{"id":17278,"date":"2017-10-01T00:00:00","date_gmt":"2017-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/anarchismus-anschaulich\/"},"modified":"2022-01-24T12:55:37","modified_gmt":"2022-01-24T10:55:37","slug":"anarchismus-anschaulich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/anarchismus-anschaulich\/","title":{"rendered":"Anarchismus &#8211; anschaulich"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das im April 2017 im Verlag Graswurzelrevolution erschienene Buch von Sebastian Kalicha &#8222;Gewaltfreier Anarchismus &amp; anarchistischer Pazifismus&#8220; kann man als Einf\u00fchrung und Lesebuch ansehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist in drei Abschnitte unterteilt: Theorie &#8211; Personenportr\u00e4ts &#8211; Bewegungs- und Aktionslexikon. Den Abschluss bildet eine Auswahlbibliographie zu den dargestellten und noch anderen Autor*innen. Ein n\u00fctzliches Register muss zwar als fehlend festgestellt werden, wird aber durch eine \u00fcbersichtliche Stichwort-Gliederung des zweiten und dritten Teils teilweise wettgemacht, so dass man sich gut durch das Buch orientieren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als gewaltfreien Anarchismus bezeichnet man hierzulande eine politische Bewegung mit bestimmtem theoretischem Hintergrund und Standort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sich am Ausgang der 1968er Student*innenbewegung als eine m\u00f6gliche radikale Kontinuit\u00e4t herausgebildet und sich mit der 1972 gegr\u00fcndeten Zeitschrift <i>Graswurzelrevolution <\/i>(GWR) ein eigenes Publikations- und Kommunikationsorgan geschaffen hat. Sie ist in ihrem 46. Jahrgang die \u00e4lteste, noch erscheinende anarchistische Zeitschrift im deutschsprachigen Raum. Insofern hat die Neuerscheinung auch einen kleinen Jubil\u00e4umscharakter. Denn nicht die Zeitschrift <i>Gewaltfreie Aktion<\/i> (Theodor Ebert) oder die einst bestehende F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen (F\u00f6GA) (im Buch beschrieben S. 229f.) haben \u00fcberlebt, sondern die Idee und Philosophie des gewaltfreien Anarchismus im publizistischen Spiegel der GWR. Was nicht hei\u00dfen soll, dass es heute nicht nach wie vor eine bunte, vielf\u00e4ltige Palette gewaltfreier anarchistischer Bewegung in der BRD g\u00e4be. Sie existiert in bestimmten Protestformen und Widerstandsaktionen, bei politischen Demonstrationen und als Ausdruck von grunds\u00e4tzlicher Kritik an Staat, Gewalt und Krieg. Auch in alternativen Projekten und Lebensweisen wie Kommunen und \u00d6kod\u00f6rfern. Es bedeutet auf der Linken auch ein Gegengewicht zu den inzwischen deutlich verb\u00fcrgerlichten Gr\u00fcnen oder der marxistischen Linkspartei. Es existiert ziemlich unberechenbar in den K\u00f6pfen und Herzen von Menschen, in ihrer \u00dcberzeugung und Lebensweise, nicht in parteilichen Strukturen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese inhomogene Bewegungspalette umrei\u00dft und beschreibt der Autor vor allem im dritten Buchabschnitt. Der wiederum sehr eng mit dem ersten Teil korrespondiert und ihn sozusagen wie in einer Komposition ausf\u00fchrt. Was allerdings den Gebrauch und die Lekt\u00fcre keineswegs schm\u00e4lert, im Gegenteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Mittelteil, den Portr\u00e4ts und sie beschreibenden Texten, geh\u00f6ren jeweils vom Illustrator Daniel Grunewald aus Leipzig angefertigte Portr\u00e4tzeichnungen (nach z. T. bekannten Fotos) der jeweiligen Person. Es sind neben bekannten wie Gandhi, Tolstoi, Thoreau, Souchy, Ramus, Landauer, Camus, Ellul, Day, Weil, Wichmann, Tucker, Goodman u. a. auch unbekanntere darunter, von denen manche vielleicht zum ersten Mal etwas h\u00f6ren wie Mannin, Wolfe, Bari, Macdonald, Vernet, Ma\u00eetrejean, Malina, Ryner, Nieuwenhuis, Dellinger, Ostergaard, Brocca u. a. m.