{"id":17227,"date":"2017-06-01T00:00:00","date_gmt":"2017-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/dafuer-sorgen-dass-etwas-waechst\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:05","slug":"dafuer-sorgen-dass-etwas-waechst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/dafuer-sorgen-dass-etwas-waechst\/","title":{"rendered":"&#8222;Daf\u00fcr sorgen, dass etwas w\u00e4chst&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>GWR: Magst Du dich unseren Leser*innen kurz vorstellen?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Ich geh\u00f6re zu den Sedulur Sikep [\u00fcbersetzt: die Freundlich Gesinnten] und wohne im Dorf Sukolilo im Landkreis Pati, das ist in Zentraljava am Fu\u00df des Kendeng-Karstgebirges. Ich bin verheiratet, mein Mann und ich haben drei Kinder. Meine \u00e4lteste Tochter hat selbst schon einen Sohn.<\/p>\n<p>Wir Sedulur Sikep leben ausschlie\u00dflich von der Landwirtschaft. Wir glauben daran, dass die Erde uns alles gibt. Nicht nur uns, sondern auch anderen Menschen, die nicht zu unserer Gemeinschaft geh\u00f6ren. Die Mehrheit der Menschen bei uns am Kendeng-Gebirge sind Bauern und B\u00e4uerinnen.<\/p>\n<p><b>GWR: Was bedeutet Euch das Kendeng-Gebirge?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Das Kendeng Gebirge ist ein Karstgebirge, das sich \u00fcber sieben Landkreise erstreckt. Unsere Vorfahren haben uns beigebracht, dass es wie ein K\u00f6rper ist, der unversehrt bleiben soll.<\/p>\n<p>Denn die Quellen des Gebirges speisen unsere Felder. Deswegen gilt Zentraljava als &#8222;Reissch\u00fcssel&#8220; f\u00fcr wesentlich mehr Menschen als hier unmittelbar wohnen. Wir haben fruchtbares Land und das Kendeng Gebirge spendet uns das Wasser, was wir brauchen. Das Gebirge ist schon sehr alt. Neben der Bedeutung, die es f\u00fcr die Wasserversorgung hat, beherbergt es traditionsreiche Orte wie die Gr\u00e4ber unserer Vorfahren. Viele unserer Mythen und Rituale sind untrennbar mit dem Kendeng-Gebirge verbunden. Viele Menschen gehen zum Gebirge, um dort zu beten oder zu meditieren.<\/p>\n<p><b>GWR: Du hast bei den Filmvorf\u00fchrungen in Deutschland immer ein Gef\u00e4\u00df dabei, das Du Kendi nennst. Gibt es eine Verbindung zwischen den Worten Kendi und Kendeng?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Das traditionelle Trinkgef\u00e4\u00df besteht aus Ton, also aus Erde.<\/p>\n<p>Kendi ist eine Abk\u00fcrzung f\u00fcr Worte, die bedeuten, dass wir unsere Traditionen erhalten sollten. Unsere Vorfahren haben uns beigebracht, dass es das ist, was wir tun sollten. Kendeng bedeutet eigentlich teken und dengar.<\/p>\n<p>Teken bedeutet so viel, wie an den eigenen Werten festhalten.<\/p>\n<p>Deng ist verk\u00fcrzt f\u00fcr dengar, das hei\u00dft zuh\u00f6ren. Ohne Zuh\u00f6ren gibt es kein Verstehen.<\/p>\n<p><b>GWR: Die Sedulur Sikep haben eine sehr eigene Lebensweise im Vergleich zur indonesischen Mehrheitsgesellschaft. Kannst Du uns mehr dar\u00fcber erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Wir geh\u00f6ren zum Beispiel keiner der in Indonesien anerkannten Mehrheitsreligionen an. Unsere Religion nennen wir Adam. Adam hei\u00dft so viel wie &#8222;das Wort&#8220; oder etwas auszudr\u00fccken. Wer unseren Werten folgt, der folgt f\u00fcnf Prinzipien, die adeg-adeg hei\u00dfen: Keine formale Schulbildung: die Eltern bringen den Kindern Lesen und Schreiben und alles Weitere bei, was sie zum Leben brauchen. Uns geht es darum, dass unsere Kinder aufrichtige Menschen werden. Wir streben nicht nach h\u00f6herem Rang, nicht nach \u00c4mtern und nicht nach viel Geld.