{"id":17264,"date":"2017-10-01T00:00:00","date_gmt":"2017-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/scheiss-kolonialismus\/"},"modified":"2022-01-24T18:15:16","modified_gmt":"2022-01-24T16:15:16","slug":"scheiss-kolonialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/scheiss-kolonialismus\/","title":{"rendered":"Schei\u00df-Kolonialismus!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Bis sie in S\u00fcdafrika landete, war der shitstorm in vollem Gange. Immerhin haben Generationen von Schwarzen unter einem System der menschenverachtenden Apartheid hautnah erfahren, was eine rassistische Fremdherrschaft an Entw\u00fcrdigung, Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung f\u00fcr die rechtlose kolonisierte Mehrheit bedeutet. Doch Zille zeigte wenig Einsicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immerhin, so beharrte die fr\u00fchere B\u00fcrgermeisterin Kapstadts und heutige Premierministerin der Westlichen Kapprovinz, habe der Kolonialismus Infrastruktur geschaffen, Stra\u00dfen und Schulen gebaut, ein Gesundheitssystem eingef\u00fchrt und damit den Lebensstandard gehoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu ihrer Verteidigung f\u00fchrte sie auch an, dass sie als einstige Kritikerin der Apartheid kaum im Verdacht st\u00fcnde Unrecht zu relativieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Uneinsichtigkeit hatte einen Preis. Nach wochenlangem Tauziehen initiierte die DA ein Disziplinarverfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zille wurde im Juni aus allen F\u00fchrungsgremien der Partei wegen parteisch\u00e4digenden Verhaltens ausgeschlossen. Schlie\u00dflich hatte die DA w\u00e4hrend der Kommunalwahlen 2016 erste nennenswerte Unterst\u00fctzung unter der wachsenden W\u00e4hlerschaft einer st\u00e4dtischen schwarzen Mittelschicht erhalten, deren Unzufriedenheit \u00fcber die Macht- und Geldgier unter der ANC-F\u00fchrung dazu f\u00fchrte, sich politisch neu zu orientieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zilles Erfahrung k\u00f6nnte ein Lehrst\u00fcck daf\u00fcr sein, wie die Sicht von unterschiedlich Betroffenen sich fundamental unterscheidet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachfahren von T\u00e4tern glauben sich mitunter erlauben zu k\u00f6nnen, die verinnerlichten Empfindsamkeiten von Opfergenerationen und deren Nachfahren zu verharmlosen, indem sie diese eines vermeintlich Besseren belehren. Dass dies auf eine Relativierung von Gewaltgeschichte hinaus l\u00e4uft und damit tendenziell die Wurzeln eigener Privilegien negiert, mag ihnen noch nicht einmal bewusst sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daran, dass es fundamental falsch und verwerflich ist, \u00e4ndert es aber Nichts.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Koloniale deutsche Gewaltgeschichte<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Deutschland ist in den letzten Jahren die koloniale Vergangenheit st\u00e4rker ins \u00f6ffentliche Bewusstsein ger\u00fcckt. Gro\u00dfen Anteil daran hatten die seit der Jahrhundertwende deutlich intensiver werdenden Bem\u00fchungen von Afrodeutschen und von postkolonialen Initiativen, die meist in lokalen Bez\u00fcgen jeweils vor Ort (wie z.B. in M\u00fcnster, Hamburg, Freiburg, Berlin, Heidelberg, Potsdam, M\u00fcnchen aber auch andernorts) an die koloniale Hypothek und die rassistisch aufgeladenen Verbindungslinien erinnern. Vieles im deutschen Alltag erinnert noch immer an die Kolonialgeschichte auch hierzulande, wenngleich diese nur selten bewusst gemacht wird. Doch das vielzitierte Diktum von William Faulkner (aus dem Theaterst\u00fcck &#8222;Requiem f\u00fcr eine Nonne&#8220;) gilt auch in diesem