{"id":17334,"date":"2017-03-01T00:00:00","date_gmt":"2017-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/aufruhr-terror-und-die-logik-der-gewalt\/"},"modified":"2022-01-22T15:12:43","modified_gmt":"2022-01-22T13:12:43","slug":"aufruhr-terror-und-die-logik-der-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/aufruhr-terror-und-die-logik-der-gewalt\/","title":{"rendered":"Aufruhr, Terror und die Logik der Gewalt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;\u00dcberall, wo es nach Aufruhr und Pulver riecht, m\u00fcssen wir mit dabei sein. \u0085 Jede Volksbewegung birgt die Keime eines revolution\u00e4ren Sozialismus in sich: Wir m\u00fcssen also an ihr teilnehmen, um sie weiterzuf\u00fchren. Denn das Volk ist die lebendige Revolution, und wir m\u00fcssen mit ihm k\u00e4mpfen und sterben.&#8220; (S. 24)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Aufruf des italienischen Anarchisten Carlo Cafiero aus dem Jahr 1880 liest sich heute, in einer Welt, in der Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte brennen, Attentate auf Abtreibungskliniken ver\u00fcbt werden und liberale Autorinnen Morddrohungen bekommen, ziemlich be\u00e4ngstigend. Der Terror, so wissen wir inzwischen, ist nicht nur eine linke und freiheitliche Angelegenheit, er ist vielleicht fast mehr noch eine rechte und faschistoide Angelegenheit. Und das &#8222;Volk&#8220; und seine W\u00fcnsche sind ein wenig verl\u00e4sslicher Indikator f\u00fcr die Richtung, die wir einschlagen m\u00fcssen, um zu mehr Freiheit, mehr Toleranz, mehr gutem Leben f\u00fcr alle zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umso interessanter ist es, die in diesem Buch zusammengestellten Originaltexte derer zu lesen, die in den Jahrzehnten vor und nach 1900 in Europa die &#8222;Propaganda der Tat&#8220; betrieben und als politische Strategie entwickelten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit gro\u00dfer Sorgfalt hat Philippe Kellermann diese Quellen ausgew\u00e4hlt und ausf\u00fchrlich und kenntnisreich mit Anmerkungen versehen, sodass die jeweiligen Kontexte und Hintergr\u00fcnde auch dann nachvollziehbar sind, wenn man sich mit der Geschichte Europas vor dem Ersten Weltkrieg nicht n\u00e4her auskennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es f\u00e4llt vor allem auf, wie aktuell die Argumentationen sind, wo Terroranschl\u00e4ge ja immer noch (oder erneut) die politischen Debatten pr\u00e4gen. Deutlich wird jedenfalls, wie eng das Ph\u00e4nomen &#8222;Bomben und Attentate&#8220; mit der europ\u00e4ischen politischen Kultur verkn\u00fcpft ist und wie falsch es ist, dass heute viele so tun, als w\u00fcrden Bombenanschl\u00e4ge und Attentate von au\u00dfen, von Fremden, Barbaren, Muslimen, in unser f\u00fcr sich genommen doch so zivilisiertes Europa hereingebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die &#8222;Propaganda durch die Tat&#8220;, also die Idee, dass &#8222;die Massen&#8220; nicht durch Texte und Reden, sondern nur durch Ereignisse und Taten erreicht werden k\u00f6nnten, ist aufs Engste verkn\u00fcpft mit der Entstehung der westlichen Formen von Parteiendemokratie. Ende des 19. Jahrhunderts war n\u00e4mlich die Konsolidierung des republikanischen politischen Systems soweit fortgeschritten, dass seine Charakteristik deutlich wurde: Der legitime politische Diskurs wurde auf Institutionen von Presse, Parteien und Gewerkschaften beschr\u00e4nkt &#8211; zum Beispiel: geregelter Streik ist erlaubt, Generalstreik nicht. Und genau diese Beschr\u00e4nkung wurde als &#8222;demokratisch&#8220; definiert, obgleich die allermeisten Menschen mit ihren W\u00fcnschen und Bed\u00fcrfnissen in diesem Rahmen eben kein Geh\u00f6r finden und aufgrund vielf\u00e4ltiger Umst\u00e4nde und Ausschl\u00fcsse auch nicht finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Attentat, der Bombenanschlag, ist &#8211; das wird in den hier dokumentierten Texten \u00fcberdeutlich &#8211; in erster Linie eine Reaktion darauf. Es ist eine m\u00f6gliche Reaktion derjenigen, die sich nicht mit einem politischen System abfinden m\u00f6chten, das sich in Form der Sozialdemokratie letztlich auch die Arbeiterbewegung einverleibt hat und in dem es keinen anderen legitimen Ort des politischen Protestes mehr gibt, keine Aktionen, die au\u00dferhalb dieses parlamentarisch-demokratischen Grundkonsens liegen. Und das, w\u00e4hrend doch gleichzeitig von Seiten der Regierenden Interessenspolitik f\u00fcr Reiche und Privilegierte nicht mehr nur betrieben wird (wie es im Feudalismus oder Absolutismus der Fall war), sondern jetzt als &#8222;demokratisch&#8220; gelabelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der parlamentarische Demokratismus, so die Analyse derer, die f\u00fcr eine &#8222;Propaganda durch die Tat&#8220; eintreten, mutet den Benachteiligten letztlich zu, ihre eigene Benachteiligung als legitimes Ergebnis politischer Prozesse hinzunehmen und am Ende sogar noch zu verteidigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das soll die Logik der Gewalt nicht entschuldigen, aber es macht sie verstehbar. Interessant zu lesen sind auch die Texte von prominenten Anarchist_innen wie Emma Goldman oder Gustav Landauer, die sich gen\u00f6tigt sahen, eine Position zu den oft ja von Einzelpersonen begangenen Attentaten zu beziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man erwartete von ihnen, dass sie sich \u00f6ffentlich vom Terrorismus distanzieren oder aber, dass sie im Gegenteil die Verantwortung daf\u00fcr im Namen &#8222;des Anarchismus&#8220; \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ging ihnen da genauso, wie es heute den Muslim_innen geht, die zu einer Standortbeziehung gen\u00f6tigt werden. So wie damals der Anarchismus generell unter Terrorismusverdacht stand, tut es heute der Islam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und damals wie heute dient dieser Diskurs dazu, das Problem zu ignorieren und zu verschleiern, das eigentlich der terroristischen Gewalt zugrunde liegt: die Unf\u00e4higkeit der repr\u00e4sentativen Demokratie, eine wirkliche Beteiligung aller Menschen zu organisieren, obwohl sie genau das behauptet. Und die Anf\u00e4lligkeit ihrer Institutionen daf\u00fcr, von reichen und m\u00e4chtigen Gruppen vor den eigenen Karren gespannt zu werden. Doch damit muss man sich ja nicht besch\u00e4ftigen, wenn das Problem schlicht &#8222;der Anarchismus&#8220; oder &#8222;der Islam&#8220; hei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Propaganda der Tat. Standpunkte und Debatten&#8220; ist ein wichtiges Quellenbuch, das, wenn man ein bisschen Transfer leistet, nicht nur von historischer Bedeutung ist, sondern ziemlich aktuell.<b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;\u00dcberall, wo es nach Aufruhr und Pulver riecht, m\u00fcssen wir mit dabei sein. \u0085 Jede Volksbewegung birgt die Keime eines revolution\u00e4ren Sozialismus in sich: Wir m\u00fcssen also an ihr teilnehmen, um sie weiterzuf\u00fchren. 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