{"id":17363,"date":"2017-11-01T00:00:00","date_gmt":"2017-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/11\/libertaerer-sozialismus-statt-nationalismus\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:03","slug":"libertaerer-sozialismus-statt-nationalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/11\/libertaerer-sozialismus-statt-nationalismus\/","title":{"rendered":"Libert\u00e4rer Sozialismus statt Nationalismus"},"content":{"rendered":"<p>Nein, im Ernst, ich strebe einen Libert\u00e4ren Sozialismus an. Anarchie ist f\u00fcr mich nicht Regellosigkeit, sondern die &#8222;h\u00f6chste Form von Ordnung&#8220;, eine solidarische Gesellschaft, gewaltfrei und herrschaftslos. Ziel des Anarchismus ist eine vielf\u00e4ltige, menschen- und umweltfreundliche Gesellschaft, die im Gegensatz zum Kapitalismus nicht auf Ausbeutung, Gewalt, Spaltung und Konkurrenz setzt, sondern auf die Prinzipien der Gegenseitigen Hilfe, Gleichheit und freien Assoziation. In unserer Utopie ist kein Platz f\u00fcr Grenzen, Rassismus, Sexismus und Patriotismus.<\/p>\n<p>Ich lehne jeden Nationalismus ab, sei er nun deutscher, spanischer oder katalanischer Pr\u00e4gung. &#8222;Separatismus&#8220; ist letztlich auch eine Form von Nationalismus, zu Ende gedacht inklusive neue Grenzen, neue Staaten, neue Abspaltungen, Ausgrenzungen und Staats-Gewalt. Bringt das die Menschen in Katalonien und Spanien weiter? Wie soll uns das einer ohne Herrschaft und Grenzen funktionierenden solidarischen Gesellschaft n\u00e4her bringen?<\/p>\n<p>In meinen Augen ist es skurril, dass auch einige AnarchistInnen glauben, der katalanische Nationalismus sei zu unterst\u00fctzen und emanzipatorisch. Auch wenn der Katalonien-Kenner Raul Zelik meint, die katalanische Nationalbewegung w\u00e4re &#8222;eher links&#8220;, warum sollte ein katalanischer Nationalstaat weniger schlimm sein als der spanische?<\/p>\n<h3>Auch der spanische Nationalismus ist ein \u00dcbel<\/h3>\n<p>Die Gewaltexzesse der Guardia Civil bzw. des Spanischen Staates und die Kommunikationsverweigerung der spanischen Regierung sind aufs Sch\u00e4rfste zu verurteilen. Der auch von den anarchosyndikalistischen Gewerkschaften CNT und CGT getragene Generalstreik in Katalonien war dagegen eine angemessene, gewaltfreie Antwort auf die Repression des Staates. Es ist ermutigend, dass sich am 3. Oktober 2017 Millionen Menschen an dieser Direkten Gewaltfreien Aktion beteiligt haben.<\/p>\n<p>Aus gewaltfrei-anarchistischer Sicht ist zu kritisieren, dass die katalanische Regionalregierung den Konflikt eskaliert hat. Die katalanischen Nationalisten unter F\u00fchrung von Carles Puigdemont haben in Kauf genommen oder gar darauf spekuliert, dass der Spanische Staat seine Kn\u00fcppelgarden von der Kette l\u00e4sst. Damit spielen sie der spanischen Minderheitsregierung der rechtskonservativen Partido Popular (PP) in die H\u00e4nde und erh\u00f6hen die Gefahr b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlicher Zust\u00e4nde. Einer m\u00f6glichst gewaltfreien, eivernehmlichen L\u00f6sung diente das aus spanischer Sicht verfassungswidrige Referendum, an dem sich am 1. Oktober 2017 nur eine Minderheit von 42,3 % der wahlberechtigten Katalanen beteiligt hat, nicht.<\/p>\n<p>Gespr\u00e4che, um die Situation zu entsch\u00e4rfen, wurden nach dem 1. Oktober von hunderttausenden DemonstrantInnen gefordert. Gut so. Aber die reaktion\u00e4re spanische Regierung verweigert bisher (zumindest \u00f6ffentlich) jedes deeskalierende Gespr\u00e4ch, weil sie bei ihren spanischen Nationalisten nicht als &#8222;schwach&#8220; erscheinen will. Spanien Regierungschef Mariano Rajoy hat die derzeitige Situation mit zu verantworten und treibt als nationalistischer Scharfmacher immer mehr Menschen in die H\u00e4nde der Nationalisten sowohl auf spanischer als auch auf katalanischer Seite.