{"id":17343,"date":"2017-03-01T00:00:00","date_gmt":"2017-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/100-jahre-staatskapitalismus\/"},"modified":"2022-01-21T16:10:53","modified_gmt":"2022-01-21T14:10:53","slug":"100-jahre-staatskapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/100-jahre-staatskapitalismus\/","title":{"rendered":"100 Jahre Staatskapitalismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution wird uns eine Flut von B\u00fcchern erwarten, deren AutorInnen uns erkl\u00e4ren werden, dass deren Scheitern nur beweist, dass es jenseits von Kapitalismus und Marktwirtschaft keine Alternativen gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Versuche, aus der Kapitallogik auszubrechen, w\u00fcrden nur in Despotie und letztlich im Stalinismus enden. So wird mit dem autorit\u00e4ren Staatssozialismus jede anarchistische, r\u00e4te- und linkskommunistische Kritik gleich mit beerdigt. Daher ist dem kleinen Berliner Verlag &#8222;Die Buchmacherei&#8220; zu danken, dass sie ein zentrales Buch des franz\u00f6sischen Soziologen Charles Bettelheim ins Deutsche \u00fcbersetzt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der 1913 in Paris geborene und dort 2006 verstorbene Intellektuelle hatte sich in den 1970er Jahren als linker Kritiker der Sowjetunion einen Namen gemacht. Lange Zeit hat er sich auch deutlich gegen den Nominalsozialismus und Kapitalismus gewandt. Dabei bewegte er sich aber, um gleich auch den zentralen Kritikpunkt anzusprechen, im Gedankengeb\u00e4ude des autorit\u00e4ren Sozialismus. So kritisiert Bettelheim in den 1970er Jahren die Sowjetgesellschaft vom maoistischen Standpunkt aus, unterst\u00fctzte einige Jahre die Kulturrevolution in China, bevor er in den 1980er Jahren mit den sogenannten Neuen Philosophen in China die autorit\u00e4ren Sozialismusvorstellungen selber einer kritischen Pr\u00fcfung unterzog. Die aber suchten dann den Ausweg ebenfalls nicht in anarchistischen oder dissidenten kommunistischen Vorstellungen, sondern wurden oft zu VerteidigerInnen der Totalitarismustheorie und zu ApologetInnen des Kapitalismus. Diese kritische Entwicklung kann man in den von Andreas F\u00f6rster ins Deutsche \u00fcbersetzten B\u00e4nden 3 und 4 von Bettelheims Monumentalwerk &#8222;Die Klassenk\u00e4mpfe in der UdSSR&#8220; gut nachverfolgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bettelheims besondere St\u00e4rke waren seine profunden Kenntnisse der \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse in der Sowjetunion und den nominalsozialistischen Staaten. Er argumentierte nicht moralisch, sah den Widerspruch zwischen Anspruch und Realit\u00e4t in der nominalsozialistischen \u00d6konomie. Wer heute das nur noch antiquarisch erh\u00e4ltliche, 1970 erschienene Buch &#8222;\u00d6konomisches Kalk\u00fcl und Eigentumsformen&#8220; liest, bekommt eine gute Einf\u00fchrung in die pr\u00e4zise Argumentationsweise von Bettelheim. Dort weist er \u00fcberzeugend nach, dass es falsch ist, Sozialismus mit Planwirtschaft und Verstaatlichung und Kapitalismus mit Markt gleichzusetzen. Bettelheim erkl\u00e4rt, dass die formaljuristische Ebene noch keinen Aufschluss \u00fcber die realen Produktionsverh\u00e4ltnisse gibt und Staatseigentum keine wirkliche Vergesellschaftung bedeute. Es k\u00f6nnen auch in einer verstaatlichen \u00d6konomie kapitalistische Produktionsverh\u00e4ltnisse vorherrschen, so Bettelheims Argumente, die sich auf Texte von Marx und Engels st\u00fctzten.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Eine besondere Form von Staatskapitalismus<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den nun in der Buchmacherei herausgegebenen B\u00e4nden 3 und 4 der &#8222;Klassenk\u00e4mpfe in der UDSSR&#8220; spitzt Bettelheim seine Kritik am sowjetischen Modell zu. Er bezeichnet es als einen Staatskapitalismus, der weiterhin auf Ausbeutung von Arbeitskraft basiert. Dabei kann sich der Soziologe nicht nur auf Marx berufen, sondern auch auf Lenin. Der hat mehrmals erkl\u00e4rt, dass die Bolschewiki in der Sowjetunion nicht den Sozialismus aufbauen, sondern den Kapitalismus entwickeln. Dabei argumentierte er rein \u00f6konomisch. Nachdem alle anderen