{"id":17255,"date":"2017-09-01T00:00:00","date_gmt":"2017-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/09\/heim-weh-ulrike-meinhofs-letztes-interview\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:52","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:52","slug":"heim-weh-ulrike-meinhofs-letztes-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/09\/heim-weh-ulrike-meinhofs-letztes-interview\/","title":{"rendered":"heim.weh &#8211; Ulrike Meinhofs letztes Interview"},"content":{"rendered":"<p>Wie konnte es passieren, dass eine herausragende Journalistin der 1960er Jahre pl\u00f6tzlich Teil einer bewaffneten Stadtguerillagruppe wurde? An welchen Verh\u00e4ltnissen ist die christlich gepr\u00e4gte Humanistin und sp\u00e4tere Kommunistin Ulrike Marie Meinhof verzweifelt?<\/p>\n<p>Diese Fragen sind heute, vierzig Jahre nach dem &#8222;Deutschen Herbst&#8220; und 41 Jahre nach Ulrike Meinhofs Tod, nicht wirklich beantwortet. Das liegt auch an den Massenmedien und einer oft oberfl\u00e4chlichen und zu wenig staatskritischen Publizistik in Deutschland. So ist das auflagenst\u00e4rkste Buch zur Geschichte Ulrike Meinhofs und der Roten Armee Fraktion (RAF) nicht Jutta Dithfurts lesenswerte Ulrike-Meinhof-Biografie (Ullstein 2009), sondern immer noch ausgerechnet der 1985 erschienene &#8222;Baader-Meinhof-Komplex&#8220; von Stefan Aust.<\/p>\n<p>In diesem rei\u00dferischen Bestseller des damaligen &#8222;Spiegel&#8220;- und heutigen &#8222;Welt&#8220;-Herausgebers geht es prim\u00e4r um die Unterhosen von Andreas Baader, aber nicht um die Frage, warum Menschen wie Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und andere zu Terrorist*innen wurden.<\/p>\n<p>Auch die 2008 erfolgte &#8222;Baader Meinhof Komplex&#8220;-Verfilmung war rei\u00dferisch und \u00fcberaus erfolgreich, aber nicht aufkl\u00e4rerisch. Es handelt sich um konsum- und verwertungsorientierte Ver\u00f6ffentlichungen, die Marktinteressen verfolgen.<\/p>\n<p>Politisierung, also Aufkl\u00e4rung \u00fcber Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, ist in diesem Zusammenhang nicht erw\u00fcnscht. Das trifft auch zu, wenn wir r\u00fcckblickend die Berichterstattung der Massenmedien \u00fcber die als &#8222;Baader-Meinhof-Bande&#8220; gejagte Stadtguerillagruppe analysieren.<\/p>\n<p>Die RAF-Mitglieder wurden von Medien und Politik als &#8222;Anarchistische Gewaltt\u00e4ter&#8220; stigmatisiert, wobei &#8222;anarchistisch&#8220; mit &#8222;chaotisch&#8220; und &#8222;terroristisch&#8220; gleichgesetzt wurde. So diente das eigentlich wunderbare Wort &#8222;Anarchist&#8220; w\u00e4hrend der Terroristenhysterie der 1970er Jahre als Schm\u00e4hbegriff. Dabei ging es nicht zuletzt auch darum, die so Geschm\u00e4hten zu entmenschlichen und als Monster darzustellen.<\/p>\n<p>Die Mitglieder der RAF verstanden sich keineswegs als &#8222;Anarchistinnen&#8220; und &#8222;Anarchisten&#8220;. Sie distanzierten sich vom Anarchismus, der f\u00fcr sie eine &#8222;kleinb\u00fcrgerliche, pseudorevolution\u00e4re Ideologie&#8220; war. Mit Anarchismus, also der libert\u00e4r-sozialistischen Idee einer gewaltfreien, herrschaftslosen Gesellschaft, hatten die &#8222;Leninisten mit Knarre&#8220; (agit 883 \u00fcber die RAF) nichts am Hut.