{"id":17248,"date":"2017-09-01T00:00:00","date_gmt":"2017-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/09\/wer-will-den-buergerkrieg\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:52","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:52","slug":"wer-will-den-buergerkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/09\/wer-will-den-buergerkrieg\/","title":{"rendered":"Wer will den B\u00fcrgerkrieg?"},"content":{"rendered":"<p>Militante Aktionen wie j\u00fcngst in Hamburg beim G20-Gipfel waren in der BRD der letzten Jahre alles andere als neu: Die &#8222;Riots&#8220; zum 1. Mai gingen jahrelang spektakul\u00e4r durch die b\u00fcrgerliche Presse, hatten sich aber dann totgelaufen. Anstatt einer Aufarbeitung, wird diese Tradition in manch linken Idealisierungen verschwiegen, zum Beispiel von Karl-Heinz Dellwo in seinem Text zum Hamburger G20-&#8222;Riot&#8220;. Dellwo tut so, als w\u00e4re in Hamburg eine ganz neue Form des Riot entstanden, als sei die Welle der Riots aus anderen L\u00e4ndern nun pl\u00f6tzlich in die BRD geschwappt. Er f\u00fcgte wie weiland schon zu RAF-Zeiten hinzu, man d\u00fcrfe sich nun ja nicht davon &#8222;distanzieren&#8220;.\u00a0((1))<\/p>\n<p>Seine Analyse spricht B\u00e4nde: Die Nicht-Erw\u00e4hnung der 1. Mai-Riots durch den Riot-Bef\u00fcrworter Dellwo ist ein Beleg daf\u00fcr, dass sie faktisch an emanzipativen Zielen nichts erreicht haben und Herrschaftspolitik nicht strukturell zur\u00fcckdr\u00e4ngen konnten, anders als z.B. die Bewegung der Castor-Blockaden. H\u00e4tten diese Riots etwas erreicht, h\u00e4tte sich Dellwo gerade darauf positiv bezogen.<\/p>\n<p>Reale Auswirkungen hatten sie jedoch sehr wohl, allerdings negative: Die b\u00fcrgerliche Sensationspresse warf sich darauf und trug zum Aufbau eines \u00f6ffentlichen Klimas bei. Durch dieses wurden Hetzkampagnen wie im Vorfeld der G20-Aktionen, auf Hamburg seien 8000 &#8222;gewaltbereite Linksautonome&#8220; im Anmarsch, mit erm\u00f6glicht: Eine Phantasiezahl, aber geeignet, ein gesellschaftspolitisches Rahmenklima f\u00fcr Polizeirepression zu schaffen, Aufrufe zur Menschenjagd via Bild-Zeitung mit inbegriffen. W\u00e4hrend der b\u00fcrgerliche Pressebegriff &#8222;gewaltbereit&#8220; die angebliche, real aber nie von au\u00dfen feststellbare Intention noch vor der faktischen Gewaltaktion ganz modern wie auch beim terroristischen &#8222;Gef\u00e4hrder&#8220; ins spekulative Vorfeld verlegt und &#8222;Linksautonome&#8220; von der Sprachlogik her suggeriert, der ganz normale Autonome sei ein Rechter, ist jedoch auch ein linker, hier von Dellwo benutzter Bewertungsbegriff &#8222;Distanzierung&#8220; irref\u00fchrend.<\/p>\n<p>Er unterschl\u00e4gt die politische Herkunft einer Kritik. Jeder Kritik wohnt demnach mehr oder weniger dieselbe &#8222;Distanz&#8220; inne, somit ist sie unangebracht. Sie liegt auf der Linie der Herrschenden und ist konterrevolution\u00e4r.<\/p>\n<p>&#8222;Distanzierung&#8220; ist einer dieser sozialtechnologischen Begriffe, die in Bewegungskreisen zunehmend \u00fcbernommen werden, wie etwa auch &#8222;Eskalation&#8220; statt Radikalisierung bei den Schritten einer Aktionskampagne.