{"id":17347,"date":"2017-03-01T00:00:00","date_gmt":"2017-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/3-mal-hoch\/"},"modified":"2022-01-21T12:17:21","modified_gmt":"2022-01-21T10:17:21","slug":"3-mal-hoch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/3-mal-hoch\/","title":{"rendered":"3 mal Hoch?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Streben nach Herrschaftsfreiheit ist lebendig und mannigfaltig. Interviews sind hervorragend geeignet, dies zu zeigen. Jetzt liegt mit &#8222;Anarchismus Hoch 3&#8220; der dritte von Bernd Dr\u00fccke herausgegebene Interview-Band vor, nach &#8222;Ja! Anarchismus&#8220; (2006) und &#8222;Anarchismus Hoch 2&#8220; (2014).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">17 Gespr\u00e4che, die vorher gro\u00dfenteils schon in der Monatszeitschrift <i>Graswurzelrevolution<\/i> abgedruckt, aber f\u00fcr die Buchausgabe erg\u00e4nzt und aktualisiert wurden, loten das Spektrum libert\u00e4ren Denkens aus, wobei der Blick zuweilen \u00fcber die deutschen Grenzen hinaus nach Griechenland, Katalonien, Kurdistan, die T\u00fcrkei, Russland\/Ukraine und Indonesien gelenkt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine kleine Kritik an editorischen Entscheidungen sei gleich vorausgeschickt: Die Aktualisierungen der Interviews sind immer dann gelungen, wenn sie (wie meistens) an das urspr\u00fcngliche Interview angeh\u00e4ngt und als solche gekennzeichnet sind. In einigen F\u00e4llen jedoch wurden sie in das Transkript des Interviews eingearbeitet, so dass auf vergangene Ereignisse Bezug genommen wird, die beim urspr\u00fcnglichen Interview noch in der Zukunft lagen (S.145, 158). Das irritiert und sollte in Zukunft vermieden werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die internationalen Ausblicke enthalten tagesaktuelle Analysen, die sich nat\u00fcrlich in raschem Tempo in historische Erinnerungen verwandeln; aber auch als solche haben diese Off-Mainstream-Betrachtungen ihren Wert. Noch wichtiger erscheinen mir jedoch die lebensgeschichtlichen Berichte emanzipatorischer Akteur*innen, die der Textsorte Interview noch besser entsprechen. Dr\u00fccke, der die Interviews selbst gef\u00fchrt hat (alleine oder mit Assistenz), bezeichnet sein Vorgehen als &#8222;Oral History&#8220; (S.13). Dem entspricht eine Interviewf\u00fchrung, die den Befragten nie in die Deutung ihrer Geschichte hineinredet. An manchen Stellen erscheint das \u00fcbertrieben; man denkt dann, dass ein Wei\u00dfer Elefant im Raum steht, der partout nicht angesprochen wird, sondern es kommt die n\u00e4chste Frage von der Liste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Beispiel: Der FAU-Aktivist Ralf Dreis skandalisiert (zu Recht) die &#8222;Katastrophe&#8220;, dass in Griechenland inzwischen 35% der Menschen nicht mehr krankenversichert sind (S. 247). Aber inwiefern k\u00f6nnen Anarchist*innen auf Sozialversicherungen setzen und sie einklagen? Hat nicht der anarchistische Anthropologe Pierre Clastres 1977 &#8211; ebenfalls in einem Interview &#8211; res\u00fcmiert: &#8222;Die Sozialversicherung &#8211; das ist der Staat&#8220;? <a href=\"#u1\">((1))<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wenigen F\u00e4lle, in denen inneranarchistische Kontroversen durch die Interviewf\u00fchrung offen angesprochen werden, ergeben eine besonders spannende Lekt\u00fcre. Das ist etwa die Frage eines (wiederum in Griechenland) von Anarchist*innen &#8222;abgefackelten&#8220; Feuerwehrautos (Interview mit Marcel Seehuber und Moritz Springer vom &#8222;Projekt A &#8211; Der Film&#8220;, S.192ff). Und es ist die Kontroverse um den Antispeziesismus, wo der Schreiber dieser Zeilen sein &#8211; veganes &#8211; Fett wegkriegt (Interview mit Denise und Sania vom &#8222;roots-of-compassion&#8220;-Kollektiv, S.233ff). Doch soweit es um ein Archiv libert\u00e4rer Biografien geht, hat der ungehinderte Erz\u00e4hlfluss, der ja zumeist auch Probleme und Konflikte gar nicht ausblendet, sicherlich seine Vorz\u00fcge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie kann man nach der Lekt\u00fcre von &#8222;Anarchismus Hoch 3&#8220; nun also den Anarchismus im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts bilanzieren? Seine Akteur*innen kommen aus reaktion\u00e4ren wie aus liberalen oder linken Elternh\u00e4usern. Sie wurden politisch sozialisiert \u00fcber die Spa\u00dfguerilla oder \u00fcber den R\u00e4tekommunismus, ja, in einem Fall sogar \u00fcber Verschw\u00f6rungstheorien zum 11. September.