{"id":17280,"date":"2017-10-01T00:00:00","date_gmt":"2017-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/du-bist-die-revolution\/"},"modified":"2022-01-25T15:04:49","modified_gmt":"2022-01-25T13:04:49","slug":"du-bist-die-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/du-bist-die-revolution\/","title":{"rendered":"Du bist die Revolution!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die Praxis der Liebe ist sehr folgenreich. Es gibt viel im gesellschaftlichen Leben der Gegenwart, was damit unvereinbar ist. Ich nenne nur: Militarismus, Aus\u00fcbung von Staatszwang, Rechtspflege und Polizei, Kapitalismus, Luxus und \u00dcberma\u00df in der Lebenshaltung, Rohheit und Mi\u00dfbrauch der Macht gegen die Tiere &#8230;&#8220; (Felix Ortt: Der Einflu\u00df Tolstois auf das geistige und gesellschaftliche Leben in den Niederlanden) <a href=\"\/home\/daniel\/Schreibtisch\/422\/tolstoi.html#u1\">((1))<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis heute ist wenig bekannt, welche Bedeutung Leo Tolstois radikal an der Bergpredigt orientiertes Christentum, seine Staatskritik und Kriegsgegnerschaft, seine Ablehnung der Todesstrafe und der &#8222;Sklaverei unserer Zeit&#8220; am Ausgang des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts f\u00fcr die Herausbildung eines noch nicht von Gandhi beeinflussten Verst\u00e4ndnisses von Gewaltlosigkeit und libert\u00e4r-gewaltfreier Revolution hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders in den Niederlanden entwickelten sich aus protestantischen Sozialmilieus und antiautorit\u00e4r-sozialistischen Bewegungen Formen des radikalen Antimilitarismus, die sich immer wieder mit lebensreformerischen und christlichen Str\u00f6mungen der Gewalt- und Kriegsgegnerschaft verbanden. Diese Verkn\u00fcpfungen hatte Gernot Jochheim 1977 in seiner f\u00fcr die Entwicklung der gewaltfreien Aktionsgruppen in der BRD wichtigen Studie &#8222;Antimilitaristische Aktionstheorie, Soziale Revolution und Soziale Verteidigung: zur Entwicklung der Gewaltfreiheitstheorie in der europ\u00e4ischen antimilitaristischen Bewegung 1890-1940, unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der Niederlande&#8220; <a href=\"\/home\/daniel\/Schreibtisch\/422\/tolstoi.html#u2\">((2))<\/a> umfassend untersucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den bereits von Jochheim erw\u00e4hnten Voraussetzungen einer radikalen Kritik der Gewalt und einer bewusst gewaltlosen Praxis z\u00e4hlte in den Niederlanden die breite Tolstoj-Rezeption, die er vor allem am Beispiel der linkssozialistischen Theoretikerin Henriette Roland-Holst und in der Folge dann bei christlichen SozialistInnen und AnarchistInnen wie Bart de Ligt und Clara Wichmann zu Beginn des 20. Jahrhunderts darstellte. Die 2016 im Verlag Graswurzelrevolution erschienene Studie von Dennis De Lange behandelt das christlich-anarchistische Selbstverst\u00e4ndnis sowie die praktisch-lebensreformerischen Experimente, besonders in den tolstoianischen Kommunegr\u00fcndungen in den Niederlanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">De Lange beschreibt die theologische Suche nach Orientierung im protestantischen Modernismus und die Hinwendung zu sozialen Fragen, Tolstois herausfordernde Interpretation des Christentums und den Antimilitarismus als wichtige Voraussetzungen der eigentlichen tolstoianischen Bewegung, die oft von Pfarrern ausging, die in Konflikte mit der Amtskirche gerieten. Die Lebensl\u00e4ufe der wichtigsten Vertreter werden skizziert (L.A. B\u00e4hler, A. De Koe, D.L.W. Van Mierop, J. Van Rees, Felix Ortt). Die Milit\u00e4rdienstverweigerung van der Veers war ein Kristallisationspunkt: Kriegsdienstverweigerung und umfassend verstandene Gewaltlosigkeit f\u00fchrten eine Generation von Christen-Sozialisten und Christen-Anarchisten zusammen; die Zeitschrift &#8222;Vrede&#8220; wurde ihr Organ.