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Konzeption vor drei Jahren bei Beginn der Arbeit am Buch war, nur Personen zu portr\u00e4tieren, die nicht mehr leben, um auch der strittigen Frage zu begegnen, wer oder wer nicht von noch Lebenden ins Buch aufgenommen werden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So kommt es auch, dass man bedauern kann, dass eine f\u00fcr den deutschen Nachkriegs-Anarchismus wichtige Person wie der Verleger, Buchh\u00e4ndler, GWR-Mitherausgeber und fr\u00fchere WRI-Koordinator Wolfgang Zucht (1929-2015) keinen Eingang in diese Liste mehr gefunden hat. Er h\u00e4tte es verdient (siehe die Nachrufe in der GWR vom Oktober und November 2015). Ebenso h\u00e4tte man Robert Jungk (1913-1994) bedenken und aufnehmen k\u00f6nnen. Auch verwundert etwas, dass aus dem Spektrum des gewaltkritischen individualistischen Anarchismus K. H. Z. Solnemans (d. i. Kurt Zube) Manifest der Freiheit und des Friedens (Preis der Alternativ-Buchmesse 1977) keinen Eingang in Kalichas ansonsten recht sorgf\u00e4ltige Er\u00f6rterungen gefunden hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man bekommt im Buch von drei Seiten her die Thematik beleuchtet und vermittelt. Das macht die Lekt\u00fcre interessant und abwechslungsreich. Dabei existieren nat\u00fcrlich bereits viele exzellente historische und zeitgem\u00e4\u00dfe Darstellungen zum deutschen, auch neueren Anarchismus in seinem allgemeinen Kontext (Bartsch, Degen, Stowasser, Dr\u00fccke).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die bearbeitete Neuauflage von von Borries\/Weber-Brandes, &#8222;Anarchismus &#8211; Theorie, Kritik, Utopie&#8220; im Verlag Graswurzelrevolution geh\u00f6rt hierzu. Aber eine solche wie die vorliegende fehlte bisher. Sie erg\u00e4nzt andere gr\u00fcndliche Darstellungen und Untersuchungen (siehe Bibliographie) auf eigene Weise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was im zweiten Teil die Personenportr\u00e4ts sind, sind im dritten Teil (ebenfalls mit nachgezeichneten Illustrationen Grunewalds) die Beispiele von Aktionen, Bewegungen und Organisationen, die gleichfalls portr\u00e4thaft eingehender beschrieben werden. Dazu geh\u00f6ren z. B. die Catholic Worker, der Anarchosyndikalismus, die Anti-AKW-Bewegung, die War Resisters&#8216; International, der Tolstoianismus, Anarchopunk, die Occupy-Bewegung, die Pflugscharbewegung, Kabouter, Industrial Workers of the World, kreativer Widerstand und Stra\u00dfenprotest, Provo-Bewegung, anarchistische DDR-Opposition, Syndikalistischer Frauenbund, Hacktivismus, die Antiglobalisierungsbewegung u. v. a. m.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt sind es \u00fcber 60 bearbeitete Stichworte, die konkret und anschaulich machen, was Kalicha im ersten Abschnitt an er\u00f6rterten theoretischen Grundlagen und Grundz\u00fcgen, Begriffskl\u00e4rungen und der Definition von gewaltfreier Aktion meint und ausf\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man f\u00fchlt sich etwas erinnert an Gene Sharps The Politics of Nonviolent Action (1973\/1985), das oft zitiert leider ein noch immer un\u00fcbersetztes Dasein als dreib\u00e4ndiger Klassiker auf Englisch fristet. Mit diesem will und kann sich Kalicha sicher nicht messen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem teilt er in seiner Auseinandersetzung mit Sharp die keineswegs neue Kritik der GWR an dessen Position, die als demokratisch-kapitalistisch systemimmanent betrachtet wird und aus den Zw\u00e4ngen struktureller Gewalt (Johan Galtung) nicht wirklich herausf\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie Graswurzelanarchist*innen auch eine eher skeptische Position einnehmen zu bestimmten Formen gewaltfreier Trainings, die sich zu sehr in gruppendynamischen &#8222;Vertrauensspielen&#8220; bei Ein\u00fcbungen gewaltfreier Aktionen ergehen, was z. B. eine Verst\u00e4ndigung mit einem polizeilichen oder milit\u00e4rischen Gegen\u00fcber bei Blockaden angeht. Hier hat es in der Vergangenheit oft kontroverse Diskussionen und manch hitzige Debatten