{"id":17286,"date":"2017-10-01T00:00:00","date_gmt":"2017-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/der-vergessene-genozid-an-den-yaqui\/"},"modified":"2022-01-25T14:52:34","modified_gmt":"2022-01-25T12:52:34","slug":"der-vergessene-genozid-an-den-yaqui","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/der-vergessene-genozid-an-den-yaqui\/","title":{"rendered":"Der vergessene Genozid an den Yaqui"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der nordwestliche mexikanische Bundesstaat Sonora liegt am Golf von Kaliforniern und grenzt an die USA. Im s\u00fcdlichen Sonora wiederum erstrecken sich die Bacatete Berge, welche der indigene, ute-atzetkisch sprechende Stamm der Yaqui als den Ort seines Ursprunges betrachtet. Und im S\u00fcden der Sierra del Bacatete, an einem geschl\u00e4ngelten, fischreichen Fluss schlie\u00dflich lagen seit dem fr\u00fchen 17. Jahrhundert die acht wichtigen D\u00f6rfer der Yaqui. Sie waren um kleine Kirchen herum entstanden. Die Geschichte dieses Stammes weist \u00dcberraschungen auf. So mag f\u00fcr anti-religi\u00f6se Linke die etwa 125 Jahre w\u00e4hrende Verwicklung des katholischen Ordens der Jesuiten in Wirtschaft und Selbstverst\u00e4ndnis der Yaqui befremdlich wirken. Doch 1617 nahm der Stamm die schwarzgekleideten Priester nicht nur auf, sondern die Bauern, J\u00e4ger und Fischer verbanden seitdem ihre gemeinschaftliche Lebensweise mit urchristlichen Ideen. Ihre G\u00f6tter wie Quetcelcoatl, die gefiederte Schlange, verwandelten sich so auf wundersame Weise in Engel und katholische Heilige und ihr ritueller Hirschtanz nahm christliche Elemente auf. Von den Spaniern, die von den Yaqui mehrmals besiegt und zur\u00fcckgeschlagen worden waren, weit genug entfernt, festigten sie eine kommunistische Organisation, die auch die andauernden Kolonialisierungsversuche und der sich zu einem Vernichtungskrieg steigernde Konflikt mit den Mexikanern, die den Spaniern nachfolgten, nicht g\u00e4nzlich zerst\u00f6ren konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab Mitte des 19. Jahrhunderts will das &#8222;aufgekl\u00e4rte, liberale&#8220; mexikanische B\u00fcrgertum den &#8222;Halbwilden&#8220; die Zivilisation bringen: Das Land wird vermessen, Kan\u00e4le ausgehoben, Stra\u00dfen begradigt. Die Yaqui-Familien bekommen die M\u00f6glichkeit, jede f\u00fcr sich alleine ein bestimmtes St\u00fcck Land zu erhalten. Doch die Indigenen entgegnen: &#8222;Gott hat den Yaqui den Fluss gegeben und nicht jeden Einzelnen ein kleines St\u00fcck!&#8220; (Seite 137)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kommt zum Krieg. Wie \u00fcber hundert Jahre sp\u00e4ter bei den Maya in Chiapas sind es die Dorfversammlungen der Yaqui, die dar\u00fcber entscheiden. Cajem\u00e9, ein Mann, der wie so oft bei milit\u00e4rischen Anf\u00fchrern der Unterdr\u00fcckten das Kriegshandwerk bei dem Feind, den &#8222;Yoris&#8220;, den Mexikanern, erlernte, ist seit den 1870er Jahren ihr gew\u00e4hlter, gehorchend befehlender Kriegsh\u00e4uptling.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cajem\u00e9 l\u00e4sst Festungen bauen, in denen sich die Yaqui verteidigen k\u00f6nnen. Er koordiniert Milit\u00e4raktionen mit mehreren hundert K\u00e4mpfern, die gezielt die neu errichteten Haziendas der Gro\u00dfgrundbesitzer \u00fcberfallen und manchmal niederbrennen. Doch der milit\u00e4rische Druck der Soldaten aus Sonora, hin und wieder verst\u00e4rkt durch mexikanische Bundestruppen, ist gro\u00df. Die Widerstandsk\u00e4mpfer der &#8222;Republik der acht D\u00f6rfer&#8220; fl\u00fcchten in kleinen Gruppen in die Berge. Immer wieder solidarisieren sich scheinbar befriedete Yaqui mit ihren aufst\u00e4ndischen Br\u00fcdern und Schwestern und schlie\u00dfen sich ihnen an. Hunderte andere ziehen fort, verdingen sich bei Eisenbahngesellschaften oder in Minen. Einige, insgesamt wird f\u00fcr das ausgehende 19. Jahrhundert die Zahl von Tausend genannt, bilden miteinander verbundene Gemeinschaften in Arizona in den USA, von wo aus sie die Aufst\u00e4ndischen mit Geld und Waffen unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch Verrat wird Cajem\u00e9 im April 1887 gefangen genommen, einige Tage inhaftiert, um dann bei einer \u00dcberf\u00fchrung ermordet zu werden. &#8222;Traurig, aber es musste sein&#8220;, so der zynische Tenor der Verantwortlichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den folgenden Jahren spitzt sich der Krieg zum V\u00f6lkermord zu. So berichtet ein Reisender 1906: &#8222;An vielen B\u00e4umen auf den sch\u00f6nen und reichen Feldern Sonoras sieht man seltsame Fr\u00fcchte. Seltsam und schrecklich (..) oft h\u00e4lt ein einziger Ast zwei oder drei tote Yaqui Indios, die in der Brise schaukeln, mit ihren zur Seite h\u00e4ngenden K\u00f6pfen, das Kinn auf der Brust und stets kreisten \u00fcber dem Baum