<\/p>\n<p>Als gewaltfreier Anarchist akzeptiere ich die inhaltliche Bevormundung durch den Begriff der &#8222;Distanzierung&#8220; nicht. Schon zu RAF-Zeiten haben sich gewaltfreie AnarchistInnen in Wirklichkeit nicht von RAF-Aktionen distanziert, sondern wir haben die RAF und das autonome Konzept &#8222;Massenmilitanz&#8220; aus emanzipatorischer, gewaltfrei-anarchistischer Perspektive politisch kritisiert. Das ist etwas grundlegend anderes: Durch die politische Benennung wird die Herkunft der Kritik sichtbar und unterscheidet sich qualitativ von der des Staates und der b\u00fcrgerlichen Medien. Diesen Unterschied, ja Gegensatz zuzudecken, ist Sinn und Zweck eines Begriffs wie &#8222;Distanzierung&#8220;. Politische Kritik von unten soll mit der Herrschaftskritik des Staates gleichgesetzt und damit ideologisch verboten werden.<\/p>\n<p>Die Verwendung des Begriffs zur Abwehr von politischer Kritik und selbstkritischer Diskussion aus und in Bewegungskreisen ist deshalb autorit\u00e4r.<\/p>\n<h3>&#8222;Insurrektionalismus&#8220;: Gewaltfetisch als Selbstzweck<\/h3>\n<p>Allerdings kommen heute die Begr\u00fcndungen und Legitimationen von selbst ernannten &#8222;Riots&#8220; meist aus einer anderen Richtung. Was in Bewegungen inzwischen &#8222;Insurrektionalismus&#8220; genannt wird, kommt aus der anarchistischen Bewegung Griechenlands, Italiens und auch aus den USA. In Frankreich kann etwa das &#8222;Unsichtbare Komitee&#8220; dazu gerechnet werden.\u00a0((2))\u00a0Auch hier geht es um ideologische Begriffspr\u00e4gungen: &#8222;Insurrektion&#8220; hei\u00dft Aufstand, der Begriff wird auch oft als &#8222;aufst\u00e4ndischer Anarchismus&#8220; \u00fcbersetzt &#8211; und sowohl im Original wie in dieser \u00dcbersetzung von mir ebenfalls nicht anerkannt, aus dem einfachen Grund, weil es auch eine &#8222;gewaltfreie Insurrektion&#8220;, einen &#8222;gewaltfreien Aufstand&#8220;, eine &#8222;gewaltfreie Revolution&#8220; gibt. Gerade diese revolution\u00e4re, systemfeindliche Alternative soll durch die versuchte Begriffsbesetzung unterschlagen und denkunm\u00f6glich gemacht werden. Ohne uns gewaltfreie AnarchistInnen!<\/p>\n<p>Pr\u00e4gend f\u00fcr diese Str\u00f6mung ist der Kampf f\u00fcr und die Erwartung eines unmittelbaren gewaltsamen, bewaffneten Aufstands. Es ist eine Hoffnung auf B\u00fcrgerkrieg: Nicht von ungef\u00e4hr hei\u00dft ein Buchtitel dieser Str\u00f6mung &#8222;Anleitung zum B\u00fcrgerkrieg&#8220; (Tikkun). Der &#8222;Insurrektonalismus&#8220; ist teils auch der theoretische Hintergrund von Formationen des Schwarzen Blocks (&#8222;Black Bloc&#8220;) bei internationalen Gipfelprotesten.<\/p>\n<p>Die Str\u00f6mung bezieht sich historisch oft auf das Vorbild der deutschen Autonomen-Bewegung der Siebziger- und Achtzigerjahre, bezeichnet sich aber als alleinig &#8222;anarchistisch&#8220;, was so eindeutig von den Autonomen damals keineswegs gesagt werden konnte. Dort spielten auch marxistisch-leninistisch-antiimperialistische Traditionen eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Von den Autonomen unterscheiden sich die &#8222;InsurrektionalistInnen&#8220; durch ihren noch einmal ins Extrem gesteigerten Gewaltfetischismus, der schon in der Geschichte der Autonomen immer auch zu Kritik, manchmal auch zu Selbstkritik gef\u00fchrt hat: dass n\u00e4mlich die vertretenen gesellschaftspolitischen Inhalte oft durch den militant-gewaltsamen Habitus bei den immergleichen Aktionen zu sehr in den Hintergrund treten.