<\/p>\n<p>Ich bin kein Freund von Regierungen, auch nicht von Regionalregierungen. Eine Interimsl\u00f6sung zur Deeskalation des Konflikts kann durch Kommunikation erreicht werden. Autonomie! Aber ein neuer Staat? Nein danke. Staatsfreie Zonen als L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Es ist nicht alles schwarz oder wei\u00df. Jeder Nationalismus ist mir suspekt. Ein katalanischer Staat w\u00e4re vor allem eins, ein Staat, mit allem was dazu geh\u00f6rt. Und zu glauben, dass ausgerechnet die am st\u00e4rksten vom Kapitalismus durchdrungene Boomregion Spaniens nach Ausrufung eines katalanischen Staates pl\u00f6tzlich emanzipatorischer und nicht mehr kapitalistisch sein k\u00f6nnte, ist, \u00f6h\u00f6m, ein bisschen weltfremd. Das zeigt die Geschichte, aus der wir lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Graswurzelrevolution\u00e4rInnen unterst\u00fctzen anarchistische, gewaltfreie, feministische, antimilitaristische, antisexistische, antifaschistische und andere emanzipatorische AktivistInnen &#8211; \u00fcberall.<\/p>\n<p>Nationalisten haben mit einer egalit\u00e4ren Emanzipation aller Menschen aber nichts am Hut. Im Gegenteil. Sie wollen spalten und herrschen. Ein Teil der katalanischen Bev\u00f6lkerung will, dass Katalonien nicht mehr Teil Spaniens ist, aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden. Einigen Katalanen (vielleicht 45%?) erscheint die Abspaltung von Spanien als Ausweg, um mehr Rechte zu bekommen. Sie f\u00fchlen sich von Madrid bevormundet. Daf\u00fcr ist auch die R\u00fccknahme einer Erweiterung der katalanischen Autonomierechte verantwortlich, die auf Betreiben von Rajoys Partido Popular juristisch erwirkt wurde. Das wurde von vielen Katalanen als Dem\u00fctigung empfunden. Viele Katalanen wollen lieber eine katalanische Republik als weiterhin in einem spanischen K\u00f6nigreich zu leben.<\/p>\n<p>Reichen diese Gr\u00fcnde aus, um dem anderen, \u00e4hnlich gro\u00dfen Teil der nicht auf Abspaltung von Spanien setzenden Bev\u00f6lkerung in Katalonien zu ignorieren? Warum sollten wir die katalanischen NationalistInnen unterst\u00fctzen?<\/p>\n<p>Und was ist mit den katalanischen KapitalistInnen? Barcelona ist ein Paradies f\u00fcr Spekulanten und Konzerne.<\/p>\n<p>Die m\u00f6chten, dass &#8222;ihr&#8220; Geld im eigenen Staat Katalonien bleibt, anstatt weiterhin einen Teil davon umzuverteilen und auch \u00e4rmere Regionen Spaniens finanziell zu unterst\u00fctzen. Ein Teil der Elite aus der reichsten Region Spaniens m\u00f6chte einen eigenen Staat gr\u00fcnden, damit er von den eigenen Pfr\u00fcnden nichts abgeben muss.<\/p>\n<p>Oder meint jemand ernsthaft, dass hinter dem katalanischen Nationalismus keine kapitalistischen Profitinteressen stehen? Nationalistisch denkende katalanische Eliten spielen bei diesem Konflikt eine nicht zu untersch\u00e4tzende Rolle. Aber sie und ihre Unterst\u00fctzerInnen haben nicht bedacht, dass Barcelona eine globalisierte Stadt ist und dass nun viele Konzerne und Betriebe Katalonien verlassen, weil sie einen Austritt Kataloniens aus Spanien und damit auch aus der EU bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, im Ernst, ich strebe einen Libert\u00e4ren Sozialismus an. Anarchie ist f\u00fcr mich nicht Regellosigkeit, sondern die &#8222;h\u00f6chste Form von Ordnung&#8220;, eine solidarische Gesellschaft, gewaltfrei und herrschaftslos. 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