<\/p>\n<p>Wir sind Bauern und wollen es bleiben. Alles was unsere Kinder daf\u00fcr brauchen, k\u00f6nnen wir ihnen selber beibringen.<\/p>\n<p>Handel treiben ist nicht erlaubt: wir leben von der Landwirtschaft oder von anderer k\u00f6rperlicher Arbeit, es geht darum, mit der eigenen Kraft etwas zu schaffen. Wir verachten Gewinne aus reinen Handelsgesch\u00e4ften, weil wir sie f\u00fcr unehrlich halten. Wenn wir Waren verkaufen die wir nicht selbst produziert haben, dann nur zum gleichen Preis, wie wir sie bekommen haben, oder sogar f\u00fcr weniger.<\/p>\n<p>M\u00e4nner wie Frauen tragen bei uns keine langen Hosen. In der Kolonialgeschichte waren es die Bauern, die bei der Feldarbeit kurze oder halblange Hosen trugen, w\u00e4hrend die niederl\u00e4ndischen Kolonialbeamten lange Hosen trugen. Bis heute sind die kurzen Hosen ein Ausdruck daf\u00fcr, dass wir Bauern sind und es bleiben wollen und nicht nach h\u00f6herem Rag streben. Au\u00dferdem tragen wir oft schwarze Kleidung, vor allem auf unseren traditionellen Festen und wenn wir G\u00e4ste empfangen oder auf Reisen gehen.<\/p>\n<p>Wir tragen keine H\u00fcte oder Kappen, auch das ist traditioneller Ausdruck der Opposition gegen die Kolonialregierung weil deren Beamte H\u00fcte trugen.<\/p>\n<p>Polygamie ist bei uns nicht erlaubt.<\/p>\n<p><b>GWR: Was ist, wenn ein Kind unbedingt eine staatliche Schule besuchen will, wird es dann aus der Gemeinschaft ausgeschlossen?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Das bedeutet letztlich, dass dieser Mensch kein Sedulur Sikep mehr ist. Aber wir schlie\u00dfen diese Menschen nicht aus. Wir wollen das gern den Menschen selbst \u00fcberlassen, dass sie ihre Erfahrungen machen und selber herausfinden, wohin sie geh\u00f6ren. Manche haben staatliche Schulen ausprobiert und schnell gemerkt, wie sie dort unter Zeitdruck gesetzt werden. Staatliche Schulen sind keine Orte, die unsere Werte vertreten. Es geht uns nicht darum, den Staat generell abzulehnen. Aber wir lehnen ein ungerechtes Herrschaftssystem ab. Wir m\u00f6chten uns keine Dinge aufzwingen lassen, die wir nicht brauchen. So lassen wir uns zum Beispiel Ausweispapiere nur ausstellen, wenn wir sie wirklich brauchen. Eheschlie\u00dfungen, Geburten und Todesf\u00e4lle werden bei uns nicht staatlich registriert und auch nicht von religi\u00f6sen Institutionen. Fr\u00fcher w\u00e4hrend der Diktaturzeit [1965 &#8211; 1998, vgl. Anett Keller (Hg.): Indonesien 1965ff. &#8211; Die Gegenwart eines Massenmordes, regiospectra 2015] gab es noch einen starken Zwang zur staatlichen Registrierung und zur staatlichen Schulbildung. Es kamen auch immer wieder Beamte, die uns drohten und versuchten, uns eine Registrierung und eine der in Indonesien anerkannten Religionen aufzuzwingen. Inzwischen ist das etwas gelockert worden und wir m\u00fcssen zum Beispiel, wenn wir einen Personalausweis beantragen, in der Spalte Religion nichts mehr eintragen.<\/p>\n<p><b>GWR: Kannst du etwas mehr \u00fcber die Geschichte der Samin\/Sedulur Sikep erz\u00e4hlen? Wie lange gibt es eure Gemeinschaft schon?