{"id":17358,"date":"2017-03-01T00:00:00","date_gmt":"2017-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/zurueck-zur-natur-des-menschen\/"},"modified":"2022-01-21T15:58:02","modified_gmt":"2022-01-21T13:58:02","slug":"zurueck-zur-natur-des-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/zurueck-zur-natur-des-menschen\/","title":{"rendered":"Zur\u00fcck zur Natur des Menschen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die libert\u00e4re Revolution sollte unnat\u00fcrliche Behinderungen der Entfaltung dieses nat\u00fcrlichen Lebens beseitigen. Die Natur zog gewisserma\u00dfen gemeinsam mit den Anarchistinnen und Anarchisten in den Kampf. Elis\u00e9e Reclus kritisierte in seinem monumentalen, erst posthum ver\u00f6ffentlichten f\u00fcnfb\u00e4ndigen Hauptwerk &#8222;Der Mensch und die Erde&#8220; (1908) Prozesse der Verst\u00e4dterung, die f\u00fcr Menschen zutiefst &#8222;unnat\u00fcrlich&#8220; seien und sich auf lange Sicht zerst\u00f6rerisch auswirken w\u00fcrden &#8211; eine Position, der die postmoderne Humangeographie \u00fcbrigens gerade wieder zu neuem Respekt verhilft. In seinem Werk &#8222;Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt&#8220; (deutsch 1920) machte Kropotkin seinerseits die Welt der Tiere zum Spiegel der sozialen Wirklichkeit menschlicher Gesellschaften, um deren Niedergang anzuprangern und Wege zu ihrer Genesung aufzuzeigen, gleichsam bei einem Gang durch Wald und Garten. Wer zum Beispiel wissen m\u00f6chte, wann und warum Bienen der &#8222;Trunksucht&#8220; verfallen, der muss hier nachbl\u00e4ttern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anthropomorphisierung, also die Vermenschlichung nichtmenschlichen Lebens in der textlichen Darstellung, war freilich (auch) in der wissenschaftlichen Literatur zu Zeiten Reclus und Kropotkins keineswegs un\u00fcblich &#8211; man denke nur an Brehms Tierleben. Aber wie sehr Kropotkin und Reclus auch auf konservative Anma\u00dfungen der Sozialdarwinisten reagierten, es gibt doch keinen Zweifel, dass die von ihnen ertr\u00e4umte anarchistische Gesellschaft weit mehr ein Ph\u00e4nomen der Natur als der Kultur war: Sie w\u00fcrde eine R\u00fcckkehr zu nat\u00fcrlich(er)en Lebensweisen erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die gro\u00dfe Begeisterung der anarchistischen Basis f\u00fcr die Entdeckungen der angewandten Natur- und Humanwissenschaften hatte hier ihre Ursache: Um die Natur des Menschen befreien zu k\u00f6nnen, wollte man zuerst einmal wissen, wie sie wirklich funktionierte. &#8222;Der Idee&#8220;, schreibt die Anarchismusforscherin Ruth Kinna, &#8222;dass der Anarchismus sein Fundament in den empirischen Wissenschaften hatte, konnte man kaum widerstehen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schritt f\u00fcr Schritt l\u00f6ste sich die anarchistische Theorie in den folgenden Jahrzehnten von dieser allzu hoffnungsvollen Deutung der Natur des Menschen. Die bereits seit Jahrhunderten existierenden, grunds\u00e4tzlichen philosophischen Zweifel an der Tragf\u00e4higkeit der Kategorie kamen unter den schwarzen und schwarz-roten Fahnen allerdings nur mit Versp\u00e4tung an. Erst als im sogenannten Postanarchismus Ideen und Konzepte des poststrukturalistischen Denkens und der philosophischen Postmoderne aufgegriffen wurden, gemischt mit wichtigen Erkenntnissen der Gender-Theorie, war es um die Natur des Menschen geschehen. Autoren wie Kropotkin und Reclus sind seither unter Postanarchistinnen und Postanarchisten nur noch sehr bedingt hoff\u00e4hig. Sie verschwinden meist auf den obersten