{"id":17233,"date":"2017-06-01T00:00:00","date_gmt":"2017-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/freiheit-gleichheit-bruederlichkeit-was-ist-mit-den-schwestern\/"},"modified":"2022-07-26T13:02:33","modified_gmt":"2022-07-26T11:02:33","slug":"freiheit-gleichheit-bruederlichkeit-was-ist-mit-den-schwestern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/freiheit-gleichheit-bruederlichkeit-was-ist-mit-den-schwestern\/","title":{"rendered":"Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit &#8211; Was ist mit den Schwestern?"},"content":{"rendered":"<p><b>Sulamith Sparre: La Libert\u00e9 &#8211; die Freiheit ist eine Frau. Der Kampf der Frauen um ihre B\u00fcrger- und Menschenrechte in der Franz\u00f6sischen Revolution. Verlag Edition AV, Lich 2016, 500 Seiten, 24,50 Euro, ISBN 978-3-86841-163-8<\/b><\/p>\n<p>Sulamith Sparre legt eine umfangreiche und au\u00dferordentlich gut recherchierte Abhandlung \u00fcber die Rolle von Frauen in der Franz\u00f6sischen Revolution vor und man mag kaum glauben, dass erst jetzt dieser Teil der Geschichte aufgearbeitet wird und diese Akteurinnen einen Platz in den Geschichtsb\u00fcchern bekommen.<\/p>\n<p>Bereits im ersten Kapitel macht Sparre deutlich, dass Frauen relevante Akteurinnen der Franz\u00f6sischen Revolution waren und als solche ernst genommen werden m\u00fcssen. Wurden sie im 19. Jahrhundert noch als Hy\u00e4nen bezeichnet und pathologisiert, gerieten die Revolution\u00e4rinnen in der Folge schlicht weitgehend in Vergessenheit. Dabei zeigt Sparres Text, dass Frauen nicht nur als Revolution\u00e4rinnen an der Beseitigung der Monarchie direkt und zentral beteiligt waren, sondern sie profiliert auch die Rolle von Frauen in der geistigen Str\u00f6mung der Aufkl\u00e4rung. So haben Frauen schon im Vorfeld der Franz\u00f6sischen Revolution feministische Positionen vertreten, die erst im 20. Jahrhundert auf die politischen Agenden der westlichen Industriel\u00e4nder wanderten.<\/p>\n<p>Diese vergessenen Figuren der Aufkl\u00e4rung wieder ins Ged\u00e4chtnis zu rufen ist die Aufgabe der ersten beiden Kapitel, z.B. Marie Le Jars de Gournay (1565-1645), die als &#8222;erste Philosophin universaler Gleichheit&#8220; bezeichnet wird (30), jedoch von ihren Zeitgenossen &#8222;[b]esp\u00f6ttelt, nicht ernst genommen&#8220; wird (31). Aber auch m\u00e4nnliche Vordenker einer Gleichberechtigung der Geschlechter werden gew\u00fcrdigt. Fran\u00e7ois Poullain de La Barre (1647-1723) wird ausf\u00fchrlich vorgestellt, was n\u00f6tig ist, denn er ist freilich ungleich unbekannter als seine m\u00e4nnlichen Zeitgenossen und Widerstreiter in Sachen Feminismus, wie z.B. Jean Racine, Francois de La Rochefoucauld, Moli\u00e8re, etc.<\/p>\n<p>Freiheitliche Theoretiker*innen, wie die genannten Gournay und La Barre, bereiten das Feld f\u00fcr die republikanischen Ideale der Revolution und machen Forderungen nach der Gleichberechtigung der Geschlechter m\u00f6glich, die zwar zur Zeit der Revolution diskutiert wurden, jedoch in ihrem Nachgang auch schnell wieder aus den K\u00f6pfen der herrschenden M\u00e4nner verschwanden.