<\/p>\n<p>Dabei gibt es heute auch einen Generationenunterschied. Im Grunde versinnbildlicht diesen Unterschied die in Hamburg \u00f6ffentlich gewordene Kritik von \u00e4lteren Autonomen aus der Roten Flora an willk\u00fcrlichen militanten Aktionen im Schanzenviertel. So meinte etwa Andreas Blechschmidt von der Roten Flora gegen\u00fcber der b\u00fcrgerlichen Presse: &#8222;Ich sag das mal als Autonomer der Roten Flora: Sich Auseinandersetzungen mit der Polizei zu liefern ist das eine &#8211; aber das hatte irgendwann wirklich einfach nur noch diesen Selbstzweck.&#8220;\u00a0((3))<\/p>\n<p>Es gab tats\u00e4chlich Autonome im Schanzenviertel, die willk\u00fcrlich handelnde Jugendliche, die ein Gesch\u00e4ft im unteren Bereich eines Wohnhauses in Brand setzen wollten, davon abhielten.<\/p>\n<p>Nicht alle am Riot Beteiligten waren &#8222;InsurrektionalistInnen&#8220;.<\/p>\n<p>Es war in den meisten Aussagen und Interviews von einer heterogenen Zusammensetzung die Rede, von Partykids \u00fcber Prek\u00e4re, internationale AktivistInnen, MigrantInnen, sogar Islamisten &#8211; die Motive also \u00e4u\u00dferst unterschiedlich.<\/p>\n<p>Sobald dies aber in einen Gewaltfetisch m\u00fcndet, wird das von &#8222;InsurrektionalistInnen&#8220; begr\u00fc\u00dft. Ein ganz anderer Ansatz w\u00e4re, diese willk\u00fcrliche Gewalt als Ergebnis gerade neoliberaler Gewalt und einer damit einher gehenden Brutalisierung der Gesellschaft zu sehen.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnlicher Unterschied und daher eine ziemlich weitgehende immanente Kritik findet sich auch in der Auseinandersetzung von Gabriel Kuhn mit einem der besonders lautstark auftretenden Aktivisten des &#8222;Insurrektionalismus&#8220;, Peter Gelderlos aus den USA. Kuhns schon lange im Internet auf Englisch gef\u00fchrte Auseinandersetzung ist jetzt in Deutsch als Teil seines Buches &#8222;Anarchismus und Revolution&#8220;\u00a0((4))\u00a0erschienen (S. 123-142). Wichtige B\u00fccher des US-&#8222;Insurrektionalismus&#8220; sind bisher nicht in deutscher Sprache erschienen. Sie werden jedoch in Englisch und \u00fcber das Internet rezipiert. Es sind &#8222;How Nonviolence Protects the State&#8220;\u00a0((5))\u00a0und &#8222;The Failure of Nonviolence: From the Arab Spring to Occupy&#8220;\u00a0((6))\u00a0von Peter Gelderloos sowie &#8222;Pacifism as Pathology: Reflections on the Role of Armed Struggle in North America&#8220;\u00a0((7))\u00a0von Ward Churchill\u00a0((8)).<\/p>\n<p>Gabriel Kuhn setzt sich in seiner Entgegnung ausschlie\u00dflich mit den Thesen von Peter Gelderloos auseinander.<\/p>\n<p>Er empfiehlt zwar die Lekt\u00fcre der B\u00fccher, aber referiert den Inhalt und bringt ausf\u00fchrliche Zitate, so dass man sich anhand von Gabriels Text einen durchaus ausreichenden Eindruck von Gelderloos machen kann.