{"id":17339,"date":"2017-03-01T00:00:00","date_gmt":"2017-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/netzwerke-gegen-den-fuehrerstaat\/"},"modified":"2022-01-22T14:57:32","modified_gmt":"2022-01-22T12:57:32","slug":"netzwerke-gegen-den-fuehrerstaat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/netzwerke-gegen-den-fuehrerstaat\/","title":{"rendered":"Netzwerke gegen den F\u00fchrerstaat"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Silke Makowski er\u00f6ffnet mit ihrem Werk &#8222;Helft den Gefangenen in Hitlers Kerkern&#8220; die Schriftenreihe des Hans-Litten-Archivs zur Geschichte der Roten Hilfe. Das 120 Seiten z\u00e4hlende Heft bietet einen umfangreichen und detaillierten Einblick in die Aktivit\u00e4ten der Solidarit\u00e4ts- und Kampforganisation im Nationalsozialismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autorin liefert einen akribisch recherchierten Informationsschatz und zeichnet damit das Bild einer im Untergrund arbeitenden Organisation zwischen erfolgreichen Solidarit\u00e4tsaktionen, harscher Repression und erzwungener Emigration. Der Leser erf\u00e4hrt allerhand Wissenswertes und Erstaunliches \u00fcber die Techniken der illegalen Arbeit und ist manches Mal von der Effektivit\u00e4t einfachster Mittel \u00fcberrascht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zahlreiche gro\u00dffl\u00e4chig abgebildete Dokumente vermitteln dar\u00fcber hinaus einen Eindruck von Bildsprache und Umgangston in der Illegalit\u00e4t. Die milit\u00e4risch anmutende Sprache der Flugbl\u00e4tter voller Imperative mag so manchen zeitgen\u00f6ssischen Anh\u00e4nger der Gewaltfreien Kommunikation verschrecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die recht eindimensionale Personifikation politischer Akteure durch Knochenm\u00e4nner und Henker w\u00fcrde diverse Kritiken provozieren. Umso erhellender ist daher der Abdruck der aufschlussreichen Quellen, mit denen die Autorin gearbeitet hat.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Debatten innerhalb der Organisation<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insbesondere Anarchistinnen und Anarchisten wird die Debatte \u00fcber die Organisationsform der Roten Hilfe in der Illegalit\u00e4t interessieren. Nachdem die Schl\u00e4ge der Nazi-Repression immer engmaschiger eintrommelten, l\u00f6ste sich die Spitze der straffen Organisation zugunsten einer tendenziell dezentralen Struktur auf. Einige wenige Gruppen konnten so bis 1945 aktiv bleiben. Andere Debatten, wie die Methode, die NS-Wohlfahrtsorganisationen mit sogenannten Beefsteak-Nazis (au\u00dfen braun, innen rot) zu unterwandern, finden ihre Argumentstruktur im Entrismus oder dem Marsch durch die Institutionen wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein herausragendes Kapitel behandelt die Rolle der Frauen in der Roten Hilfe. Nachdem zahlreiche m\u00e4nnliche Rote Helfer der Justiz zum Opfer fielen, r\u00fcckten vermehrt Frauen in ihre Positionen nach und \u00fcbernahmen rasch gro\u00dfe Verantwortung. Der in allen politischen Lagern grassierende Sexismus scheint die enttarnten und vor Gericht stehenden Aktivistinnen paradoxerweise gesch\u00fctzt zu haben: Da die Nationalsozialisten Frauen ein politisches Bewusstsein absprachen, kamen sie vor Gericht oft mit wesentlich milderen Strafen davon als ihre m\u00e4nnlichen Genossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage \u00fcber den Einfluss der KPD auf die Rote Hilfe Deutschlands taucht wiederholt auf. Innerhalb der Debatte \u00fcber die richtige Einheitsfrontpolitik weist die Autorin auf die nach Parteizugeh\u00f6rigkeit verlaufenden Trennlinien aus der Weimarer Republik hin. Dass einige Rote Helfer prim\u00e4r den kommunistischen Angeh\u00f6rigen helfen wollten und ihre Parteigrenzen selbst in der Illegalit\u00e4t nicht \u00fcberwinden konnten, l\u00e4sst den Leser kopfsch\u00fcttelnd zur\u00fcck. Andere Beispiele \u00fcber erfolgreiche Einheitsfrontprojekte, welche neben KommunistInnen, SozialdemokratInnen auch KatholikInnen und sogar Zeugen Jehovas umfassten, beweisen jedoch, dass eine spektren\u00fcbergreifende antifaschistische Arbeit m\u00f6glich ist.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Anarchismus und Stalinismus<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Rande finden sich Spuren anarchistischer und mit Carl von Ossietzky pazifistischer Akteure. Das angeschnittene Schicksal der Anarchistin Zenzl M\u00fchsam stimmt jedoch wenig hoffnungsvoll: Ihre Flucht nach Moskau endete nach einer Phase relativ freien Schaffens, in welcher sie an Werken zu Erich M\u00fchsam arbeitete, mit insgesamt 20 Jahren Straflager.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der einen Seite mag die Geschichte der Roten Hilfe in der Illegalit\u00e4t Hoffnung wecken: Selbst im Faschismus ist es prinzipiell m\u00f6glich, handlungsf\u00e4hige Solidarit\u00e4tsnetzwerke zu betreiben. Andererseits ist man von der Realpolitik der Organisation erschrocken, wenn sie fl\u00fcchtende Linke, welche &#8222;nur kurzzeitige Inhaftierung zu bef\u00fcrchten&#8220; haben, wieder zur R\u00fcckkehr nach Deutschland auffordert und ihnen Hilfe versagt. Geradezu deprimierend endet das Werk mit der Verfolgung der deutschen EmigrantInnen in der Sowjetunion, welche nach allen Strapazen in Nazideutschland Stalins &#8222;Methoden der Ausrottung und Zerschmetterung&#8220; zum Opfer fielen, da sie konstruierten &#8222;faschistisch-trotzkistischen Terrororganisationen&#8220; angeh\u00f6ren sollten.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Fazit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Werk wurde aus guten Gr\u00fcnden nicht zur Unterhaltung, sondern zur Information geschrieben. Dies spiegelt sich neben den h\u00e4ufig sehr ansprechenden und plastischen Berichten in einer streckenweise repetitiven Abhandlung einzelner Sachverhalte wider, welche vermutlich nur der Vollst\u00e4ndigkeit zuliebe aufgelistet wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Vergleich zu \u00e4hnlichen Rekonstruktionen darf man sich \u00fcber die \u00fcberdurchschnittliche Lesefreundlichkeit jedoch nicht beschweren. Insbesondere in Zeiten, in denen die AfD einen Schlussstrich unter das Gedenken und die Erinnerung fordert, ist es wichtig, den Widerstand gegen die Nazis jenseits von Stauffenberg und Co. aktiv sichtbar zu machen. Ein wichtiger und aufw\u00e4ndig recherchierter Beitrag f\u00fcr eine antifaschistische Geschichtsschreibung und gegen das Vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Silke Makowski er\u00f6ffnet mit ihrem Werk &#8222;Helft den Gefangenen in Hitlers Kerkern&#8220; die Schriftenreihe des Hans-Litten-Archivs zur Geschichte der Roten Hilfe. Das 120 Seiten z\u00e4hlende Heft bietet einen umfangreichen und detaillierten Einblick in die Aktivit\u00e4ten der Solidarit\u00e4ts- und Kampforganisation im Nationalsozialismus. 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