{"id":17273,"date":"2017-10-01T00:00:00","date_gmt":"2017-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/konsens-als-radikale-kultur-von-wertschaetzung-kontakt-und-verletzlichkeit\/"},"modified":"2022-01-24T18:30:03","modified_gmt":"2022-01-24T16:30:03","slug":"konsens-als-radikale-kultur-von-wertschaetzung-kontakt-und-verletzlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/konsens-als-radikale-kultur-von-wertschaetzung-kontakt-und-verletzlichkeit\/","title":{"rendered":"Konsens als radikale Kultur von Wertsch\u00e4tzung, Kontakt und Verletzlichkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ein Kompromiss hei\u00dft, dass alle Beteiligten Abstriche machen, um sich zu einigen. Dabei wird meist von niemandem die bevorzugte Variante oder L\u00f6sung erreicht, sondern es wird ein \u201eMittelweg\u201c angestrebt, bei dem die verschiedenen W\u00fcnsche\/ Bed\u00fcrfnisse als Pole gesehen werden, die den Raum, in dem die Mitte gefunden werden soll, begrenzen. Alle Beteiligten sind mit der letztendlichen L\u00f6sung nur m\u00e4\u00dfig zufrieden, k\u00f6nnen aber damit leben. Abstriche zu Gunsten anderer zu machen wird dabei meist als etwas Positives angesehen, auf seinen eigenen Bed\u00fcrfnissen zu beharren hingegen als egozentrisch, unsozial oder dominant interpretiert, weil dadurch \u201edie Mitte\u201c zugunsten einer Person oder Position verschoben wird und die andere Person\/ Position weniger bekommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als \u201egerecht\u201c wird dabei angesehen, wenn alle gleich viel zur\u00fcckstecken m\u00fcssen. Das Konzept sieht vor, dass keine der beteiligten Parteien ihre W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Dies f\u00fchrt und langfristig fast immer zu Unzufriedenheit und Missgunst oder zu dem Gef\u00fchl, bzw. der Erfahrung, sich gegen die anderen verteidigen zu m\u00fcssen, um nicht zu kurz zu kommen. Der Wunsch nach sozialer Anerkennung und das Bed\u00fcrfnis, den eigenen Wunsch oder das eigene Bed\u00fcrfnis zu befriedigen stehen hier au\u00dferdem permanent in Konkurrenz zueinander. Wenn die Bed\u00fcrfnisse anderer dadurch erf\u00fcllt werden, dass die eigenen nicht erf\u00fcllt sind, wird es irgendwann schwer fallen, den anderen die Erf\u00fcllung ihrer W\u00fcnsche zu g\u00f6nnen. Andersherum kann der erf\u00fcllte Wunsch nicht voll genossen werden, wenn gleichzeitig klar ist, dass andere deswegen neidisch sind oder z\u00e4hneknirschend Abstriche machen mussten. Zwangsl\u00e4ufig entsteht so ein tiefer Konflikt, denn so gibt es keine M\u00f6glichkeit, dass jemand Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche voll erf\u00fcllt sieht und sich gleichzeitig wohlwollend betrachtet f\u00fchlt, w\u00e4hrend es ihm oder *ihr gut geht. Im Gegenteil: Je \u201ebesser\u201c es einer Person geht, desto mehr hat sie in den \u201eVerhandlungen\u201c gewonnen, sich also \u201eegoistisch\u201c verhalten. Sie zieht damit gleichzeitig soziale Sanktionen auf sich, durch die sie ihr Wohlergehen nicht mehr genie\u00dfen kann oder dieses eingeschr\u00e4nkt wird. Je schlechter es jemandem im Gegenzug geht, je mehr jemand seine eigenen Bed\u00fcrfnisse zur\u00fccksteckt, desto \u201esozialer\u201c ist diese Person in dieser Logik. Dass es letztendlich nicht besonders f\u00f6rderlich f\u00fcr ein soziales Gef\u00fcge sein kann, wenn eine oder mehrere Personen sich so verhalten, dass sie sich anderen gegen\u00fcber unterlegen oder \u00fcbervorteilt f\u00fchlen, wird dabei nicht ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft ist dann die implizite oder explizite Forderung, die anderen m\u00f6gen sich auch mehr zur\u00fccknehmen und auch weniger Bed\u00fcrfnisse \u00e4u\u00dfern oder gar haben, um so die Situation zu verbessern und das vermeintliche Gef\u00e4lle wieder auszugleichen. Das ist logischerweise der Einstieg in eine Abw\u00e4rtsspirale von misstrauischer Be\u00e4ugung und Engegef\u00fchl, in der es irgendwann zur Explosion kommen muss, wenn das Ma\u00df der ertr\u00e4glichen Einschr\u00e4nkung erreicht oder \u00fcberschritten ist. Das Konsensprinzip mit einer Kompromisskultur-Haltung aus\u00fcben zu wollen macht es zu nicht mehr als zu einer komplizierteren Abstimmungsmethode.