{"id":17352,"date":"2017-03-01T00:00:00","date_gmt":"2017-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/siemens-geht-ueber-leichen\/"},"modified":"2022-01-22T15:09:49","modified_gmt":"2022-01-22T13:09:49","slug":"siemens-geht-ueber-leichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/siemens-geht-ueber-leichen\/","title":{"rendered":"Siemens geht \u00fcber Leichen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Bereits am fr\u00fchen Morgen wollten Aktionskletter*innen von Robin Wood die Olympiahalle in M\u00fcnchen beklettern und kreativ gegen die Konzernpolitik protestieren. Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerst\u00f6rungen im Rahmen des Projektes Aqua Zarca in Honduras standen dabei im Vordergrund der Aktionen. Die Ermordung der Aktivistin Berta Caceres verhalf diesem Projekt zu trauriger Ber\u00fchmtheit. Siemens h\u00e4lt einen 35%-Anteil an dem Wasserkraftturbinenhersteller VoithHydro, der seit Jahren wegen der Turbinenzulieferung an das Wasserkraftwerk Agua Zarca in der Kritik steht. In diesem Projekt stecken Millionen. Den Menschen vor Ort bringt es Privatisierung von Wasser und Land. Damit beraubt es sie ihrer Lebensgrundlage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Idee der Aktivist*innen war es, beim Haupteingang zwei Banner aufzuh\u00e4ngen. Zudem sollten viele weitere Handbanner mit Gesichtern, Namen und Todesdatum von Aktivist*innen, die wegen ihres Protests gegen dieses Projekt ermordet wurden, gezeigt werden. Berta ist nicht die einzige. Und auch die Banner hatten keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit der Todesliste. Mit dieser Aktion sollte Solidarit\u00e4t demonstriert werden: Wir f\u00fchren den Kampf um einen sozial-\u00f6kologischen Wandel solidarisch und gemeinsam. Hier vor Ort werden wir auch handeln und k\u00e4mpfen. Ein Gro\u00dfaufgebot von Sicherheitspersonal und Polizei verhinderte nahezu diese Protestaktion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aktion war ohnehin optimistisch geplant. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Die Aktivist*innen z\u00e4hlten auf den \u00dcberraschungseffekt. Vier Aktivist*innen konnten schnell ergriffen, aber nicht aufgehalten werden, weil andere so viel Aufmerksamkeit auf sich zogen, dass die vorerst Ergriffenen an anderer sichtbarer Stelle ihr Banner ausrollen konnten. Dreistigkeit gewinnt. Ein Aktivist wurde in etwa drei Meter H\u00f6he an einer Schnur, die versehentlich baumelte, festgehalten und gef\u00e4hrdet. Er brach die Aktion daraufhin ab. Die anderen Aktivist*innen in der Luft wurden schnellstm\u00f6glich runtergeholt. Das ben\u00f6tigte Personal und Material standen einsatzbereit im Hintergrund. Die Aktivist*innen wurden bis 19 Uhr in Gewahrsam genommen, ohne dabei einen Richter gesehen zu haben oder ihr Recht auf erfolgreiche Telefonate wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Polizei und Justiz dulden keinen Protest gegen Siemens und lassen ihre Muskeln spielen. Koste es, was es wolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwas sp\u00e4ter, von den Mainstreammedien ignoriert, von Sondereinsatzkr\u00e4ften skeptisch be\u00e4ugt und mehrfach kontrolliert, aber nicht verhindert werden konnten Banner und Flugbl\u00e4tter mehrerer Gruppen auf dem Fu\u00dfweg zur Olympiahalle: &#8222;Wir machen Siemens mitverantwortlich f\u00fcr den Mord an der international bekannten Umweltaktivistin und K\u00e4mpferin f\u00fcr indigene Rechte, Berta Caceres in Honduras&#8220;, betonte Andrea Lammers vom \u00d6kumenischen B\u00fcro f\u00fcr Frieden und Gerechtigkeit in M\u00fcnchen: &#8222;Es ist ein Skandal, dass Siemens sich Jahre lang f\u00fcr nicht zust\u00e4ndig erkl\u00e4rt und Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen, Morde und Warnungen vor den kriminellen Praktiken des VoithHydro-Projektpartners DESA ignoriert hat.