Fall: &#8222;Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diejenigen, die sich seit Jahrzehnten um die bewusste Bearbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit bem\u00fchen, konnten mittlerweile einen teilweisen Erfolg feiern. Neben anderen Faktoren hatte ihre Beharrlichkeit dazu beigetragen, dass sich zur Jahresmitte 2015 die Bundesregierung durch das Ausw\u00e4rtige Amt zu einem besonders dunklen Kapitel der \u00fcberseeischen deutschen Gewaltgeschichte bekannte. Unter wachsendem Druck auch etablierter Medien wurde endlich einger\u00e4umt, dass der Krieg gegen die Ovaherero und Nama im damaligen &#8222;Deutsch S\u00fcdwestafrika&#8220; (dem heutigen Namibia) zwischen 1904 und 1908 ein V\u00f6lkermord war. Seither verhandeln Sonderbeauftragte der deutschen und namibischen Regierung um eine angemessene Konsequenz aus diesem Tatbestand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es in den anderen deutschen Kolonien &#8211; insbesondere dem damaligen &#8222;Deutsch Ostafrika&#8220; mit einer Politik der verbrannten Erde zur Niederschlagung des Maji-Maji Widerstandes &#8211; \u00e4hnlich gelagerte F\u00e4lle von Kriegsverbrechen gegeben hat, mag diesen Verhandlungen besondere Brisanz verleihen. Auch werden die seitherigen Diskussionen in Deutschland im europ\u00e4ischen Ausland mit gro\u00dfem Interesse verfolgt. Immerhin haben diese den potenziellen Charakter eines Pr\u00e4zedenzfalles, was den Umgang mit kolonialen Gr\u00e4ueln betrifft. In London, Paris, Br\u00fcssel, Lissabon, Den Haag, Rom, Madrid und andernorts kommt dies der eigenen Kolonialvergangenheit bedrohlich nahe. Es darf vermutet werden, dass dies wohl auch schon Thema der EU-Au\u00dfenminister gewesen ist. Und auch in den ehemaligen Siedlerkolonien von Australien, Kanada und den USA wird es gewiss nicht unbeachtet bleiben, was bei den deutsch-namibischen Verhandlungen letztlich heraus kommt.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Deutsch-namibische Feilschereien<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer meinte, mit der Anerkennung des ersten V\u00f6lkermords des 20. Jahrhunderts sei jenseits des Lippenbekenntnisses ein grunds\u00e4tzlicher Durchbruch erfolgt, sah sich bisher get\u00e4uscht. Nicht nur sind mit den heutigen Interessenverb\u00e4nden der Ovaherero und Nama die Nachfahren der seinerzeit am meisten Betroffenen von den direkten Gespr\u00e4chen fast ganz ausgeschlossen. Sie hatten seit Jahrzehnten f\u00fcr die Anerkennung des V\u00f6lkermords mobilisiert und bleiben bei den offiziellen Verhandlungen nun weiterhin Statisten. Damit wird die deutsch-namibische Vers\u00f6hnungsinitiative zu einer Regierungsangelegenheit degradiert und Gegenstand einer Staatsr\u00e4son, die den unmittelbar Betroffenen eine ad\u00e4quate Mitsprache verweigert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bundesregierung begr\u00fcndet dies damit, dass es einzig der namibischen Seite \u00fcberlassen bleibt, wer aus Namibia mit ihr verhandelt. Sie glaubt damit fein aus dem Schneider zu sein. Doch die Weigerung, sich anderweitig mit diesen Gruppen auseinander zu setzen, straft sie L\u00fcgen. Initiativen der Ovaherero und Nama, den V\u00f6lkermord zum Gegenstand eines Gerichtsverfahrens zu machen, scheiterten bislang. Anfang 2017 hatten sie eine Entsch\u00e4digungsklage gem\u00e4\u00df eines US-amerikanischen Gesetzes bei einem Gericht in New York eingereicht. Doch die Anh\u00f6rung musste bereits zwei Mal verschoben werden, weil die deutsche Seite die Annahme der Klageschrift verweigerte und den Terminen fern blieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den 13. Oktober wurde die Anh\u00f6rung ein weiteres Mal anberaumt. Es bedarf