<\/p>\n<h3>Warum w\u00e4hlte Ulrike Meinhof den Weg in den bewaffneten Kampf?<\/h3>\n<p>Diese Frage stellte sich auch der M\u00fcnsteraner Theatermacher Thomas Nufer. Nachdem er &#8222;Die W\u00fcrde des Menschen ist antastbar&#8220; mit &#8222;Konkret&#8220;-Aufs\u00e4tzen und -Polemiken Ulrike Meinhofs aus den 1960er Jahren gelesen hatte, vertiefte der K\u00fcnstler seine Recherchen. Dabei stie\u00df der Autor unter anderem auf das ebenfalls vom Wagenbach Verlag ver\u00f6ffentlichte Drehbuch &#8222;Bambule. F\u00fcrsorge &#8211; Sorge f\u00fcr wen?&#8220;. Mit dem Film &#8222;Bambule&#8220; kritisiert Ulrike Meinhof die autorit\u00e4ren, brutalen Methoden der Heimerziehung und l\u00e4sst ehemalige Heiminsassinnen sich selbst spielen.<\/p>\n<p>Die linke Journalistin Meinhof war eine der ersten Intellektuellen, die sich mit den Heiminsassinnen solidarisierte und aus dieser Position von unten die menschenunw\u00fcrdigen Zust\u00e4nde in den F\u00fcrsorgeheimen ins \u00f6ffentliche Bewusstsein rief.<\/p>\n<p>Der Film ist als Teil der &#8222;Heimkampagne&#8220; zu verstehen, mit der Ulrike Meinhof und andere radikale Linke ab Ende der 1960er Jahre die F\u00fcrsorge-Z\u00f6glinge zur antiautorit\u00e4ren Heimrevolte aufriefen. Die &#8222;Heimkampagne&#8220; und der &#8222;Bambule&#8220;-Film k\u00f6nnen als Anfang vom Ende der autorit\u00e4ren Heimerziehung in der Bundesrepublik verstanden werden.<\/p>\n<h3>heim.weh<\/h3>\n<p>Als ich im Juni 2015 eine der ersten Auff\u00fchrungen von Thomas Nufers &#8222;heim.weh&#8220; im Caf\u00e9 &#8222;Die Weltb\u00fchne&#8220; in M\u00fcnster sah, hat mich das St\u00fcck sofort begeistert. Nufer und den beiden Schauspielerinnen Corinna Bilke als Ulrike Meinhof und Janine Quandt als Irene Treber war es gelungen, mit diesem dokumentarischen Drama die unterschiedlichen Welten sp\u00fcrbar werden zu lassen, in denen die in b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen aufgewachsene Starautorin und die unterprivilegierte, proletarische Heimgesch\u00e4digte lebten.<\/p>\n<p>Thomas Nufer l\u00e4sst die von ihm als Kunstfigur erfundene Irene klare Worte an ihre Interviewerin richten: &#8222;Puppe, der Unterschied liecht doch klar uff der Hand &#8211; ick jeh am echtn Leben kaputt und du an irjend ner Schei\u00df-Theorie.&#8220;<\/p>\n<p>Um sich auf das Filmprojekt vorzubereiten, trifft Ulrike Meinhof 1970 das ehemalige Heimkind, welches zu diesem Zeitpunkt als T\u00e4nzerin in einer Bar arbeitet. Der traumatisierten Irene f\u00e4llt es schwer, sich Meinhof gegen\u00fcber zu \u00f6ffnen. Sie leidet unter einer un\u00fcbersehbaren Form der dissoziativen Identit\u00e4tsst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Doch durch die Treffen in einem Berliner Caf\u00e9 ver\u00e4ndert sich Irene. Angesichts des Interesses, das die Reporterin an ihrer Lebensgeschichte hat, erwacht ihr durch die Erniedrigungen im Heim versch\u00fcttetes Selbstbewusstsein und sie gibt immer mehr von ihrer traurigen Lebensgeschichte preis. Die geschilderten Grausamkeiten, die Irene Treber im Heimalltag erleiden musste, schockieren die wohlbeh\u00fctet aufgewachsene Ulrike Meinhof. Die &#8222;Konkret&#8220;-Kolumnistin geh\u00f6rt zur Hamburger Bildungselite und ist in den 1960er Jahren mit ihren oft treffenden Analysen ein Star der Au\u00dferparlamentarischen Opposition (APO) in der Bundesrepublik. Nun beginnt sie am Wert ihrer publizistischen Arbeit und ihrer gesellschaftlichen Wirkung zu zweifeln.