<\/p>\n<h3>Die &#8222;InsurrektionalistInnen&#8220; und ihr Hass auf die Gewaltfreien<\/h3>\n<p>Die j\u00fcngsten B\u00fccher des &#8222;Insurrektionalismus&#8220;, besonders die von Gelderloos, sind in manchen Teilen geradezu Hasstiraden auf gewaltfreie BewegungsaktivistInnen. Gabriel Kuhn, der selbst erkl\u00e4rterma\u00dfen &#8222;in den sp\u00e4ten 1980er-Jahren im Kontext der deutschsprachigen autonomen Bewegung politisiert&#8220; (S. 125) wurde, muss Gelderloos in seinem Text erst auf die Existenz des gewaltfreien Anarchismus um die &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; hinweisen.<\/p>\n<p>Der Blick von den USA auf die deutschen Autonomen geschah immer unter Ausschluss der Str\u00f6mung der &#8222;Gewaltfreien&#8220; in der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung und ihres mindestens genauso gro\u00dfen, wenn nicht gr\u00f6\u00dferen Verdienstes am relativen Erfolg beider Bewegungen. Verschaffen wir uns einen Eindruck von diesem Hass, den wir als gewaltfreie AnarchistInnen \u00fcberhaupt in seiner gesamten Dimension erst zur Kenntnis nehmen und mit ihm umgehen m\u00fcssen. Gelderloos:<\/p>\n<p>&#8222;Gewaltfreiheit hat weltweit versagt. Es ist augenscheinlich, dass sie sich mit Regierungen, Parteien, Polizeibeh\u00f6rden und NGOs ins Bett gelegt und unsere K\u00e4mpfe um Freiheit, W\u00fcrde und Wohlergehen verraten hat.<\/p>\n<p>Die meisten Bef\u00fcrworter*innen der Gewaltfreiheit umgarnen die Medien, den Staat und wohlhabende M\u00e4zene; sie verwenden die billigsten Tricks, L\u00fcgen und nicht zuletzt Gewalt (etwa wenn sie andere Protestierende angreifen oder den Bullen helfen, Verhaftungen vorzunehmen), um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, selbst wenn das die Spaltung und das Ende der Bewegung bedeutet. [&#8230;]Gewaltfreie Bewegungen haben selten eine grundlegende Kritik an Herrschaft und Ausbeutung bzw. an den daf\u00fcr verantwortlichen Machtstrukturen.[&#8230;] Wenn wir uns die wichtigsten Aufst\u00e4nde seit dem Ende des Kalten Krieges ansehen, hat es tats\u00e4chlich den Anschein, als k\u00f6nne die Gewaltfreiheit selbst diese kosmetischen Ver\u00e4nderungen nur dann bewirken, wenn sie die Unterst\u00fctzung eines gro\u00dfen Teils der Elite hat, und zwar gew\u00f6hnlich den der Medien, der Reichen und zumindest eines Teils des Milit\u00e4rs. Gewaltfreier Widerstand war noch nie f\u00e4hig, der vollen Kraft des Staates zu widerstehen. Kommt es nicht zu der besagten elit\u00e4ren Unterst\u00fctzung, dann ist strikte Gewaltfreiheit der sicherste Weg, eine Bewegung zu t\u00f6ten. [&#8230;] Es geht hier nicht um abstrakte Konzepte, sondern um Leben und Tod. Ich denke, dass angesichts der Heuchelei, der Manipulationen, der L\u00fcgen, der Kollaboration mit den Herrschenden und einer als politische Reife verkleideten Feigheit, Wut nicht nur erlaubt, sondern notwendig ist.&#8220;\u00a0((9))<\/p>\n<p>Gelderloos spricht mehrfach von seinem &#8222;Zorn&#8220; gegen Gewaltfreie und wie &#8222;w\u00fctend&#8220; er auf sie sei. Dagegen klingen vereinzelte Stellen, dass es nicht sein Ziel sei, &#8222;alle Personen, die Gewaltfreiheit bevorzugen, anzuklagen&#8220; oder Leute, die &#8211; aber nur &#8222;pers\u00f6nlich&#8220; &#8211; gewaltfreie Taktiken bevorzugen, &#8222;respektiert&#8220; werden sollten\u00a0((10)), heuchlerisch.