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Unsere Gemeinschaft entstand um 1890 herum. Sie wurde begr\u00fcndet von Samin Surosentiko. Er stammte aus einer adligen Familie, setzte sich aber von seinem Umfeld ab, weil er sah, wie viele Menschen unter der niederl\u00e4ndischen Kolonialmacht litten, die wiederum mit den lokalen Feudalherren zusammen arbeitete. Er lebte fortan als Bauer unter Bauern. Am Anfang des 20. Jahrhunderts wollte die Kolonialregierung neue Steuern einf\u00fchren, die die Bauern zahlen sollten. Samin verweigerte diese Steuern und viele Menschen schlossen sich ihm an.<\/p>\n<p>Sie verteidigten ihr Recht auf Land und Nahrung und sie verweigerten auch Arbeitsdienste f\u00fcr die Kolonialregierung, wie z.B. Stra\u00dfenbau und Nachtwachen. Samin wurde schlie\u00dflich zum Ratgeber f\u00fcr viele, die der Unterdr\u00fcckung entkommen wollten. So entstand die schnell wachsende Bewegung der &#8222;Freundlich Gesinnten&#8220; was die Holl\u00e4nder zunehmend nerv\u00f6s machte. Samin wurde schlie\u00dflich als Provokateur verhaftet\u00a0((1907))\u00a0und nach Sumatra verbannt, wo er (kurze Zeit sp\u00e4ter) starb. Sein Nachfolger war sein Schwiegersohn, Surokidin, der unsere Gemeinschaft anf\u00fchrte, als Indonesien [1945] die Unabh\u00e4ngigkeit erlangte.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie werden die Traditionen bei den Sedulur Sikep erhalten?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Die Eltern erz\u00e4hlen ihren Kindern von unseren Traditionen, so werden Werte und Prinzipien weiter gegeben. Wir erz\u00e4hlen ihnen von Indonesiens Geschichte, die eine Geschichte der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ist. Wir erz\u00e4hlen ihnen, dass die Formen der Ausbeutung sich gewandelt haben, fr\u00fcher waren es die Kolonialherren, jetzt sind es unsere eigenen Landsleute. So lange das anh\u00e4lt, sind wir als Menschen nicht wirklich unabh\u00e4ngig.<\/p>\n<p><b>GWR: Wir haben in den letzten Wochen h\u00e4ufiger \u00fcber Anarchismus gesprochen. Auf der Roadshow haben wir dich h\u00e4ufig als Mitglied einer anarchistisch lebenden \u00d6kogemeinschaft angek\u00fcndigt?<\/b><\/p>\n<p><b>W\u00fcrdest Du das f\u00fcr dich selbst auch so formulieren?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Es gibt sicher \u00c4hnlichkeiten, aber wir lehnen den Staat nicht v\u00f6llig ab. Wir erwarten nur, dass der Staat den Menschen dient und nicht umgekehrt. Gesetze sind nicht per se schlecht. Aber sie werden zu oft missbraucht.<\/p>\n<p>Menschen missbrauchen ihre \u00c4mter im Wissen, dass sie gegen Gesetze versto\u00dfen. Wir sehen unseren Widerstand also als Erinnerung an den Staat, dass er f\u00fcr die Einhaltung der Regeln sorgen sollte. Und bevor Regeln gemacht werden, m\u00fcssen die Menschen, die es betrifft, gefragt werden und es muss gemeinsam entschieden werden, was f\u00fcr alle Betroffenen das Beste ist.<\/p>\n<p><b>GWR: Im Film &#8222;Samin vs Semen&#8220; geht es um Zementvorhaben in der Kendeng-Region und Widerstand gegen diese Vorhaben. Warum richtet ihr euch so entschieden gegen die Pl\u00e4ne der Zementindustrie?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Wir bef\u00fcrchten, dass unsere Lebensgrundlage v\u00f6llig zerst\u00f6rt wird. Das Leben der Pflanzen, der Tiere und der Menschen in der Region. Die Zementfabriken, angefangen vom Staatsunternehmen Semen Indonesia [am Standort Rembang], bis zu Indocement (HC) [am Standort Pati], wollen alle am Kendeng-Karst Material f\u00fcr die Zementproduktion abbauen. Dieser Karst enth\u00e4lt aber die Lebensadern f\u00fcr unsere Felder in Form von unterirdischen Wasserquellen. Menschliches Leben braucht Land und Wasser. Genau das wird uns von den Zementfabriken genommen. Auch die Menschen vor Ort, die keine Bauern sind, sind von Land und Wasser abh\u00e4ngig, das ihre Nahrung sichert.