<\/p>\n<p>Mit &#8222;heim.weh&#8220; gelingt es Thomas Nufer, Menschen f\u00fcr das Leiden ehemaliger Heimkinder zu sensibilisieren. Irene Treber und andere, denen die Kindheit und Jugend durch eine postfaschistische &#8222;Schwarze P\u00e4dagogik&#8220; zerst\u00f6rt wurde, sind \u00dcberlebende.<\/p>\n<p>Ulrike Meinhof sah in den Heiminsassinnen auch Protagonistinnen im revolution\u00e4ren Kampf gegen ein verhasstes, autorit\u00e4res System. Im Theaterst\u00fcck prallen die idealistischen, revolution\u00e4ren Vorstellungen der Kommunistin und sp\u00e4teren Terroristin auf Irenes bittere Realit\u00e4t und Verletztheit. An dieser Stelle wird deutlich, dass sich Ulrike Meinhof ideologisch verrannt hat. Anders als in ihrer Wunschvorstellung und Analyse, sind die von ihr idealisierten Opfer des Kapitalismus in der Realit\u00e4t nicht einfach umgekehrt Speerspitzen der Revolution.<\/p>\n<p>Thomas Nufer m\u00f6chte mit seinem Projekt Impulse f\u00fcr die \u00f6ffentliche Debatte setzen.<\/p>\n<p>&#8222;Gleichzeitig dient es der Pr\u00e4vention f\u00fcr Fehlentwicklungen in der heutigen Praxis der Heimerziehung&#8220;, so der Autor.<\/p>\n<p>Regina Page beschreibt in ihrem 2006 im Engelsdorfer Verlag erschienen Buch &#8222;Der Albtraum meiner Kindheit und Jugend. Zwangseinweisung in deutsche Erziehungsheime&#8220; ihre Leidensgeschichte als Kind und Jugendliche in der bundesdeutschen F\u00fcrsorgeerziehung der 1950er und 1960er Jahre.<\/p>\n<p>In einem bewegenden Vortrag skizziert sie den Alltag in den Heimen: &#8222;Wir lebten ohne zu leben.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;In den Kinderheimen wurde sich an den strammen Zeitplan gehalten, ohne sich um die Bed\u00fcrfnisse der Kleinkinder zu k\u00fcmmern. Wer da aus der Reihe tanzte, allzu lebhaft war, wurde unter Umst\u00e4nden im Bettchen angeschnallt, und allzu lebhafte Kinder wurden mit Medikamenten ruhiggestellt. Oft starrten sie tagelang auf wei\u00dfe W\u00e4nde, die Folge: Hospitalismus. (\u0085) In den Heimen galt es, keine besonderen Bed\u00fcrfnisse zu haben. Sich in den allt\u00e4glichen Heimbetrieb einzuf\u00fcgen, war oberstes Gebot. Die Suche nach einem Erwachsenen, der ein bisschen Mutter oder Vater h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, blieb eine Sehnsucht, die lediglich in W\u00fcnschen und Tr\u00e4umen Erf\u00fcllung fand.&#8220;<\/p>\n<p>Regina Page erz\u00e4hlt, dass die Heimkinder keine liebevolle Zuwendung von Seiten der Erzieherinnen und Erzieher zu erwarten hatten und oft auch untereinander ein einsames, von Misstrauen und \u00c4ngsten gepr\u00e4gtes Leben f\u00fchren mussten. Das st\u00e4ndige Leben im Kollektiv, das dennoch Auf-sich-allein-gestellt-sein und das undurchschaubare Ausgeliefertsein f\u00fchrten zu einem Gef\u00fchl der Auszehrung.