Borden der B\u00fccherregale. Wer sich nicht als theoretisch-philosophisches Fossil offenbaren will, ist in solchen Kreisen gut beraten, die Natur des Menschen nicht m\u00e4nniglich im Munde f\u00fchren. Aber ist solch ein theoretischer Rigorismus nachzuvollziehen? Und ist er politisch sinnvoll? Die Natur des Menschen von einer nachweislich gegebenen, n\u00e4mlich physischen Natur her zu erfassen, und nicht, wie bisher meist geschehen, von der Religion und Philosophie her, k\u00f6nnte sich heutzutage als n\u00fctzlicher erweisen, als viele es vielleicht annehmen. Die alte totalit\u00e4re Idiotie vom &#8222;neuen Menschen&#8220;, vom &#8222;Idealbild des Menschen&#8220; usw. m\u00fcsste ersetzt werden durch ein Bild des Menschen tout court, soweit wir es erfassen k\u00f6nnen. Statt einer metaphysischen br\u00e4uchte es sozusagen eine physische politische Philosophie.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Leugnen ist die falsche Strategie oder: Die politische Bedeutung der physischen Natur des Menschen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es eine biologische, sprich: physische Natur des Menschen gibt, hat die Philosophie (zumal die politische Philosophie) im \u00dcbrigen nur selten ausdr\u00fccklich bestritten. Sie hat sie blo\u00df, schlicht und ergreifend, f\u00fcr belanglos erkl\u00e4rt und daher meist \u00fcbergangen. In der gl\u00e4nzenden Arena des Hochgeistigen erschien ihr die physische Wirklichkeit des zweibeinigen S\u00e4ugetiers Mensch vermutlich als zu profan. Ein Philosoph auf der Toilette konnte jahrhundertelang in den Akademien der Welt nur wenig Eindruck schinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelegentliche Sp\u00f6ttereien gegen diese Vergeistigung des Lebens, wie etwa Milan Kunderas Bemerkung: &#8222;&#8218;Ich denke also bin ich&#8216; ist der Satz eines Intellektuellen, der Zahnschmerzen untersch\u00e4tzt&#8220;, vermochten dagegen nur wenig. Dass trotzdem mit solch stoischer Hartn\u00e4ckigkeit in philosophischen und sozialtheoretischen Werken auf die Natur des Menschen Bezug genommen wurde und zum Teil, wie etwa bei dem lesenswerten spanischen Philosophen Mariana, immer noch wird, hat einen einfachen Grund: Denn m\u00f6glicherweise war die in gut 200 Jahren philosophischer Auseinandersetzung diskutierte und mehr und mehr verworfene Natur des Menschen&#8230;nun ja&#8230;eben gar nicht die Natur des Menschen. Was damit gemeint ist, soll im Folgenden verdeutlicht werden:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle, die der \u00dcberzeugung sind, jegliche Bezugnahme auf eine wie auch immer geartete Natur des Menschen verbiete sich in linkspolitischem Kontext von selbst, seien hiermit zu einem kleinen Gedankenexperiment eingeladen. Nehmen wir an, die Natur des Menschen habe in linkspolitischem Kontext wirklich keine Bedeutung. Alle Menschen m\u00fcssen essen, trinken, schlafen, atmen, altern, sterben und aufs Klo gehen. Alles weitere ist Spekulation. Einverstanden? Gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn dem aber so ist, ergeben sich aus diesen nat\u00fcrlichen Eigenschaften nicht eine Reihe von Bed\u00fcrfnissen? Ist es dann nicht so, dass Menschen ein Recht haben (sollten) auf gesunde und ausreichende Nahrung? Oder auf sauberes Trinkwasser? Einen Platz, an dem sie ruhig, warm und ungest\u00f6rt schlafen k\u00f6nnen? Auf nicht verpestete Atemluft? Auf einen Ort, an dem sie zur Ruhe kommen und in Frieden sterben k\u00f6nnen? Und schlie\u00dflich, warum nicht, auf einen anderen Ort, an dem sie ungest\u00f6rt und friedlich ihr Gesch\u00e4ft verrichten k\u00f6nnen? Ein Blick auf die soziale Wirklichkeit der Erde zeigt, dass f\u00fcr Millionen Menschen diese nat\u00fcrlichen Bed\u00fcrfnisse revolution\u00e4re, ja fast schon utopische Forderungen darstellen. W\u00fcrden sie \u00fcberall erf\u00fcllt, h\u00e4tte die Welt ein anderes Gesicht. Kann man da wirklich noch behaupten, die Natur des Menschen sei politisch bedeutungslos?