{"id":17277,"date":"2017-10-01T00:00:00","date_gmt":"2017-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/gegen-die-normalisierung-des-faschismus\/"},"modified":"2022-01-25T14:27:04","modified_gmt":"2022-01-25T12:27:04","slug":"gegen-die-normalisierung-des-faschismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/gegen-die-normalisierung-des-faschismus\/","title":{"rendered":"Gegen die Normalisierung des Faschismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Etwas hat sich ver\u00e4ndert seit Laurie Pennys letztem Buch &#8222;Babys machen&#8220; <a href=\"#u1\">((1))<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts scheint mehr \u00fcbrig zu sein von der schwarzhumorigen und unterhaltsam bissigen Suche nach Utopien, nach Gegenmodellen zum Patriarchat und zum Kapitalismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stattdessen liest man in &#8222;Bitch Doktrin&#8220; die Stimme einer zutiefst entsetzten Frau, die offen zugibt Angst zu haben vor den neuen M\u00e4chten im Wei\u00dfen Haus und in den Sozialen Netzwerken. Aus dieser schieren Angst vor der Katastrophe des Faschismus schreibt Penny nun gegen ihre eigene Verzweiflung an. Sie will nicht aufgeben, auch wenn sie eine Welt zeichnet, die l\u00e4ngst im Chaos versunken ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus diesem Chaos will Penny den Signalen nachsp\u00fcren f\u00fcr den Traum von einer besseren Welt (S. 26).<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Laurie Penny, das Megaphon des Anarchafeminismus<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Bitch Doktrin&#8220; ist eine Zusammenstellung von Essays und Kolumnen der letzten Monate seit der Wahl Donald Trumps zum &#8222;Pr\u00e4sidenten&#8220; der USA.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als solches ist das Buch zu gro\u00dfen Teilen ein guter Einstieg in Pennys Denken f\u00fcr diejenigen, die noch nichts von ihr gelesen haben. Vieles wiederholt sich aus den letzten B\u00fcchern, Thematiken werden erneut aufgegriffen und mit aktuelleren Beispielen und Diskursen neu behandelt (z.B. die Silvesternacht 2015 in K\u00f6ln). Sie besch\u00e4ftigt sich mit Sexarbeit, mit Polyamorie und dem emanzipatorischen Potenzial des Single-Daseins. Dabei kommt sie nicht wirklich zu revolution\u00e4r neuen Ideen &#8211; auch anderen ist schon aufgefallen, dass Rey aus &#8222;Star Wars&#8220; eine coole Figur ist (S. 89f.) oder dass zunehmend nicht nur sexistische sondern auch feministische Positionen zur Vermarktung von Produkten herangezogen werden (S. 111), aber es ist gut, dass Laurie Penny es aufschreibt. Sie ist eine Multiplikatorin, ein auflagenstarker Lautsprecher der Szene, die die aktuellen feministischen Debatten aus den Spezialist*innenkreisen hinein in die breitere Medienlandschaft transportiert. Sie schreibt unpr\u00e4tenti\u00f6s und lesbar f\u00fcr ein breites Publikum und wendet sich dabei nicht nur an junge Frauen, wenn auch haupts\u00e4chlich, sondern explizit auch an M\u00e4nner, die sie ebenso als Opfer patriarchaler Zurichtung anspricht (S. 218).<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Toxische M\u00e4nnlichkeit&#8220; und der &#8222;orangefarbene Hitler&#8220;<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hervorragend wird das Buch dort, wo es um &#8222;toxische M\u00e4nnlichkeit&#8220; (S. 12) und den &#8222;neuen Chauvinismus&#8220; (S. 220ff.) geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem im ersten Kapitel &#8222;Von Wahnsinn und Widerstand: US-Wahl-Tagebuch 2016&#8220; zeigt sich Penny als \u00e4u\u00dferst betroffen und verst\u00f6rt von den US-Wahlergebnissen sowie vom Brexit-Referendum. Dabei verschweigt sie ihre eigene Angst nicht, berichtet von einer Panikattacke bei der Nominierung Trumps als Pr\u00e4sidentschaftskandidaten und bezeichnet die neue Politik des Trumpismus unmissverst\u00e4ndlich als &#8222;Faschismus&#8220; (S.45).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sieht in Trump den &#8222;orangefarbenen Hitler&#8220; (S. 46), der mit seiner Hassrhetorik jene \u0082w\u00fctenden wei\u00dfen M\u00e4nner&#8216; aufwiegelt, die sich als \u0082ganz normale&#8216; Menschen empfinden und denken, die Politik m\u00fcsse f\u00fcr sie gemacht werden &#8211; und zwar nur f\u00fcr sie. Jede Sorge um Minderheiten und Randgruppen wird als &#8222;Identit\u00e4tspolitik&#8220; abgetan, die als Schw\u00e4che wahrgenommen wird. Der &#8222;Kult toxischer M\u00e4nnlichkeit&#8220;, f\u00fcr den Trump steht, wertet &#8222;jedes Gef\u00fchl, das nicht als aggressive Bedrohung daherkommt, als Schw\u00e4che&#8220;. ((52))<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Keine Verhandlungen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb, so Penny, ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um Angst zu haben. Es ist n\u00f6tig zornig zu sein, in den &#8222;\u00dcberlebensmodus&#8220; zu schalten (S. 53). Die Rhetorik des Missbrauchs (S. 46) der Trumpianer hat n\u00e4mlich zwei Dinge zur Folge: erstens die gegenseitigen Schuldzuweisungen und Selbstzerfleischungen der Linken und zweitens die Normalisierung des Faschismus, als bequeme aber fatale Strategie mit der neuen Politik zu leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb d\u00fcrfen wir nicht zaudern und rumverhandeln, auch wenn man sich gerne einigeln und einfach die Nachrichten ausschalten m\u00f6chte. Aus einer ganz pers\u00f6nlichen Perspektive erkl\u00e4rt Penny warum sie sich trotz \u00fcbelster Beschimpfungen, Vergewaltigungs- und Todesdrohungen aus den sozialen Netzwerken weiter \u00f6ffentlich \u00e4u\u00dfern wird: &#8222;So brenzlig es f\u00fcr meine psychische Verfassung sein mag, wenn ich mich gegen diese Leute auflehne, w\u00e4re es doch gef\u00e4hrlicher, nichts zu tun. Wer jetzt die Bequemlichkeit w\u00e4hlt, nimmt sp\u00e4ter die Katastrophe in Kauf.&#8220; (S. 55) Statt den neuen Faschismus zu normalisieren und zu akzeptieren m\u00fcssen wir uns ihm entgegenstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pennys flammende Rede ist \u00fcberzeugend, weil sie von einer Frau kommt, die zugibt, Angst zu haben, die nicht wie die Rechten diese Angst mit der Propaganda von &#8222;Engstirnigkeit, Rassismus und klassischem Sexismus&#8220; (S. 23) bek\u00e4mpfen will, sondern mit einer Bitch-Doktrin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie zitiert Tina Fey: &#8222;Bitches get stuff done.&#8220; Mistst\u00fccke kriegen was auf die Reihe. (S. 16)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Etwas hat sich ver\u00e4ndert seit Laurie Pennys letztem Buch &#8222;Babys machen&#8220; ((1)). 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