&#8220; Der Mord an Berta Caceres in der Nacht vom 2. auf den 3. M\u00e4rz 2016 h\u00e4tte ein endg\u00fcltiger Wendepunkt sein m\u00fcssen, aber Siemens rang sich nur dazu durch, die vorl\u00e4ufige Suspendierung des Projektes zu begr\u00fc\u00dfen, das der Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser wenige Wochen zuvor noch ungeniert verteidigt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Nachfolger von Berta Caceres als Koordinator der Basis- und Indigenen-Organisiation COPINH, Tomas Gomez, \u00fcberlebte im Oktober 2016 einen erneuten Mordanschlag. Durch die Solidarit\u00e4t des Dachverbandes Kritische Aktion\u00e4re erhielt er Rederecht bei der Jahreshauptversammlung 2017: &#8222;Das Wasserkraftwerk Agua Zarca wird uns als Projekt f\u00fcr &#8217;saubere&#8216;, &#8218;gr\u00fcne&#8216; Energie dargestellt, dabei ist es das pure Gegenteil: Die Elektrizit\u00e4t aus derlei Kraftwerken wird f\u00fcr Tagebau-Projekte verwendet oder in das interkontinentale Stromnetz SIEPAC eingespeist&#8220;, so Tomas G\u00f3mez. &#8222;Aus unserer Sicht als indigene Bev\u00f6lkerung der Lenca tragen solche Projekte \u00fcberhaupt nichts zur Entwicklung unserer Gemeinden bei. Im Gegenteil: Sie bedrohen unsere Territorien, unsere Kosmovision und Spiritualit\u00e4t. Dies war stets die Botschaft unserer companera Berta Caceres und deswegen wurde sie ermordet. Dadurch, dass Sie nicht gehandelt haben, Herr Kaeser, Damen und Herren des Vorstandes, haben Sie sich zu Komplizen des Mordes an Berta Caceres gemacht.&#8220;<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Agua Zarca ist kein Einzelfall<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Auf den Jahreshauptversammlungen von Siemens der vergangenen Jahre haben Aktivist*innen auf die Beteiligung an umstrittenen Wasserkraftprojekten wie Gilgel Gibe II in \u00c4thiopien oder Belo Monte und Jirau in Brasilien hingewiesen&#8220;, erinnerte Thilo Papacek von der Initiative GegenStr\u00f6mung. Obwohl es bereits beim Bau von Gilgel Gibe II zu massiven Menschenrechtsverletzungen gekommen ist, bem\u00fche sich VoithHydro offensichtlich um eine Beteiligung am Gilgel Gibe IV-Projekt. &#8222;Siemens und VoithHydro haben anscheinend keine Skrupel, f\u00fcr Profite auch mit Regierungen zu kooperieren, die von Menschenrechtsorganisationen als Entwicklungsdiktaturen bezeichnet werden&#8220;, so Papacek.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch gro\u00dfe Windparks verletzen die Rechte der lokalen Bev\u00f6lkerung. Das gilt f\u00fcr den neuen Windkraftgiganten Siemens-GAMESA auf dem Isthmus von Tehuantepec in Mexiko ebenso wie in der seit 1975 v\u00f6lkerrechtswidrig von Marokko besetzten Westsahara. Siemens und die italienische Enel gewinnen Marokkos Ausschreibungen f\u00fcr Windparks durch ihre Partnerschaft mit einem Energieunternehmen, das sich im Besitz des marokkanischen K\u00f6nigs befindet. &#8220; Solange der marokkanische K\u00f6nig selbst von der illegalen Besetzung profitiert, wird er die Bem\u00fchungen der Vereinten Nationen zur L\u00f6sung des Westsaharakonfliktes weiter untergraben&#8220;, betonte Erik Hagen von Western Sahara Resource Watch (WSRW) in M\u00fcnchen. Das sahraouische Volk als rechtm\u00e4\u00dfiger Besitzer des Landes habe nie seine Zustimmung zu den Energieprojekten gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gegenm\u00e4chte sind gigantisch, f\u00fcr die Aktivist*innen ist dennoch klar: Eine andere Welt ist m\u00f6glich. Sie ist n\u00f6tig und muss von unten erstritten werden. Wir verlangen eine dezentrale, \u00f6kologische und demokratisch kontrollierte Energiegewinnung. Das schafft vielleicht keine Profite, verbessert aber deutlich die Lebenssituation der Bev\u00f6lkerung. Wir setzen uns f\u00fcr eine sozial-\u00f6kologische Energiewende ein &#8211; hierzulande und weltweit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 3. M\u00e4rz 2017 findet ab 16 Uhr eine Protest-Kundgebung vor dem Brandenburger Tor statt: &#8222;Ein Jahr ohne Gerechtigkeit &#8211; Berta lebt!&#8220; Kommt alle!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits am fr\u00fchen Morgen wollten Aktionskletter*innen von Robin Wood die Olympiahalle in M\u00fcnchen beklettern und kreativ gegen die Konzernpolitik protestieren. Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerst\u00f6rungen im Rahmen des Projektes Aqua Zarca in Honduras standen dabei im Vordergrund der Aktionen. Die Ermordung der Aktivistin Berta Caceres verhalf diesem Projekt zu trauriger Ber\u00fchmtheit. 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