{"id":17367,"date":"2017-11-01T00:00:00","date_gmt":"2017-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/11\/die-rampe-in-mitte\/"},"modified":"2022-07-26T13:56:30","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:30","slug":"die-rampe-in-mitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/11\/die-rampe-in-mitte\/","title":{"rendered":"Die Rampe in Mitte"},"content":{"rendered":"<p>Am Rande des mit Hauptbahnhof und Regierungsviertel unverhofft in den Mittelpunkt der Geschichte ger\u00fcckten Stadtteils Berlin-Moabit, befinden sich die sp\u00e4rlichen Reste eines bis vor wenigen Jahren noch ausgedehnten zentralen G\u00fcterbahnhofs. Die jetzigen Schienenanlagen der DB liegen zwischen seinem ehemaligen Gel\u00e4nde, dem Kraftwerk Moabit und dem Westhafen. Ein \u00f6der Ort, an dem die Wohnbebauung mit der Quitzowstra\u00dfe abrupt aufh\u00f6rt und auf der anderen Stra\u00dfenseite in einige unspektakul\u00e4re Gewerbebauten und -grundst\u00fccke \u00fcbergeht.<\/p>\n<p>Eingeklemmt zwischen Lidl-Parkplatz und Baumarkt Hellweg [sic!] befindet sich aus zun\u00e4chst unersichtlichen Gr\u00fcnden ein kurzes St\u00fcck Kopfsteinpflasterstra\u00dfe, das f\u00fcr den Autoverkehr gesperrt ist und das bezugslos vor dem neuen Autoschnellweg der Ellen-Epstein-Stra\u00dfe, benannt nach der bei Riga ermordeten j\u00fcdischen Avantgarde-Pianistin, endet. Eine Sackgasse. Neuerdings ragen aus diesem alten Pflaster an der Ellen-Epstein-Stra\u00dfe einige kleine Kiefern, die eine Durchfahrt f\u00fcr Kraftwagen nun ganz unm\u00f6glich machen.<\/p>\n<p>Wer genauer hinsieht, wird auch ein St\u00fcck offensichtlich neu einbetoniertes Gleis quer zum Weg und daneben einen im galoppierenden Verfall begriffenen kurzen Rest einer alten Bahnsteigkante mit ihren durchrostenden Stahlarmierungen entdecken. W\u00e4re da nicht die fast tarnfarbene Roststahl-Infostele, die jedoch nur einseitig entgegen der Fahrtrichtung beschriftet ist und dem Vor\u00fcbergehenden und -fahrenden oder den dort Aufgestauten nur ihre rostig-leere R\u00fcckseite zeigt, w\u00fcrde der zuf\u00e4llig vorbeigehende Passant dort mit kaum einem unterbrochenen Lidschlag vorbei- oder durchgehen. Die 20 B\u00e4umchen mit ihren wei\u00dfgekalkten St\u00e4mmchen irritieren kaum. Eine neue pflegeleichte Mini-Gr\u00fcnanlage eben, vielleicht ein probates Hundeklo. Direkt daneben steht praktischer Weise der Beutelspender.<\/p>\n<p>Liest der aufmerksame Flaneur oder eine Lidl-Kundin allerdings zuf\u00e4llig die R\u00fcckseite dieser verungl\u00fcckten Infostele &#8211; mensch muss allerdings schon direkt davor stehen &#8211; wird er oder sie schockiert feststellen, dass er am Endpunkt eines Deportationsweges steht. Der ging ab 1942 von der Synagoge Levetzowstra\u00dfe und anderen &#8222;Sammelstellen&#8220; wie dem j\u00fcdischen Altenheim Gro\u00dfe Hamburger Stra\u00dfe, mitten durch belebtes Stadtgebiet f\u00fcr gesch\u00e4tzte 30.000 j\u00fcdischst\u00e4mmige Berliner Menschen jeden Alters in die Transportz\u00fcge zu den Vernichtungslagern im Osten. \u00dcber das Gel\u00e4nde rast heute der Verkehr. Vermarktung und Umwidmung der sonstigen umliegenden Bahn-Grundst\u00fccke geben dem Ort den Rest, so dass von ihm nur ein k\u00fcmmerlicher Zipfel blieb, an dem anscheinend tunlichst nichts an den fahrplanm\u00e4\u00dfigen Mord an von hier verschubten Berliner*innen erinnern sollte. Eine d\u00fcnne helle Stahl-Stele, die an der Quitzowstra\u00dfe neben dem Lidl-Supermarkt am Weg steht, war bis vor kurzem alles. Ich selbst habe sie jahrelang \u00fcbersehen und wusste nicht, dass dies genau der Ort war, \u00fcber dessen genaue Lage ich oft genug ger\u00e4tselt hatte. Ein Ort, an dem st\u00e4ndig wilder M\u00fcll abgeladen wurde.