keiner prophetischen Gabe vorher zu sagen, dass auch dann die deutsche Seite nicht anwesend sein wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch auch die offiziellen deutsch-namibischen Gespr\u00e4chsrunden verlaufen keinesfalls so harmonisch, wie es die Stellungnahmen des deutschen Sonderbeauftragten und fr\u00fcheren CDU-Politikers Ruprecht Polenz vorgaukeln. Zum einen war die zeitliche Ma\u00dfgabe bei Verhandlungsbeginn, eine g\u00fctliche Einigung m\u00f6glichst noch in der \u00c4ra des Bundespr\u00e4sidenten Gauck zu finden, der dann zu einer offiziellen Entschuldigungsgeste nach Namibia reisen k\u00f6nnte, ein \u00c4rgernis. Schlie\u00dflich steht es der deutschen Regierung nicht zu, der namibischen Seite vorzuschreiben, wie lange etwas zu dauern habe, das sich halbwegs ad\u00e4quat um begangenes Unrecht in Namibia k\u00fcmmern soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der Ausgangspunkt, nach Eingest\u00e4ndnis eines V\u00f6lkermords eine Entschuldigung daf\u00fcr zum Verhandlungsgegenstand zu erkl\u00e4ren, hat eine paternalistische Anma\u00dfung, die verbl\u00fcfft. Dahinter verbirgt sich immer noch die schon vor fast 15 Jahren ausgegebene Handlungsmaxime des damaligen gr\u00fcnen Au\u00dfenministers Joseph Fischer, dass es &#8222;keine entsch\u00e4digungsrelevante Entschuldigung&#8220; geben d\u00fcrfe. So bekr\u00e4ftigte Polenz Ende Juli 2017 in einem Interview mit der Deutschen Welle, dass es keine finanziellen Entsch\u00e4digungsleistungen f\u00fcr den V\u00f6lkermord geben wird. Er betonte, dass sich &#8222;Erwartungen auf ein realistisches Ma\u00df konzentrieren &#8230; und nicht unrealistisch die Verhandlungen belasten&#8220; sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stattdessen ist von &#8222;Wiedergutmachungen&#8220;, wie der Einrichtung einer deutsch-namibischen Zukunftsstiftung, die Rede, die Projekte zum Gedenken an den V\u00f6lkermord f\u00f6rdern soll. Dazu k\u00e4me eine Erweiterung der entwicklungspolitischen Zuwendungen. Schon seit mehr als 20 Jahren verk\u00fcndet die Bundesregierung gebetsm\u00fchlenhaft eifrig, dass Namibia pro Kopf der Bev\u00f6lkerung die h\u00f6chsten Entwicklungsgelder in Afrika erh\u00e4lt (was bei 2,3 Millionen Einwohner*innen nicht unbedingt darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass es sich dabei um gigantische Summen handelt).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Laut Polenz betrachtet die Bundesregierung die ganze Angelegenheit &#8222;nicht als eine Rechtsfrage &#8211; und \u0082Entsch\u00e4digungen&#8216; ist ein Rechtsbegriff &#8211; sondern als eine politisch-moralische Frage. Das ist nicht weniger, sondern etwas anderes.&#8220; Dass politische Moral auch zu Entsch\u00e4digungsleistungen als Folge eines Schuldeingest\u00e4ndnisses f\u00fchren k\u00f6nnte, wird damit ausgeschlossen. &#8211; Nicht verwunderlich angesichts der Forderungen von Nachkommen der Opfer des Nazi-Terrors in Italien, Polen und Griechenland, die ebenfalls weiterhin zur\u00fcckgewiesen werden. Polenz spricht deshalb lieber von der moralischen Verpflichtung, Wunden zu heilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sieht der namibische Sonderbeauftragt Zed Ngavirue etwas anders. Er erkl\u00e4rt im Interview mit der Deutschen Welle Ende Juli 2017: &#8222;Beim Ausdruck \u0082Die Wunden heilen&#8216; schwingt vielleicht mit, dass Deutschland glauben k\u00f6nnte, dass dies durch das Rezept eines Arztes in Berlin geschehen k\u00f6nnte. Aber aus unserer Sicht kann die Frage von Entsch\u00e4digungen nicht allein durch das Rezept eines Arztes in Berlin entschieden werden.