R\u00e4terepubliken, die in den Jahren 1918 bis 1920 entstanden waren, von den alten M\u00e4chten blutig zerschlagen worden waren, war es nat\u00fcrlich absurd zu glauben, dass ausgerechnet das kapitalistisch noch kaum entwickelte Russland das Modell f\u00fcr den Aufbau des Sozialismus werden konnte. Wie weit die zentralistischen Revolutionsvorstellungen der Bolschewiki diesen Versuch von Anfang an verunm\u00f6glichten, ist eine Streitfrage, die unter den linken KritikerInnen der Entwicklung in der Sowjetunion (SU) seit 100 Jahren diskutiert wird. F\u00fcr die Diskussion dieser Frage empfiehlt sich die Lekt\u00fcre der beiden im Mehring-Verlag auf deutsch erschienenen B\u00e4nde &#8222;Die Revolution der Bolschewiki 1917&#8220; und &#8222;Das erste Jahr&#8220;, in denen die Entwicklung akribisch und mit viel Quellenmaterial nachgezeichnet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bettelheim analysiert, wie mit der Etablierung eines besonderen Typs von Staatskapitalismus in der UdSSR die ArbeiterInnen mehr und mehr entmachtete. Dabei macht er aber auch deutlich, dass dieser Prozess keineswegs reibungslos verlief und sich gro\u00dfe Teile der bolschewistischen Basis gegen diesen Kurs wehrten. Darin sieht Bettelheim auch einen Grund f\u00fcr die Schauprozesse und den Terror gegen KommunistInnen der ersten Stunde, die sich bald mit anderen KritikerInnen in den Gef\u00e4ngnissen wiederfanden. Bettelheim zeigt in dem Buch auf, dass nach der Revolution die Macht der ArbeiterInnen enorm ausgeweitet worden war. Er sieht im Stalinismus den gro\u00dfen Rollback am Werk, mit dem die ArbeiterInnen wieder zu R\u00e4dchen in der nun staatskapitalistischen Maschine gemacht worden sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Kenntnisse der sowjetischen Verh\u00e4ltnisse und besonders der \u00d6konomie zeigen sich da, wo Bettelheim die Debatte \u00fcber die BetriebsleiterInnen nachzeichnet. Die hatten nach der Revolution massiv an Autorit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft. Stattdessen haben die Arbeiterkomitees viel Einfluss gehabt. Der wurde immer mehr beschnitten, doch auch dieser Prozess war keineswegs linear. Es gab noch in den 1930er Jahren Widerstand gegen die Einschr\u00e4nkung der ArbeiterInnenrechte, auch in den Reihen der Bolschewiki.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Klassengesellschaft neuen Typs<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Differenziert betrachtet Bettelheim auch die Stachanow-Bewegung. Dabei habe es sich zun\u00e4chst um eine Initiative gehandelt, die bei Segmenten der FacharbeiterInnen entstanden ist, die die M\u00f6glichkeiten der ArbeiterInnenmacht nutzten, die es nach der Oktoberrevolution gegeben hat. Doch bald wurde diese Initiative von der Staatspartei vereinnahmt und verf\u00e4lscht. Auf einmal wurden \u00fcberall Stachanow-Wettbewerbe ausgerufen, die meist keinerlei Erfolge brachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wurde eine Initiative von Unten abgew\u00fcrgt. Teile des Proletariats reagierten darauf allergisch, weil damit die Arbeitsnormen erh\u00f6ht wurden. Bettelheim kommt zu dem Schluss, dass die bolschewistische Basis durchaus aus einem Teil der FacharbeiterInnen bestand. Es gab erfolgreiche Kampagnen, um mehr ArbeiterInnen in die Partei aufzunehmen. Allerdings sei ein Teil der Neumitglieder gleich in Funktion\u00e4rsposten aufger\u00fcckt und habe sich so von der proletarischen Herkunft entfernt. Bettelheim zeigt auch auf, dass das Nomenklaturasystem hierarchisch gegliedert war und es unterschiedliche Zug\u00e4nge zu Verg\u00fcnstigungen aller Art gab. So bildete sich eine Klassengesellschaft neuen Typs heraus. Ein Teil der alten FacharbeiterInnen wurde zur Nomenklatura und beutete andere ArbeiterInnen aus, die oft erst aus der Landwirtschaft mehr oder weniger freilich abwanderten. Die rigide Politik gegen die B\u00e4uerinnen und Bauern erinnert auch an die urspr\u00fcngliche Akkumulation im Kapitalismus, wo das Bauernleben ein wichtiger Bestandteil war. Diese Aspekte werden von Bettelheim in klarer Diktion benannt. Sie werden f\u00fcr eine hoffentlich kontroverse Debatte sorgen.