{"id":17218,"date":"2017-06-01T00:00:00","date_gmt":"2017-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/ueberleben-im-mediensystem-gegen-das-mediensystem\/"},"modified":"2019-03-03T15:53:40","modified_gmt":"2019-03-03T13:53:40","slug":"ueberleben-im-mediensystem-gegen-das-mediensystem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/ueberleben-im-mediensystem-gegen-das-mediensystem\/","title":{"rendered":"\u00dcberleben im Mediensystem &#8211; gegen das Mediensystem"},"content":{"rendered":"<p>Als vor f\u00fcnf Jahren in M\u00fcnster der 40ste Geburtstag der Graswurzelrevolution mit einem dreit\u00e4gigen Kongress gefeiert wurde, besch\u00e4ftigte sich ein Arbeitskreis mit der Zukunft der Zeitschrift.<\/p>\n<p>Eigentlich muss einem darum nicht bange sein, wenn ein anarchistisches Medium nicht nach einem oder zwei Jahren sein Erscheinen einstellt, sondern zu einer permanenten kritischen Beobachtung der Gesellschaft f\u00e4hig ist und zu einer Konstante im anarchistischen Diskurs wird. Aber wegen der starken Verbreitung sogenannter sozialer Netzwerke wurde insbesondere von j\u00fcngeren Diskutierenden der Vorschlag in die Runde gebracht, ob die GWR nicht zu einem Online-Medium entwickelt werden k\u00f6nne. Den Web-Auftritt der GWR gab es bereits, aber auch Facebook, Twitter und Co. k\u00f6nnten ebenfalls eine Plattform f\u00fcr die Verbreitung anarchistischer Debatten bieten.<\/p>\n<p>Das \u00f6konomische Argument, dass damit auch die Produktionskosten gesenkt werden k\u00f6nnten, hat durchaus etwas f\u00fcr sich &#8211; darauf komme ich gleich zur\u00fcck. Wir \u00c4lteren jedenfalls waren skeptisch, denn diese Portale sind s\u00e4mtlich nicht die Organe der Gegen\u00f6ffentlichkeit, sondern Datenkraken, welche der kommerziellen und politischen Fremdbestimmung Tor und T\u00fcr \u00f6ffnen. (Dies ist nicht ausnahmslos richtig, denn immerhin k\u00f6nnen sich Fl\u00fcchtlinge mit Google Maps orientieren, und w\u00e4hrend des Arabischen Fr\u00fchlings wurden Twitter und Facebook geradezu f\u00fcr revolution\u00e4re Zwecke benutzt.)<\/p>\n<h3>Wozu Gegen\u00f6ffentlichkeit?<\/h3>\n<p>Mit dem politischen Anspruch auf Gegen\u00f6ffentlichkeit begannen soziale Bewegungen in den sp\u00e4ten 1960er und fr\u00fchen 1970er Jahren, sich aus der Abh\u00e4ngigkeit der etablierten Medien zu l\u00f6sen. Ob der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk oder die Presse, insbesondere der Springer-Konzern und seine BILD-Zeitung, eine faire Berichterstattung \u00fcber Proteste, schon gar nicht, wenn diese radikal wurden, war von diesen Medien kaum zu erwarten. Warum also nicht das Heft selbst in die Hand nehmen und gegen den Mainstream eine eigene \u00d6ffentlichkeit, die Gegen\u00f6ffentlichkeit, aufbauen. Die Herstellung alternativer Medien hatte aber \u00f6konomische Grenzen: An eine Tageszeitung war (zun\u00e4chst) nicht zu denken, ebenso wenig an alternative Fernsehsender. Aber es entstanden zahlreiche Szene-Organe, freie Radios, sp\u00e4ter auch Videogruppen, die teilweise staatlicherseits kriminalisiert wurden. Und sie blieben meist in einer gegen\u00f6ffentlichen Nische, ohne allzu viel Resonanz in die b\u00fcrgerlichen Medien oder in die breite Bev\u00f6lkerung hinein zu entwickeln. Erst mit der Tageszeitung (taz) entstand eine alternative Zeitung, die aber bereits in ihrer Gr\u00fcndung vom Zwiespalt gepr\u00e4gt war, h\u00e4ufig und in kritischer Solidarit\u00e4t \u00fcber die sozialen Bewegungen (Anti-AKW-Bewegung, Friedensbewegung, Umweltbewegung, Frauenbewegung usw.) zu berichten, und professionell Journalismus zu machen (also wie die etablierten Massenmedien, nur eben politisch weiter links).<\/p>\n<p>\u00dcber die Entwicklung der taz zu einer b\u00fcrgerlichen Zeitung will ich mich hier nicht ausbreiten.<\/p>\n<p>Aber die GWR gedieh in diesem Kontext und blieb ihrem Anspruch als alternativem und anarchistischem Medienorgan bei allem Wandel und bei chronischer Unterfinanzierung treu.