oder Genforschung nichts als dummes Zeug von sich geben oder gegeben haben. Oskar Lubins Behauptung, dass, wer von der Natur des Menschen handle, stets etwas Statisches, Unver\u00e4nderliches, dementsprechend auch politisch nicht zu Wandelndes meine, ist wissenschaftlich nicht l\u00e4nger zeitgem\u00e4\u00df. In den modernen Naturwissenschaften wird beispielsweise ein Naturgesetz inzwischen definiert als ein Gesetz, das so lange gilt, bis ein besseres gefunden wird. Das menschliche Verst\u00e4ndnis nat\u00fcrlicher Prozesse wird selber als Prozess begriffen und ist keineswegs homogen. Wirklich bedrohlich jedoch erscheint mir, dass die gef\u00e4hrlichsten Gegner allen w\u00fcnschenswerten sozialen Wandels l\u00e4ngst freim\u00fctigen und intensiven Gebrauch von den humanwissenschaftlichen Erkenntnissen \u00fcber die Natur des Menschen machen, und dies mit einsch\u00fcchterndem Erfolg. Rainer Mausfeld, Professor f\u00fcr Psychologie an der Universit\u00e4t Kiel, berichtet zum Beispiel in seinem von Herzen empfohlenem Vortrag: &#8222;Warum schweigen die L\u00e4mmer?&#8220; von einem interdisziplin\u00e4ren Kongress, der an seiner Universit\u00e4t abgehalten wurde, um Techniken der psychologischen Kriegsf\u00fchrung auszutauschen. Techniken, die, so Mausfeld, bisher \u00fcberall auf dem Planeten mit bedrohlicher Effizienz funktioniert haben. Was anders sollte dies bedeuten als einen Hinweis auf die Existenz einer Natur des Menschen, die politisch mehr als relevant ist? Es ist hier leider nicht der Raum, noch weitere Beispiele anzuf\u00fchren. Schon der alte Sigmund Freud behauptete immerhin in einer ber\u00fchmten Passage \u00fcber die &#8222;Kr\u00e4nkungen&#8220;, die dem menschlichen (man ist versucht zu sagen: europ\u00e4ischen) Selbstbewusstsein im Laufe seiner Geschichte zugef\u00fcgt worden seien, deren schlimmste habe eigentlich die Psychologie zu verantworten. Sie habe mit ihrer Entdeckung des Unbewussten den Menschen bewiesen, &#8222;dass sie nicht einmal Herr im eigenen Haus seien&#8220;. Die simple Verneinung des Postanarchismus zur Natur des Menschen erscheint mir f\u00fcr die Auseinandersetzung mit derartigen Entwicklungen und Bedrohungen skrupelloser Herrschaftstechniken als wenig n\u00fctzlich. Eine anarchistische &#8222;Anthropologie von unten&#8220; m\u00fcsste sich kritisch an aktuellsten Entwicklungen der Humanwissenschaften orientieren, wohl wissend, dass diese immer vorl\u00e4ufig sind, diese aber in einen emanzipatorischen Bedeutungszusammenhang stellen. Eine Art &#8222;philosophischer Kropotkin im 21. Jahrhundert&#8220; also? Warum eigentlich nicht?<\/p>\n<h3>Das verlorene Bewusstsein f\u00fcr nat\u00fcrliche Zyklen<\/h3>\n<p>Ich m\u00f6chte abschlie\u00dfend noch auf Oskar Lubins sp\u00f6ttische Frage eingehen, was das denn f\u00fcr &#8222;nat\u00fcrliche Zyklen&#8220; sein sollten, von denen ich mir w\u00fcnschen w\u00fcrde, dass die Menschen des reichen Nordens und Westens sie wieder bewusster als Teil ihres Lebens wahrnehmen w\u00fcrden. Ich muss dazu etwas ausholen: Man kann, extrem vereinfacht, das Verh\u00e4ltnis des europ\u00e4ischen Denkens zur Natur in drei Phasen einteilen. In der Antike wurde im eigentlichen Wortsinn Naturphilosophie betrieben. Die Natur war die allumfassende, ewige und unver\u00e4nderliche Ordnung, in die die Menschen sich einzuf\u00fcgen und nach deren Regeln sie zu leben hatten, wollten sie ein &#8222;rechtes Leben&#8220; f\u00fchren. Der begrenzte Kreis der menschlichen Sch\u00f6pfungskraft, beispielsweise die Stadtkultur der attischen Polis, ver\u00e4nderte in den Augen der griechischen Philosophie die ewige Ordnung der Natur nicht. Auch wenn die Wirklichkeit h\u00e4ufig anders aussah. In der fr\u00fchen Neuzeit \u00e4nderte sich mit Ren\u00e9 Descartes das Bild. Im fr\u00fchen Rationalismus wurde f\u00fcr &#8222;den Menschen&#8220; eine Stellung au\u00dferhalb der Natur beansprucht, gleichsam in einer konfliktiven Spannung und auf Augenh\u00f6he mit ihr. Deshalb lautet Descartes ber\u00fchmter Satz: &#8222;Ich denke, also bin ich&#8220;, und nicht etwa: &#8222;Ich atme, also bin