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es l\u00e4sst sich ohne M\u00fche in dieser Richtung weiterketzern: Wie kann man eigentlich an der Existenz und Bedeutung einer Natur des Menschen zweifeln, wo es eine Medizin gibt? Noch pikanter wird es, wenn man sich das Vergn\u00fcgen macht, einen \u00fcberzeugten Postanarchisten und einen Genetiker zur Diskussion einzuladen. Man m\u00f6chte meinen, beide stammten von verschiedenen Planeten! Der Absolutheitsanspruch, mit dem jede Bezugnahme auf die Natur des Menschen im Postanarchismus verworfen wird, wird in nicht eben einflusslosen Bereichen menschlichen Denkens und Handelns keineswegs geteilt &#8211; und damit ist nicht Mario Barth gemeint. Er wirkt wie eine kauzige Marotte; wie etwas, das seinerseits aus der Zeit gefallen ist.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Die Natur des Menschen ist keine B\u00fcchse der Pandora<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Augen so manch \u00fcberzeugten Poststrukturalisten oder Postanarchisten mag es nun so aussehen, als w\u00fcrde eine (wie hier) vorgeschlagene R\u00fcckkehr zur physischen Natur des Menschen als Kategorie des linkspolitischen Denkens die von der Postmoderne m\u00fchsam zugedr\u00fcckte B\u00fcchse der Pandora wieder aufrei\u00dfen. Denn man kann sich ja des Eindrucks nicht erwehren, als sei die Natur des Menschen als politische Denkkategorie in den vergangenen Jahrzehnten von politischer Philosophie und kritischer Sozialtheorie nicht immer mit ganz lauteren Motiven vom Hof gejagt worden. Es ging oft weit eher darum, dem politischen Gegner eine m\u00e4chtige Waffe aus der Hand zu schlagen. Nur mit Grausen erinnert man sich zum Beispiel an Rechtfertigungen patriarchaler Gewalt und M\u00e4nnerherrschaft mit der angeblichen &#8222;Natur der Frauen&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und mancher denkt vielleicht an das ber\u00fcchtigte &#8222;Kriminalit\u00e4tsgen&#8220;, dass ein (wei\u00dfer) US-Amerikanischer Genforscher Ende des vorigen Jahrhunderts entdeckt zu haben meinte und das, welche \u00dcberraschung, vor allem bei Schwarzen zu finden sei. In politischem Kontext hatte die Bezugnahme auf die Natur des Menschen h\u00e4ufig den Geschmack des Ewigen, Unab\u00e4nderlichen und damit der Verweigerung jeglicher Diskussion, geschweige denn gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob solche versteinerten Gesellen wohl bedacht haben, dass sich kaum etwas in einem derart steten und ununterbrochenen Wandel befindet wie die Natur?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichviel, die radikale linkspolitische Theorie reagierte auf herrschaftslegitimierende Anma\u00dfungen, die fortgesetzt die Natur des Menschen im Munde f\u00fchrten, mit einem paradoxen Schritt: Sie leugnete ganz einfach deren Existenz und beendete damit ihrerseits die Diskussion. Statt im oben angedeuteten Sinne soziale und kulturelle Konsequenzen aus nachweislichen Gegebenheiten des nat\u00fcrlichen Lebens (soweit wir sie zweifelsfrei erfassen k\u00f6nnen) zum Thema zu machen und zu kritisieren, sch\u00fcttelte sie sich einfach w\u00fctend allen l\u00e4stigen nat\u00fcrlichen