<\/p>\n<p>Unsere Vorfahren haben uns beigebracht, dass wir die Umwelt sch\u00fctzen m\u00fcssen, dass Zentraljava eine wichtige St\u00fctze der Nahrungsmittelversorgung ist &#8211; dies darf nicht durch die Zementwerke zerst\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>Es geht nicht nur um unser Leben jetzt, es geht auch um die nach uns kommenden Generationen. Land ist keine Ware f\u00fcr die Profitsteigerung, es ist da, um Menschen zu ern\u00e4hren. Unser erster Pr\u00e4sident Sukarno hat nach der Unabh\u00e4ngigkeit gesagt, &#8222;Nun sind wir ein freies Land. Ich \u00fcbergebe euch Bauern dieses Land, k\u00fcmmert euch gut darum, damit es nicht wieder in fremde H\u00e4nde ger\u00e4t.&#8220; Doch was passierte, war, dass es neue Kolonialherren gab, die nun unsere Hautfarbe hatten. Sie haben die Unabh\u00e4ngigkeit Indonesiens verraten. Sie machen Gesetze, die nicht dem Volk dienen, sondern ihnen selbst\u00a0((2)).<\/p>\n<p><b>GWR: Im Film wird deutlich, dass der Widerstand gegen die Zementfabrik nun schon mehrere Jahre w\u00e4hrt. Kannst du uns was zu den Anf\u00e4ngen und dem Verlauf des Widerstands erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Unser erster Widerstand war, dass wir unser Land nicht verkauften. Wir sind durch die D\u00f6rfer gegangen und informierten die Menschen \u00fcber die schlimmen Folgen, die eine Zementfabrik in unserer Gegend h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Wir sprachen mit dem Landrat von Pati [Landkreis, in dem Gunarti lebt] und sagten ihm, dass wir nicht einverstanden sind mit der Zementfabrik und dass er seine Einwilligung nicht erteilen d\u00fcrfe. Doch er h\u00f6rte nicht auf die Menschen in seinem Landkreis. Er erteilte der Firma Indocement [im Mehrheitsbesitz von HeidelbergCement] eine Genehmigung f\u00fcr ein Areal von 180 Hektar, obwohl dieses Areal im Besitz von 560 Familien ist.<\/p>\n<p>Wir haben viel in unserem Nachbarlandkreis Rembang gelernt. Dort baut derzeit das Staatsunternehmen Semen Indonesia eine Zementfabrik. Der Planungsprozess f\u00fcr das Vorhaben in Rembang lief v\u00f6llig intransparent, die Bev\u00f6lkerung wurde kaum informiert und viele Menschen verkauften in der Hoffnung auf schnelles Geld ihr Land. Seit der Grundsteinlegung zur Erbauung der Zementfabrik dort in Rembang, gibt es energischen Protest. Es gab Stra\u00dfenblockaden, ein Protestzelt vor dem Fabrikgel\u00e4nde, das dort beinahe drei Jahre lang st\u00e4ndig besetzt war.<\/p>\n<p>Wir gr\u00fcndeten eine B\u00fcrgerinitiative und f\u00fchrten zahlreiche Gerichtsverfahren gegen die Zementfirmen an beiden Standorten, Rembang und Pati. Vor dem Obersten Gericht haben wir gegen Semen Indonesia (Standort Rembang) gewonnen. Doch das Unternehmen baut einfach weiter. Laut diesem Gerichturteil wurde die Umweltvertr\u00e4glichkeitspr\u00fcfung fehlerhaft durchgef\u00fchrt und somit annulliert.<\/p>\n<p>Jedoch umging der Gouverneur von Zentraljava dieses Urteil indem er der Zementfirma eine neue Umweltgenehmigung ausstellte.<\/p>\n<p>Am Standort Pati hat Indocement gewonnen. Doch wir werden das Verfahren mit neuen Beweisen wieder aufrollen.<\/p>\n<p><b>GWR: Eure Aktionen zeichnen sich durch gro\u00dfe Kreativit\u00e4t aus. Kannst Du ein paar davon genauer beschreiben und auch, was ihr damit erreicht habt?