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein &#8222;reines Leben&#8220; ohne Alkohol und andere Genussgifte und voll ernster Anspr\u00fcche an sich selbst (und andere) war Leitbild; aus dieser Bewegung ist u.a. der sp\u00e4tere international bekannte Antifaschist Edo Fimmen hervorgegangen, F\u00fchrer der Internationalen Transportarbeitergewerkschaft. Der Kampf gegen zerst\u00f6rerische &#8222;niedere Triebe&#8220;, f\u00fcr Keuschheit geh\u00f6rte zu der Programmatik. Die Tolstoianer propagierten die vegetarische Lebensweise, den Kampf gegen Vivisektion, die Suche nach einem Leben in Gemeinschaft, ohne Ausbeutung, orientiert an den urchristlich-tolstoianischen Idealen. Aufmerksam hatte man die Gr\u00fcndung von Siedlungen in anderen L\u00e4ndern beobachtet, auch die Geschichte von utopischen Gemeinschaften und christlichen Siedlungen in fr\u00fcheren Jahrhunderten zog das Interesse der Gruppe auf sich. So wurde eine &#8222;internationale Bruderschaft&#8220; gegr\u00fcndet und in Blaricum ein Grundst\u00fcck erworben; De Lange beschreibt Leben und Arbeiten in der Kolonie, es gab neben dem Gartenbaubetrieb eine B\u00e4ckerei und die Druckerei, aber auch viele Konflikte nicht nur im Innern, sondern auch durch die Abgrenzungen zu anderen (aber nicht so &#8222;rein&#8220; christlich-anarchistischen) Siedlungen. Es kam dann aber doch auf Van Eedens Initiative hin zur Gr\u00fcndung eines Vereins f\u00fcr gemeinschaftlichen Grundbesitz, der mehrere Kolonien und Verbindungen vereinigen konnte; die Tolstoianer stie\u00dfen sich schnell an Forderungen, die staatlicher Gesetzgebung eine Rolle dabei zusprachen, den Boden wieder in Gemeinbesitz zu bringen. Die Siedlung in Blaricum schien zun\u00e4chst gute Verbindungen zur \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerung zu haben, aber als die Siedler den Eisenbahnerstreik 1903 solidarisch unterst\u00fctzten, wurde die Kolonie von M\u00e4nnern aus Blaricum angegriffen, die Glasscheiben der H\u00e4user und<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gew\u00e4chsh\u00e4user zerbrachen und Br\u00e4nde legen wollten. Soldaten sch\u00fctzten die Kolonie, einige Kolonisten wollten sich bewaffnen, weil sie erneute Angriffe f\u00fcrchteten. Die Spaltung war unvermeidlich, denn die gewaltfreien Anarchisten konnten beides nicht akzeptieren. Es gab danach weitere Versuche, Gemeinschaften zu gr\u00fcnden, Spaltungen, vielf\u00e4ltige Kompromisse, Konflikte, insgesamt: Das erhoffte Modell mit ausstrahlender Wirkung einer vorbildlichen Lebensweise in Br\u00fcderlichkeit und Gewaltlosigkeit war in weite Ferne ger\u00fcckt. Aber es gingen vielf\u00e4ltige Aktivit\u00e4ten von denen weiterhin aus, die dieses Experiment gewagt hatten. Allerdings entmischten sich die Aktivit\u00e4ten, so wie wir es auch aus unseren &#8222;neuen sozialen Bewegungen&#8220; kennen, es entstehen professionelle und spezialisierte Ein-Punkt-Bewegungen aus dem gro\u00dfen Aufbruch f\u00fcr das andere Leben. Schulgr\u00fcndungen geh\u00f6rten dazu, der Vegetarierbund, der Bund gegen die Vivisektion (Tierversuche), die Antialkoholiker, die Rein-Leben-Bewegung, aber auch vielf\u00e4ltige Formen der Sozialarbeit, Gemeinwesenarbeit. Und nat\u00fcrlich wurden die antimilitaristischen und pazifistischen und anti-kolonialen Bewegungen besonders durch die individuelle Konsequenz (Kriegsdienstverweigerung) und subjektive Radikalit\u00e4t der christlich-anarchistischen Ans\u00e4tze gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">De Lange geht in dem gut lesbaren und sch\u00f6n gestalteten Buch, das sich aus einer Amsterdamer Masterarbeit entwickelt hat, der Frage nach, inwiefern die niederl\u00e4ndischen Tolstoj-Kommunen ein lebensreformerisches und modernisierungskritisches Milieu bilden, aus dem heraus die gewaltfreien Widerstandstechniken und Kampfformen entwickelt wurden. Es ist sicher nur eines dieser Milieus, syndikalistische Gewerkschaften etwa w\u00e4ren ein anderes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">De Lange behandelt die an Tolstois radikaler Gewaltablehnung orientierten Gruppen als soziale Bewegung, also nicht nur ideengeschichtlich oder biographisch. Ihn interessieren Wirkungen und Erkenntnisse \u00fcber Netzwerke, Identit\u00e4ten, Organisationsformen und Dynamiken sozialer Gruppen in einer mitunter feindseligen Umwelt. Ihn interessieren auch Grenzen, Gr\u00fcnde des Scheiterns, Widerspr\u00fcche; f\u00fcr viele soziale Bewegungen w\u00e4re es n\u00fctzlich, von Problemen, Konflikten, fr\u00fcheren Erfahrungen auszugehen, nicht nur von guten Absichten. Was dabei vielleicht zu