<\/p>\n<h3>Friedensjournalismus und radikale Propagandakritik?<\/h3>\n<p>Ich will im Folgenden ein paar Herausforderungen an ein alternatives Medienorgan wie die GWR formulieren und mich dabei auf zwei auch in der anarchistischen Szene bekannten Theoretiker (und Aktivisten) beziehen: Gemeint sind der Friedensforscher Johan Galtung und der Linguist und USA-Kritiker Noam Chomsky. Ein wichtiges Anliegen der GWR ist die friedensorientierte Berichterstattung \u00fcber (gewaltsame) Konflikte und Kriege, die aus der grundlegenden Idee der Gewaltfreiheit hervorgeht. Galtung hat den etablierten Massenmedien vorgeworfen, dass sie \u00fcber Kriege berichten wie \u00fcber einen (milit\u00e4rischen) Wettkampf, dass sie sich oft auf eine Seite der Kriegstreiber schlagen, dass sie Krieg als Mittel zur L\u00f6sung eines Konflikts akzeptierten, dass sie sich zu rein milit\u00e4rstrategischen \u00dcberlegungen hinrei\u00dfen lassen und dabei die betroffene Zivilbev\u00f6lkerung aus dem Auge verlieren oder zu einer passiven und zu beherrschenden Masse degradieren. Dem stellt Galtung sein Konzept des Friedensjournalismus gegen\u00fcber\u00a0<a name=\"o1\"><\/a><a href=\"https:\/\/graswurzel.net\/420\/medien.php#u1\">7<\/a>: Berichterstattung solle fr\u00fch einsetzen, wenn Konflikte auftreten und nicht erst, wenn sie bereits in Gewalt ausgeartet sind; sie solle l\u00f6sungsorientiert f\u00fcr alle Beteiligten sein (statt nach dem Gewinner-Verlierer-Schema); sie solle die Opfer nicht gegenseitig aufrechnen, um Propaganda f\u00fcr die eine oder andere Seite zu machen, sondern generell aus der Perspektive der Zivilbev\u00f6lkerung berichten. Nat\u00fcrlich wei\u00df Galtung, warum die Medien so kriegsorientiert berichten, wie sie es tun: dass es der kommerziellen Logik geschuldet ist, unbedingt Aufmerksamkeit zu erzeugen und sich zu verkaufen; dass es zudem in ihrer politischen Logik liegt, einseitig die eigene politische Verfassung (liberal-repr\u00e4sentative Demokratie) als die richtige anzusehen, selbst wenn diese in der Praxis zu verheerenden Folgen f\u00fchrt (siehe EU-Fl\u00fcchtlingspolitik, Abschottung der Au\u00dfengrenzen usw.). Dennoch richtet er seine Forderungen an die professionellen Journalisten der etablierten Medien &#8211; in der Hoffnung, dass sie in der Lage sind, die kommerzielle und die ideologische Logik zumindest teilweise zu durchbrechen. Positive Beispiele gibt es durchaus, etwa die Sendung &#8222;Weltspiegel&#8220; in der ARD, die sonntags \u00fcber andere L\u00e4nder nicht vorurteilsgeladen und nicht nur \u00fcber kriegerische Auseinandersetzungen berichtet.<\/p>\n<p>Hoffnung in die Selbstreformierung der etablierten Massenmedien hat der US-Amerikaner Noam Chomsky nicht. Den extrem kommerzialisierten und ideologisierten US-Fernsehsendern stehen nur kleine und zuschauerarme gemeinwohlorientierte Sender gegen\u00fcber. Chomsky kritisiert aber auch die international hochgesch\u00e4tzte Qualit\u00e4tspresse (New York Times, Washington Post) f\u00fcr ihre ideologische und propagandistische Berichterstattung.<\/p>\n<p>Er wirft allen US-Medien vor, dass sie die Menschenrechtsverletzungen der USA oder befreundeter L\u00e4nder ignorieren oder sch\u00f6nreden, wohingegen sie die Gewalttaten missliebiger Staaten kritisieren und dies oft, um indirekt die Kriege des eigenen Landes (damit) zu rechtfertigen. Chomsky z\u00e4hlt f\u00fcnf Gr\u00fcnde f\u00fcr solche Fehlleistungen des Journalismus und der Medien auf: die Eingebundenheit in kapitalistische Besitzverh\u00e4ltnisse, die Abh\u00e4ngigkeit von kommerzieller (werblicher) Finanzierung, die Abh\u00e4ngigkeit von offiziellen Quellen (Regierungen), der massive Druck von Lobbyisten und M\u00e4chtigen sowie die ideologische Verwurzelung (in den Kapitalismus).\u00a0((2))\u00a0Er setzt seine Hoffnung einzig in Alternativmedien, weil nur sie aus dieser Logik ausbrechen k\u00f6nnen, wohingegen positive Beispiele in etablierten Medien als Feigenblatt daf\u00fcr missbraucht werden, dass die Medien doch eigentlich besser seien als ihr Ruf.