{"id":17288,"date":"2017-10-01T00:00:00","date_gmt":"2017-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/wahrnehmungen-schaerfen\/"},"modified":"2022-01-25T14:06:48","modified_gmt":"2022-01-25T12:06:48","slug":"wahrnehmungen-schaerfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/wahrnehmungen-schaerfen\/","title":{"rendered":"Wahrnehmungen sch\u00e4rfen!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;V\u00f6lkermord &#8211; und was dann?&#8220; Dieser Frage gehen Reinhart K\u00f6\u00dfler, ehemals Direktor des Arnold-Bergstraesser-Instituts in Freiburg und Henning Melber nach. Melber leitete die Dag-Hammarskj\u00f6ld-Stiftung in Uppsala\/Schweden und war von 1994 bis 2000 Vorsitzender der Namibisch-Deutschen Stiftung f\u00fcr kulturelle Zusammenarbeit (NaDS) in Windhoek, wo ich ihn zum Nachbarn hatte und im Vorstand der NaDS mit ihm einige Jahre zusammenarbeiten durfte. Beide ver\u00f6ffentlichten zahlreiche B\u00fccher und Aufs\u00e4tze und waren mehr als 30 Jahre im Vorstand der Informationsstelle S\u00fcdliches Afrika aktiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrer j\u00fcngsten Ver\u00f6ffentlichung zur Politik deutsch-namibischer Vergangenheitsbearbeitung rekapitulieren sie den V\u00f6lkermord im damaligen Deutsch-S\u00fcdwestafrika, eines &#8222;V\u00f6lkermordes, der keiner sein sollte&#8220;, wie es im zweiten Kapitel treffend hei\u00dft, wo sie der Tabuisierung des V-Wortes nachgehen und danach fragen, ob es eine &#8222;Verdr\u00e4ngung durch die Konkurrenz der Opfer&#8220; und &#8222;Schuld und Vergebung ohne Entsch\u00e4digung&#8220; gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der 1904 bis 1908 gef\u00fchrte Krieg war von einer gnadenlosen Vernichtungsstrategie der deutschen Kolonialarmee gegen die V\u00f6lker der Hereo und Nama geleitet. Selbst die Vereinten Nationen stuften ihn als ersten Genozid des 20. Jahrhunderts ein. Viele deutsche Regierungen hatten sich einer entsprechenden Anerkennung widersetzt. Auch Joschka Fischer machte als Au\u00dfenminister in dieser Frage keine gute Figur. Eine r\u00fchmliche Ausnahme bildete die (ehemalige) Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, die erstmals 2004 als Regierungsmitglied die Verbrechen der deutschen Kolonialtruppen als das bezeichnete, was sie waren &#8211; ein V\u00f6lkermord. Sie hatte um &#8222;Vergebung unserer Schuld&#8220; gebeten und steuerte denn auch ein Vorwort bei, in dem sie das Buch als &#8222;willkommenen Beitrag&#8220; dazu begr\u00fc\u00dft, &#8222;unsere Wahrnehmungen zu sch\u00e4rfen. Es pl\u00e4diert eindringlich f\u00fcr geeignete Schritte zu einer deutsch &#8211; namibischen Begegnung im Sinne wirklicher V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst 2015 wurde von offizieller deutscher Seite einger\u00e4umt, dass die damaligen Geschehnisse einem V\u00f6lkermord gleichkamen. Verhandlungen zwischen Sonderbeauftragten der deutschen und namibischen Regierung wurden dar\u00fcber aufgenommen, wie man mit dem lange verdr\u00e4ngten Kapitel gemeinsamer Geschichte angemessen umgehen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende soll es wohl eine Entschuldigung von deutscher Seite geben, eine gemeinsame Resolution beider Parlamente und von Deutschland finanzierte sogenannte Zukunftsprojekte in Namibia.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 5. Januar 2017 wurde vor einem US-Gericht in New York eine Sammelklage gegen die Bundesrepublik Deutschland eingereicht, durch den Paramount Chief der Ovahereo Vekuii Rukoro, Chief David Frederick als Vorsitzendem der Nama Traditional Authorities Association und Barnabas Veraa Katuuo als Vertreter der Association of the Ovaherero Genocide in the USA. Diese Klage hat mit den damaligen Verbrechen der Deutschen zu tun, f\u00fcr die sich Deutschland bislang noch nicht entschuldigt hat. Im Oktober findet die n\u00e4chste Anh\u00f6rung statt. Seit Einreichung der Klage stocken die Verhandlungen auf Regierungsebene, zumindest haben sie verz\u00f6gernde Wirkung auf die Gespr\u00e4che.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Berlins Verhalten erinnert an die drei Affen: Nichts h\u00f6ren, nichts sehen, nichts sagen. Auch die namibische Regierung scheint zun\u00e4chst abzuwarten, was in New York geschieht, bevor es weitergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Berlin mauert und duckt sich in der Frage &#8222;V\u00f6lkermord &#8211; und was dann?