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Unsere Aktionen sind gewaltfrei und erfahren viel Solidarit\u00e4t. So sind wir zum Beispiel f\u00fcnf Tage lang zu Fu\u00df in unsere Provinzhauptstadt Semarang gelaufen, wo ein Gerichtsurteil bez\u00fcglich der Umweltvertr\u00e4glichkeitspr\u00fcfung f\u00fcr das Vorhaben in Rembang erwartet wurde. Der Marsch lief unter dem Motto: &#8222;Kendeng holt die Gerechtigkeit ab.&#8220; Etwa 200 Menschen sind bei dieser Aktion dabei gewesen, von Kindern bis zu Greisen. Und an vielen Orten, durch die wir kamen, haben sich noch spontan Menschen angeschlossen.<\/p>\n<p>Im April 2016 haben sich neun Frauen aus dem Kendeng Gebirge vor dem Pr\u00e4sidentenpalast [in Jakarta] die F\u00fc\u00dfe einzementieren lassen. Symbolisch brachten sie zum Ausdruck, wie sehr die Zementvorhaben sie und ihre Nachfahren l\u00e4hmen w\u00fcrden. Sp\u00e4ter gab es ein Protestzelt, das wir f\u00fcr eine Woche vor dem Pr\u00e4sidentenpalast aufbauten.<\/p>\n<p>Am Ende versprach der Pr\u00e4sident, uns zu treffen, was er schlie\u00dflich Anfang August auch tat. Er versprach, die Bef\u00fcrchtungen der Anwohnerinnen und Anwohner ernst zu nehmen und eine umfangreiche Umweltstudie am Kendeng-Gebirge vornehmen zu lassen, die sechs Monate bis ein Jahr dauern sollte. F\u00fcr diesen Zeitraum untersagte der Pr\u00e4sident jede weitere Genehmigungsvergabe, Baut\u00e4tigkeit von Fabriken sowie Bergbau am Kendeng-Gebirge.<\/p>\n<p>Doch der Fabrikbau in Rembang ging ungeachtet dieses Moratoriums einfach weiter. Deswegen haben wir die Aktion mit den einzementierten F\u00fc\u00dfen im M\u00e4rz 2017 wiederholt, diesmal aber mit 50 Menschen und zehn Tage lang. Gleichzeitig kam das erste Ergebnis der Umweltstudie heraus, was die Empfehlung erhielt, keinen Bergbau am Kendeng-Gebirge zu betreiben.<\/p>\n<p><b>GWR: Im Film &#8222;Samin vs Semen&#8220; sieht man vielen Frauen, die in den vordersten Reihen des Widerstands stehen. Ist das Zufall oder Strategie?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Wir Frauen vom Kendeng Gebirge sind uns sehr bewusst, was auf dem Spiel steht, wenn die Zementfabrik entsteht. Wir brauchen das Wasser aus unseren Quellen, f\u00fcr die Felder und f\u00fcr unsere Haushalte.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, es geht uns direkt etwas an, was mit dem Wasser passiert. Es gibt aber noch den zweiten Grund, n\u00e4mlich, dass wir die Gewaltfreiheit in unserem Kampf erhalten wollen. Anfangs standen die M\u00e4nner bei Protesten ganz vorn und es gab immer wieder gewaltsame \u00dcbergriffe auf sie, von staatlichen Sicherheitskr\u00e4ften oder bezahlten Schl\u00e4gerbanden. Deswegen entschieden sich die Frauen schlie\u00dflich, dass sie auch nach vorn gehen, im Wissen, dass wir gemeinsam unsere Erde sch\u00fctzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wir haben eine Frauengruppe gegr\u00fcndet, die sich jeden ersten Tag des Monats trifft. Auf diesen Treffen informieren sich die Frauen der sieben Landkreise, die von den geplanten Zementfabriken betroffen sind, \u00fcber den Stand der Dinge und bereiten gemeinsam Aktionen vor.<\/p>\n<p><b>GWR: Gibt es noch weitere Aktionen, neben dem Protest gegen die Zementfabrik, die ihr in der Frauengruppe plant?