{"id":17359,"date":"2017-03-01T00:00:00","date_gmt":"2017-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/make-food-not-borders\/"},"modified":"2022-01-21T12:42:38","modified_gmt":"2022-01-21T10:42:38","slug":"make-food-not-borders","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/03\/make-food-not-borders\/","title":{"rendered":"Make food, not borders!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;foodnotborders kocht wieder!&#8220;, so erfahre ich es an einem tr\u00fcben Novembertag \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/foodnotborders\/\">https:\/\/www.facebook.com\/foodnotborders\/<\/a>. Der vielsagende Name der Gruppe sagt mir erstmal nichts und ich stutze kurz. Beim Blick auf die fb-Seite best\u00e4tigt sich dann die erste Vermutung: Es handelt sich um eine Gruppe junger Leute, die gegen Spende kochen. Anschlie\u00dfend leiten sie das Geld an soziale, politisch-emanzipatorische Projekte, Gruppen und Einzelpersonen bzw. Aktivist_innen weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Schon wieder so ein paar mitteleurop\u00e4ische Wohlstandskinder, die sich ein reines Gewissen erkaufen wollen&#8220;, denke ich im ersten Moment n\u00fcchtern. Doch dann kommt mir der Gedanke, dass ich mir das Ganze mal anschauen k\u00f6nnte. Warum denn auch nicht, gibt ja schlie\u00dflich was zu Essen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gesagt, getan: Per E-Mail nehme ich mit der Gruppe Kontakt auf. Wir verabreden, dass ich bei der n\u00e4chsten Kochaktion dabei sein und der Gruppe ein paar Fragen stellen kann. Besagte Aktion findet am 10. Dezember im Rahmen eines Stadtteilfests im halleschen Stadtteil Freiimfelde statt, und ich mache mich an dem Nachmittag fr\u00fcher als n\u00f6tig auf den Weg, um schon vor Beginn der Aktion ein paar Worte mit den Aktivist_innen zu wechseln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Freiimfelde angekommen begebe ich mich direkt zur &#8222;Brache&#8220;, wo ich die Aktivist_innen an ihrem Stand treffen m\u00f6chte. Die &#8222;Brache&#8220; sieht so aus, wie es sich anh\u00f6rt: Es handelt sich dabei um ein gr\u00f6\u00dferes, etwas heruntergekommenes Grundst\u00fcck, das momentan von den dortigen Stadtteilinitiativen wieder in Schuss gebracht wird. Am Rande der Brache treffe ich auf Cosima, die mich &#8211; mehrere Werkzeuge unter Arm tragend &#8211; fragt, ob ich &#8222;dieser Typ&#8220; von der Graswurzelrevolution sei. Ich bejahe das, und sie trommelt im Handumdrehen auch Hannah, Carla und Isabel zusammen. Ich bin zun\u00e4chst stutzig, da ein dumpfes Bauchgef\u00fchl mir sagt, dass mein Eindruck sich best\u00e4tigen k\u00f6nnte, lasse mich aber drauf ein und die vier erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst erz\u00e4hlen sie mir davon, wie alles begonnen hat: Alle vier sind Student_innen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein, und dort hat die Gruppe auch ihren Ursprung. Der Grundgedanke war von Anfang an, Kochaktionen zu organisieren mit dem Hintergrund, nicht nur globale Inhalte zu ber\u00fccksichtigen (\u00f6kologisch, sozial, tierethisch, politisch), sondern Essen direkt auch f\u00fcr alle zug\u00e4nglich zu machen &#8211; unabh\u00e4ngig von finanziellen Verh\u00e4ltnissen. Dar\u00fcber hinaus stand der Gedanke im Mittelpunkt, die eigenen Privilegien zu nutzen und einen Teil der Zeit des Studiums und auch dort vor Ort wiederum finanzielle Mittel zu generieren, die dann in progressive Projekte andernorts flie\u00dfen k\u00f6nnen. Zuletzt ging und geht es darum, eine Plattform zu schaffen, Themen und Ereignisse sichtbar zu machen, indem diese bewusst in einem universit\u00e4ren Kontext getragen werden und zur Diskussion, zur Auseinandersetzung frei gegeben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gruppe bestand zun\u00e4chst aus einem Kern von acht Leuten sowie einem kleinen Unterst\u00fctzungskreis, wobei dann schnell klar wurde: Da kann man auch mehr draus machen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also belie\u00df man es nicht dabei, nur zu kochen, sondern verband das Ganze mit praktischer Hilfe in Form von Spendensammlungen. Das Prinzip ist einfach: Die Gruppe k\u00fcndigt ihre Kochaktion kurze Zeit vorher an, und wenn es soweit ist, wird gegen Spende gekocht. Die Spenden, die bisher dabei eingenommen worden sind, gingen jeweils an das Medinetz Halle e.V., eine Initiative zur medizinischen Versorgung von Gefl\u00fcchteten, sowie an selbstorganisierte Fl\u00fcchtlingsproteste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl der Name, angelehnt an die &#8222;Food Not Bombs&#8220;-Bewegung auf derzeitige Verh\u00e4ltnisse und Themen anspricht, ist angedacht, \u00fcber antirassistische Initiativen und Proteste Gefl\u00fcchteter hinaus auch Geld an andere unterst\u00fctzenswerte Projekte und marginalisierte Gruppen flie\u00dfen zu lassen, wie beispielsweise das Ladyfest in St. Petersburg oder das lokale freie Radio.