{"id":17283,"date":"2017-10-01T00:00:00","date_gmt":"2017-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/klick-sklaven-aller-laender-vereinigt-euch\/"},"modified":"2022-01-24T13:03:12","modified_gmt":"2022-01-24T11:03:12","slug":"klick-sklaven-aller-laender-vereinigt-euch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/klick-sklaven-aller-laender-vereinigt-euch\/","title":{"rendered":"Klick-Sklaven aller L\u00e4nder &#8211; vereinigt euch!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Einen posten und liken fast t\u00e4glich auf Facebook, die Anderen wenden sich kopfsch\u00fcttelnd ab. Unterschiedlicher k\u00f6nnte der Umgang mit diesem &#8222;sozialen&#8220; Medium im HerausgeberInnenkreis der gewaltfrei-anarchistischen Monatszeitung Graswurzelrevolution (GWR) wohl kaum sein. Jeder und jede macht was er oder sie will &#8211; ist das jetzt Anarchie oder nur Beliebigkeit?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Jahren gibt es auf Facebook von GWR-LeserInnen eingerichtete FB-Gruppen mit dem Namen &#8222;Graswurzelrevolution&#8220;. Diese unter dem Motto &#8222;Freundinnen und Freunde der Zeitschrift Graswurzelrevolution&#8220; eingerichteten FB-Diskussions-Seiten wurden von den gewiss wohlmeinenden InitiatorInnen nicht mit dem GWR-HerausgeberInnenkreis abgesprochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen wurde der GWR-Koordinationsredakteur von den Seitenmachern als Administrator eingesetzt. Anders als bei ak, Contraste, Jungle World und fast allen anderen linken Periodika, gibt es bis heute auf Beschluss des GWR-HerausgeberInnenkreises allerdings keine offizielle Facebookseite der Graswurzelrevolution.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer aktuellen Werbeanzeige wird ironisch f\u00fcr diese &#8222;Zeitung mit der falschen Linie&#8220; geworben. Zum Thema Facebook w\u00e4re es wohl eher angebracht, von einem diffusen kreuz und quer zu sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch zu Facebook und \u00e4hnlichen Netzmedien sollten wir schon etwas Konkreteres zu sagen haben. Da kommt Thomas Wagners Buch &#8222;Das Netz in unsere Hand!&#8220; gerade recht, um unseren sp\u00e4ten Einstieg in die Diskussion mit Fach- und Grundlagenwissen zu unterf\u00fcttern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vom linken Mainstream mittlerweile als Binsenwahrheit akzeptierte Tatsache, dass die NetznutzerInnen mit ihren Daten f\u00fcr ihre in Anspruch genommenen Dienste zahlen und daf\u00fcr von den BetreiberInnen \u00fcberwacht und analysiert werden, leuchtet Wagner bis in die tiefsten Abgr\u00fcnde des Datendschungels akribisch aus und f\u00f6rdert hierbei ebenso erschreckende wie bisher kaum beachtete Details zutage. Und was mindestens genauso wichtig ist, er deckt Zusammenh\u00e4nge und Mechanismen auf, wie \u00fcber die Datenauswertung hinaus eine genaue Verhaltensmustervorhersage, gezielte Steuerung und Manipulation menschlichen Verhaltens und politischer Prozesse durch Internetkonzerne wahrscheinlich werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alles ist nur m\u00f6glich, weil die Linke bisher ihre Kommunikations-Infrastruktur ausgerechnet Konzernen \u00fcberlassen hat. Facebook stellt sich als quasi \u00f6ffentliche Einrichtung dar, die dem Gemeinwohl dient.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagner zeigt jedoch auf, dass hier eine von gesellschaftlicher Einflussnahme abgekoppelte digitale Parallelwelt zur Mehrung von Profit und Macht f\u00fcr die Eigent\u00fcmer entstanden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit geschickt inszenierten Partizipationsangeboten werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Einerseits wird die Akzeptanz gef\u00f6rdert, andererseits damit auch noch ein Gesch\u00e4ft gemacht. Der Google-Konzern hat beispielsweise seine kommerziell unterf\u00fctterten \u00dcbersetzungsangebote f\u00fcr diverse arabische und afrikanische Sprachen im Windschatten der Fl\u00fcchtlingsbewegungen durch die kostenlose Mithilfe engagierter Dolmetscher aus der Fl\u00fcchtlings-Community optimiert und keinen Cent daf\u00fcr gezahlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Amazon \u00fcbernehmen die KundInnen selbst durch ein Kommentar- und Bewertungssystem unentgeldlich Aufgaben der Produktkontrolle und Beratung. Sie haben dabei auch noch das Gef\u00fchl, bei der Produktauswahl ein W\u00f6rtchen mitreden zu k\u00f6nnen &#8211; die perfekte Mitmachfalle! Kleine Gesch\u00e4fte mit umfassenden Beratungsm\u00f6glichkeiten werden durch die neu entstandene Marktmacht zur Aufgabe gezwungen. Bestimmte kritische oder &#8222;unprofitable&#8220; B\u00fccher aus dem Antiquariatssegment von Amazon nicht mehr angeboten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Linke Gruppen nutzen Facebook gerne zur Weiterverbreitung unterdr\u00fcckter Nachrichten und f\u00fcr die Mobilisierung zu Veranstaltungen und Aktionen. Den &#8222;Freundschaften&#8220; wird wom\u00f6glich auch noch eine gemeinschaftsstiftende Funktion zugeschrieben. Demgegen\u00fcber analysiert Wagner n\u00fcchtern, dass die durch Facebook vermittelten sozialen Bindungen nicht sehr stabil und oft von recht zweifelhaftem Wert sind, um als Struktur einer