{"id":17289,"date":"2017-10-01T00:00:00","date_gmt":"2017-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/gut-gemeint\/"},"modified":"2022-01-25T14:30:55","modified_gmt":"2022-01-25T12:30:55","slug":"gut-gemeint","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/gut-gemeint\/","title":{"rendered":"Gut gemeint"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Auseinandersetzungen mit Rassismus und Sexismus, zumal in ideologie-, kultur- und selbstkritischer Perspektive &#8211; vielleicht sogar (wenn ich bitten darf) um klassenanalytische Aspekte erg\u00e4nzt? &#8211; sind begr\u00fc\u00dfenswert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Zeiten von rechtem Populismus, dessen Fremdenfeindlichkeit und Machismo neue Formen von Altbekanntem aktiviert, sind diese sogar dringend n\u00f6tig. So besehen verdient dieser Band wohlwollende Aufnahme, zumal er mit den spezifischen Formen der thematischen Befassung Neuland betritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die Freude \u00fcber solch innovative Besch\u00e4ftigung mit historischen Verbindungslinien in ihrer Bedeutung f\u00fcr die Gegenwart wird leider durch einige Unzul\u00e4nglichkeiten ged\u00e4mpft. So wird insbesondere durch die selektive Auswahl f\u00fcr eine deutschsprachige Zielgruppe eine Chance vergeben. Denn der Band vers\u00e4umt es, gerade die besonderen Verbindungslinien einer deutschen Geschichte der Expansion auf den Rest der Welt und deren ideologische Verbr\u00e4mung hinreichend zu dokumentieren. Auch bleiben die bis heute wirksamen mentalit\u00e4tsgeschichtlichen R\u00fcckwirkungen auf das deutsche &#8222;Mutterland&#8220; (oder eher doch Vaterland) weit gehend verdeckt und werden keinesfalls deutlich genug heraus gearbeitet. Das aber w\u00e4re die eigentliche, auch politische Herausforderung, um das wichtige Thema in eine praxisrelevante Handlungsweise \u00fcbersetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der deutsche Kolonialismus wird nur am Rande durch Artikel von Silke Hackenesch zum Sarotti-Mohr (S. 217-225) und Felix Axster zur Zeitschrift &#8222;Kolonie und Heimat&#8220; (S. 242-247) thematisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In beiden F\u00e4llen handelt es sich auch nicht um &#8222;Schl\u00fcsseltexte&#8220; im eigentlichen Sinne, die ansonsten der Bezugspunkt der meisten Beitr\u00e4ge sind. Dabei h\u00e4tte es durchaus passendes Anschauungsmaterial gegeben, wie etwa Margarethe von Eckenbrechers Memoiren &#8222;Was Afrika mir gab und nahm. Erlebnisse einer deutschen Ansiedlerfrau in S\u00fcdwestafrika&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Urspr\u00fcnglich 1906 erschienen, wurde dieser Klassiker weiblicher kolonialer Pionierleistungen bis 1940 (!) in acht Auflagen ver\u00f6ffentlicht. Leider wurde auch eine ganz andere Pionierleistung zu diesem Thema \u00fcbersehen. Schon vor Jahrzehnten n\u00e4mlich befasste sich Martha Mamozai intensiv und tiefsinnig in ihren B\u00fcchern &#8222;Herrenmenschen &#8211; Frauen im deutschen Kolonialismus&#8220; (1982) und &#8222;Schwarze Frau, wei\u00dfe Herrin. Frauenleben in den deutschen Kolonien&#8220; (1989) mit einem Kernanliegen des Bandes. Ihr Name taucht aber selbst als Querverweis nicht auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abwesend bleiben auch weitere insbesondere f\u00fcr den deutschen Sprachraum relevante Analysen, etwa von Susanne Arndt zu den vielf\u00e4ltigen sprachlichen Reminiszenzen an (auch frauenfeindlichen) Rassismus. Die verdienstvollen Arbeiten von Nora R\u00e4thzel bleiben ebenfalls unerw\u00e4hnt. Vor 30 Jahren hatte sie ma\u00dfgeblichen Anteil daran, dass Autoren wie Stuart Hall (der zu Recht mit einem Kapitel gew\u00fcrdigt wird), aber auch Etienne Balibar, Immanuel Wallerstein und Robert Miles (die