{"id":17219,"date":"2017-06-01T00:00:00","date_gmt":"2017-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/von-wyhl-bis-zu-den-castor-blockaden\/"},"modified":"2022-07-26T13:11:33","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:33","slug":"von-wyhl-bis-zu-den-castor-blockaden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/von-wyhl-bis-zu-den-castor-blockaden\/","title":{"rendered":"Von Wyhl bis zu den Castor-Blockaden"},"content":{"rendered":"<p>Gewaltfreie Aktionsgruppen beeinflussten Strategien und Aktionskampagnen der westdeutschen Anti-AKW-Bewegung in starkem Ma\u00dfe \u00fcber vierzig Jahre hinweg, von den Konzepten f\u00fcr die erste Platzbesetzung 1975 in Wyhl, die von der Gewaltfreien Aktion Freiburg in Zusammenarbeit mit den Badisch-Els\u00e4ssischen B\u00fcrgerinitiativen entwickelt wurden, bis zum Widerstand gegen Castor-Transporte in den Neunziger- und Nullerjahren, die zum Stop des Atomprogramms nach Fukushima 2011 und zum Beschluss f\u00fchrten, die laufenden Atomkraftwerke bis 2022 abzuschalten.<\/p>\n<h3>Die Siebzigerjahre: Von Wyhl bis zur &#8222;Republik Freies Wendland&#8220;<\/h3>\n<p>In den Siebzigerjahren diskutierten die Gruppen um die Zeitung &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; fr\u00fch den Zusammenhang von milit\u00e4rischer und friedlicher Nutzung der Atomenergie. Expertenwissen wurde hinterfragt, es entwickelte sich eine theoretisch fundierte Technikkritik, zusammen mit der Anti-AKW-Bewegung entstand gleichzeitig die \u00d6kologiebewegung.<\/p>\n<p>Den gewaltfreien Aktionsgruppen gelang es in den Siebzigern an einigen Stellen, den Gegensatz zwischen gesetzestreuer Massendemonstration mit Hoffnung auf Parteien einerseits und militanten Zaunschlachten zun\u00e4chst des autorit\u00e4r-kommunistischen Blocks, ab 1976\/77 zunehmend der Autonomen aufzubrechen: etwa mit der Bauplatzbesetzung am 19.2.1977 in Grohnde, durchgef\u00fchrt von Gruppen aus dem gewaltfreien, spontaneistischen und feministischen Spektrum. Im weiteren Verlauf festigten sich Positionen aus dem graswurzelrevolution\u00e4ren Spektrum, nach denen Atomanlagen nicht in direkter, zentralistischer Konfrontation mit der Staatsgewalt, sondern durch Untergrabung der Legitimation von Polizeibrutalit\u00e4t und den Versuch verhindert werden sollten, den politischen Preis durch kontinuierliche Behinderung des Betriebs und der Infrastruktur des Atomstaats hochzutreiben und so die Anlagen auch f\u00fcr die Betreiber letztlich zu teuer zu machen.<\/p>\n<p>Die gewaltfreien Aktionsgruppen initiierten phantasievolle Widerstandsformen wie etwa den Stromzahlungsboykott ab 1977.<\/p>\n<p>Ein fr\u00fcher H\u00f6hepunkt dieses dezentralen Widerstandskonzepts waren die Gorleben-Freundeskreise in verschiedenen St\u00e4dten, aus denen im Mai 1980 die Mobilisierung f\u00fcr die Besetzung des Bohrlochs 1004 und damit die experimentell in einem H\u00fcttendorf verwirklichte Anarchie der &#8222;Republik Freies Wendland&#8220; hervorging. Hier wurden Entscheidungen von Gruppen mit einem Sprecherratssystem im Konsens erstellt und ein gewaltfreies Verteidigungskonzept umgesetzt &#8211; beides Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass solche Organisationsstrukturen gro\u00dfe Teile von Aktionsgruppen in den folgenden Jahrzehnten inspirieren sollten und diese Besetzung den mythischen Charakter einer verwirklichten Utopie erhielt.<\/p>\n<h3>Die Achtzigerjahre: Von \u00d6kopax bis Wackersdorf<\/h3>\n<p>Zu Beginn der Achtzigerjahre wurden von gewaltfreien Aktionsgruppen im Rahmen der F\u00f6deration gewaltfreier Aktionsgruppen (F\u00f6GA) unter dem Slogan &#8222;\u00d6kopax&#8220; gemeinsame Aktionen im Rahmen der Friedensbewegung gegen Atomraketen und innerhalb der Anti-AKW-Bewegung koordiniert und durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die sich gerade etablierende Partei &#8222;Die Gr\u00fcnen&#8220;, die den Atomprotest angeblich in die Parlamente tragen wollte, wurde mit zunehmender Parlamentarismuskritik betrachtet. Nachdem die nieders\u00e4chsische Regierung Albrecht nach dem &#8222;Gorleben-Treck&#8220; die WAA dort bereits 1979 als &#8222;politisch nicht durchsetzbar&#8220; erkl\u00e4rt hatte, entschied sich die Frage, ob es dem Atomstaat der BRD gelingen w\u00fcrde, mit der WAA einen geschlossenen Kreislauf der Atomstromproduktion aufzubauen, von 1984 bis 1989 in Wackersdorf\/Bayern. Dort kam es zu zwei gewaltfreien Platzbesetzungen 1985\/86, aber auch zu militanten Zaunschlachten nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986. Gewaltfreie Aktionsgruppen propagierten dort, dass militante und gewaltfreie Aktionen &#8222;nicht zur selben Zeit, nicht am selben Ort&#8220; stattfinden sollten, weil sie sich sonst oft gegenseitig behinderten.