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deutschland hatte Ende Juni 2017 der namibischen Seite ihre aktuellen Vorstellungen in einem Grundsatzpapier \u00fcbermittelt, \u00fcber dessen Inhalt Vertraulichkeit vereinbart wurde. Doch schon vorab zu Mitte Juni brach der deutsche Botschafter in Namibia diese Abmachung &#8211; bezeichnenderweise in einer Ansprache zur Jahreshauptversammlung des deutschen Schulvereins in Windhoek. Den Deutschsprachigen im Lande wurde so ein Privileg zuteil, das aus Sicht der namibischen Regierung als Vertrauensbruch gewertet werden muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mindestens so aufschlussreich wie dieser g\u00e4nzlich undiplomatische faux pas sind die Kernpunkte dessen, was Botschafter Christian-Matthias Schlaga den Anwesenden \u00fcbermittelte. So w\u00fcrde aus deutscher Sicht die Suche nach einer gemeinsamen Sprache \u00fcber &#8222;die Art und Weise der Nutzung des Begriffes \u0082V\u00f6lkermord'&#8220; im Mittelpunkt stehen. Deutschland w\u00e4re bereit, &#8222;sich f\u00fcr die &#8230; in deutschem Namen ver\u00fcbten Verbrechen zu entschuldigen&#8220;. Wichtig w\u00e4re dabei allerdings, &#8222;dass diese Entschuldigung von Namibia als Schlusspunkt der politisch-moralischen Diskussion akzeptiert wird&#8220;. Das Ziel sei, &#8222;dass die Geschichte nicht l\u00e4nger als \u0082dunkle Wolke&#8216; \u00fcber allen Bem\u00fchungen h\u00e4ngt&#8220;.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Die &#8222;dunkle Wolke&#8220; Kolonialismus<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der anhaltende Eiertanz der deutschen Verhandlungsseite findet ihr Pendant in wachsenden Gegentendenzen innerhalb der deutschen \u00d6ffentlichkeit, den Terraingewinn der postkolonialen Initiativen r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Kolonialapologetische Verharmlosungen feiern seit dem offiziellen Eingest\u00e4ndnis eines V\u00f6lkermords fr\u00f6hliche Urst\u00e4nde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleich unmittelbar danach r\u00e4umte der &#8222;Spiegel&#8220; dem bislang eher kolonialkritischen Journalisten Bartholom\u00e4us Grill sechs Heftseiten ein, um ihm im Gespr\u00e4ch mit einem in Namibia ans\u00e4ssigen deutschen Farmer und prominenten Leugner des V\u00f6lkermords ein Forum zu bieten. Grills Ausgangsfrage war dabei, ob es den V\u00f6lkermord &#8222;\u00fcberhaupt gegeben habe&#8220;. Seither werden hartn\u00e4ckig ernst gemeinte Versuche zum Umgang mit dieser Gewaltgeschichte immer wieder diskreditiert und der deutsche Kolonialismus, wie schon fr\u00fcher, in verharmlosender Weise abgetan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aktuelles Beispiel ist der 2017 erschienene Sammelband &#8222;Die Deutschen und ihre Kolonien&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darin wird die deutsche Kolonialherrschaft als &#8222;Abenteuer&#8220; oder &#8222;Episode&#8220; verniedlicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wird &#8211; laut einer erstaunlich positiv zustimmenden Besprechung in der ansonsten eher kritisch-linken Monatszeitschrift &#8222;WeltTrends&#8220; &#8211; \u00f6fters darauf hingewiesen, &#8222;dass die Deutschen ihre spezielle Einstellung zur Arbeit, die mehr als Lebenssinn denn Lebensunterhalt stiftendes Element gedacht wird, auf die Einheimischen \u00fcbertragen wollten&#8220;. &#8211; Am deutschen Wesen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diese Trendwende geh\u00f6rt auch, dass die ma\u00dfgeblich von postkolonialen Initiativen vorgetragenen Forderungen nach Namensumbenennung von Stra\u00dfen in zahlreichen deutschen St\u00e4dten, die noch immer koloniale Sendboten ehren, attackiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Journalisten Alan Posener, der