{"id":17265,"date":"2017-10-01T00:00:00","date_gmt":"2017-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/100-jahre-grosse-russische-revolution\/"},"modified":"2022-01-24T12:39:12","modified_gmt":"2022-01-24T10:39:12","slug":"100-jahre-grosse-russische-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/100-jahre-grosse-russische-revolution\/","title":{"rendered":"100 Jahre Gro\u00dfe Russische Revolution"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das zeigt sich nicht nur im Alltagsdenken, sondern auch im geschichtswissenschaftlichen Mainstream. In ihrer Umgebung treten Mythen und falsche, stark ideologisierte Vorstellungen auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nehmen wir zum Beispiel die Fragen nach dem Beginn, den Etappen und dem Ende der Revolution in Russland. Es ist bis heute g\u00e4ngig, die &#8222;Februarrevolution&#8220; und die &#8222;Oktoberrevolution&#8220; von 1917 voneinander zu trennen, indem man diese entweder als zwei verschiedene Revolutionen versteht (in einer bolschewistischen Tradition) oder man die zweite \u00fcberhaupt als keine Revolution, sondern als einen Staatsstreich fasst (in einer antibolschewistischen Logik). In Wirklichkeit haben wir es mit einem ganzheitlichen Prozess der &#8222;Gro\u00dfen Russischen Revolution&#8220; zu tun. Diesen Vorgang auseinander zu rei\u00dfen w\u00e4re prinzipiell falsch. Die traditionelle Teilung der Ereignisse von 1917 in einen &#8222;b\u00fcrgerlichen&#8220; Februar und einen &#8222;sozialistischen&#8220; Oktober ist nicht mehr als ein ideologischer Mythos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andererseits meint die Mehrzahl der Historikerinnen und Historiker, die die Idee der &#8222;Gro\u00dfen Revolution&#8220; prinzipiell anerkennen, dass sie 1922 endete, das hei\u00dft, mit der Wiederherstellung der Autorit\u00e4t einer Zentralregierung auf den meisten Territorien des ehemaligen russischen Zarenreichs. Mir scheint inzwischen, dass die russischen anarchistischen Zeitgenossinnen und -genossen Recht hatten, wenn sie 1921 als das Ende der Revolution betrachteten.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Abstrakt?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun k\u00f6nnte jemand sagen, dass das alles nur rein &#8222;akademische&#8220; und abstrakte Diskussionen seien. Mitnichten. Dahinter k\u00f6nnen wir tiefe inhaltliche Differenzen im Verst\u00e4ndnis des Charakters der Russischen Revolution selbst entdecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Betrachtung der Russischen Revolution herrscht bis heute leider die Position vor, die als eine Sichtweise &#8222;von oben&#8220; zu bezeichnen ist. In der bolschewistischen Tradition sind das Wesen und der Inhalt jeder Revolution durch eine bekannte Formel von Lenin bestimmt: Die Hauptfrage der Revolution ist die der Staatsmacht. Daraus folgt sowohl eine Trennung zwischen Februar und Oktober, als auch eine These vom &#8222;b\u00fcrgerlichen&#8220; Charakter des ersten und dem &#8222;sozialistischen&#8220; Charakter des zweiten (also nach einer Machtergreifung durch die Bolschewiki als einer angeblich sozialistischen Kraft). Interessanterweise gehen die Gegnerinnen und Gegner des Bolschewismus von derselben Voraussetzung aus: Nach dem Sturz des Zarismus im Februar 1917 war die Macht &#8222;pluralistisch&#8220; organisiert, dann kam eine bolschewistische Diktatur, die eine &#8222;demokratische Februar-Revolution&#8220; vernichtete. Entscheidend f\u00fcr die Datierung und die Bestimmung des Charakters der Revolution bleibt dabei, wer an der Macht stand und welche Politik proklamiert oder durchgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Demgegen\u00fcber ist jede wirkliche Revolution in erster Linie eine m\u00e4chtigste Massenbewegung der Menschen, in der diese zum Subjekt der Geschichte werden. Bei der Betrachtung solcher sozialer Prozesse sollen wir als Ausgangspunkt nicht nehmen, wer an der Macht stand und was dieser Machthaber wollte, sondern was &#8222;unten&#8220; vor sich ging. Hauptsache ist, was die einfachen Menschen unmittelbar machten und welche sozialen Vorg\u00e4nge vorhanden waren. Dann k\u00f6nnten wir nicht nur die tiefgreifenden Widerspr\u00fcche zwischen &#8222;oben&#8220; und &#8222;unten&#8220; entdecken, die einander im Laufe der revolution\u00e4ren Ereignisse gegen\u00fcberstanden, sondern