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Ein radikal anderer Weg<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konsenskultur ist ein radikal anderer Weg. Konsens ist hier der Versuch, unter Freien und Gleichwertigen alle Bed\u00fcrfnisse m\u00f6glichst optimal zu ber\u00fccksichtigen. Verschiedene Bed\u00fcrfnisse oder W\u00fcnsche sind nicht per se in Konkurrenz zueinander, sondern Teile eines noch zu gestaltenden gemeinsamen gr\u00f6\u00dferen Bildes, in dem vieles Platz haben kann. Dahinter steht der Wunsch, dass es allen Beteiligten maximal gut geht und sie sich maximal geh\u00f6rt, gesehen, verstanden und wohlwollend behandelt f\u00fchlen sollen. Dazu geh\u00f6ren die F\u00e4higkeiten, sich seiner Bed\u00fcrfnisse bewusst zu werden, sie zu kommunizieren und f\u00fcr sie einzustehen. Au\u00dferdem geh\u00f6rt auch dazu, gut zuzuh\u00f6ren und zu akzeptieren, dass die Bed\u00fcrfnisse der anderen Beteiligten genauso wichtig sind wie die eigenen, aber eben auch nicht wichtiger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dazu geh\u00f6rt unter Umst\u00e4nden auch die Bereitschaft, die eigenen Bilder davon, wie eine L\u00f6sung aussehen soll, immer wieder los zu lassen, um in \u00dcbereinstimmung mit den eigenen Bed\u00fcrfnissen Wege zu finden, dass die Bed\u00fcrfnisse der anderen auch erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen. Hilfreich ist Selbstkenntnis, um unerwartete M\u00f6glichkeiten und auch die Bed\u00fcrfnisse hinter den W\u00fcnschen zu finden, sowie die Bereitschaft, sich selbst und die eigenen Motive transparent zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Konsensfindung sind die urspr\u00fcnglichen W\u00fcnsche oder Positionen keine Begrenzung sondern ein Startpunkt. Man zerlegt die W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse in immer genauere Bausteine, um dann aus dem entstandenen gro\u00dfen Puzzle eine L\u00f6sung zusammenzubauen, die m\u00f6glichst viele der Bausteine enth\u00e4lt. Im Prozess der Verhandlung werden die Perspektiven weiter und vielf\u00e4ltiger, statt enger. Statt um verschiedene Bed\u00fcrfniserf\u00fcllungsstrategien zu streiten, geht es um das Erschaffen einer gemeinsamen Strategie, in der m\u00f6glichst alle Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllt werden. Wenn wir uns als Partner*innen betrachten und ernst nehmen, deren gemeinsames Ziel es ist, eine f\u00fcr alle Beteiligten gute L\u00f6sung zu finden, entstehen manchmal neue Wege, die niemand vorher erahnen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr eine Konsenskultur ist es sogar sch\u00e4dlich, sich selbst zu sehr zur\u00fcckzunehmen. Wichtige Bed\u00fcrfnisse nicht zu \u00e4u\u00dfern, macht es anderen schwer bis unm\u00f6glich, die Bed\u00fcrfnisse aller bei der Erarbeitung einer L\u00f6sung mitzudenken. Die Konsensfindung dauert dadurch l\u00e4nger, wird sogar unm\u00f6glich oder die entstehenden Unzufriedenheiten f\u00fchren zu Konflikten in anderen Bereichen, Prozessen oder Zeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem idealen Prozess der Konsensfindung dient die gew\u00e4hlte Konsensmethode nur noch zur Abfrage und Best\u00e4tigung der L\u00f6sung, die bereits gefunden wurde. Wenn bei der Konsensabfrage noch ein