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde die beiden Ans\u00e4tze nicht gegeneinander ausspielen. Auf den ersten Blick ist Chomskys Kritik radikaler und sie scheint mehr vom anarchistischen Revolutionsgeist durchdrungen zu sein als Galtungs, sagen wir, vers\u00f6hnlicher erscheinendes Konzept. Aber auch dies birgt eine subtile Radikalit\u00e4t, weil es die etablierten Massenmedien nicht abschreibt, sondern sie in die Pflicht nimmt. Selbst wenn einzelne Journalist*innen (etwa Auslandskorrespondent*innen) letztlich nicht \u00fcber die Gesamtrichtung ihrer Zeitung oder ihres Fernsehsenders bestimmen k\u00f6nnen, stehen sie in der individuellen Verantwortung f\u00fcr ihre Berichterstattung und k\u00f6nnen quasi von innen und unten etwas bewirken.<\/p>\n<h3>Propaganda und\/oder Diskurs?<\/h3>\n<p>Ich halte das nicht f\u00fcr blau\u00e4ugig, denn auch f\u00fcr radikale Medien wie die GWR stellt sich immer die Frage nach der Resonanz: Will man in erster Linie die eigene Szene bedienen? (Schon das ist kompliziert genug, weil auch hier zum Teil heftige Kritik ge\u00fcbt wird und sich manchmal jemand oder eine Gruppe vor den Kopf gesto\u00dfen f\u00fchlt.) Oder will man eine gr\u00f6\u00dfere Resonanz in breitere Bev\u00f6lkerungsschichten hinein bekommen? Und wenn, dann zu welchem &#8222;Preis&#8220;?<\/p>\n<p>Ich hatte vor einiger Zeit eine kleine Kontroverse mit einem der Herausgeber*innen der GWR, weil ich die GWR als Beitrag zum \u00f6ffentlichen Pluralismus angesehen habe, wohingegen er darauf bestand, dass die GWR nicht einfach das liberale Spektrum verbreitern wolle, sondern Propaganda f\u00fcr gewaltfreien Anarchismus anstrebe. (Der Widerspruch ist eigentlich kein richtiger, weil es sich um einen Perspektivwechsel handelt: Die erste Position ist eher der Blick von au\u00dfen, letzteres ist eher der Blick von innen.)<\/p>\n<p>Ich bin, was den Propagandabegriff angeht, sehr skeptisch, wie die obigen Ausf\u00fchrungen zeigen, aber um den Begriff allein geht es mir nicht, sondern um das dahinter steckende Kommunikationsverst\u00e4ndnis: Selbstverst\u00e4ndlich soll die GWR nicht einen wie auch immer gearteten Pluralismus (innerhalb des anarchistischen Spektrums) einfach abbilden, sondern gesellschaftlich eingreifen im Sinn der Graswurzelidee.<\/p>\n<p>Die im Wort Propaganda enthaltene Vorstellung der Einwegkommunikation (A \u00fcberzeugt\/\u00fcberredet\/\u00fcberw\u00e4ltigt B, damit B dann As Position \u00fcbernimmt) sollte jedoch nicht angestrebt werden.<\/p>\n<p>Gerade die im Anarchismus als offen gedachte Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung ist bei aller Radikalit\u00e4t in der Kritik am gegenw\u00e4rtigen Zustand offen f\u00fcr Korrekturen. Und diese Korrekturen kommen auch durch die Konfrontation mit eben diesem kritisierten Zustand der Gesellschaft zustande; es sind keine reinen &#8222;Selbstkorrekturen&#8220;.<\/p>\n<p>Wenn man sich die vielen Irrt\u00fcmer der klassischen Anarchist*innen vergegenw\u00e4rtigt (Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus von Proudhon, Gewaltbef\u00fcrwortung von Bakunin und vieles mehr), dann sind solche Korrekturen notwendig. Daf\u00fcr muss man die grundlegenden Ideen nicht aufgeben. Galtung und Chomsky sind beide jedenfalls keine Opportunisten geworden, obwohl sie im nicht gerade anarchistisch organisierten Wissenschaftssystem Erfolg hatten. Und auch die GWR hat in der kapitalistischen Medienwelt gegen diese Bestand &#8211; \u00f6konomisch und ideologisch.<\/p>\n<p>Meines Erachtens r\u00fchrt dieser Erfolg daher, dass die Graswurzelrevolution ein Organ des Diskurses ist und dabei eine klare Haltung kommuniziert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als vor f\u00fcnf Jahren in M\u00fcnster der 40ste Geburtstag der Graswurzelrevolution mit einem dreit\u00e4gigen Kongress gefeiert wurde, besch\u00e4ftigte sich ein Arbeitskreis mit der Zukunft der Zeitschrift. 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