{"id":17294,"date":"2017-10-01T00:00:00","date_gmt":"2017-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/konsens-zum-konsum\/"},"modified":"2022-01-25T14:00:13","modified_gmt":"2022-01-25T12:00:13","slug":"konsens-zum-konsum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/konsens-zum-konsum\/","title":{"rendered":"Konsens zum Konsum"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wir leben \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse. Unsere Art und Weise, Arbeit und Leben zu gestalten, gef\u00e4hrdet die \u00f6kologischen Grundlagen allen Lebens. Sie ist daher auch nicht verallgemeinerbar. Aber wer sind wir und was ist unser Leben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kollektivbezeichnung erscheint zun\u00e4chst provokativ, sind doch Privilegien per definitionem wenigen vorbehalten. Das Wir d\u00fcrfte also recht klein sein. Ist es aber nicht, glaubt man den Politikwissenschaftlern Ulrich Brand und Markus Wissen. Es ist die &#8222;imperiale Lebensweise&#8220;, die auch die weniger Beg\u00fcterten in die &#8211; global betrachtet &#8211; privilegierte Situation mit einschlie\u00dft. Zwar reproduziert die imperiale Lebensweise auch Spannungen und Spaltungen entlang der Kategorien Klassen, rassialisierter Zuschreibungen und Geschlecht. Eine Einheit stiftet sie aber auch: Die verinnerlichte und in vielf\u00e4ltigen Praktiken verk\u00f6rperte Haltung, dass die kapitalistische Ordnung der gegenw\u00e4rtigen Welt im Prinzip schon ganz O.K. ist. Dass diese Ordnung aber nicht nur auf Kosten anderer, sondern auch zu Lasten des \u00f6kologischen Gleichgewichts geht, wird ausgeblendet, externalisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie es historisch dazu kommen konnte, wie also die imperiale Lebensweise durchgesetzt wurde, beschreibt das Buch ebenso wie es die theoretische Bedeutung des Begriffes kl\u00e4rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sozialtheoretisch geht der Begriff der imperialen Lebensweise \u00fcber Konzepte von Lebensstil und Lebensf\u00fchrung hinaus, die tendenziell vor allem individuelle Gewohnheiten adressieren, und dient als Vermittlung: Die imperiale Lebensweise &#8222;verbindet den Alltag der Menschen mit den gesellschaftlichen Strukturen&#8220; (46). Die Rede von der imperialen Lebensweise kn\u00fcpft an jene Ans\u00e4tze an, die die Stabilit\u00e4t von Herrschaft \u00fcber Partizipationen und Konsense, \u00fcber Beteiligungen und unbewusstes Einverst\u00e4ndnis zu erkl\u00e4ren versucht haben. Vor allem in den Arbeiten von Antonio Gramsci und von Pierre Bourdieu finden sich die Grundlagen daf\u00fcr zu verstehen, wieso und inwiefern die Zumutungen der kapitalistischen Wirtschafts- und Sozialordnung von vielen nicht nur als Leid und Zerst\u00f6rung, sondern, wie Brand und Wissen schreiben, &#8222;vielfach als Erweiterung von Handlungsm\u00f6glichkeiten&#8220; (55) empfunden werden. Das betrifft eben ganz allt\u00e4gliche M\u00f6glichkeiten, wie die, st\u00e4ndig Auto zu fahren und technische Ger\u00e4te zu benutzen, Urlaubsziele mit dem Flugzeug zu bereisen und das ganze Jahr \u00fcber Erdbeeren zu essen. Zustimmung wird \u00fcber Konsum organisiert, trotz vielf\u00e4ltiger Infragestellungen erf\u00e4hrt die imperiale Lebensweise im globalen Norden &#8222;hohe Akzeptanz&#8220; (99). Aber nicht nur die soziale Bedeutung des Massenkonsums, auch die politische Hinwendung subalterner Klassen zu rechtspopulistischen Parteien kann tats\u00e4chlich nur von einer solchen, auf Konsens orientierten Perspektive schl\u00fcssig erkl\u00e4rt werden. Bei der Hinwendung zu regressiven Politiken geht es schlie\u00dflich auch wesentlich um die Verteidigung von Lebensweisen: An CO2-Aussto\u00df und Fleischkonsum soll sich nichts \u00e4ndern, aber andere, etwa Gefl\u00fcchtete, sollen nicht mitmachen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zentrales Kennzeichen der Ressourcen verschleudernden Lebensweise ist die Externalisierung. Das bedeutet nicht nur, dass die negativen Effekte der westlichen Konsumnormen wie etwa die Zerst\u00f6rung subsistenzorientierter Landwirtschaft und Umweltkatastrophen vor allem anderswo auftauchen, also nicht in Westeuropa und Nordamerika (plus Japan und Australien). Es bedeutet auch, dass die Folgen der Lebensweisen nicht nur f\u00fcr das Klima, sondern auch f\u00fcr Arbeitsverh\u00e4ltnisse in anderen Weltregionen systematisch ausgeblendet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die