<\/p>\n<p>Gewaltfreie AnarchistInnen m\u00fcssen sich verdeutlichen, dass viele, vor allem junge &#8222;InsurrektionalistInnen&#8220; solche Texte positiv rezipieren und solche Urteile auch \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Mir pers\u00f6nlich f\u00e4llt es zunehmend schwer, solche Passagen oder gar diese B\u00fccher zu lesen, manchmal finde ich es nur l\u00e4cherlich, manchmal dreht sich mir der Magen um; gegen jeden Satz k\u00f6nnte ich zahlreiche Gegenbeispiele nennen oder selbst ein ganzes Buch schreiben.<\/p>\n<p>Das Niveau solcher Kritik ist schlimmer als jede b\u00fcrgerliche Kritik an der Naivit\u00e4t oder dem Idealismus der Gewaltfreiheit, wenn wieder einmal ein Krieg oder Bundeswehreinsatz legitimiert werden soll. Solche Kritik ist kaum noch zu unterscheiden vom vulg\u00e4ren Niveau der Bild-Zeitung. In rund 25 Jahren eigener Praxis in gewaltfreier Aktion innerhalb der Friedens- und Anti-AKW- und Antiglobalisierungsbewegung habe ich es nicht einmal erlebt, dass ein gewaltfreier Aktivist bei einer Aktion einen Autonomen der Polizei ausgeliefert oder mit dem Finger auf ihn gezeigt und gesagt h\u00e4tte: &#8222;Den m\u00fcssen Sie jetzt festnehmen.&#8220;<\/p>\n<h3>Wie sah der Karriereweg vieler ach so revolution\u00e4rer, militanter AktivistInnen aus?<\/h3>\n<p>Waren die entscheidenden VertreterInnen des regierungsamtlichen Reformismus in der BRD, der Bombenkriege in Ex-Jugoslawien und Afghanistan, die aus den sozialen Bewegungen kamen, etwa Gewaltfreie?<\/p>\n<p>War ein Joschka Fischer vorher ein Gewaltfreier oder ein Militanter? Oder J\u00fcrgen Trittin? Oder Reinhard B\u00fctikofer? Oder Dani Cohn-Bendit? Gar nicht zu sprechen von der internationalen Ebene mit den Karrieren zahlloser Ex-Guerilleros von Yassir Arafat bis zu Robert Mugabe, von Mao bis zu Ch\u00e1vez und Maduro, die alle als Staatschefs endeten. Sie m\u00fcssten benannt werden, wenn Gelderlos einseitig \u00fcber die angebliche Staatskollaboration der Gewaltfreien herzieht.<\/p>\n<p>Gelderloos suggeriert die Durchsetzungsf\u00e4higkeit bewaffneter Verb\u00e4nde im Gegensatz zu den Gewalfreien. Doch die Reflexion des &#8222;Insurrektionalisten&#8220; h\u00e4lt einfach beim milit\u00e4rischen Sieg inne, sie k\u00fcmmert sich nicht um das, was nach der Machteroberung kommt.<\/p>\n<p>Dem entspricht \u00fcbrigens eine typische Utopiefeindlichkeit des &#8222;Insurrektionalismus&#8220;: Alles ist kampforientiert, der unmittelbaren Zerst\u00f6rung gewidmet, Utopien einer herrschaftsfreien Gesellschaft interessieren nicht, schon gar nicht, dass diese eine gewaltfreie Vision beinhalten und wie sie schlie\u00dflich verwirklicht werden sollen.