<\/p>\n<p>Wohl kannte ich das beeindruckende edelst\u00e4hlerne Monument der Judendeportation auf der Putlitzbr\u00fccke, die Darstellung einer verwundenen, in den Himmel weisenden und abbrechenden, abkippenden Treppe, herauswachsend aus einem Davidstern. Ein Denkmal, auf das Neonazis mehrfach Anschl\u00e4ge ver\u00fcbten, teils mit Sprengstoff. Aber dass der eigentliche Ort rund tausend Meter weiter lag, Luftlinie h\u00f6chstens zweihundert Meter von meiner Wohnung entfernt, wusste ich nicht, bis ich mehr aus Zufall die unauff\u00e4llige Edelstahl-Tafel mit dem Infotext an der Quitzowstra\u00dfe entdeckte.<\/p>\n<p>W\u00e4ren da nicht einige Menschen gewesen, die im Jahr 2011 die Initiative &#8222;Sie waren Nachbarn&#8220; aus der Taufe hoben, w\u00e4re vielleicht heute noch unbekannt, dass Berlin-Moabit der Hauptdeportationsort der etwa 55.000 aus ihrer Heimat herausgerissenen und umgebrachten j\u00fcdischst\u00e4mmigen B\u00fcrger*innen Berlins war und nicht etwa der weitab vom Zentrum gelegene Bahnhof Grunewald mit seinem Mahnmal. Insgesamt hatten etwa 200.000 j\u00fcdischst\u00e4mmige Menschen in Berlin gelebt, bis die zw\u00f6lf furchtbaren Jahre des &#8222;Tausendj\u00e4hrigen III. Reichs&#8220; anbrachen. Die meisten waren noch vor den Transporten ins Nichts in das Elend der Emigration entkommen.<\/p>\n<p>Die Initiative stie\u00df 2013 mit den drei Aktionswochen &#8222;Ihr letzter Weg&#8220; (Lesungen, Filme, Theater, Musikdarbietungen, Performances, Aktionen, Ausstellungen, Plakaten, Flyer, Website) B\u00fcrger*innen und Verantwortliche in Senat und im Stadtteil Moabit-Tiergarten buchst\u00e4blich mit der Nase darauf, dass mitten durch ihre Hauptverkehrsstra\u00dfen, vor aller Augen, Mitmenschen in Schimpf und Schande zur Milit\u00e4rrampe des G\u00fcter(!)-Bahnhofs getrieben oder gekarrt wurden: die Initiative markierte halblegal diesen Weg der Schande auff\u00e4llig mit Spr\u00fchkreide, Aufklebern und Plakaten, und brachte so die in Politik und Verwaltung l\u00e4ngst versandete Sichtbarmachung eines Gedenkortes am Endpunkt dieses Weges ins Rollen. ((1))<\/p>\n<p>Lottogelder wurden pl\u00f6tzlich locker gemacht und f\u00fcr zehn handverlesene K\u00fcnstler*innen und Kunstgruppen, mit denen die Verwaltung gute Erfahrungen in Erstellung und Abrechnung hatte, ein Wettbewerb f\u00fcr eine angemessene Gedenkst\u00e4tte ausgeschrieben. Wie ein paar Mitglieder der Initiative schon geahnt hatten, war das Ergebnis im Rahmen der bewilligten 150.000 Euro d\u00fcrftig. Der als bester gek\u00fcrte Entwurf der Gruppe &#8222;Raumlabor&#8220; [raumlabor.net] wurde genommen &#8211; &#8222;alle anderen&#8220;, so hie\u00df es, seien &#8222;noch schlechter gewesen&#8220;.