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Propaganda und Realit\u00e4t der Zwangsarbeit in der Sowjetunion<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eindringlich schildert Bettelheim den Prozess der Herausbildung des Fabrikdespotismus der Zwangsarbeit in der SU. Die massenhafte Verwendung von ZwangsarbeiterInnen setzte in den Jahren 1930 und 1931 beim Bau des Kanals zwischen der Ostsee und dem Wei\u00dfen Meer ein. &#8222;Seinerseits wird die Erf\u00fcllung dieser Arbeit von gewissen sowjetischen Schriftstellern als Epos dargestellt, aber sie schwiegen \u00fcber die viele Toten, die es auf dieser und auf so vielen anderen Baustellen gegeben hat&#8220;, kritisiert Bettelheim Schriftsteller wie Gorki. Die offizielle Parteigeschichte zitiert Bettelheim mit dieser Apologie der Zwangsarbeit: &#8222;Der grandiose Sieg des Sozialismus an allen Fronten macht die breite Besch\u00e4ftigung der Arbeitskraft von Kriminellen in der Hauptstra\u00dfe des sozialistischen Aufbaus m\u00f6glich. Mit dem Eintritt der UdSSR in die Periode des Sozialismus ist die M\u00f6glichkeit der Anwendung von Strafma\u00dfnahmen durch Zwangsarbeit unendlich angewachsen.&#8220; Kein erkl\u00e4rter Antikommunist h\u00e4tte die Idee des Sozialismus mehr pervertieren k\u00f6nnen, als die VerfasserInnen dieser Zeilen.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Von den neuen Philosophen kontaminiert<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Erschrecken \u00fcber die Erkenntnis, einen Sozialismusmodell angehangen zu haben, das sich selber damit preist, die M\u00f6glichkeiten der Zwangsarbeit unendlich ausgeweitet zu haben, hat wohl dazu beigetragen, dass in den 1980er Jahren manche der ex-stalinistischen und exmaoistischen Intellektuellen zu ApologetInnen des Kapitalismus geworden sind. Leider ist auch das Buch vor allem im letzten Teil von diesen sogenannten Neuen PhilosophInnen kontaminiert, die ein Loblied auf den freien Westen und die Segnungen des Kapitalismus singen. Warum soll das Buch trotz dieser Kritik zur Lekt\u00fcre empfohlen werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst dominiert Bettelheims Kritik am Nominalsozialismus und der \u00f6konomische Nachweis, dass der mit Marx nichts zu tun hatte, den Hauptteil des Buches. Er tritt \u00fcberall dort in die Fallen des Totalitarismus, wo er statt dieser kritischen Analyse einen allgemeinen Rundumschlag in die Weltpolitik wagt. Zudem kann man am Beispiel von Bettelheim sehen, wie kurz der Weg vom autorit\u00e4ren Sozialismus zur Apologie der freien Welt ist, wenn man r\u00e4tekommunistische und anarchistische Ans\u00e4tze ausblendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Bettelheim wird das Adjektiv &#8222;anarchistisch&#8220; selten verwendet, wenn doch, dann im b\u00fcrgerlichen, falschen Sinn als chaotische Situation. Dabei werden von Bettelheim mit Victor Serge und Ante Ciliga auch zwei Zeitzeugen des \u00dcbergangs der Oktoberrevolution zum Zwangssystem als Quellen zitiert, die sich zumindest zeitweise als Anarchisten verstanden haben. Wobei allerdings bei Ciliga nicht unerw\u00e4hnt bleiben soll, dass er ab Ende der 1930er mit dem faschistischen Ustascha-Regime kollaborierte und noch in den letzten Monaten des NS-Regimes nach Deutschland reiste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das entwertet nicht seine Kritik am Stalinismus, die er in seinem 1936 ver\u00f6ffentlichten Buch &#8222;Im Land der verwirrenden L\u00fcge&#8220; ver\u00f6ffentlichte. Es wurde 2010 ebenfalls im Verlag &#8222;Die Buchmacherei&#8220; wieder aufgelegt. Die Biographie Ciligas zeigt auch, wie notwendig eine schonungslose Kritik nicht nur gegen\u00fcber den ApologetInnen des autorit\u00e4ren Sozialismus ist. Auch dessen KritikerInnen k\u00f6nnen auf unterschiedlichen rechten Abwegen landen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution wird uns eine Flut von B\u00fcchern erwarten, deren AutorInnen uns erkl\u00e4ren werden, dass deren Scheitern nur beweist, dass es jenseits von Kapitalismus und Marktwirtschaft keine Alternativen gibt. Alle Versuche, aus der Kapitallogik auszubrechen, w\u00fcrden nur in Despotie und letztlich im Stalinismus enden. 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