<\/p>\n<h3>Gabriel Kuhns Best\u00e4tigung der Utopie einer gewaltfreien, herrschaftslosen Gesellschaft<\/h3>\n<p>Es ist Gabriel Kuhn hoch anzurechnen, dass er vielen Darstellungen Gelderloos&#8216; entschieden widerspricht. Gelderloos bleibe den Beleg daf\u00fcr schuldig, &#8222;dass gewaltfreie Taktiken nie funktionieren, andere Taktiken aber schon&#8220; (S. 131), die Gelderloos \u00fcbrigens meist &#8222;k\u00e4mpferisch&#8220; oder &#8222;konfrontativ&#8220; nennt &#8211; ganz so, als sei gewaltfreie Aktion gar kein Kampf und auch keine Konfrontation mit den Herrschenden. Das ist eine Zuschreibung, die \u00fcbrigens in b\u00fcrgerlichen Medien durch die Bezeichnung &#8222;friedlicher Protest&#8220; statt gewaltfreiem Widerstand ganz genauso propagiert wird. Hier wird eine nicht-konfrontative Mentalit\u00e4t beiderseits herbeigeredet. Kuhn bem\u00e4ngelt in diesem Zusammenhang, dass Gelderloos den Zusammenbruch des Realsozialismus in Osteuropa 1989\/90 &#8211; mit Ausnahme von Rum\u00e4nien in gewaltfreier Konfrontation ohne Elitenunterst\u00fctzung verursacht &#8211; &#8222;fast g\u00e4nzlich ignoriert&#8220; (S. 131), obwohl doch Gelderloos auch einige Zeit in Europa verbracht hat. Ich f\u00fcge hier hinzu: Auch die jahrzehntelangen Diktaturen in Tunesien und \u00c4gypten 2011 hat eine weitgehend gewaltfrei agierende Massenbewegung gest\u00fcrzt, bevor dann gerade der \u00dcbergang zum B\u00fcrgerkrieg zu erneuter Diktatur f\u00fchrte. In \u00c4gypten entwickelte sich nach dem Sturz Mubaraks und w\u00e4hrend der islamistischen Pr\u00e4sidentschaft Mursis eine militante anarchistische sogenannte Black-Bloc-Str\u00f6mung, die die Stra\u00dfenschlachten gegen das Mursi-Regime vorantrieb. B\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde waren aber ganz im Sinne des \u00e4gyptischen Milit\u00e4rs, das dann putschte und nicht nur die Mursi-Anh\u00e4ngerInnen, sondern auch gleich alle Oppositionelle inklusive der Millitanten unterdr\u00fcckte &#8211; soviel zur These Gelderloos&#8216;, Gewaltfreie w\u00fcrden immer von Eliten unterst\u00fctzt, &#8222;zumindest eines Teils des Milit\u00e4rs&#8220;.<\/p>\n<p>Im Gegenteil: Gewaltfreie sind prinzipielle AntimilitaristInnen, im Gegensatz zu den &#8222;InsurrektionalistInnen&#8220;. Allerdings geht es den Gewaltfreien strategisch auch immer darum, das herrschende Milit\u00e4r zu spalten, denn das schw\u00e4cht die Herrschaft.<\/p>\n<p>Den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur ebnet Gelderlos einfach als &#8222;fiktiv&#8220; ein. Gabriel Kuhn wehrt sich aber &#8222;entschieden gegen die Behauptung (&#8230;), dass der Unterschied zwischen \u00d6sterreich 1943 und \u00d6sterreich 2013 ein fiktiver ist&#8220; (S. 132). Dabei bleibt anarchistische Demokratiekritik unbenommen, nur muss sie in Relation gesetzt werden.<\/p>\n<p>Kuhn durchschaut auch Gelderloos&#8216; billiges Man\u00f6ver, gewaltfreien AktivistInnen eine Gier nach medialer Aufmerksamkeit vorzuwerfen. Denn Gelderloos bejubelte selber etwa die mediale Aufmerksamkeit f\u00fcr die militanten Aktionen in Seattle.<\/p>\n<p>Seit wann aber, so fragt Kuhn, &#8222;ist mediale Aufmerksamkeit der Ma\u00dfstab&#8220; (S. 140) f\u00fcr Wertvolles oder Erfolg, sobald sie nur dem eigenen Spektrum gilt? Auch f\u00fcr Hamburg k\u00f6nnte sich Gelderloos \u00fcber mediales Spektakel f\u00fcr sein Spektrum wohl kaum beklagen.