<\/p>\n<p>Nach den 14 Sch\u00fcssen an der Startbahn West in Frankfurt\/M. vom 2. November 1987, durch die aus Reihen der Autonomen zwei Polizisten get\u00f6tet und sieben weitere verletzt wurden, hatte die dortige Repressionsstrategie auch unmittelbare Auswirkungen auf Wackersdorf, wo eine Konferenz der Anti-AKW-Bewegung in Regensburg und weitere Demos am Bauzaun nunmehr verboten wurden.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis zwischen BIs und Autonomen war zerr\u00fcttet, als 1988 eine Demo ohne Militanz das Demonstrationsrecht wieder durchsetzen konnte. In dieser verfahrenen Situation war die seit langem propagierte Strategie der gewaltfreien Aktionsgruppen, in Wackersdorf dezentrale Aktionstage anzusetzen, ein fruchtbarer Ausweg. Gleichzeitig beteiligten sich gewaltfreie AktivistInnen in dieser Zeit am Schrauben und Abs\u00e4gen von Strommasten, das sie als &#8222;gewaltfreie Sachbesch\u00e4digung&#8220; oder &#8222;Sabotage&#8220; und daher gewaltfreie Aktion legitimierten. 1989 erkl\u00e4rte die VEBA das Aus f\u00fcr die WAA, nachdem trotz der starken staatlichen Repression erneut 880.000 Eingaben gegen die zweite Teilerrichtungsgenehmigung hinterlegt wurden.<\/p>\n<h3>Neunziger- und Nullerjahre: Die Castor-Blockaden<\/h3>\n<p>Diese dezentrale Aktionsstrategie entwickelte sich dann weiter in ein Konzept, anstatt Gro\u00dfdemonstrationen an immer besser polizeilich bewachte Bauz\u00e4une zu f\u00fchren, die atomare Infrastruktur zu st\u00f6ren, die hochkomplex und f\u00fcr direkte gewaltfreie Behinderungsaktionen anf\u00e4llig ist, als Schwerpunkt des Anti-AKW-Widerstands in den Neunziger- und Nullerjahren umzusetzen. Bei den Castor-Transporten von der franz\u00f6sischen WAA in La Hague oder von s\u00fcddeutschen AKWs wie Philippsburg, Neckarwestheim oder Biblis nach Gorleben, in geringerem Umfang auch nach Ahaus oder Greifswald, entwickelten sich eine phantasievolle Vielfalt von Blockaden und Ankettaktionen an Gleise, Unterh\u00f6hlungen und Treckerblockaden von Stra\u00dfen, von Aktionen der Einbetonierung bis hin zum Abtragen von Schotter der Gleisanlagen. Besonders wirksam war dabei eine entstehende Kultur von KletteraktivistInnen wie etwa C\u00e9cile Lecomte, dem &#8222;Eichh\u00f6rnchen&#8220;, die B\u00e4ume an der Strecke erklommen oder sich von Br\u00fccken abseilten und so Atomtransporte oft stundenlang aufhielten. Die \u00fcberwiegend gewaltfreien, stark behindernden Massenaktionen gegen die Castor-Transporte, die aufgrund der Streckenl\u00e4nge und der Vielfalt der Aktionsorte die Polizeieinsatzkosten in exorbitante H\u00f6hen schnellen lie\u00dfen, begannen 1995 und erreichten ein erstes Moratorium, zu der sich Umweltministerin Merkel 1998 gezwungen sah (bis zum Jahr 2000). Der Kampagne &#8222;X-Tausendmal Quer&#8220; gelang es, rund 8000 gewaltfreie AktivistInnen, darunter viele bisher Unentschlossene und B\u00fcrgerInnen zu einer Massenblockade am Verladekran 1997 zu bewegen, deren R\u00e4umung allein neun Stunden andauerte.<\/p>\n<p>Der 13. Transport von La Hague nach Gorleben im November 2011 dauerte insgesamt mehr als f\u00fcnf Tage &#8211; doch die Atomindustrie war mit dem Reaktorunfall von Fukushima bereits Monate vorher in die Defensive geraten und ein Gesetz f\u00fchrte schlie\u00dflich zur sofortigen Abschaltung von acht der 17 AKWs in der BRD und dem von der Bewegung sicherlich weiter zu kontrollierenden Absichtserkl\u00e4rung, bis Ende 2022 ganz aus der Atomproduktion aussteigen zu wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewaltfreie Aktionsgruppen beeinflussten Strategien und Aktionskampagnen der westdeutschen Anti-AKW-Bewegung in starkem Ma\u00dfe \u00fcber vierzig Jahre hinweg, von den Konzepten f\u00fcr die erste Platzbesetzung 1975 in Wyhl, die von der Gewaltfreien Aktion Freiburg in Zusammenarbeit mit den Badisch-Els\u00e4ssischen B\u00fcrgerinitiativen entwickelt wurden, bis zum Widerstand gegen Castor-Transporte in den Neunziger- und Nullerjahren, die zum Stop des Atomprogramms &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/von-wyhl-bis-zu-den-castor-blockaden\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":504,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Von Wyhl bis zu den Castor-Blockaden - graswurzelrevolution","description":"Gewaltfreie Aktionsgruppen beeinflussten Strategien und Aktionskampagnen der westdeutschen Anti-AKW-Bewegung in starkem Ma\u00dfe \u00fcber vierzig Jahre hinweg, von den"},"footnotes":""},"categories":[996,26,1039],"tags":[],"class_list":["post-17219","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-420-sommer-2017","category-okologie","category-quergestellt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17219","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/504"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17219"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17219\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17219"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17219"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17219"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}