und seiner schrecklichen Frucht ein Geier und manchmal ein Dutzend davon\u0085&#8220; (S.203)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ekel kommt hoch, wenn die M\u00f6rder, in Gebaren und Machtf\u00fclle mittelalterlichen Baronen gleichend, sich gegenseitig f\u00fcr ihre grenzenlosen Grausamkeiten belobigen, f\u00fcr Gewaltexzesse wie sie heute noch in den Drogenkartellen von Sonora und Sinaloa fortleben. Ekel \u00fcber den Rassismus, der an Massakern nichts auszusetzen wei\u00df, sich aber moralisch \u00fcber den Diebstahl etwa von Rinderherden entr\u00fcstet, mit denen die Yaqui zeitweilig ihr \u00dcberleben sichern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da trotz brutalster Unterdr\u00fcckung und Mord, der Widerstand der Indigenen nicht gebrochen werden kann, beschlie\u00dfen die politischen und milit\u00e4rischen F\u00fchrer der Region die Vernichtung der Yaqui durch Deportation. Frauen und Kinder werden von ihren Familien fortgerissen und in den St\u00e4dten als Hausangestellte versklavt. Hunderte gefangene Yaqui werden in Z\u00fcge der neuen Eisenbahngesellschaft gesteckt und nachts in den S\u00fcden Mexikos geschickt, wo sie rechtlos auf den Plantagen von Gro\u00dfgrundbesitzern arbeiten sollen. Dies alles geschieht trotz offizieller Abschaffung der Sklaverei, denn f\u00fcr die staatlichen Beh\u00f6rden sind die Yaqui und andere indigene St\u00e4mme nur Menschen zweiter Klasse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die herrschenden Schichten bilden zwar unterschiedliche Fraktionen, die sich zum Teil befehden, aber in der Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung der Armen, Arbeiter*innen, Indigenen sind sie sich einig. Doch gibt es auch Solidarit\u00e4t mit den Yaqui: Zeitungen aus Arizona und Anarchist*innen prangern den V\u00f6lkermord an. Als ein auf einer Plantage versklavter, vermeintlich aufst\u00e4ndischer &#8222;Yaqui&#8220; in Yukatan, vom Journalisten John Turner gefragt wurde, warum er deportiert worden war, leuchtet etwas Entscheidendes auf: &#8222;Wir anderen sind Pima und Opata. F\u00fcr den General Torres sind wir alle Yaqui. Er macht keinen Unterschied. Wenn jemand dunkle Haut hat und gekleidet ist wie ich, ist er f\u00fcr ihn ein Yaqui.&#8220; (Seite 200) Es ist also nicht alleine das widerst\u00e4ndige Verhalten, was zur Versklavung f\u00fchrt, sondern es gen\u00fcgt, dass die Indigenen dem Raub und Verkauf ihres Landes im Wege stehen und dass ihre Arbeitskraft so rentabel wie m\u00f6glich ausgebeutet werden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die mexikanische Revolution von 1910 bringt vielen der verschleppten Yaquis die Freiheit und sie sorgt daf\u00fcr, dass die verbrecherischen Barone fliehen m\u00fcssen, einige verlieren ihr Verm\u00f6gen, sie alle sterben im Ausland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von den zu Beginn der Krieges etwa 30.000 Yaqui hat nur ein F\u00fcnftel \u00fcberlebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Taibos faktenreiche historische Erz\u00e4hlung l\u00e4sst sich in Art und im Stil am ehesten mit Dee Browns &#8222;Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses&#8220; \u00fcber den \u00dcberlebenskampf der nordamerikanischen Ureinwohner*innen vergleichen. Wobei der Widerstand der Yaqui auch an die Befreiungsk\u00e4mpfe der Vietnamesen und Kurden erinnert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Taibo l\u00e4sst uns dennoch hoffen: Denn unter den unscheinbaren und nur aus euro-zentristischer Sicht ungebildeten Arbeiter*innen Mexikos leben Erinnerungen an den Kampf um Freiheit weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ideen einer kollektiven Bewirtschaftung des Landes und anarchistischen Lebensweise, die Ideale der Yaqui Anf\u00fchrer Cajem\u00e9, Tetabiate (der rollende Stein) und Malpuche sind lebendig. Und die Zapatistas in Chiapas, die Mitglieder ungez\u00e4hlter Kooperativen und selbstbestimmter indigener Gemeinschaften in Mittelamerika berichten, dass ein st\u00fcrmischer Wind die zerstreuten \u00dcberreste der aufst\u00e4ndischen Yaqui zwar fortriss, aber sie sagen auch, dass dieser Sturm Funken trug, die ihre Herzen entflammten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unten am Fluss, unter der Asche der niedergebrannten Yaqui-H\u00e4user, lodert noch immer die Glut des Traumes vom gemeinschaftlichen Leben, die Glut eines Traumes, den sie solange verteidigen konnten wie sonst kaum jemand.<b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der nordwestliche mexikanische Bundesstaat Sonora liegt am Golf von Kaliforniern und grenzt an die USA. Im s\u00fcdlichen Sonora wiederum erstrecken sich die Bacatete Berge, welche der indigene, ute-atzetkisch sprechende Stamm der Yaqui als den Ort seines Ursprunges betrachtet. 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