kurz kommt, k\u00f6nnte die internationale Dimension, an kritischen Stellen vielleicht auch eine mangelnde internationale Unterst\u00fctzung sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bei DeLange behandelten Gruppen hatten Resonanzb\u00f6den in \u00e4hnlichen Milieus <a href=\"\/home\/daniel\/Schreibtisch\/422\/tolstoi.html#u3\">((3))<\/a>. Die soziologische Analyse k\u00f6nnte im internationalen Vergleich noch gewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will einige Verbindungen ansprechen und erg\u00e4nzen, um Interesse f\u00fcr das Buch und die dort behandelten Personen und Gruppen zu wecken: Den Einfluss auf den Sozialistischen Bund hatte schon die politische Polizei registriert: Der &#8222;Landauersche Bund&#8220;, so wurde in der &#8222;\u00dcbersicht f\u00fcr 1909&#8220; berichtet, &#8222;will Pioniere vorausschicken, die in Inlandsiedlungen m\u00f6glichst alles, was sie brauchen, auch die Bodenprodukte, selbst herstellen, damit, wenn dereinst der Grund und Boden auf andere Weise als durch Kauf und Tausch in die H\u00e4nde der Anarchisten \u00fcbergeht, die neue Gesellschaft dann nicht erst zu langwierigen Experimenten gen\u00f6tigt sei, sondern die vorhandenen Siedlungen als bew\u00e4hrte Vorbilder benutzen k\u00f6nne. Es handelt sich hier also um eine Art bodenreformerischer Bestrebungen in Verbindung mit Produktions- und Konsumgenossenschaften, aber auf anarchistischer Grundlage, wie solche fr\u00fcher in Holland und Belgien in gro\u00dfem Umfange bestanden haben, aber durchweg gescheitert sind.&#8220; <a href=\"\/home\/daniel\/Schreibtisch\/422\/tolstoi.html#u4\">((4))<\/a>.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Krise des Sozialismus<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fruchtbar f\u00fcr weitere Diskussionen w\u00e4re m.E. auch, die Krise des Sozialismus als gesellschaftlichen Hintergrund zu sehen: Um die Jahrhundertwende waren die sozialistischen Organisationen, auch bei \u00e4u\u00dferlichen Erfolgen, etwa Anwachsen der gewerkschaftlichen und Partei-Organisationen, in eine Krise geraten, weil wesentliche Erwartungen sich nicht erf\u00fcllt hatten. Deshalb wurden neue Wege der Verwirklichung gesucht. Der parlamentarische Sozialismus lie\u00df die bewussten SozialistInnen schon erkennen, dass er zur Passivit\u00e4t der Arbeiter*innen und einer Einordnung ins Bestehende f\u00fchren werde. Deshalb wurden einerseits auf radikalisierte direkte Aktionen des Klassenkampfs, wie der revolution\u00e4re Syndikalismus sie propagierte, neue Hoffnungen gesetzt, andererseits aber auch experimentalsozialistischen Kolonien gro\u00dfe Aufmerksamkeit zuteil, denn es war in Wirklichkeit schleierhaft, durch welche Formen des Lebens und Arbeitens der Kapitalismus und die entstehende staatliche Sozialpolitik abgel\u00f6st werden k\u00f6nnten. So bestand auch in Deutschland durchaus Interesse an den niederl\u00e4ndischen Siedlungen und den Schl\u00fcssen, die die Beteiligten daraus zogen. Nicht nur an die Arbeiterklasse richtete sich der Wille zu Ver\u00e4nderungen, &#8222;weil wir alle ein fehlerhaftes System der Produktion dulden und uns weigern, es zu \u00e4ndern.&#8220; <a href=\"\/home\/daniel\/Schreibtisch\/422\/tolstoi.html#u5\">((5))<\/a>. Die Anreger des van Eeden&#8217;schen Experimentalsozialismus gehen weit zur\u00fcck bis zu den Siedlungen der m\u00e4hrischen Br\u00fcder, besonders wichtig: Ruskin, Thoreau (nicht zuf\u00e4llig hie\u00df eine der bei DeLange behandelten Kolonien &#8222;Walden&#8220;), William Morris, Henry George.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Es gibt wohl viele Tolstoianer, im Grunde ist ein jeder Mensch ein wenig Tolstoianer. Aber es gibt keine Tolstoi-Religion, er hat keine Gemeinde um sich versammelt, wie es hundert kleine Prediger oder Schriftsteller oder Nerven\u00e4rzte zu tun verstehen. Daf\u00fcr war er viel zu aufrichtig, viel zu wenig um Erfolg bek\u00fcmmert.&#8220; (Frederik van Eeden: Einer der wenigen, in: Der Sozialist, 2.1910, Nr. 23\/24, S. 187)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Praxis der Liebe ist sehr folgenreich. Es gibt viel im gesellschaftlichen Leben der Gegenwart, was damit unvereinbar ist. 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