Veto kommt, ist im Prozess vorher etwas grunds\u00e4tzlich schief gelaufen oder er wurde zu fr\u00fch beendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Wohlwollen, das ehrliche Interesse aneinander, die Bereitschaft, sich mit seinen eigenen Strukturen (also \u00c4ngsten, Vorstellungen von Richtig und Falsch, Stress-Strategien etc.) auseinanderzusetzen, sich ehrlich zu zeigen und f\u00fcr sich einzustehen und genau diese F\u00e4higkeiten auch an anderen wert zu sch\u00e4tzen, ist mehr als nur ein Regelwerk. Ich halte das f\u00fcr den Ansatz einer radikalen Kultur. Diese aufzubauen schafft viel Vertrauen, braucht aber auch Mut. Wenn ich den anderen vertrauen kann, dass sie mir ein grunds\u00e4tzliches Wohlwollen entgegenbringen und dass sie wollen, dass es mir maximal gut geht und wenn sie bereit sind, mit mir eine L\u00f6sung zu finden, in der meine Bed\u00fcrfnisse ber\u00fccksichtigt werden, sind wir keine Gegenspieler*innen mehr, sondern Partner*innen mit einem gemeinsamen Ziel. Ich muss meine W\u00fcnsche nicht mehr mit Z\u00e4hnen und Klauen verteidigen, weil ich sonst die*den K\u00fcrzeren *n ziehe. Ich kann darauf vertrauen, dass die anderen nicht \u00fcber meine Bed\u00fcrfnisse trampeln werden, schon allein, weil sie wissen, dass es langfristig dem Miteinander schaden wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So zu leben und sozial eingebunden zu sein ist f\u00fcr viele Menschen eine gro\u00dfe und meist unerf\u00fcllte Sehnsucht. Sich darauf einzulassen ist deshalb mit gro\u00dfer Verletzlichkeit verbunden. Konsenskultur aufzubauen bedeutet zudem auch, eine solche Haltung und Kommunikationsweise auch gegen\u00fcber den anderen Beteiligten an den Tag zu legen. Auch das kann eine Herausforderung sein, weil unsere eigenen Unsicherheiten und \u00c4ngste oft mit dem Impuls verbunden sind, sich zu verteidigen und aus Angst vor Verletzungen in Konflikten nicht zu viel von den zugrundeliegenden Bed\u00fcrfnissen zu zeigen, sondern stattdessen vermeintlich \u201eobjektiv\u201c und \u201esachlich\u201c zu behaupten, dass das, was wir uns w\u00fcnschen, \u201edas Richtige\u201c w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die eigenen Bed\u00fcrfnisse zu sorgen und einzustehen ist Arbeit am sozialen Gef\u00fcge, weil klar ist, dass Menschen, die \u201ef\u00fcr andere\u201c zur\u00fcckstecken, langfristig wahrscheinlich das soziale Gef\u00fcge oder die anderen f\u00fcr ihre Unzufriedenheit \u00fcber die unerf\u00fcllten Bed\u00fcrfnisse verantwortlich machen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal k\u00f6nnen sich scheinbar kontr\u00e4re Positionen allein deshalb aufl\u00f6sen, weil alle Seiten sich geh\u00f6rt und wertgesch\u00e4tzt f\u00fchlen und deshalb weniger das Gef\u00fchl haben, sich verteidigen zu m\u00fcssen, um nicht \u201eunterzugehen\u201c. Sie k\u00f6nnen dann konstruktiv gemeinsam M\u00f6glichkeiten erschaffen, statt gegeneinander zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beste Konsensmethode kann also nicht funktionieren ohne Konsensatmosph\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie stellen wir sie her?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr einen wirklichen Konsens unter Freien und Gleichwertigen zu finden, ist es notwendig, dass die Beteiligten sich sicher, willkommen, wertgesch\u00e4tzt, respektiert f\u00fchlen. Auch die Angst vor sozialen Sanktionen macht Menschen unfrei. Wir alle k\u00f6nnen unser Bestes tun, um anderen diese Freiheit zu geben und haben das Recht, eine solche Haltung uns selbst gegen\u00fcber einzufordern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dferdem ist es sinnvoll und notwendig, Ungleichheiten, die ein hierarchisches Gef\u00e4lle zur Folge haben, strukturell