auch den kontinuierlichen Charakter des revolution\u00e4ren Prozesses selbst erkennen. Im Jahr 1917 war es so, dass die sozialen Ver\u00e4nderungen, die direkt von &#8222;unten&#8220; durchgef\u00fchrt wurden und gerade als &#8222;sozialistisch&#8220; bezeichnet werden konnten &#8211; die Gr\u00fcndung der R\u00e4te als Institutionen der gesellschaftlichen Selbstverwaltung, die Arbeiterkontrolle und die Arbeiterverwaltung in den Betrieben durch die Fabrikkomitees, die \u00dcbernahme des Landes durch die Bauerngemeinden, sowie die H\u00e4user- und Stadtviertel-Selbstverwaltung in den St\u00e4dten usw. &#8211; eben nicht erst im Oktober, den Dekreten der neuen, bolschewistischen Regierung folgend, sondern bald nach Februar begannen: Meist spontan und selbstorganisiert von &#8222;unten&#8220;. Die Oktoberereignisse waren weitgehend eine logische Weiterentwicklung von diesem Prozess und gaben ihm ihrerseits eine provisorische &#8222;Legalisierung&#8220; bzw. neuere Impulse dazu. Diese revolution\u00e4re Initiative von unten wurde aber von den neuen bolschewistischen Machthabern schon seit Beginn des Jahres 1918 erstickt, existierte aber in einigen Punkten oder Gebieten bis 1921.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiterer Fehler bez\u00fcglich der Russischen Revolution ist ihre Reduktion auf die Bolschewiki. Man wiederholt immer wieder, dass es die Bolschewiki waren, die eine sozialistische Revolution in Russland herbeif\u00fchrten und sp\u00e4ter eine Weltrevolution vorantrieben, indem sie den revolution\u00e4ren Prozess leiteten. Das ist aber ein Missverst\u00e4ndnis. Sowohl der Sturz der Provisorischen Regierung in Petrograd im Oktober 1917 und die weitere \u00dcbernahme der lokalen Verwaltung durch die R\u00e4te andernorts als auch umso mehr die revolution\u00e4ren Ereignisse in den anderen L\u00e4ndern der Welt wurden gar nicht nur durch die Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger des Bolschewismus getragen, sondern durch eine Art linksradikalen Block. An diesem, nicht immer formalisierten Block nahmen verschiedene Str\u00f6mungen teil: Von Linsksozialistinnen und Linkssozialisten bis hin zu Anarchistinnen und Anarchisten, Syndikalistinnen und Syndikalisten. Manchmal waren diese Bewegungen spontan und wurden von keiner organisierten Kraft getragen. Die Bolschewiki, ihre Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger waren dabei eine Minderheit &#8211; in den L\u00e4ndern Asiens oder Lateinamerikas sogar zahlenm\u00e4\u00dfig ganz unbedeutend.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Das zwingt uns zu einem tiefgreifenden Blick:<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gro\u00dfe Russische Revolution von 1917-1921 ist als ein Teil der weltweiten, revolution\u00e4ren Welle zu verstehen. Diese begann im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg, weitgehend als eine Reaktion darauf, und dauerte bis 1921\/1923. In jedem Land wurde sie durch Kombination und \u00dcberlappung zweier Faktoren bestimmt: Einem systemweiten, der mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Effekten verbunden war, und einem &#8222;inneren&#8220;, charakteristisch f\u00fcr jedes einzelne Land, wo revolution\u00e4re Ereignisse entstanden. Der zweite Faktor resultierte aus der Konzentration und der Versch\u00e4rfung der &#8222;lokalen&#8220; (landesbezogenen) sozialen Konflikte und Widerspr\u00fcche. Folglich bekamen die Revolutionen in verschiedenen L\u00e4ndern eine verschiedenartige Erscheinungsform und verschiedene sozialpolitische Kr\u00e4fte traten in den Vordergrund. In den st\u00e4rker &#8222;entwickelten&#8220; Staaten des Systemzentrums waren es vornehmlich die Arbeiterrevolutionen. In Russland gab es Prozesse einer Arbeiterrevolution in den St\u00e4dten und einer Gemeinebauernrevolution auf dem Lande. Die Schwierigkeiten in der Verbindung dieser beiden Revolutionsstr\u00f6me brachten Probleme hervor und erleichterten das Ersticken des Potentials der sozialen Selbstverwaltung.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Was waren die Ergebnisse der Russischen Revolution?