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Strategie ist teils volkst\u00fcmlich, teils akademisch. Nur selten denken und handeln sie prim\u00e4r vom angestrebten Endziel einer freien Gesellschaft her, \u00fcberwiegend vielmehr von der \u00dcberzeugung, die utopische Zielsetzung punktuell schon hier und jetzt zu verwirklichen. Dies ist ja das st\u00e4rkste Argument f\u00fcr einen gewaltfreien Weg zur Anarchie, wie er von der Graswurzelrevolution vertreten wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Sinne des utopie-vorwegnehmenden Handelns ist ein Leitmotiv des Bandes die Frage der &#8222;Vernetzung&#8220;. Vernetzung von Aktivist*innen und von Lebenssph\u00e4ren; das war schon das Ziel des alten &#8222;Projekt A&#8220;, um das es im ersten Interview mit Andreas Ess geht (S.19-32).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Interessanterweise spielt digitale Vernetzung im vorliegenden Band \u00fcberhaupt keine Rolle; von der fr\u00fcher ja einmal vorhandenen Euphorie \u00fcber die egalit\u00e4ren Chancen des Internets scheint nichts mehr \u00fcbrig zu sein. Was hingegen offenbar Bestand hat, ist die Wahlverwandtschaft des Anarchismus mit dem Medium Papier: Viele der Interviewten haben einen Schwerpunkt ihrer Aktivit\u00e4ten auf dem Betrieb von Buchverlagen, Buchl\u00e4den oder Zeitungsredaktionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Fr\u00fcher lebten wir mit dem Gef\u00fchl: Die Revolution steht vor der T\u00fcr. Heute f\u00fchren wir eher Abwehrk\u00e4mpfe gegen eine weitere Zunahme der Barbarei&#8220;, sagt der Interviewte Theo Bruns (Assoziation A, S. 114).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr wahr! Hier k\u00f6nnte man die Frage ankn\u00fcpfen, inwieweit Vernetzungen \u00fcber das eigene anarchistische Lager hinaus sinnvoll sind. \u00dcber den Zusammenhang von individueller und kollektiver Freiheit &#8211; ein weiteres Leitmotiv des Bandes &#8211; hat schlie\u00dflich auch Karl Marx nachgedacht; und dessen &#8222;kategorischen Imperativ&#8220; aus dem &#8222;Kommunistischen Manifest&#8220; variiert Rainer Wendling (ebenfalls Assoziation A), wenn er sagt, es gehe darum, &#8222;alle Verh\u00e4ltnisse umzust\u00fcrzen, in denen die Menschen unterdr\u00fcckt und geknechtet sind oder der Vernichtung preisgegeben werden&#8220; (S.109).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wenn sie umgest\u00fcrzt sind? &#8222;Frei von Herrschaft sagt ja noch nichts dar\u00fcber aus, was man denn dann macht.&#8220; (Bettina Kruse, Kommune Hof Rossee, S. 98) Hier ist es dann gut, eine Bewegung vor sich zu haben, die ihre Utopie bereits hier und jetzt im Kleinen umsetzen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Einblick in die M\u00f6glichkeiten und Probleme herrschaftsfreien Zusammenlebens liefert &#8222;Anarchismus Hoch 3&#8220; allemal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das &#8222;Hoch 3&#8220; deutet auch die Mehrdimensionalit\u00e4t dieser Betrachtungen an. Wir haben hier kein blo\u00dfes &#8222;Anarchismus &#8211; 3 mal Hoch!&#8220; Das w\u00e4re auch langweilig gewesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Streben nach Herrschaftsfreiheit ist lebendig und mannigfaltig. Interviews sind hervorragend geeignet, dies zu zeigen. Jetzt liegt mit &#8222;Anarchismus Hoch 3&#8220; der dritte von Bernd Dr\u00fccke herausgegebene Interview-Band vor, nach &#8222;Ja! 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