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kochaktionen selber sind durch Essensspenden m\u00f6glich, die u.a. vom Bioladen &#8222;\u00d6ko Halle&#8220; kommen, wobei es sich ausschlie\u00dflich um bio-vegane Lebensmittel handelt. Au\u00dfer von &#8222;\u00d6ko Halle&#8220; wird die Gruppe noch von einer lokalen G\u00e4rtnerei unterst\u00fctzt. Insgesamt habe man bei sieben Veranstaltungen \u00fcber das ganze Jahr 2016 hinweg verteilt ca. 2.500 Euro an Spendengeldern eingenommen. Gekocht wurde u.a. bei der Jahresausstellung der Burg Giebichenstein bzw. bei der F\u00eate de la Musique, erz\u00e4hlen mir die Aktivist_innen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die Frage, was bei den Aktionen im Mittelpunkt steht, erhalte ich verschiedene Antworten. Isabel meint, dass das gemeinsame Essen Gemeinschaft schaffe, und Hannah betont noch einmal, dass der kulinarische Aspekt ebenfalls wichtig sei &#8211; das Essen soll in jedem Fall vegan, saisonal und auch regional sein. Die Gruppe hat in diesem Punkt also einen hohen Anspruch an sich selbst, jedoch ist das Essen an sich bzw. die Tatsache, dass der Genuss viel zu sehr im Mittelpunkt steht, der kritischste Aspekt an dem ganzen Projekt: Wo man sich eigentlich kritisch mit einer Thematik auseinandersetzen sollte, steht der Konsum im Vordergrund. Die Gruppe ist sich dessen bewusst, wei\u00df aber nicht, wie dieser Widerspruch gel\u00f6st werden kann. Vielleicht muss er auch gar nicht gel\u00f6st werden, denn wichtig ist, was bei den Aktivit\u00e4ten der Gruppe an Geld rumkommt, und das ist in der Tat eine Menge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber hinaus schafft die Gruppe einen Spagat, den viele nicht so leicht hinbekommen: die Balance zwischen der Unterst\u00fctzung lokaler und nicht-lokaler Initiativen: So bleiben die eingenommenen Spenden teilweise vor Ort in Halle, aber man hat beispielsweise auch schon eine gr\u00f6\u00dfere Menge Geld bei den Leuten vom &#8222;No Border Kitchen&#8220; auf Lesbos vorbeigebracht, wie Cosima erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Stelle muss das Gespr\u00e4ch leider unterbrochen werden, denn wir haben uns verquatscht. Die Gruppe ger\u00e4t etwas unter Zeitdruck, weshalb ich mich aufmache. Wir einigen uns aber darauf, sp\u00e4ter in einer ruhigen Minute nochmal kurz miteinander zu reden. Ungef\u00e4hr zwei bis drei Stunden sp\u00e4ter komme ich zur\u00fcck, in freudiger Erwartung der Fortsetzung des Gespr\u00e4chs, doch schnell stelle ich fest: Bei dem Andrang, der hier gerade herrscht, wird das nie was. Anscheinend schmeckt der Borschtsch so gut wie er riecht, weshalb ich mich ebenfalls anstelle, um davon zu probieren. Gleich beim ersten Bissen denke ich mir: &#8222;Lecker! Ist schon eine tolle Sache, wenn Solidarit\u00e4t durch den Magen geht und dabei auch noch so gut schmeckt!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu guter Letzt muss ich mir dann auch eingestehen, dass sich mein anf\u00e4nglicher Eindruck nicht best\u00e4tigt hat: von wegen &#8222;mitteleurop\u00e4ische Wohlstandskinder, die sich ein reines Gewissen erkaufen wollen&#8220;! Man merkt, mit wieviel Elan und Eifer die Aktivistinnen bei der Sache sind. Die machen das nicht f\u00fcr sich, sondern f\u00fcr diejenigen, die auf Hilfe dringend angewiesen sind &#8211; und auch wenn sich dabei der Widerspruch zwischen kritischem Anspruch und konsumorientierter Wirklichkeit nicht aufl\u00f6sen l\u00e4sst: Hier wird bei Veranstaltungen, die Spa\u00df machen und bei denen leckeres Essen gekocht wird, Geld gesammelt f\u00fcr Initiativen, die auf Unterst\u00fctzung dringend angewiesen sind. Das ist das, was z\u00e4hlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;foodnotborders kocht wieder!&#8220;, so erfahre ich es an einem tr\u00fcben Novembertag \u00fcber https:\/\/www.facebook.com\/foodnotborders\/. Der vielsagende Name der Gruppe sagt mir erstmal nichts und ich stutze kurz. Beim Blick auf die fb-Seite best\u00e4tigt sich dann die erste Vermutung: Es handelt sich um eine Gruppe junger Leute, die gegen Spende kochen. 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