regelm\u00e4\u00dfig in der &#8222;Welt&#8220; zu Wort kommt, &#8222;war nicht alles schlecht am Kolonialismus&#8220;. F\u00fcr ihn ist Helen Zille &#8222;ein bewundernswerter Mensch&#8220;, die &#8222;Opfer der Ideologie des Antiimperialismus&#8220; wurde. Posener wirft den Post Colonial Studies (PCS) vor, die Vergangenheit &#8222;durchaus rassistisch&#8220; zu kolonisieren: &#8222;Jeder Hinweis auf Leistungen der Wei\u00dfen wird getilgt. Stra\u00dfennamen werden ge\u00e4ndert, Standbilder niedergerissen, Autoren verworfen, Professoren terrorisiert. Eine Art Neusprech wird eingef\u00fchrt, um die Menschen daran zu hindern, anders zu denken, als es die PCS-Meisterdenker wollen&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gralsh\u00fcter des europ\u00e4ischen Zivilisationsgedankens bezichtigt diejenigen, die den deutschen Kolonialismus als eine tendenzielle Vorstufe zur Ideologie und Praxis der Nazi-Diktatur verstehen des unterschwelligen Antisemitismus. Ihm zufolge dient der Hinweis auf tendenzielle Verbindungslinien zwischen dem V\u00f6lkermord in Namibia und dem Holocaust einer Leugnung der Singularit\u00e4t der Shoa. &#8211; Als ob f\u00fcr die Ovaherero und Nama der an diesen begangene V\u00f6lkermord kein singul\u00e4res Ereignis gewesen sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er attackiert auch die Kunsthistorikerin B\u00e9n\u00e9dicte Savoy, die sich im Juli 2017 aus der Expertenkommission des Humboldt Forums mit einer deutlichen Erkl\u00e4rung verabschiedete. Um den Ort, an dem die Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz in Berlins Mitte im neu her gerichteten Stadtschloss die ethnographischen Sammlungen vergangener Jahrhunderte als Dokument der Weltkulturen integrieren m\u00f6chte, ist seither ein fundamentaler Streit entstanden, der auch mit der bislang eher mangelnden Provenienzforschung (also der Suche nach der Herkunft und Art des Erwerbs von Kulturgegenst\u00e4nden) zu tun hat. Posener findet es hingegen wichtiger zu fragen, &#8222;ob die Europ\u00e4er viele Gegenst\u00e4nde nicht eher gerettet als geraubt haben&#8220;.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Der Streit um das Humboldt Forum<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Savoy jedoch kritisiert die unzureichende Provenienzaufkl\u00e4rung. In einem Interview in der &#8222;S\u00fcddeutschen Zeitung&#8220; erkl\u00e4rte sie unter anderem, die Sammelt\u00e4tigkeit unter dem Label Humboldt &#8222;mit all den Schweinereien und Hoffnungen, die damit verbunden sind&#8220; seien wir, &#8222;das ist Europa&#8220;. Das w\u00fcrde wie Atomm\u00fcll unter einer Bleidecke begraben, &#8222;damit blo\u00df keine Strahlung nach Au\u00dfen dringt. Das Humboldt-Forum ist wie Tschernobyl.&#8220; Dieser breit publizierte Frontalangriff wird auch von dem Aktionsb\u00fcndnis &#8222;No Humboldt 21&#8220; unterst\u00fctzt, dem 88 migrationsgesellschaftliche Organisationen angeh\u00f6ren. Die Reaktionen auf solche Kritik, deren Zusammenhang mit dem V\u00f6lkermord in Namibia offenkundig ist, sind aufschlussreich. Schlie\u00dflich geht es auch hier ans Eingemachte einer bislang halbwegs unangetasteten deutschen Erinnerungskultur und deren geschichtlichen R\u00e4ume, was die vermeintlich &#8222;guten alten Zeiten&#8220; vor dem Nazi-Regime betrifft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So fordert ein Meinungsartikel in der Welt &#8222;Glamour und Magie statt freudloser und hyperkorrekter Kolonialismus-Debatten&#8220; und moniert: &#8222;Alles wird auf einmal grunds\u00e4tzlich diskutiert &#8211; aber eben nur ja nicht \u00e4sthetisch.