solidarischen Gegenmacht dauerhaft zu tragen. Bei ihnen werden keine wirklichen Gemeinschaftserfahrungen gemacht. Es finden kaum l\u00e4ngerfristig angelegte soziale Lernprozesse statt, da hier eine Vielzahl &#8222;diskontinuierlicher Subjektivit\u00e4ten&#8220; aufeinander treffen. Diese sind nicht nur untereinander, sondern auch gegen\u00fcber dem Konzern Facebook atomisiert und dort weitgehend machtlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielfach untersch\u00e4tzt wird laut Wagner die Dynamik, mit der Internetkonzerne explosionsartig wachsen und innerhalb k\u00fcrzester Zeit mit geringem Aufwand einen Milliardenmarkt bedienen. Whatsapp hat nur f\u00fcnfzig Firmenmitglieder, Instagramm 17 MitarbeiterInnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Werden solche urspr\u00fcnglich kleinen Startup-Unternehmen von Facebook aufgekauft, entsteht durch eine kombinierte Nutzung und Verkn\u00fcpfung der Daten ein enormer Machtzuwachs.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Digitales Prekariat<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf mehreren Seiten widmet sich Wagner dem neu entstandenen digitalen Prekariat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Konzerne des digitalen Plattformkapitalismus haben es geschickt verstanden, Crowdworking im Rahmen der &#8222;Sharing Economie&#8220; als &#8222;Freizeitbesch\u00e4ftigung&#8220; darzustellen, bei der man sich &#8222;nebenbei&#8220; auch noch etwas Geld hinzuverdienen k\u00f6nne. Die urspr\u00fcnglich aus einem Impuls der gegenseitigen Hilfe entstandenen teilweise demokratisch organisierten Tauschplattformen f\u00fcr private \u00dcbernachtungs- und Mitfahrm\u00f6glichkeiten oder Musikteilen wurden von Digitalkonzernen gekapert. Aus der Bereitschaft vieler Menschen zu teilen, haben sie ein lukratives Gesch\u00e4ftsmodell gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00e4umlich voneinander getrennten und vereinzelt arbeitenden &#8222;Soloselbstst\u00e4ndigen&#8220; im Netz fehlt es an Organisationsmacht, um an ihrem Status als Tagel\u00f6hner etwas zu \u00e4ndern. Wagner zitiert in seinem Buch auch Andrew Keen, der in dem Widerstand der unter \u00e4u\u00dferst miesen Bedingungen arbeitenden Jobber bei Amazon und Uber sogar gewisse Gemeinsamkeiten mit den Weberaufst\u00e4nden gegen die kapitalistischen R\u00e4uberbarone in einem l\u00e4ngst vergangenen Jahrhundert sieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gut herausgearbeitet hat Wagner, dass sich mit dem Machtzuwachs die Digitalkonzerne einen Herrschaftsanspruch und Gestaltungswillen anma\u00dfen, der selbst den Rahmen der b\u00fcrgerlichen Demokratievorstellungen sprengt. Sie wollen die neuen Herrscher der Welt sein, sie diktieren ihre Bedingungen. PolitikerInnen treten ihnen gegen\u00fcber als BittstellerInnen auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nach Wagner kontraproduktiv und skandal\u00f6s, dass bei diesem seit langem absehbaren Machtzuwachs digitaler Konzerne die wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung im universit\u00e4ren Bereich fast vollst\u00e4ndig zum Erliegen gekommen ist. Die in den 80er Jahren eingerichteten Lehrst\u00fchle f\u00fcr &#8222;Informatik und Gesellschaft&#8220; wurden in den letzten Jahren aufgel\u00f6st. Unabh\u00e4ngiger Expertise, Reflexion und Diskussion wurde der Boden entzogen, w\u00e4hrend die Netzkonzerne durch selbstinstallierte willf\u00e4hrige Institute, Stiftungen und Denkfabriken den \u00f6ffentlichen Diskurs im Sinne ihrer Auftraggeber beherrschen. Die Folge ist eine direkte Einflussnahme \u00fcber alle vorhandenen politischen Kan\u00e4le bis hin zur Gesetzgebung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dieser vertrackten Lage heraus Alternativen zu entwickeln, ist schwierig. Wagner erw\u00e4hnt Beispiele aus Russland und China, die mit eigenen Suchmaschinen unabh\u00e4ngig von Google sein wollen. Einen m\u00f6glichen Ausweg zu den digitalen konzerngepr\u00e4gten Parallelgesellschaften sieht er in der Schaffung neuer sozialer Medien auf der Grundlage des \u00f6ffentlich-rechtlichen Gedankens wie beim Rundfunk und Fernsehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch diese Institutionen sind ein Abbild der vorherrschenden kapitalistischen Machtstrukturen und ihrer Parteien. Ver\u00e4nderungen sto\u00dfen auch hier an ihre Grenzen und m\u00fcssen hart erk\u00e4mpft werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sollte au\u00dferdem hinterfragt werden, ob dieser Weg in staatliche Institutionen unserer Meinung nach der Richtige w\u00e4re und es nicht noch ganz andere Alternativen hin zu mehr digitaler Autonomie gibt. Das herauszufinden und als Gegenmodell zu entwickeln kann eine einzige Person nicht leisten, es ist eine l\u00e4ngerfristige Aufgabe von allen Linken und Libert\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas Wagner hat durch seine tiefgr\u00fcndigen Recherchen die Grundlagen gelegt, auf denen wir bei zuk\u00fcnftigen Diskussionen gut aufbauen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Einen posten und liken fast t\u00e4glich auf Facebook, die Anderen wenden sich kopfsch\u00fcttelnd ab. 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