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Ich selbst interessiere mich sehr f\u00fcr alternative Heilmethoden und m\u00f6chte das Wissen \u00fcber Heilpflanzen erhalten. Deswegen habe ich begonnen, in diesen Treffen die Herstellung traditioneller Medizin zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Im Kendeng-Gebirge wachsen zahlreiche wilde Heilkr\u00e4uter und wir bauen zus\u00e4tzlich auf einem halben Hektar Fl\u00e4che Heilpflanzen an, zum Beispiel verschiedene Ingwer- und Kurkuma-Arten. Ich sehe in der Alternativmedizin einen Teil unseres Kampfes gegen die kapitalistische Ausbeutung. Wenn wir uns selber heilen k\u00f6nnen, sind wir weniger abh\u00e4ngig von der Pharmaindustrie. Und das Geld, das wir mit dem Verkauf unserer Naturheilmittel verdienen, flie\u00dft in die Gemeinschaftskasse, aus der wir den Kampf gegen die Zementfabriken mit finanzieren.<\/p>\n<p><b>GWR: Du warst gerade drei Wochen in Deutschland unterwegs, um hier den Kampf gegen die Zementindustrie weiter zu f\u00fchren. Wie kam es zu dieser Reise und was hast Du unterwegs erlebt?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Es begann alles mit einem Anruf vor ein paar Monaten und der darin ausgesprochenen Einladung nach Deutschland. Ich musste kurz \u00fcberlegen und mit meiner Familie und unserer B\u00fcrgerinitiative sprechen und fragen, was sie davon halten, dass ich diese weite Reise mache.<\/p>\n<p>Wir alle fanden es richtig, dass der Kampf nach Deutschland getragen wird, weil es um ein Unternehmen geht, das hier in Deutschland seine Konzernzentrale hat. Ich war unsicher, was diese Reise angeht und konnte mir zun\u00e4chst nicht vorstellen, wie das hier ablaufen w\u00fcrde, auch weil ich zuvor noch nie im Ausland war. Ich hatte ja noch nicht einmal eine Geburtsurkunde, geschweige denn einen Pass. Das musste alles erst mal beantragt werden. Aber ich dachte mir, wenn es unserer Umwelt nutzt, dann mach ich das alles.<\/p>\n<p>Zugleich wurde ja auch Dandhy Dwi Laksono, der Regisseur des Films &#8222;Samin vs Semen&#8220;, eingeladen und ich war erleichtert, dass wir gemeinsam nach Deutschland reisen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>GWR: Was ist dein Eindruck vom Leben in Deutschland im Vergleich zu deinem Leben in Indonesien?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Ich hatte zuvor viel geh\u00f6rt davon, dass Deutschland ein sehr geordnetes Land ist. Die Menschen hier sind wirklich sehr diszipliniert, was Zeit angeht.<\/p>\n<p>Selbst die Zeit zum Ausruhen scheint von Uhren und Kalendern vorgegeben zu sein und nicht davon, wann ein K\u00f6rper Erholung braucht. Was mir auffiel war, dass es auf Bahnh\u00f6fen oder in Gesch\u00e4ften kaum noch Angestellte gibt, die man etwas fragen kann. Alles scheint dort maschinell geregelt. Auch im privaten Umfeld, die W\u00e4sche wird von Maschinen gewaschen, sogar das Geschirr.<\/p>\n<p>Ich habe mich gefragt, ob man anstatt der Maschinen nicht mehr Menschen besch\u00e4ftigen k\u00f6nnte. Die Maschinen scheinen die Menschen stark unter Druck zu setzen, viele Menschen hier wirken auf mich sehr gehetzt.<\/p>\n<p>Vielleicht m\u00f6chten auch deshalb nur noch wenige Menschen hier Bauern werden und harte k\u00f6rperliche Arbeit verrichten: weil es das Gef\u00fchl gibt, dass es f\u00fcr alles schon Maschinen gibt.<\/p>\n<p>Ich hatte den Eindruck, es gibt riesige Fl\u00e4chen, die f\u00fcr Landwirtschaft genutzt werden k\u00f6nnten, aber leer stehen. Mir scheint, dass hier nur noch sehr wenige Menschen etwas \u00fcber Landwirtschaft und ihre Nahrungsrundlagen wissen. Ich habe manche Menschen danach gefragt, woher ihr Trinkwasser kommt, da haben sie gesagt: &#8222;Aus dem Wasserhahn.