ich&#8220;, oder, um die j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichte Autobiographie von Martin Walser zu zitieren: &#8222;Ich huste, also bin ich&#8220;. Es waren dann die b\u00fcrgerliche Aufkl\u00e4rung und (vor allem) der Siegeszug der angewandten Naturwissenschaften im 18. und 19. Jahrhundert, die das Verh\u00e4ltnis endg\u00fcltig umkehrten. Von nun an wurde f\u00fcr den Menschen ein Platz nicht allein au\u00dferhalb, sondern oberhalb der Natur beansprucht. Dieser Anspruch besteht bis heute. Der entfesselte Kapitalismus des beginnenden 21. Jahrhunderts verspricht sogar eine zweite, bessere, bereinigte, menschengemachte Natur, ein funkelndes, magisches (und nat\u00fcrlich teures) &#8222;Produkt Natur&#8220;, dass alle W\u00fcnsche zu erf\u00fcllen verhei\u00dft, die die nat\u00fcrlichen Grenzen der Vergangenheit noch behindert hatten. Egal, ob in einer virtuellen Scheinwelt am Computer oder in den Behandlungszimmern der pr\u00e4natalen Diagnostik. Ein nat\u00fcrlicher Zyklus, f\u00fcr den ich mir wieder ein gr\u00f6\u00dferes Bewusstsein w\u00fcnschen w\u00fcrde, w\u00e4re beispielsweise der des Werdens, Vergehens und Neuentstehens allen nat\u00fcrlichen Lebens &#8211; also der nat\u00fcrlichen Begrenztheit aller Existenz. Denn was, bittesch\u00f6n, bedeutet der aberwitzige Siegeszug aller m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Anti-Aging-Produkte, oder die Tatsache, dass sich mittlerweile schon Sechzehnj\u00e4hrige vor sch\u00f6nheitschirurgischen Kliniken dr\u00e4ngeln, um sich Falten (!) entfernen zu lassen anderes als die Weigerung, die simple Tatsache, zuzugeben, dass wir nun einmal von Natur aus \u00e4lter werden und sterben? Dass also die Spanne unseres Lebens endlich ist?<\/p>\n<p>Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: W\u00e4re es nicht n\u00fctzlich, wieder einzusehen, dass die nat\u00fcrliche Welt nicht unser privates Wohnzimmer ist? Ein Ort grenzenloser und beliebig verf\u00fcgbarer Bequemlichkeit? Ich kann die Gelegenheiten schon nicht mehr z\u00e4hlen, an denen mir (vor allem) junge Menschen freudestrahlend er\u00f6ffneten, sie f\u00e4nden es gro\u00dfartig, wenn es in Deutschland &#8222;das ganze Jahr \u00fcber Sommer w\u00e4re&#8220; &#8211; eine ziemlich unverholene Anspielung darauf, dass sie pers\u00f6nlich die Klimakatastrophe nicht im mindestens st\u00f6re. Solange sie Sonnencr\u00e8me h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberlasse es der Phantasie meiner Leserinnen und Leser, sich die politischen Konsequenzen eines solchen Wirklichkeitsverlustes auszumalen. Ich jedenfalls k\u00f6nnte noch lange so fortfahren, mit weiteren Beispielen, eines erschreckender als das andere. Die \u00fcberlebensnotwendige radikale \u00f6kologische und soziale Wende erscheint mir unter diesen Umst\u00e4nden als unm\u00f6glich.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Ob freilich ausgerechnet meine verstiegene Idee einer anarchistischen &#8222;Anthropologie von unten&#8220; ein Weg sein k\u00f6nnte, den bitter n\u00f6tigen Ver\u00e4nderungen unserer Zeit n\u00e4her zu kommen &#8211; wer kann das wissen?<\/p>\n<p>So bleibt mir abschlie\u00dfend nur, Oskar Lubin noch einmal daf\u00fcr zu danken, dass er mich gezwungen hat, meine diffusen Gedanken ein wenig zu ordnen, und f\u00fcr seine fundierte Kritik an meinem Artikel. Ich bin bereit, zu konzedieren, dass Lubin m\u00f6glicherweise Recht hat, und ich Unrecht. Aber ein wenig quer zu denken hat auch im Anarchismus noch niemandem geschadet. Sollten sich noch andere an unserem Disput beteiligen wollen, w\u00fcrde mich das nat\u00fcrlich sehr freuen.<\/p>\n<p><b>Joseph Steinbei\u00df<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer f\u00fcrchten sollte, wir w\u00fcrden br\u00fcllend und (im \u00fcbertragenen Sinne) mit den F\u00e4usten aufeinander losgehen &#8211; frei nach dem Satz des Kabarettisten Wolfgang Neuss: &#8222;Wir k\u00f6nnen hier richtig deutsch diskutieren, wir haben Verbandszeug im Hause&#8220; &#8211; der darf sich beruhigt zur\u00fccklehnen. 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