Ballast aus dem Pelz. Ihre Welt wurde zur keimfreien Studierstube einer kulturellen Elite, in der es nicht regnete, in der man nicht fror, nie hungern musste und wohl f\u00fcr gew\u00f6hnlich auch keine Kinder bekam. Als h\u00e4tte man sich nicht auch auf andere Weise mit machtversessenen Dummschw\u00e4tzern und pseudowissenschaftlichen Scharlatanen auseinandersetzen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die philosophische Dekonstruktion, die der armen alten Natur des Menschen reclusscher und kropotkinscher Pr\u00e4gung so b\u00f6s zu Leibe r\u00fcckte, war (und ist) im Grunde nichts weiter als eine neuerliche Verzauberung der Welt. Heraus kam ein vorgeblich kulturell beliebig ver\u00e4nderbares soziales Lebewesen. Selbstverst\u00e4ndlich ist jedes philosophische Subjekt eine zeitgebundene, abstrahierende Konstruktion. Aber genau deswegen k\u00f6nnte es sich als n\u00fctzlich erweisen, in unseren Tagen einen kleinen Umbau vorzunehmen. Die Wiederkehr der Natur des Menschen w\u00e4re dann nicht als ahistorische Universalie zu begreifen, sondern als zeitgebundene, zweckdienliche Notwendigkeit, um zu einem anderen Politikverst\u00e4ndnis zu gelangen; einem Verst\u00e4ndnis, das es erm\u00f6glichen w\u00fcrde, Menschen (wieder) als Teile nat\u00fcrlicher Zyklen zu begreifen und so der \u00f6kologischen Katastrophe besser entgegenzuwirken, die das gesamte Leben auf diesem Planeten bedroht. Sie w\u00e4re, schlicht und ergreifend, brauchbarer als ihr postmoderner Konterpart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Distanz, die vor allem zwischen den Menschen des reichen Nordens und Westens und der nat\u00fcrlichen Welt besteht, k\u00f6nnte verringert werden. Praktischer Nutzen ginge hier, ganz pragmatisch, vor Wahrheitsanspruch. Der kanadische Wissenschaftsjournalist David Suzuki, Tr\u00e4ger des alternativen Nobelpreises, hat mit seiner &#8222;Declaration of Interdependence&#8220; (2010), einer (erstgemeinten) Parodie der US-amerikanischen &#8222;Declaration of Independence&#8220;, einen solchen Versuch unternommen. Der sch\u00f6ne Satz Ludwig Wittgensteins, die Naturwissenschaften h\u00e4tten nur erkl\u00e4rt, wie die Welt sei, aber nicht, warum, ist f\u00fcr eine solche Neudeutung der Natur des Menschen im linkspolitischen Kontext kein Hindernis. Denn es br\u00e4uchte gar kein &#8222;Warum?&#8220;. Es gen\u00fcgte ein simples: &#8222;Dass&#8220;. Anders ausgedr\u00fcckt: All die hoffnungsvollen, sinnstiftenden Zuschreibungen der Vergangenheit, etwa, dass &#8222;Der Mensch von Natur aus zu H\u00f6herem strebe&#8220; oder ein &#8222;nat\u00fcrliches Bed\u00fcrfnis nach Gerechtigkeit&#8220; habe, w\u00e4ren zu ersetzen durch etwas weit Schmuckloseres. Durch das Ziel n\u00e4mlich, das Leben auf dem Planeten Erde &#8211; alles Leben wohlgemerkt &#8211; zu erhalten, zu sch\u00fctzen und in einem ungef\u00e4hrdeten Gleichgewicht zu halten. Eine \u00fcberzeugt poststrukturalistische Freundin von mir pflegte gerne mit etwas schuldbewusstem L\u00e4cheln zu sagen: &#8222;Immer wenn ich Menstruationsschmerzen habe, zweifle ich an Judith Butler.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht w\u00e4re es gut, sich dieses Zweifels zumindest nicht l\u00e4nger zu sch\u00e4men.<b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die libert\u00e4re Revolution sollte unnat\u00fcrliche Behinderungen der Entfaltung dieses nat\u00fcrlichen Lebens beseitigen. Die Natur zog gewisserma\u00dfen gemeinsam mit den Anarchistinnen und Anarchisten in den Kampf. 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