niederschmetternden Fakten, mit denen die Autoren hier in ihren Theorieentwurf untermauern, deuten auch eher auf eine &#8222;Vertiefung der imperialen Lebensweise&#8220; (104), als darauf, dass hier etwas krisenm\u00e4\u00dfig zusammenbricht. Sie etabliert sich schlie\u00dflich nicht nur als Konsens, sondern auch als stummer Zwang der Verh\u00e4ltnisse: Zum Einkauf im Discounter, wenn das Geld ansonsten nicht reicht, zur Vielfahrerei, wenn der Job es erfordert. Dass sich die Nachfrage nach Kohle in China seit 2000 verdreifacht hat oder dass in Deutschland auf ein neu gekauftes Elektroauto 36 SUVs kommen, sind Indizien f\u00fcr das Anwachsen der globalen Mittelschichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die St\u00e4rke von Brands und Wissens Ansatz liegt vor allem in den politikwissenschaftlichen Analysen und weniger im Beitrag zur empirisch fundierten Kulturtheorie. Hier bietet das Buch allerdings viele Ansatzpunkte f\u00fcr anschlie\u00dfende Studien: Es ginge dabei um nicht weniger als herauszufinden, wie genau &#8222;Alltagsbewu\u00dftsein&#8220; (Gramsci) organisiert und der akzeptierende &#8222;Habitus&#8220; (Bourdieu) langfristig erzeugt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Historisch zeichnen Brand und Wissen diesen Prozess nach, ausgehend von der Phase kapitalistischer Akkumulation, die nach dem Autohersteller Henry Ford als Fordismus benannt wurde: Hier dominierte eine Massenproduktion von G\u00fctern, die sich die produzierenden Massen erstmals auch selbst kaufen konnten. Die damit einhergehende Lebensweise wurde von den USA ausgehend ausgeweitet und hat es, trotz Infragestellung durch soziale Bewegungen in den 1960er und 1970er Jahren, zu globaler Dominanz gebracht. Nicht nur Projekte der Eliten wie etwa die &#8222;Expansion der industrialisierten Landwirtschaft&#8220; (101), sondern auch soziale K\u00e4mpfe von unten waren daf\u00fcr ausschlaggebend. Die Steigerung der Lebensstandards f\u00fcr viele Menschen in Brasilien, Mexiko oder Indien sind ohne diese nicht zu denken. Die Autoren heben stark auf solche K\u00e4mpfe und auf Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse ab, was trotz aller desastr\u00f6sen Entwicklungen darauf hinweist, dass die Zukunft offen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Politisch machen die Autoren auch deutlich, dass f\u00fcr eine grundlegende Transformation auf Staat und Markt nicht zu setzen ist. Anhand ihrer Analyse des &#8222;gr\u00fcnen Kapitalismus&#8220; und des Nachhaltigkeitsdiskurses wird klar, wie &#8211; \u00f6kologisch und sozial betrachtet &#8211; unzureichend diese Entwicklungen letztlich sind. Zwar wird der Verbrauch reguliert, aber die \u00f6kologischen und sozialen Produktionskosten nicht in Frage gestellt. Es ginge aber darum, &#8222;gesellschaftliche Selbstverst\u00e4ndlichkeiten und Leitbilder&#8220; (169) grunds\u00e4tzlich zu hinterfragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Strategisch w\u00fcrde das bedeuten, &#8222;solidarische Lebensweisen&#8220; (165) auszubauen &#8211; nach Brand und Wissen &#8222;Formen menschlichen Zusammenlebens [\u0085], die nicht auf Prekarisierung vieler oder auch nur einiger Menschen und der gesellschaftlichen Naturverh\u00e4ltnisse beruhen.&#8220; (179) Daf\u00fcr m\u00fcssten einerseits die bewussten Konsumformen der Bourgeois Boh\u00e9miens und anderer Mittelkl\u00e4sslerInnen politisiert und an klassenbewusste Politiken sozialer Gleichheit angeschlossen werden. Andererseits br\u00e4uchte es aber auch eine Politik gegen die Externalisierung, also eine &#8222;Bringing the war home&#8220;-Strategie \u00e1 la Martha Rosler: Die US-amerikanische K\u00fcnstlerin hatte zu Zeiten des Vietnam-Krieges eine Serie von Collagen gemacht, auf denen die Bilder aus Katalogen von Inneneinrichtungen mit Kriegsfotos aus Vietnam kombiniert wurden. Es geht auch um ein schmerzliches Bewusstwerden. Das jedenfalls steht fest und deshalb ist das Buch von Brand und Wissen auch ein Buch der Stunde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse. Unsere Art und Weise, Arbeit und Leben zu gestalten, gef\u00e4hrdet die \u00f6kologischen Grundlagen allen Lebens. Sie ist daher auch nicht verallgemeinerbar. Aber wer sind wir und was ist unser Leben? Die Kollektivbezeichnung erscheint zun\u00e4chst provokativ, sind doch Privilegien per definitionem wenigen vorbehalten. Das Wir d\u00fcrfte also recht klein sein. 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