<\/p>\n<p>Raumlabor phantastierte sich dort an der Rampe eine &#8222;lebendige Insel&#8220; in einer sonst trostlosen Industrie- und Verkehrswegelandschaft zurecht und k\u00fcrte hierzu ausgerechnet die in der &#8222;Brandenburger Streusandb\u00fcchse&#8220; und Berlin millionenfach vorhandenen Allerweltskiefern zur Begr\u00fcnung. Die sollten nun aus der nahezu Unsichtbarkeit einer gr\u00f6\u00dferen Pr\u00e4senz entgegenwachsen, wie h\u00fcbsche Bilder schlau zeigten. Am neuerbauten BND-Hauptsitz Chausseestra\u00dfe fiel die Wahl der &#8222;Kunst-am-Bau&#8220;-Akteur*innen auch auf diesen Baum &#8211; allerdings in Form ganz ausgewachsener Exemplare. Das war wohl mit den 150.000 Euro f\u00fcr den wohlfeilen Gedenkort im benachbarten Moabit nicht drin.<\/p>\n<p>So geriet denn der neue Gedenkort zu einem mickrigen Hainlein, schon \u00fcberragt von den B\u00e4umen des anliegenden Lidl-Parkplatzes, ein Hainlein dessen Erstellungskosten bei einem ordentlichen Gartenbaubetrieb kaum die 15.000 Euro \u00fcberschritten haben d\u00fcrften. Nicht einmal die Reste der historisch eminent wichtigen, inzwischen unter Denkmalschutz gestellten Original-Rampe, deren gr\u00f6\u00dfter Teil unter dem LIDL-Parkplatz versch\u00fcttet liegt, wurden konserviert! Ganz zu schweigen von den ohnehin wenigen \u00fcbrigen, durch die Kiefern-Pflanzaktion zus\u00e4tzlich entfernten Original-Plastersteinen des historischen Wegrestes, \u00fcber den zehntausende F\u00fc\u00dfe in die Vernichtungsfalle tappten.<\/p>\n<p>W\u00e4ren da nicht &#8211; wenn schon B\u00e4ume &#8211; die vom polnischen K\u00fcnstler ?ukasz Surowiec auf Auschwitzboden gewachsenen Birken, vorgestellt auf der 7. Berliner Biennale 2012, angemessener, mutiger und nachhaltiger gewesen?<\/p>\n<p>Ich versuchte damals etwa zwanzig von der Kunstaktion noch \u00fcbriggebliebene Birken vergeblich auf genau diesem Gel\u00e4nde zu platzieren. B\u00fcrokratie und ungekl\u00e4rte Eigentumsverh\u00e4ltnisse standen dem entgegen. Stattdessen wurden urpl\u00f6tzlich vor zwei Jahren dort Linden angepflanzt, die zum Zweck der Umsetzung des Raumlabor-Entwurfs, gerade angewachsen, nun wieder ausgerupft wurden. Auch die hatten wohlgemerkt Geld gekostet. ((2))\u00a0((3))<\/p>\n<h3>\u00dcberhaupt, B\u00e4ume:<\/h3>\n<p>Besonders im Sommer f\u00e4llt auf, dass sich um das Kieferninselchen der Gruppe Raumlabor haufenweise B\u00e4ume scharen: Auf den Gesch\u00e4ftsparkpl\u00e4tzen der benachbarten Superm\u00e4rkte, auf den umliegenden Brachen, auf dem Bahngel\u00e4nde, sowie der lange schon begr\u00fcnten Quitzowstra\u00dfe. Keine Spur von Kahlheit. Meist sind diese B\u00e4ume, teils in unmittelbarer Nachbarschaft, wesentlich gr\u00f6\u00dfer als die gepflanzten vier bis f\u00fcnf Meter hohen Kiefern. Sogar wilde Kiefern wachsen schon im Umfeld, demn\u00e4chst sicher noch mehr. Der Kiefernhain am Deportationsort versinkt schier im umgebenden Gr\u00fcn und es wird Jahrzehnte brauchen, bis \u00fcberhaupt jemand bemerkt, dass dort Kiefern stehen &#8211; falls sie noch stehen: die ersten sind schon braun. Kiefern stehen an jeder Ecke Berlins. W\u00e4ren es wenigstens Mammutb\u00e4ume f\u00fcr das hier begangene Mammutverbrechen!<\/p>\n<p>Die Nazis jedenfalls, die sonst kaum eine Woche vergehen lie\u00dfen, ohne das provisorische Hinweisschild der Initiative &#8222;Sie waren Nachbarn&#8220; &#8211; HIER FUHREN Z\u00dcGE INS GAS &#8211; zu beschmieren, zu kommentieren oder ganz zu zerst\u00f6ren, scheinen zufrieden: Mit dem unauff\u00e4lligen Flecken &#8222;doitschen&#8220; Wald k\u00f6nnen sie anscheinend gut leben. Da ist buchst\u00e4blich Gras \u00fcber die Geschichte gewachsen.