<\/p>\n<p>Das dritte und vierte Kapitel widmen sich den Geschehnissen rund um den Sturm auf die Bastille und den Marsch nach Versailles. Nachdem der Sturm auf die Bastille nicht die gew\u00fcnschte Verbesserung der Lage des sogenannten Dritten Standes herbeif\u00fchren konnte, sind es schlie\u00dflich die Frauen, so Sparres Darstellung, die nach Versailles marschieren, um den K\u00f6nig gefangen zu nehmen. Sparre zitiert Augenzeugenberichte, nach denen der Marsch nach Versailles aus 7.000 Aufst\u00e4ndischen, &#8222;vor allem Weibern&#8220;, bestanden haben soll. (87) Entsprechend ist dieses vierte Kapitel &#8222;den vielen namenlosen K\u00e4mpferinnen der Revolution gewidmet, von denen wir nur die Taten kennen &#8211; individuell und kollektiv, aber keine Namen&#8220;. (86) Auf den folgenden Seiten zeichnet Sparre die Geschehnisse um den 6. Oktober 1789 nach als eine Bewegung insbesondere von Frauen und f\u00fcr gleiche Rechte aller Menschen.<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Teil der umf\u00e4nglichen Abhandlung bilden die nun folgenden neun biographischen Essays zu Revolution\u00e4rinnen und feministischen Aufkl\u00e4rerinnen, die in der Geschichtsschreibung der Franz\u00f6sischen Revolution keine Erw\u00e4hnung finden, in Vergessenheit geraten sind und f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt wurden. Es handelt sich dabei um bekanntere Figuren wie Madame Roland, Lucile Desmoulins und Germaine de Sta\u00ebl, aber vor allem auch um die nahezu vergessenen Akteurinnen, wie Etta Palm-Aelders, Rose Lacombe oder Th\u00e9roigne de M\u00e9ricourt. Mit viel literarischem Engagement zeichnet Sparre deren Lebenswege und ihren Einfluss auf den Lauf der Geschichte nach. Ein Kapitel widmet Sparre zudem den &#8222;Revolution\u00e4ren Republikanerinnen&#8220;, ein Frauenklub, dessen Mitglieder namentlich zumeist nicht mehr bekannt sind, deren Wirken in der Zeit um 1789 aber deutliche Spuren hinterlassen hat, wie Sparre anschaulich macht.<\/p>\n<p>Am Ende bleiben der Autorin jedoch nur der &#8222;Blick zur\u00fcck im Zorn&#8220; und die Frage, was die Franz\u00f6sische Revolution den Frauen gebracht hat. Ihre Antwort ist eindeutig: &#8222;Nichts&#8220;. (402) Die Revolution, das wird mehr als deutlich, &#8222;brauchte die Frauen&#8220;, &#8222;benutzte die Frauen&#8220;, lie\u00df sie die sp\u00e4ter &#8222;unsichtbare Arbeit&#8220; verrichten, aber die m\u00e4nnliche Geschichtsschreibung machte sie stumm (ebd.). Auch die politischen Forderungen wurden nicht erf\u00fcllt, das Patriarchat setzte sich zwar unter ver\u00e4nderten politischen Vorzeichen, aber mit gleicher Gewalt fort. &#8222;In der Geschichte geht es nicht immer vorw\u00e4rts&#8220; (15), schreibt Sparre schon im ersten Kapitel und man mag es sofort unterschreiben, wenn man diese Episode der Weltgeschichte durch die Perspektive der Frauen betrachtet.<\/p>\n<p>Sulamith Sparres Buch ist zu empfehlen. Nicht nur gelingt ihr mit dieser Abhandlung ein dringend n\u00f6tiger, neuer Blick auf die Franz\u00f6sische Revolution, mit dem sie deutlich macht, wie wirkm\u00e4chtig bis heute die m\u00e4nnlich gepr\u00e4gte Geschichtsschreibung f\u00fcr unsere Auffassung der Wirklichkeit ist. Sie liefert zudem eine spannend geschriebene und unterhaltsame Lekt\u00fcre, die abwechslungsreich ist durch die Mischung der Formen von historisierender Erz\u00e4hlung und biographischen Essays. Zugleich vermag sie es, die allgemeinen Trends der politischen und intellektuellen Entwicklungen nachzuzeichnen sowie die individuellen Einzelschicksale in den Blick zu nehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sulamith Sparre: La Libert\u00e9 &#8211; die Freiheit ist eine Frau. Der Kampf der Frauen um ihre B\u00fcrger- und Menschenrechte in der Franz\u00f6sischen Revolution. 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