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage, &#8222;ob nun nicht endlich, endlich eine Debatte dar\u00fcber beginnen m\u00fcsse, inwieweit die Niederschlagung des sogenannten Hereroaufstands V\u00f6lkermord war&#8220;, m\u00f6ge zwar seine Berechtigung haben, &#8222;f\u00fchrt aber vom eigentlich Wichtigen v\u00f6llig weg&#8220;. Es ginge doch &#8222;um Sch\u00e4tze&#8220;, um &#8222;Pracht und Herrlichkeit&#8220;. Deren Zurschaustellung in einem kapitalen &#8222;Bau aus der Bl\u00fcte des Barock&#8220;, der &#8222;gewisserma\u00dfen diese geschundene Stadt wieder ganz macht, m\u00fcsste eigentlich Anlass h\u00f6chsten Jubels sein&#8220;. Der zentrale Ged\u00e4chtnisort biete die Chance, &#8222;das Einssein von nationaler Zugeh\u00f6rigkeit und Weltb\u00fcrgertum in einem gro\u00dfen Fest der Br\u00fcderlichkeit zu zelebrieren&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solch Perspektive erfordert eine beachtliche Verdr\u00e4ngungsleistung. So relativierte Mit-Gr\u00fcndungsintendant Horst Bredenkamp laut einem Bericht der Deutschen Welle die harsche Kritik von Savoy mit dem Hinweis, die Berliner &#8222;Sammlungsgeschichte&#8220; von 460 Jahren umfasse &#8222;nur&#8220; 34 Jahre deutscher Kolonialherrschaft. &#8222;Es ist ein Spiel, die Kolonialzeit in den Mittelpunkt zu stellen&#8220;, erkl\u00e4rte er in einem Rundfunkinterview. Demgegen\u00fcber gestand Ko-Intendant Hermann Parzinger ein: &#8222;Nat\u00fcrlich ist es kein Spiel, sich mit der Kolonialzeit zu besch\u00e4ftigen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hingegen kritisiert Parzinger in einem Artikel der September-Ausgabe der Zeitschrift &#8222;Cicero&#8220; die postkoloniale Kritik als &#8222;wohlfeile Selbstprofilierung&#8220;. Sie w\u00fcrde &#8222;die pauschale &#8211; und im \u00dcbrigen historisch unzutreffende und unwissenschaftliche &#8211; Aburteilung jeglicher v\u00f6lkerkundlicher Sammlung als in ihrer Gesamtheit unrechtm\u00e4\u00dfig&#8220; betreiben. Die Einsicht, &#8222;dass Handlungsbedarf besteht&#8220;, sei &#8222;in den letzten Jahren enorm gewachsen&#8220;. Aber &#8222;es ist wohlfeil, diese Anstrengungen jetzt mit dem Verweis auf Vers\u00e4umnisse in der Vergangenheit zu diskreditieren&#8220;. Ein &#8222;postkolonialer Institutionenhass, der sich derzeit gerne auf V\u00f6lkerkundemuseen kapriziert&#8220; helfe nicht weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So halten sich weiterhin Legitimierungsversuche einer Geschichte von Unterwerfung, Massengewalt und Raub als elementare und integrale Elemente einer deutschen Kultur, die sich durch die Exponate einer Kolonialgeschichte sogar noch als weltoffen darzustellen bem\u00fcht. Zumindest ein erkl\u00e4rtes Ziel haben die Gr\u00fcndungsintendanten jedenfalls schon vor der 2019 geplanten Er\u00f6ffnung des Forums erreicht, das sie in einer gemeinsamen Stellungnahme zur Austrittserkl\u00e4rung Savoys formulierten: &#8222;um die Welt neu in ihrer Gesamtheit denken und erforschen zu k\u00f6nnen, &#8230; werden auch im Humboldt Forum die Widerspr\u00fcche der Formgebung, der Konflikt zwischen Innen und Au\u00dfen, neue Denkprozesse und Debatten anregen&#8220;. &#8211; Nur dass dabei vieles dieser Prozesse keinesfalls neu ist, sondern die verharmlosende Kolonialapologie der Vergangenheit wiederk\u00e4ut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Expansion Europas auf den Rest der Welt bleibt dessen ungeachtet in all seinen Auswirkungen auf die Menschen dort und auf das verinnerlichte Gef\u00fchl des Herrenmenschentums, das sich nicht nur im Rassismus einer AfD manifestiert, ein Schei\u00df-Kolonialismus.<b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis sie in S\u00fcdafrika landete, war der shitstorm in vollem Gange. 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