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umso wichtiger ist gerade jetzt dieses Buch, weil es ohne Denkverbote die Frage untersucht, wie sich eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem V\u00f6lkermord \u00fcberhaupt erm\u00f6glichen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autoren zeichnen akribisch die Aktivit\u00e4ten postkolonialer Initiativen nach und unterstreichen ihren Lokalbezug, frei nach dem Postulat: &#8222;think globally, act locally&#8220;. Diese nutzen mit ihren Interventionen (z.B. Stra\u00dfenumbenennungsfesten, Aktionen vor \u00f6ffentlichen Denkm\u00e4lern und Friedh\u00f6fen) den \u00f6ffentlichen Raum als Demonstrationsmaterial und Gestaltungsraum, &#8222;ein bemerkenswert wirksames Mittel, Erinnerungsinhalte im \u00f6ffentlichen Bewusstsein zu verankern&#8220;, schlie\u00dflich &#8222;dienen Stra\u00dfennamen der Orientierung, nicht nur in der Stadt, sondern auch in der Geschichte.&#8220; (Aikins 2009)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die in Deutschland noch immer anzutreffenden Kolonialdenkm\u00e4ler waren &#8211; wie ein historischer Abriss zeigt &#8211; bereits seit den sp\u00e4ten 1960er Jahren Gegenstand politisch phantasievoller Aktionen: 1967\/68 kam es zum Sturz des Wissmann-Denkmals vor der Hamburger Universit\u00e4t, 1978 wurde der Adler vom G\u00f6ttinger S\u00fcdwestafrika-Denkmal entfernt, und 1982 gab es in M\u00fcnster eine Initiative, das M\u00fcnsteraner Train-Denkmal, mit dem den im Namibischen Krieg gefallenen Deutschen gedacht wird, durch eine auf den V\u00f6lkermord verweisende Mahntafel zu erg\u00e4nzen. Spektakul\u00e4r war eine Aktion in Bremen, wo der sog. Bremer Elefant, ein zw\u00f6lf Meter hoher Backsteinbau, 1932 mit der Widmung &#8222;Unseren Kolonien&#8220; als Kolonialdenkmal eingeweiht, in verschiedenen Phasen zum Antikolonialdenkmal mit Bronzetafel umgewidmet wurde. 1996 wurde in Anwesenheit des langj\u00e4hrigen namibischen Pr\u00e4sidenten Sam Nujoma eine weitere Gedenktafel explizit &#8222;Zum Gedenken an die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia 1884-1914&#8220; eingeweiht. Im August 2009 erinnerte dann eine Installation mit Felsbrocken vom Waterberg an die Opfer der Schlacht von Ohamakari, bis 2014 der gesamte Komplex zum &#8222;Nelson-Mandela-Park&#8220; erkl\u00e4rt wurde, &#8222;der Verbundenheit Bremens und der Auss\u00f6hnung mit dem afrikanischen Kontinent&#8220; gewidmet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnliche Vorschl\u00e4ge fanden 2016 erstmals in der Koalitionsvereinbarung einer Landesregierung ihren Widerhall. Der rot-rot-gr\u00fcne Senat in Berlin formulierte ausdr\u00fccklich sog. &#8222;vergangenheitspolitische Zielvorgaben&#8220; und sprach Projekte an, die die &#8222;Migrationsgeschichte der Stadt thematisieren, sich mit der deutschen Kolonialherrschaft auseinandersetzen und die internationalen Bez\u00fcge der Berliner Geschichte hervorheben&#8220;. Zudem wurde als &#8222;besondere Verpflichtung&#8220; hinsichtlich der &#8222;Anerkennung, Aufarbeitung und Erinnerung deutscher Kolonialverbrechen wie dem V\u00f6lkermord an den Herero und Nama&#8220; festgehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die aktuellen Debatten \u00fcber die Gewaltgeschichte des deutschen Kolonialismus liefert das Buch gute, fundierte Argumente, gerade auch gegen einen bei Kolonialismus-Ausstellungen oder beim Streit um den Bau des Humboldt-Forums ungebrochen anzutreffenden &#8222;Exotismus, der den Blick von \u0082innen&#8216; nach \u0082au\u00dfen&#8216; nicht wirklich hinterfragt&#8220;. Es stellt auch konkrete Forderungen an Bildung, Unterricht und Forschung, sich den nicht nur in der konservativen Presse, vorherrschenden medialen Verzerrungen der Wirklichkeiten im heutigen Namibia entgegen zu stellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;V\u00f6lkermord &#8211; und was dann?&#8220; Dieser Frage gehen Reinhart K\u00f6\u00dfler, ehemals Direktor des Arnold-Bergstraesser-Instituts in Freiburg und Henning Melber nach. 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