<\/p>\n<p>Eine der kuriosesten und auch abstrusesten Thesen Gelderloos&#8216;, die auch einen klaren Unterschied zwischen fr\u00fcherem autonomem Selbstverst\u00e4ndnis und dem des &#8222;Insurrektionalismus&#8220; ausmacht, ist die Behauptung: &#8222;Gewalt existiert nicht&#8220; (S. 127). Begr\u00fcndung: In zahlreichen Workshops, die Gelderloos durchgef\u00fchrt habe, habe sich nie jemand auf dieselbe Definition von Gewalt einigen k\u00f6nnen. &#8222;Das vielleicht wichtigste Argument gegen Gewaltfreiheit ist jenes, dass der Begriff der Gewalt so schwammig ist&#8220; (S. 129). Damit verfolgt Gelderloos eine Verwischung der Grenzen von gewaltfreier zu gewaltsamer Aktion: &#8222;Es spielt \u00fcberhaupt keine Rolle, welche Aktivit\u00e4ten &#8218;gewaltt\u00e4tig&#8216; oder &#8218;gewaltfrei&#8216; sind.&#8220;\u00a0((11))\u00a0Das hindert ihn \u00fcbrigens keineswegs daran, von &#8222;Polizeigewalt&#8220; zu sprechen. Da existiert Gewalt pl\u00f6tzlich schon. Gabriel Kuhn antwortet hier mit einem Lob f\u00fcr gewaltfreie AktivistInnen, dass sie sich bem\u00fchen, den Unterschied zwischen Gewaltfreiheit und Gewalt definitorisch zu benennen. Das sei wichtig f\u00fcr die Vorstellung der emanzipativen Utopie einer neben allen anderen herrschaftsfreien Formen auch gewaltfreien Gesellschaft, die ja als Ziel des Kampfes aufscheinen soll. Kuhn hier \u00fcber Gewaltfreie:<\/p>\n<p>&#8222;Sie stehen hier auf recht sicherem ethischen Grund. (&#8230;) Jemanden zu verletzen oder zu t\u00f6ten oder (&#8230;) Aktionen [durchzuf\u00fchren], die m\u00f6glicherweise zu solchen Konsequenzen f\u00fchren, verlangen strengere Formen der Legitimation. (&#8230;) Wenn wir nicht gewillt sind, Aktionsformen ihrer unterschiedlichen ethischen Implikationen gem\u00e4\u00df zu betrachten, laufen wir Gefahr, Gewalt zu trivialisieren. Es gibt Phrasen, die mit Gelderloos&#8216; Behauptung, dass &#8218;Gewalt nicht existiert&#8216;, verwandt und in bestimmten Kreisen beliebt sind. Dazu z\u00e4hlen &#8218;Gewalt ist \u00fcberall&#8216; oder &#8218;Wir leben nun einmal in einer gewaltt\u00e4tigen Gesellschaft&#8216;. Im besten Fall sind diese Phrasen nichtssagend: Im schlimmsten Fall sind sie dumme Entschuldigungen f\u00fcr noch d\u00fcmmere Aktionen.&#8220;\u00a0((12))<\/p>\n<h3>Begr\u00fcndung: schei\u00dfegal<\/h3>\n<p>Die beiden letztgenannten Phrasen sind klassische Entgegnungen, die mir Autonome h\u00e4ufig entgegen schleuderten. Gelderloos&#8216; These, dass es Gewalt gar nicht gibt, ist dagegen typisch insurrektionalistisch. Ich m\u00f6chte hier anf\u00fcgen, dass &#8222;InsurrektionalistInnen&#8220; wahlweise auch die beiden anderen Phrasen benutzen. Dies zeigt etwas Entscheidendes auf: Die Abwesenheit, ja willk\u00fcrliche Haltung oder Ignoranz gegen\u00fcber einer stringenten Gesellschaftstheorie und -analyse. Denn zwischen der Einsch\u00e4tzung &#8222;Gewalt existiert nicht&#8220; (deswegen ist meine Aktion &#8222;k\u00e4mpferisch&#8220; oder &#8222;konfrontativ&#8220;) und &#8222;Gewalt ist \u00fcberall&#8220; (deswegen ist es nur konsequent, wenn auch ich Gegengewalt anwende) liegen in der Gesellschaftstheorie Welten.<\/p>\n<p>Das sind gegens\u00e4tzliche theoretische Konstrukte. Es tritt hier die theoretische Schw\u00e4che des &#8222;Insurrektionalismus&#8220; offen zutage. Theorie und Gesellschaftsanalyse werden \u00fcberhaupt obsolet, wenn gleichzeitig ein Tatbestand und sein Gegenteil behauptet werden k\u00f6nnen, um zur selben Form von Aktion zu kommen. Oder anders gesagt: Nur die Form der Aktion z\u00e4hlt, die Begr\u00fcndung ist schei\u00dfegal.