&#8220;<\/p>\n<p>Hier gibt es viel Wohlstand, viele Menschen wohnen in gro\u00dfen, bequemen Wohnungen. Aber f\u00fcr die m\u00fcssen sie viel Geld bezahlen und daf\u00fcr hart arbeiten, hat man mir erz\u00e4hlt. Das ist wohl auch der Grund, warum die Menschen hier so wenige Kinder haben. Es scheint zu teuer zu sein, Nachwuchs zu bekommen.<\/p>\n<p>Ich habe viele Widerspr\u00fcche gesehen. Wohnungen stehen leer, w\u00e4hrend Menschen auf der Stra\u00dfe leben m\u00fcssen. Mich haben all diese Erfahrungen darin best\u00e4rkt, dass es wichtig ist, unsere Traditionen zu bewahren. Wir haben zwar keinen Reichtum. Aber wir haben alles, was wir brauchen, um satt und zufrieden zu sein. Und das, was wir haben, geh\u00f6rt uns wirklich.<\/p>\n<p><b>GWR: Es gibt auch in Deutschland alternative Bewegungen, wie zum Beispiel solidarische Landwirtschaft, eine davon, den Sophienhof in Oldendorf bei Bremen, hast Du besucht.<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Ich war sehr erfreut \u00fcber diese Begegnungen und dar\u00fcber, dass es junge Leute gibt, die in Verbundenheit mit der Natur leben und hart arbeiten wollen, obwohl sie das Land nicht einmal selbst besitzen. Mir schienen diese Menschen sehr zufrieden zu sein, irgendwie entspannter als die Menschen in den St\u00e4dten.<\/p>\n<p><b>GWR: W\u00e4hrend der Filmtour bist Du vielen Menschen begegnet. Viele dieser Menschen haben sich mit dir und deinen Freund*innen am Kendeng-Gebirge solidarisch erkl\u00e4rt. Wie hast Du diese Begegnungen erlebt?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Ich bin sehr ber\u00fchrt von den Begegnungen, die ich in Deutschland hatte. Es war, als w\u00fcrde ich alte Freunde treffen, die ich schon lange kenne. So viele Menschen haben uns geholfen, uns eingeladen, uns begleitet und \u00f6ffentlich ihre Solidarit\u00e4t demonstriert. Wir sind gemeinsam zur 1. Mai-Demonstration in Berlin gegangen, mit einem gro\u00dfen Transparent.<\/p>\n<p>Wir sind durch zehn St\u00e4dte gereist, haben dort den Film &#8222;Samin vs Semen&#8220; gezeigt und mit den Menschen diskutiert, darunter auch viele Indonesier*innen. Mein Wunsch war es, dass Menschen, die den Film sehen, in sich gehen, dass sie dar\u00fcber nachdenken, warum unsere Erde sch\u00fctzenswert ist und wie wir sie sch\u00fctzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die kritischen Aktion\u00e4re haben mich eingeladen, auf der Aktion\u00e4rsversammlung (AV) von HeidelbergCement (HC) zu sprechen, das war f\u00fcr unsere Bewegung wichtig. Denn es ist das Tochterunternehmen von HC, das unsere Lebensgrundlagen bedroht, deswegen sollten die Aktion\u00e4re das wissen.\u00a0((3)).<\/p>\n<p>Was mich sehr ber\u00fchrt hat war, dass meine Freunde hier in Deutschland mir viel Kraft gegeben haben, indem sie drau\u00dfen vor der AV eine Protestkundgebung veranstaltet haben, bei der sich f\u00fcnf von ihnen sogar die F\u00fc\u00dfe einzementieren lie\u00dfen. Wir haben dort sehr emotionale Momente miteinander erlebt, haben zusammen geweint, zusammen gelacht und zusammen gesungen. Dass sich Menschen hier derart f\u00fcr etwas einsetzen, von dem sie nicht direkt betroffen sind, hat mich bewegt. Viele haben gesagt, sie f\u00fchlten sich verantwortlich, hier in Deutschland etwas zu tun, weil es ein deutsches Unternehmen ist. Im Namen meiner Freunde vom Kendeng Gebirge m\u00f6chte ich mich herzlich bedanken, f\u00fcr all das, was ihr in Deutschland f\u00fcr uns getan habt\u00a0((4)).