<\/p>\n<p>Unwillk\u00fcrlich fragt man sich auch, ob nicht etwa bei der Auswahl der Gestaltung des Mahnortes auf die Vermarktungsinteressen des benachbarten Lidl-Supermarktes R\u00fccksicht genommen worden sein k\u00f6nnte. Dessen Leitung w\u00e4re sicher nicht gl\u00fccklich dar\u00fcber, wenn der Kundschaft allzu deutlich zu Bewusstsein stiege, direkt auf einer Deportationsrampe nach Auschwitz, Treblinka und anderer Orte des Grauens zu parken und so dabei wom\u00f6glich, volle Lebensmittelt\u00fcten schleppend, die skelettartigen Hungergestalten einstiger Berliner Mitb\u00fcrger*innen vor Augen zu haben. Eine makabere Vorstellung.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>An dieser Stelle und in Korrelation zum Mahnmal Putlitzbr\u00fccke wurde eine gro\u00dfe Chance vertan, gerade in heutigen Zeiten erneut aufbrodelnder Fremdenfeindlichkeit, des wachsenden Antisemitismus und des dumpfen Neonationalismus, f\u00fcr Alle einen bewusstseinsbildenden Ort zu schaffen, der Vorbeikommende alarmiert aufmerken l\u00e4sst. Einziger Trost mag sein, dass es gelungen ist, Sch\u00fcler*innen und Lehrer*innen der gegen\u00fcberliegenden Theodor-Heuss-Schule in die Pflege des Gedenkortes mit einzubinden, ein Verdienst einzelner Mitglieder der Initiative &#8222;Sie waren Nachbarn&#8220;.<\/p>\n<p>Die Schule hie\u00df \u00fcbrigens bis vor kurzem noch Moses-Mendelsohn-Schule, benannt nach dem ber\u00fchmten preu\u00dfisch-j\u00fcdischen Aufkl\u00e4rer.<\/p>\n<p>Kurzschl\u00fcssig wurde der Schulname beim Zusammenlegen verschiedener Schulen in die wohlbeleumundete Theodor Heuss Schule umgewidmet, offenbar ohne zu bedenken, an welchem Ort das neue Schulgebilde liegt und wie diese Umbenennung wahrgenommen werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ungegangen bleibt, trotz neueingerichteter Gedenkst\u00e4tte, weiter der Weg zur gekennzeichneten Deportationsroute durch den Stadtteil. Zwar ist diese in einer Variante auf der Infostele am Gedenkort eingezeichnet, aber der Weg der Deportation selbst durch Berlin-Moabit ist unsichtbar wie eh und je.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich h\u00e4lt sich die Sehnsucht von stadtentwickelnder Politik und Verwaltung nach einem solchen &#8222;Walk of Shame&#8220;, mitten durch die immer mehr gentrifizierte neub\u00fcrgerliche Moabiter Beschaulichkeit, in Grenzen.<\/p>\n<p>Wie sagte doch 2013, anl\u00e4sslich eines Gedankenaustauschs, der langj\u00e4hrige B\u00fcrgermeister Berlin-Mitte, Hanke (SPD) seinerzeit br\u00fcsk ablehnend? &#8222;Ein Deportationsweg durch Moabit ist kein Alleinstellungsmerkmal.&#8220;<\/p>\n<p>Doch kaum irgendwo in Berlin war die Strecke in die Todesz\u00fcge so frappant direkt f\u00fcr Alle sichtbar wie in Moabit. Sie heute als Mahnung f\u00fcr alle r\u00fcckblickend sichtbar zu machen, bleibt die Aufgabe der kommenden Jahre.<\/p>\n<p><b>R@lf G. Landmesser \/ LPA Berlin<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Rande des mit Hauptbahnhof und Regierungsviertel unverhofft in den Mittelpunkt der Geschichte ger\u00fcckten Stadtteils Berlin-Moabit, befinden sich die sp\u00e4rlichen Reste eines bis vor wenigen Jahren noch ausgedehnten zentralen G\u00fcterbahnhofs. Die jetzigen Schienenanlagen der DB liegen zwischen seinem ehemaligen Gel\u00e4nde, dem Kraftwerk Moabit und dem Westhafen. 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