{"id":17333,"date":"2017-03-01T00:00:00","date_gmt":"2017-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/homosexualitaet-und-antirassismus\/"},"modified":"2022-01-22T15:02:01","modified_gmt":"2022-01-22T13:02:01","slug":"homosexualitaet-und-antirassismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/homosexualitaet-und-antirassismus\/","title":{"rendered":"Homosexualit\u00e4t und Antirassismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der westliche Diskurs \u00fcber Homosexualit\u00e4t ist eng mit Nationalismus und rassistischen Zuschreibungen an &#8222;Migrant_innen&#8220; verbunden. Viele Menschen im Westen sind \u00fcberzeugt, dass die Akzeptanz vielf\u00e4ltiger sexueller Identit\u00e4ten eine speziell westliche Errungenschaft sei. Und allzu oft dient der Vorwurf der Homophobie der Bekr\u00e4ftigung einer westlichen \u00dcberlegenheit und die Behauptung, man m\u00fcsse LGBTQ-Rechte <a href=\"#u1\">((1))<\/a> sch\u00fctzen, zur Legitimation von Kriegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch &#8222;Schwule Sichtbarkeit &#8211; schwule Identit\u00e4t. Kritische Perspektiven&#8220; von Z\u00fclfukar \u00c7etin und Heinz-J\u00fcrgen Vo\u00df liefert wichtige Erkenntnisse zu dieser Verbindung und bezieht klar eine Position auf der antirassistischen Seite des Diskurses.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heinz-J\u00fcrgen Vo\u00df, Sexualwissenschaftler an der Uni Merseburg, beschreibt im ersten Teil des Buches, wie westliche schwule M\u00e4nnern im 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert ein identit\u00e4res Homosexualit\u00e4tskonzept entwickelten, auch um sich mit dieser Hilfe von den &#8222;s\u00fcdl\u00e4ndischen&#8220; M\u00e4nnern oder den M\u00e4nnern in kolonialisierten L\u00e4ndern hierarchisch abzugrenzen. Diese, so wurde unterstellt, h\u00e4tten zwar auch irgendwie Sex mit M\u00e4nnern, w\u00e4ren aber nicht wirklich homosexuell.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die T\u00fcrkei, so erfahren wir au\u00dferdem, war am Anfang des 20. Jahrhunderts offenbar ein Eldorado f\u00fcr westliche Schwule, weil man sich dort nicht verstecken musste &#8211; so \u00e4ndern sich die Zeiten, denn heute wird ja speziell t\u00fcrkischen jungen M\u00e4nnern oft eine besonders ausgepr\u00e4gte Homophobie zugeschrieben. Am\u00fcsant ist auch zu lesen, wie mit Hilfe westlicher Wissenschaftskonstrukte im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert das omin\u00f6se &#8222;homosexuelle Wesen&#8220; konstruiert wurde, das bestimmte Menschen eben h\u00e4tten und andere nicht: Man versuchte, es in k\u00f6rperlichen Markern zu vereindeutigen; in den Keimdr\u00fcsen zum Beispiel oder in den Genen, je nachdem, was in der Biologie gerade Mode war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht ist die enge Verbindung dieser &#8222;Erfindung&#8220; einer bestimmten Weise der Homosexualit\u00e4t mit rassistischen und nationalistischen Ideologien in dem Buch etwas zu stark gezeichnet. Eigentlich m\u00fcsste man die entsprechenden Diskurse jetzt noch einmal in einem gr\u00f6\u00dferen Rahmen kontextualisieren, um sie entsprechend bewerten zu k\u00f6nnen. Aber unbedingt muss heutiger schwuler Aktivismus diese Schattenseiten der eigenen Geschichte reflektieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vo\u00df schl\u00e4gt im \u00dcbrigen vor, dass wir Homosexualit\u00e4t als fixes Konzept wieder &#8222;verlernen&#8220; sollten. Denn durch die Konstruktion fester Identit\u00e4ten und Schubladen (Hetero, Homo, Bi) bringen wir zum Beispiel Jugendliche in die Situation, dass sie sich irgendwo zuordnen m\u00fcssen. Und diejenigen, die sexuelles Begehren zu Menschen ihres eigenen Geschlechts versp\u00fcren, werden gezwungen, sich als &#8222;Andere&#8220; zu outen &#8211; die zwar inzwischen nicht mehr so stark wie fr\u00fcher diskriminiert werden, aber eben doch nicht &#8222;normal&#8220;, nicht die Mehrheit sind. Eigentlich ist es aber unn\u00f6tig, mit solchen Schubladen zu operieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im zweiten Teil des Buches beschreibt der Soziologe Z\u00fclfukar \u00c7etin, wie sich diese Diskurse heute in Berlin darstellen, wie sich antimuslimischer Rassismus und schwuler Lobbyismus miteinander verbinden, wie das Ganze Gentrifizierungsprozesse anst\u00f6\u00dft und emanzipatorische queere Bewegungen in den muslimischen oder migrantischen Communities unsichtbar macht oder behindert. Hier h\u00e4tte ich mir manchmal eine st\u00e4rkere Ankn\u00fcpfung an die ideengeschichtlichen Grundlagen des ersten Teils gew\u00fcnscht, da sich manches eher als Predigt zu den bereits Bekehrten liest, w\u00e4hrend die Vermittlung der Analyse etwas zu kurz kommt. Wer die Grundthese nicht ohnehin schon teilt, wird sich hiervon kaum \u00fcberzeugen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber insgesamt ist das Buch ein wichtiger Diskussionbeitrag, der auch dabei helfen kann, das inzwischen Mainstream gewordene Verst\u00e4ndnis nochmal zu hinterfragen, wonach Homosexualit\u00e4t letztlich blo\u00df eine gleichgeschlechtliche Kopie der b\u00fcrgerlichen heterosexuellen Paarkonstruktion ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen schwulen und lesbischen Praxen in anderen Kulturen k\u00f6nnte dabei jedenfalls inspirierend sein.<b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der westliche Diskurs \u00fcber Homosexualit\u00e4t ist eng mit Nationalismus und rassistischen Zuschreibungen an &#8222;Migrant_innen&#8220; verbunden. Viele Menschen im Westen sind \u00fcberzeugt, dass die Akzeptanz vielf\u00e4ltiger sexueller Identit\u00e4ten eine speziell westliche Errungenschaft sei. 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