<\/p>\n<p><b>GWR: Wie hast Du die Aktion\u00e4rsversammlung erlebt? Haben sich deine Hoffnungen erf\u00fcllt?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Unsere gro\u00dfe Hoffnung, dass das Unternehmen sich aus dem Kendeng Gebirge zur\u00fcckzieht, hat sich noch nicht erf\u00fcllt. Aber zumindest konnte ich direkt mit den Aktion\u00e4ren und mit dem Vorstand sprechen und ihnen vor Augen f\u00fchren, welche Auswirkungen ihr Handeln hat.<\/p>\n<p>Das haben sie auf diesem direkten Weg ja noch nicht erfahren. Und vielleicht denkt der eine oder andere Aktion\u00e4r jetzt zweimal nach, ob er wirklich Aktien von diesem Unternehmen besitzen will, das so viel Leid \u00fcber Menschen bringt.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie haben die Aktion\u00e4re und der Vorstand reagiert?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Sie waren \u00fcberrascht. Ein Aktion\u00e4r hat spontan das Wort ergriffen und gesagt, dass er wirklich schockiert ist \u00fcber das Vorgehen des Unternehmens und dass wir doch alle wissen, wie dauerhaft die Zerst\u00f6rung von Landschaften ist. Die Vorstandsmitglieder sagten, sie w\u00fcssten noch nicht mal genau, ob \u00fcberhaupt eine Fabrik gebaut werden soll.<\/p>\n<p>Sie haben selbst zugegeben, dass es derzeit in Indonesien bereits eine \u00dcberkapazit\u00e4t in der Zementproduktion gibt. Sie haben aber immerhin versprochen, mit ihrem Tochterunternehmen Indocement \u00fcber unsere Vorw\u00fcrfe zu sprechen.<\/p>\n<p><b>GWR: Was ist deine Hoffnung?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Das Land am Kendeng-Gebirge ist unser Land. Es soll unser Land bleiben. Wir sind seit Generationen Bauern und wir wollen es bleiben. Wir wehren uns nicht gegen die Fabrik oder die Regierung, weil wir sie hassen. Sie sollen uns einfach nur in Ruhe lassen. Dann lassen wir sie auch in Ruhe.<\/p>\n<p><b>GWR: Worauf freust Du dich am meisten, wenn Du wieder zu Hause in Sukolilo bist?<\/b><\/p>\n<p>Gunarti: Vor allem nat\u00fcrlich auf meine Familie. Und ich freu mich darauf, meiner Familie, meiner B\u00fcrgerinitiative und unserer Frauengruppe von allem zu berichten, was mir in Deutschland widerfahren ist. Die Reise durch Deutschland war eine gro\u00dfe Bereicherung. Ich bin physisch zwar ersch\u00f6pft, habe aber durch all die Solidarit\u00e4t enorm viel Energie bekommen. Es gibt viel zu erz\u00e4hlen. Dann freue ich mich darauf, wieder auf die Felder zu gehen, zu pflanzen und daf\u00fcr zu sorgen, dass etwas w\u00e4chst.<\/p>\n<p><b>Interview: Anett Keller, Yvonne Kunz<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Magst Du dich unseren Leser*innen kurz vorstellen? Gunarti: Ich geh\u00f6re zu den Sedulur Sikep [\u00fcbersetzt: die Freundlich Gesinnten] und wohne im Dorf Sukolilo im Landkreis Pati, das ist in Zentraljava am Fu\u00df des Kendeng-Karstgebirges. Ich bin verheiratet, mein Mann und ich haben drei Kinder. Meine \u00e4lteste Tochter hat selbst schon einen Sohn. Wir Sedulur &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/dafuer-sorgen-dass-etwas-waechst\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":504,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Daf\u00fcr sorgen, dass etwas w\u00e4chst\" - graswurzelrevolution","description":"GWR: Magst Du dich unseren Leser*innen kurz vorstellen? 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