<\/p>\n<p>Gewalt wird um der Gewalt willen ausge\u00fcbt. Hierin zeigt sich der Hyperfetischismus der gewaltsamen Aktion im &#8222;Insurrektionalismus&#8220;. In gewisser Weise ist es &#8222;InsurrektionalistInnen&#8220; gegen\u00fcber im Gespr\u00e4ch unm\u00f6glich, ihren Fetisch den Kriterien einer rationalen Diskussion zu unterziehen. Gewaltfreien werfen sie &#8222;Dogmatismus&#8220; vor, w\u00e4hrend Dogmatismus in Wirklichkeit das Festhalten an einer Haltung bezeichnet, die nicht argumentativ begr\u00fcndet werden kann.<\/p>\n<p>Es gibt ein sektiererisches In-Group-Verhalten, das zum Beispiel den Schrei nach der Notwendigkeit der unmittelbaren bewaffneten Revolution \u00fcberhaupt nicht in Beziehung setzt zur gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Lage, in der diese unmittelbare Revolution stattfinden soll. Welche Kr\u00e4fte stehen dem entgegen, wie verhalten sich die Mittelschichten, k\u00f6nnen wir sie spalten und damit schw\u00e4chen, gibt es eine neofaschistische Gefahr des Gegenschlags?<\/p>\n<p>M\u00fcsste denn nicht erst eine emanzipative Massenbewegung mit stabil remobilisierbaren Hunderttausenden aufgebaut werden, eine revolution\u00e4re Massenorganisierung entstehen?<\/p>\n<p>Warum hat sich die CNT in Spanien \u00fcber drei Jahrzehnte hinweg kulturell und organisatorisch verbreitet, bis es zur Revolution kam? Man k\u00fcmmert sich konsequent auch nicht, weder theoretisch noch praktisch, um B\u00fcndnisstrategien mit anderen Spektren, sie gelten alle als systemtragend, nur selbst ist man f\u00e4hig, die Gesellschaft umzuw\u00e4lzen &#8211; das sind inhaltliche Mechanismen von Identit\u00e4tspolitik. Gleichzeitig \u00fcberl\u00e4sst man die Vermittlung in die \u00d6ffentlichkeit den herrschenden Medien und sonnt sich insgeheim noch in deren verzerrter, spektakul\u00e4rer Darstellung, die ganz andere Interessen verfolgt.<\/p>\n<p>So erzeugen beide, herrschende Medien und &#8222;InsurrektionalistInnen&#8220; den Eindruck b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlicher Zust\u00e4nde, dem zum Gl\u00fcck in der BRD jedoch &#8211; noch &#8211; keine soziale Realit\u00e4t entspricht.<\/p>\n<p><b>N.O. Fear<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Militante Aktionen wie j\u00fcngst in Hamburg beim G20-Gipfel waren in der BRD der letzten Jahre alles andere als neu: Die &#8222;Riots&#8220; zum 1. Mai gingen jahrelang spektakul\u00e4r durch die b\u00fcrgerliche Presse, hatten sich aber dann totgelaufen. Anstatt einer Aufarbeitung, wird diese Tradition in manch linken Idealisierungen verschwiegen, zum Beispiel von Karl-Heinz Dellwo in seinem Text &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/09\/wer-will-den-buergerkrieg\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Wer will den B\u00fcrgerkrieg? - graswurzelrevolution","description":"Militante Aktionen wie j\u00fcngst in Hamburg beim G20-Gipfel waren in der BRD der letzten Jahre alles andere als neu: Die \"Riots\" zum 1. 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