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man behauptet gew\u00f6hnlich, sie wurde durch den Sieg gekr\u00f6nt. Aber auch das stimmt nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, den Bolschewiki gelang es, ihre Macht zu konsolidieren. Mit einer sozialen Revolution hat das aber nichts zu tun: Diese erlitt eine tragische Niederlage. Kennzeichnend ist dabei eine Offenlegung, die 1918 von einem der bolschewistischen F\u00fchrer, Nikolaj Podwojskij, gemacht wurde: Die arbeitenden Massen, die an dem Revolution teilnahmen, &#8222;glaubten, diese f\u00fcr eine Befriedigung ihrer unmittelbaren Bed\u00fcrfnisse zu benutzen&#8220;. &#8222;Maximalistisch, mit einer anarcho-syndikalistischen Inklination&#8220; gesinnt, &#8222;folgten sie uns in der Periode der Zerst\u00f6rungsspanne der Oktoberrevolution, ohne irgendwelche Divergenzen mit ihren F\u00fchrern zu bekunden. In der Periode der Aufbauspanne, gestand Podwojskij, &#8222;mussten sie nat\u00fcrlich mit unserer Theorie und unserer Praktik auseinandergehen&#8220;. Sowohl die B\u00e4uerinnen und Bauern, als auch die Arbeiterinnen und Arbeiter entdeckten bald einen tiefen Widerspruch zwischen ihren Bestrebungen zur Selbstverwaltung, zur Autonomie einerseits und der bolschewistischen staatlichen Zentralisierung anderseits. Die Geschichte der Gro\u00dfen Russischen Revolution 1917-1921 bestand nicht nur aus den Konflikten zwischen den &#8222;Roten&#8220; und &#8222;Wei\u00dfen&#8220; Machthabern oder zwischen dem Zentrum und der Peripherie. Im Laufe der Revolution erfolgte ein gigantischer Aufschwung der autonomen sozialen Massenbewegungen. Die von ihnen formulierten radikalen Forderungen, in der Wirklichkeit auf eine Vertiefung des sozialemanzipatorischen Charakters der Revolution gerichtet, wurden sowohl von den &#8222;Wei\u00dfen&#8220;, als auch von den &#8222;Roten&#8220; oder von den nationalistischen Machthabern an der Peripherie des Russischen Reiches unterdr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Entwicklung war nicht zuf\u00e4llig. Zwischen den Bestrebungen der arbeitenden &#8222;Massen&#8220; und der Politik der russischen Regierungen und Beh\u00f6rden aller politischen Richtungen existierte ein unvers\u00f6hnlicher Widerspruch. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der russischen Bev\u00f6lkerung lehnte instinktiv sowohl eine R\u00fcckkehr zur &#8222;alten Ordnung&#8220;, als auch das bolschewistische Projekt einer forcierten industriellen Modernisierung der Gesellschaft ab. In diesem Kontext sind ein Sieg dieses Modernisierungsprojekts und eine Errichtung der Diktatur der forcierten Modernisierung (die man f\u00e4lschlicherweise bisher &#8222;Sozialismus&#8220; nennt) eben eine Niederlage der SOZIALEN Revolution in Russland.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Revolutionen in Frankreich und Russland<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt klare Parallelen zwischen der Gro\u00dfen Russischen und der Gro\u00dfen Franz\u00f6sischen Revolution. Jede Stufe der beiden wurde durch einen erbitterten Kampf zwischen einer &#8222;Partei der Ordnung&#8220; und einer &#8222;Partei der Revolution&#8220; begleitet, wobei sich der Zusammenhang und die Bestrebungen dieser Gruppierungen bei jeder Etappe \u00e4nderten. In einem gewissen Punkt, als eine &#8222;Partei der Ordnung&#8220; sich weigerte, die lebensnotwendigen Aufgaben der Gesellschaft zu l\u00f6sen, wurde sie von den &#8222;Massen&#8220; gest\u00fcrzt; eine vormalige &#8222;Partei der Revolution&#8220; gelang zur Macht, wurde dann zu einer neuen &#8222;Partei der Ordnung&#8220; und strebte von nun an, eine weitere Entwicklung der sozialen Revolution zu stoppen, da sie schon das bekommen hatte, was sie wollte. Die Unterdr\u00fcckten und Erniedrigten versuchten, die Revolution weiter zu treiben, und somit wandte sich die fr\u00fchere &#8222;Revolutionspartei&#8220; gegen sie. So geschah es in Frankreich mit den Jakobinern. Und dasselbe geschah in Russland mit den Bolschewiki, welche 1920-1921 die Arbeiter-, Bauern-, Soldaten- und Matrosenproteste der &#8222;Dritten Revolution&#8220; unterdr\u00fcckten. Dies setzte in Kronstadt, im Machno-Gebiet, in Sibirien und andernorts der Russischen Revolution ein Ende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das zeigt sich nicht nur im Alltagsdenken, sondern auch im geschichtswissenschaftlichen Mainstream. In ihrer Umgebung treten Mythen und falsche, stark ideologisierte Vorstellungen auf. Nehmen wir zum Beispiel die Fragen nach dem Beginn, den Etappen und dem Ende der Revolution in Russland. 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