{"id":17282,"date":"2017-10-01T00:00:00","date_gmt":"2017-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/ich-aber-will-nicht-klug-sein\/"},"modified":"2022-01-25T14:03:19","modified_gmt":"2022-01-25T12:03:19","slug":"ich-aber-will-nicht-klug-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/ich-aber-will-nicht-klug-sein\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich aber will nicht klug sein&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am Beginn dieser kritischen Edition steht das Sch\u00fclertagebuch. Der erste Eintrag datiert vom 23. Mai 1884. Ganze Passagen daraus hat Gustav Landauer sp\u00e4ter in die Novelle &#8222;Ein Knabenleben&#8220; \u00fcbernommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis 1889 &#8211; Landauer studiert inzwischen in Berlin &#8211; dominiert die Korrespondenz mit dem Jugendfreund Emil Blum-Neff, die hier erstmals nachgelesen werden kann. Die Originale lagern schwer zug\u00e4nglich im Jerusalemer Archiv. In der Schulbibliothek in Karlsruhe st\u00f6berten die beiden oft gemeinsam nach Literatur und bei sommerlichen Ausfl\u00fcgen in die umliegende Natur lasen sie einander abwechselnd daraus vor. Dazwischen Einsprengsel famili\u00e4rer Briefe an den Vetter Siegfried, die Cousine Rosa. Auch hier ist Landauer, trotz Spannungen, um Freundschaft bem\u00fcht, die ihm &#8222;immer das Wichtigste&#8220; (308) gewesen sei. Am 4. September 1889 der erste Brief an Ida Wolf, tags zuvor hatte Landauer sich in sie verliebt. Alle Versuche, sie einer b\u00fcrgerlichen Existenz zu entrei\u00dfen, sind im Juli 1891 endg\u00fcltig gescheitert. Ab Fr\u00fchjahr 1892: Clara Tannhauser, im November dann wiederum Abschied. Er bricht ihr das Herz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die n\u00e4chste Zeit geh\u00f6rt Margarethe Leuschner (missgl\u00fcckte R\u00e4uberhochzeit in der Schweiz) und zunehmend auch der Antipolitik. Bereits im Mai 1891 hatte er Emil seine keimende Begeisterung f\u00fcr die Arbeiterbewegung mitgeteilt. (143)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun folgt aus Z\u00fcrich, fast im Telegrammstil, der Bericht seiner Politisierung: &#8222;In Berlin hatte ich kurz vor unserer Abreise angefangen, \u00f6ffentlich aufzutreten. Hier habe ich dieser Tage einmal \u00fcber den Berliner (socialdemokratischen) Parteitag referiert. Morgen und \u00fcbermorgen bin ich mit meiner Frau in Luzern; abends spreche ich morgen in einer Versammlung \u00fcber die Opposition gegen die officielle Socialdemokratie; Sonntag aber folgt Naturgenuss; Vierwaldst\u00e4tter See!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Februar 1892 geh\u00f6rt Landauer den &#8222;sogenannten Unabh\u00e4ngigen&#8220; (296) an. Ein Jahr sp\u00e4ter ist er Redakteur des &#8222;Sozialist&#8220; und bis 1898 in der anarchistischen Bewegung derart aktiv, dass es ihm an Zeit fehlt, &#8222;pers\u00f6nlich zu leben.&#8220; (498)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch ist anarchistische Korrespondenz aus jenen Jahren kaum \u00fcberliefert. Oft waren Empf\u00e4nger gehalten, Briefe, die bei Hausdurchsuchungen gefunden werden k\u00f6nnten, nach der Lekt\u00fcre zu vernichten. Schon f\u00fcr einen &#8222;Jugendband&#8220; versammelte Dokumente wurden noch beim Machtantritt der Nazis 1933 ebenfalls verbrannt. In der schmalen \u00dcbersicht der erhaltenen Dokumente zeigt sich das Weiterwirken der historischen Verfolgung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Brief an Emil vom Dezember 1889 enth\u00e4lt den ersten