auszugleichen oder zumindest sichtbar und bewusst zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammengeh\u00f6rigkeit und Solidarit\u00e4t \u00fcber gemeinsame Feinde*innen herzustellen ist oft n\u00f6tige B\u00fcndnispolitik. Diese schafft aber an sich noch kein tieferes Vertrauen und ist oft nicht in der Lage, langfristige Verbindungen und gesellschaftliche Ver\u00e4nderung zu schaffen. Eine friedliche und gesellschaftlich tragf\u00e4hige Struktur aufzubauen, funktioniert nicht, wenn diese nur dann tragf\u00e4hig ist, solange sie Feinde*innen hat. Denn dann muss man irgendwann anfangen, Feinde*innen zu generieren, um weiterhin Verbundenheit zu schaffen. Beispiele daf\u00fcr gibt es genug. Oft schafft das Muster, sich durch Abgrenzung von anderen zusammengeh\u00f6rig zu f\u00fchlen, sogar eine unterschwellige Angst, selbst irgendwann zu \u201eden Anderen\u201c gez\u00e4hlt zu werden, wenn man nicht in allen Teilen mit der Gruppe oder den lauteren Stimmen konform ist. Die Angst vor Ausschluss h\u00e4lt Menschen davon ab, sich in ihrer ganzen Vielfalt zu zeigen oder kritische Fragen zu stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langfristiges Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl und Vertrauen stellt sich \u00fcber Gemeinsamkeiten her. Auch die Bereitschaft zur Kl\u00e4rung von Konflikten w\u00e4chst ungemein, wenn es \u00fcber den Konflikt hinaus auch verbindende Elemente, Wertsch\u00e4tzung und Vertrauen gibt. Diese Art von Kennenlernen dauert manchmal l\u00e4nger und ist u.U. m\u00fchsamer, besonders, weil viele von uns daran nicht gew\u00f6hnt sind. Die \u00dcbung besteht darin, nach m\u00f6glichen Verbindungen statt Differenzen Ausschau zu halten,, welche zu schaffen und mindestens ebenso viel Wertsch\u00e4tzung zu geben wie Kritik und Problemgespr\u00e4che. Verschiedene Menschen haben verschiedene Ans\u00e4tze, Gemeinschaft herzustellen. Auch ist es wichtig zu erkennen, dass verschiedene Menschen verschieden ge\u00fcbt darin sind und das auf unterschiedliche Arten tun, was manchmal eine Extraportion Wohlwollen und Toleranz gegen\u00fcber Verhaltensweisen, die uns selbst seltsam vorkommen, erfordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konsensatmosph\u00e4re zu zerst\u00f6ren ist einfach:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine abwertende Bemerkung oder eine ausschlie\u00dfende Handlung zerst\u00f6rt nicht nur die Vertrauensebene zu der Person, die von der Bemerkung getroffen ist, sondern sch\u00fcchtert unter Umst\u00e4nden auch andere im Umkreis ein, die Angst haben ebenfalls zum Ziel zu werden. Wenn es Zeug*innen gibt, die nicht intervenieren oder emotionale Unterst\u00fctzung anbieten, verst\u00e4rkt sich der Effekt. Ein wirklicher Konsens, also eine Entscheidung, die ebenb\u00fcrtig, frei und aufrichtig ausgehandelt wurde, ist so kaum noch m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konsens gelingt, wenn freie Menschen freie Entscheidungen treffen. Wer sich materiell, k\u00f6rperlich, strukturell oder emotional unsicher f\u00fchlt, ist in der M\u00f6glichkeit zur freien Entscheidung eingeschr\u00e4nkt. Alle von uns sind das in irgendeiner Weise. Diese Faktoren gilt es anzuerkennen und zu minimieren, damit Konsenskultur gelingen kann. Gleichzeitig gibt es selten eindeutige Oben-Unten-Strukturen und in vielen Konfliktf\u00e4llen f\u00fchlen sich alle Beteiligten als Opfer und weniger m\u00e4chtig als andere. Sie handeln aus einem Bedrohungsgef\u00fchl heraus. Oft f\u00fchlt sich keine*r der Beteiligten \u00fcberlegen oder m\u00e4chtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Gefahr von Konsens und Kompromiss ist, beim kleinsten gemeinsamen Nenner stehenzubleiben, weil das sozusagen \u201eungef\u00e4hrlich\u201c ist. Das, was funktioniert, wird einfach wiederholt oder beibehalten, und man ist froh, dass man die aufregende und gef\u00e4hrliche Phase der Unsicherheit, des Sich-verletzlich-Machens und der potentiellen Konflikte hinter sich lassen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die M\u00f6glichkeit durch neue oder sich ver\u00e4ndernde Bed\u00fcrfnisse neue Diskussionen und Konflikte auszul\u00f6sen und den Stress, den sie schafft, sowie die Angst zur Angriffsfl\u00e4che von Missbilligung und \u201eunbequem\u201c gefunden zu werden, hemmt Menschen, Prozesse anzusto\u00dfen. Oft spielen auch alle Beteiligten gleichzeitig beide Rollen; durch das Sicherheitsbed\u00fcrfnis der einen und deren Festhalten an Bekanntem f\u00fchlen sich die anderen eingeengt, verursachen gleichzeitig durch \u201eschnelles Vorpreschen\u201c ein Unsicherheitsgef\u00fchl bei ihnen, w\u00e4hrend sie in einer anderen Angelegenheit genau entgegengesetzt agieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konsens braucht Freiheit:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Beteiligten m\u00fcssen die M\u00f6glichkeit haben, bei einer Nichtvereinbarkeit der Bed\u00fcrfnisse getrennte Wege zu gehen. Im Idealfall werden sie dabei von den anderen wertsch\u00e4tzend unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das geh\u00f6rt zu den vielen M\u00f6glichkeiten von Konsens. Konsens ist auch die Kunst, einen weiten Blick zu er\u00f6ffnen oder zu behalten und im Falle der Unvereinbarkeit getrennte Wege zu gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konsenskultur gelingt nur, wenn wir \u201eeinfach anfangen\u201c. Statt darauf zu warten, dass die perfekte Gruppe, die richtigen Menschen, die perfekten Partner*innen vorbei kommen, mit denen es dann endlich funktioniert, die eigene Therapie abgeschlossen oder ein besserer Zeitpunkt da ist, getreu dem Motto \u201efake it\u2018till you make it\u201c so viel zur Konsenskultur beizutragen, wie jede*r von uns kann. Es gibt viele Ans\u00e4tze, um zu beginnen oder einen Schritt weiter zu gehen. Zum Beispiel sowohl davon auszugehen, dass es selbstverst\u00e4ndlich ist, dass die eigenen Bed\u00fcrfnisse wertgesch\u00e4tzt werden, als auch anderen zuzuh\u00f6ren und ihnen zu signalisieren, dass man sie wertsch\u00e4tzt. Verbindlichkeit lernen und nach Ankn\u00fcpfungspunkten statt Konfliktpotential suchen. Andere ermuntern, zu sich zu stehen und jemandem mit anderer Meinung f\u00fcr die Diskussion danken. Eine Person, mit der es Konflikte gibt, zu einer Freizeitaktivit\u00e4t einladen oder ihr etwas vom Einkaufen mitbringen. Sich selbst verletzlich zeigen und dadurch Kontakt authentischer gestalten. Bed\u00fcrftigkeit von anderen aushalten lernen, statt sich \u00fcberfordert abzuwenden und auf eine Weise solidarisch sein, die den eigenen M\u00f6glichkeiten entspricht. Sch\u00f6nheit und Nahrung auf verschiedenen Ebenen beitragen, damit sich Menschen wohl und willkommen f\u00fchlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So zu leben, als w\u00e4re Konsenskultur schon selbstverst\u00e4ndlich, so in Kontakt zu gehen und zu sein, wie wir uns selbst Kontakt w\u00fcnschen tr\u00e4gt real dazu bei, dass konsensuelle Atmosph\u00e4ren, Begegnungen und R\u00e4ume entstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kompromiss hei\u00dft, dass alle Beteiligten Abstriche machen, um sich zu einigen. Dabei wird meist von niemandem die bevorzugte Variante oder L\u00f6sung erreicht, sondern es wird ein \u201eMittelweg\u201c angestrebt, bei dem die verschiedenen W\u00fcnsche\/ Bed\u00fcrfnisse als Pole gesehen werden, die den Raum, in dem die Mitte gefunden werden soll, begrenzen. 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