alle zu Unrecht kein einziges Mal Erw\u00e4hnung finden) hierzulande popul\u00e4r wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist es schon nicht mehr verwunderlich, dass die Verdienste zahlreicher in deutscher Sprache ver\u00f6ffentlichter Texte u.a. von Urs Bitterli, Wulf D. Hund, L\u00e9on Poliakov und Aram Ziai (um nur Einige relativ willk\u00fcrlich beispielhaft zu nennen) in den um Literaturhinweise erg\u00e4nzten 49 Schl\u00fcsseltexten keinerlei Erw\u00e4hnung finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst die Studie von Ina Kerner zu &#8222;Differenzen und Macht. Zur Anatomie von Rassismus und Sexismus&#8220; (Frankfurt\/M. 2009) bleibt ungenannt. Auch die einschl\u00e4gigen Beitr\u00e4ge von Afro-Deutschen und zahlreiche postkolonialen Initiativen bleiben weitgehend ungew\u00fcrdigt. Die Herausgeber (und zahlreiche der Autor*innen) scheinen sich zwar etwas n\u00e4her mit den postcolonial studies vertraut gemacht zu haben, aber vergleichsweise weniger mit den politisch gewendeten postkolonialen Initiativen im eigenen Land.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist jammerschade, denn damit wurde die Chance vertan, explizit einen Br\u00fcckenschlag auch in die deutsche Alltagsgegenwart zu vollziehen. Ein Anliegen, das den Herausgebern ja gerade Motiv f\u00fcr dieses Projekt gewesen ist. Schlie\u00dflich pr\u00e4sentieren sie nach eigenen Worten &#8222;eine Geschichte der Gegenwart &#8230; die im Heute ansetzt und deren Ziel es ist, die anhaltende Wirkungsmacht des Denkens, der Praktiken und Politiken um race &amp; sex aufzuzeigen&#8220; (S. 22).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deren durchaus dem Thema angemessene knappe Einleitung (S. 13-24) weckt deshalb Erwartungen, die der Erschlie\u00dfung f\u00fcr das politische Engagement in der Bundesrepublik leider nur bedingt erf\u00fcllt werden. Der sich geradezu anbietende Blick auf die Verh\u00e4ltnisse im eigenen Land bleibt getr\u00fcbt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Beitrag zum &#8222;Sarotti-M***&#8220; l\u00e4sst zum Beispiel r\u00e4tseln warum der Begriff&#8220;Mohr&#8220; aus dem Titel getilgt wurde, wo er doch im Text durchg\u00e4ngig Verwendung findet. Als Bild des Schwarzen in der deutschen Werbung wird er eing\u00e4ngig und genau analysiert. Aber die anhaltende kontroverse Diskussion um die Umbenennung der &#8222;Mohrenstra\u00dfe&#8220; in Berlin wird \u00fcbergangen und deren Namensgebung nur en passant und unter Verweis auf einen Verteidiger des Namens (S. 218) erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gelingt es der Sammlung zwar insgesamt, &#8222;die grundlegende Ambivalenz von Macht- und Unterwerfungsoperationen zum Ausdruck (zu bringen), die grenz\u00fcberschreitend und grenzkonsolidierend zugleich sind&#8220; (S. 17). Aber sie st\u00f6\u00dft bei der Verwirklichung des Vorhabens zugleich selbst auf Grenzen, die durch einen genaueren Blick auf und in die einschl\u00e4gige deutsche Auseinandersetzung mit dem Thema in den letzten 30 Jahren h\u00e4tten \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Deshalb bleibt ein ambivalentes Fazit: Gut gemeint, aber mit bedauerlichen Auslassungen. Als anregende Lekt\u00fcre zum Nach- und Weiterdenken eignet sich die Textsammlung jedoch allemal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auseinandersetzungen mit Rassismus und Sexismus, zumal in ideologie-, kultur- und selbstkritischer Perspektive &#8211; vielleicht sogar (wenn ich bitten darf) um klassenanalytische Aspekte erg\u00e4nzt? &#8211; sind begr\u00fc\u00dfenswert. In Zeiten von rechtem Populismus, dessen Fremdenfeindlichkeit und Machismo neue Formen von Altbekanntem aktiviert, sind diese sogar dringend n\u00f6tig. 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