<\/p>\n<p>&#8222;Traurigkeit und Schmerz, aber auch \u00c4rger und Zorn konnten nicht gelebt werden, weder \u00e4u\u00dferlich noch innerlich. (\u0085) Ich trage noch immer das Putzkleid aus dieser Zeit. Symbolisch zwar nur, doch schleppe ich die Last von damals mit mir herum, b\u00f6se Worte, die mich ein Leben lang begleiten: du taugst nichts, du bist f\u00fcr die Gesellschaft nicht tragbar, du landest sowieso wieder in der Gosse. Nach so vielen Jahren haben sich diese Worte in meiner Seele festgesetzt.&#8220;<\/p>\n<p>Mit Duldung und Beteiligung von Kirchen, Institutionen, Jugend\u00e4mtern und Landschaftsverb\u00e4nden und abgeschirmt von der Gesellschaft lebten Kinder und Jugendliche lange Jahre hinter den Mauern geschlossener Erziehungsanstalten. Dort erlitten sie Pr\u00fcgel, Missbrauch und verrichteten Zwangsarbeit. Schulbildung wurde ihnen weitgehend verwehrt. Es waren unfassbare Zust\u00e4nde, die sich in diesen Jahren in der Bundesrepublik abspielten.<\/p>\n<p>Das Theaterprojekt &#8222;heim.weh&#8220; n\u00e4hert sich diesem noch immer weitgehend verdr\u00e4ngten Kapitel deutscher Geschichte. Die Inszenierung wirft Fragen auf: Nach dem Zusammenhang staatlich sanktionierter Nazi-Methoden, die in diesen Heimen \u00fcberleben konnten, und dem Wegsehen der Menschen w\u00e4hrend der Zeit des Wirtschaftswunders.<\/p>\n<p>Thomas Nufer ist es gelungen, mit der authentischen Geschichte des Heimz\u00f6glings aus dem Vinzenzheim in Dortmund und der engagierten Journalistin und sp\u00e4teren Stadtguerillera vergessen gemachte Zeitgeschichte erlebbar zu machen. Bei der Suche nach Antworten auf die eingangs gestellten Fragen kann &#8222;heim.weh&#8220; hilfreich sein. Die Heimgeschichte emp\u00f6rt, aber warum muss Emp\u00f6rung notwendig in bewaffneten Kampf umschlagen?<\/p>\n<h3>Warum m\u00fcndete Meinhofs Emp\u00f6rung in bewaffneter Gewalt und nicht in andere Formen des Handelns?<\/h3>\n<p>Ulrike Meinhof war eine Moralistin, die schlie\u00dflich den Irrweg des Terrors gew\u00e4hlt hat, statt des gewaltfreien Widerstands und der Aufkl\u00e4rung. Es gibt andere Ausdrucksformen f\u00fcr Emp\u00f6rung und Revolte. Wut kann in andere Bahnen gelenkt werden. Wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte &#8222;Gegengewalt&#8220; von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll? Die Emp\u00f6rung \u00fcber die Zust\u00e4nde kann keine Rechtfertigung f\u00fcr den bewaffneten Kampf sein. Oder, wie es 1977 der G\u00f6ttinger Mescalero in seinem kriminalisierten Artikel &#8222;Buback. Ein Nachruf&#8220; in der G\u00f6ttinger AStA-Zeitung ausdr\u00fcckte:<\/p>\n<p>&#8222;Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.&#8220;<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie konnte es passieren, dass eine herausragende Journalistin der 1960er Jahre pl\u00f6tzlich Teil einer bewaffneten Stadtguerillagruppe wurde? An welchen Verh\u00e4ltnissen ist die christlich gepr\u00e4gte Humanistin und sp\u00e4tere Kommunistin Ulrike Marie Meinhof verzweifelt? Diese Fragen sind heute, vierzig Jahre nach dem &#8222;Deutschen Herbst&#8220; und 41 Jahre nach Ulrike Meinhofs Tod, nicht wirklich beantwortet. 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