Hinweis auf Fritz Mauthner, der nun zunehmend eine feste Gr\u00f6\u00dfe wird. Es geht viel um Gesch\u00e4ftliches und M\u00f6glichkeiten zur Publikation, sp\u00e4ter auch um die Arbeit an der &#8222;Sprachkritik&#8220;. Hier ein Brief an Wilhelm B\u00f6lsche, ebenfalls publizistischen Charakters, dort einer an den Bruder Friedrich, den Vater Hermann. Dazwischen: Bettelbriefe an Vetter Hugo, der politisch sympathisiert und Landauer finanziell unterst\u00fctzt. Ein vereinzelter Brief an Max Nettlau, einer an August Bebel. Letzterer hatte Landauer beim Kongress in Z\u00fcrich, en passant und schon zum zweiten Mal, \u00f6ffentlich der Spitzelei verd\u00e4chtigt. Landauer fordert Richtigstellung, nennt den Sozialdemokraten einen &#8222;Ehrabschneider&#8220; (307).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab Mitte Oktober 1893 sitzt Landauer erstmals ein. Das Gef\u00e4ngnistagebuch enth\u00e4lt die zusammenh\u00e4ngendsten Reflexionen; erfrischend darin etwa die &#8222;verachtungsvolle H\u00e4rte [&#8230;] gegen die Herren der Wissenschaft, die Liebediener des Staates und der heutigen Gesellschaft sind&#8220;, mehr noch aber die ehrliche Emp\u00f6rung \u00fcber ihren &#8222;platte[n] Stil!&#8220;, ihre dummfeige &#8222;Dr\u00fcckebergerei!&#8220; in Seichtigkeiten herum. Landauer flucht und ist dennoch subtil. Er lobt Schopenhauer, selbst seinen &#8222;l\u00e4cherlichste[n] Irrtum [&#8230;] turmhoch \u00fcber d[ie] \u0082Wahrheiten&#8216; unserer liberalen Gelehrten.&#8220; (379) Das ist schon Nietzsche, und auch Nietzsche nicht mehr. Dem w\u00fcrden Ideal, Verst\u00e4ndnis des Sozialismus und G\u00fcte fehlen: &#8222;Nietzsche in Ehren, aber es ist nichts mit der Bosheit&#8220; (338).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So geht es weiter: ein Brief an Moritz von Egidy, einer an Julius Hart, Wilhelm Liebknecht, wieder Nettlau, auch manches Dokument aus entlegenen Archiven. Dazwischen viel Mauthner und die Frauen: der Zerfall der Beziehung zu Margarethe, die Freude \u00fcber die Begegnung mit Hedwig Lachmann, der gro\u00dfen geistigen Liebe und Arbeitsbeziehung bis zuletzt. \u00dcberall eingewoben sind Einzelheiten \u00fcber redaktionelle Dinge, Prozesse, Haussuchungen, Versammlungen und Kongresse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch selbst die Gespr\u00e4che mit Hedwig sind eigentlich Monologe. Gegenbriefe sind insgesamt nur sehr wenige bekannt. Ber\u00fccksichtigt werden sie im Kommentar, der so umfangreich ist wie die Briefe selbst. Gegenstand sind au\u00dferdem literaturhistorische Kontexte und zeitgen\u00f6ssische Diskussionen, Kurzviten und Genealogien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die Aufteilung auf zwei B\u00e4nde k\u00f6nnen Flie\u00dftext und Stellenkommentar gut parallel gelesen, der erste Band aber auch gesondert als Lesebuch behandelt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir lernen den Menschen Landauer besser kennen, was trotz mancher juvenilen Schrulle ein gro\u00dfes Lesevergn\u00fcgen ist.<b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Beginn dieser kritischen Edition steht das Sch\u00fclertagebuch. Der erste Eintrag datiert vom 23. Mai 1884. Ganze Passagen daraus hat Gustav Landauer sp\u00e4ter in die Novelle &#8222;Ein Knabenleben&#8220; \u00fcbernommen. Bis 1889 &#8211; Landauer studiert inzwischen in Berlin &#8211; dominiert die Korrespondenz mit dem Jugendfreund Emil Blum-Neff, die hier erstmals nachgelesen werden kann. 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