gegeben, wie weit man mit der staatlichen Seite &#8222;kooperieren&#8220; darf oder sie vorab informieren kann und soll. Denn gewaltfreie Aktion greift allein schon aus humaner Achtung nie einen Menschen an, sondern z. B. seine Rolle und Funktion, das was er (sie) von Staats wegen repr\u00e4sentiert. Sie will durch ein bewusstes dialogisches Zugehen auf den (die) andere\/n auch erm\u00f6glichen, dass sich jemand von Rollen und Repr\u00e4sentanzen distanzieren kann. Zu einer befreienden Selbsteinsicht gelangen kann, dass eigenes Gewalt- und Herrschafts-handeln falsch ist. Dazu braucht es die Achtung und Achtsamkeit gegen\u00fcber anderen, ohne den Kontext ihres Handelns, wem es n\u00fctzt und wozu es dient, aus dem Blick zu verlieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichwohl lebt die gewaltfreie Aktion auch vom unberechenbaren, nicht bedrohenden \u00dcberraschungsmoment und speist sich aus unverhandelbaren Elementen des zivilen Ungehorsams, siehe H. D. Thoreau, Gandhi, Anti-AKW-Proteste, Freie Republik Wendland, Blockaden von Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten, totale Kriegsdienstverweigerung, Hausbesetzungen, Pflug-scharaktonen (die Br\u00fcder Berrigan).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im dritten Abschnitt als fehlend zu monieren ist etwa die Nennung und Beschreibung der Gewaltfreien Bildungs- und Begegnungsst\u00e4tte Kurve Wustrow im Wendland, der gewaltfreien Trainingskollektive, Marshall B. Rosenbergs Schule der Gewaltfreien Kommunikation. Denn es sind immer wieder in Regionen verankerte &#8222;St\u00fctzpunkte&#8220; des Protests wie die Presseh\u00fctte Mutlangen, die Volkshochschule Wyhler Wald (1975) oder die schon erw\u00e4hnte Freie Republik Wendland (1980), die eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung und Ausf\u00fchrung, auch Dokumentation, gewaltfreier Aktionen spielten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kalichas Buch ruft viele dieser Aspekte und Zusammenh\u00e4nge wieder in Erinnerung und zeigt ihre Bedeutung f\u00fcr heute auf. Insofern ist es auch ein Erinnerungsbuch zur Aktivierung der grauen Zellen, nicht zu vergessen, was mal war, was man erreichte, wo die gro\u00dfen und die kleinen Linien in Protesten und Widerst\u00e4nden verliefen (und noch verlaufen). Und welche Personen dabei hervortraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fast unscheinbar im seitlichen Geb\u00fcsch ragt am rechten Rheinufer bei Wyhl, dort, wo am Fu\u00df des Kaiserstuhls ein westdeutsches AKW h\u00e4tte entstehen sollen, ein etwa brusthoher Findling wie ein Hinkelstein empor, auf dem eingemei\u00dfelt geschrieben steht: NAI h\u00e4mmer gsait! &#8211; 18. Februar 1975. Nein, haben wir gesagt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie zur schlechten Ironie baute auf der anderen Rheinseite nur etwa 30 Kilometer weiter s\u00fcdlich ebenfalls von heftigen, aber letztlich nicht verhindernden Protesten begleitet der franz\u00f6sische Staat das Pannen-AKW Fessenheim (Stilllegung f\u00fcr 2018 angek\u00fcndigt).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das zeigt gleichwohl auf, Widerstand muss stets auch grenz\u00fcberschreitend sein. Damit Erinnerung an anarchistisch gespeiste gewaltfreie Aktion nicht nur in steinernen Zeugnissen Ausdruck findet, muss sie auch wieder verlebendigt und aktualisiert werden. B\u00fccher wie Kalichas tragen dazu erfreulich bei.<b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das im April 2017 im Verlag Graswurzelrevolution erschienene Buch von Sebastian Kalicha &#8222;Gewaltfreier Anarchismus &amp; anarchistischer Pazifismus&#8220; kann man als Einf\u00fchrung und Lesebuch ansehen. Es ist in drei Abschnitte unterteilt: Theorie &#8211; Personenportr\u00e4ts &#8211; Bewegungs- und Aktionslexikon. Den Abschluss bildet eine Auswahlbibliographie zu den dargestellten und noch anderen Autor*innen. 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