{"id":17369,"date":"2017-11-01T00:00:00","date_gmt":"2017-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/11\/das-schwert-das-heilt\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:51","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:51","slug":"das-schwert-das-heilt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/11\/das-schwert-das-heilt\/","title":{"rendered":"&#8222;Das Schwert, das heilt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Diskussion zwischen Ward Churchill und George Lakey fand schon bald nach dessen Ver\u00f6ffentlichung von &#8222;Pacifism as Pathology. Reflections on the Role of Armed Struggle in North America&#8220; (1998) statt, n\u00e4mlich im Jahre 2001. Im Februar 2001, also noch vor den Anschl\u00e4gen auf das New Yorker World Trade Center, kam es zu einem \u00f6ffentlichen Streitgespr\u00e4ch zwischen beiden am Sitz der Universit\u00e4t von Colorado, Boulder, das laut Lakey in gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Wertsch\u00e4tzung ablief. Junge Leute aus dem Publikum bemerkten damals, in der Zeit nach dem &#8222;Battle of Seattle&#8220;, den Auseinandersetzungen um den WTO-Gipfel 1999, dass &#8222;sich zwei alte Aktivisten mit realen Meinungsverschiedenheiten dennoch wie Verb\u00fcndete&#8220; in der Sache austauschen konnten. Kurz darauf erschien George Lakeys Antwort auf &#8222;Pacifism as Pathology&#8220; unter dem Titel &#8222;The Sword That Heals&#8220; (Das Schwert, das heilt; Philadelphia 2001). Weil die Rezeption von Ward Churchills Thesen heute unter jungen &#8222;InsurrektionalistInnen&#8220; in Europa wieder auflebt, haben zwei belgische Gruppen f\u00fcr direkte gewaltfreie Aktion, &#8222;Agir pour la Paix&#8220; und &#8222;Quinoa&#8220;, 2017 eine \u00dcbersetzung von George Lakeys Antwort in franz\u00f6sischer Sprache publiziert: &#8222;10 mythes sur la lutte non-violente&#8220;\u00a0((1)), die in Belgien und Frankreich vertrieben wird. Beide Gruppen sind durch die an Paolo Freire angelehnte Trainingsmethode Lakeys, &#8222;Training for Change&#8220;, beeinflusst. &#8222;Agir pour la Paix&#8220; ist eine antimilitaristisch-pazifistische Gruppe f\u00fcr Volksbildung, die derzeit mittels \u00d6ffentlichkeitsarbeit und direkter gewaltfreier Aktion zwei Kampagnen f\u00fchrt, eine f\u00fcr die Entnuklearisierung Belgiens (rund 20 US-Atombomben sind noch immer auf belgischem Boden stationiert), eine zweite gegen den Waffenhandel auf europ\u00e4ischer Ebene. &#8222;Quinoa&#8220; (die Pflanze als Symbol) ist eine bildungspolitische Basisgruppe, die f\u00fcr Weltb\u00fcrgertum (global citizenship) eintritt.<\/p>\n<h3>Wer ist Ward Churchill? Wer ist George Lakey?<\/h3>\n<p>Ward Churchill (geb. 1947) war bis 2007 Professor f\u00fcr &#8222;Ethnic Studies&#8220; an der Universit\u00e4t von Colorado\/USA. Seine theoretischen Urspr\u00fcnge hat er in einer Verbindung von Marxismus und &#8222;American Indian Movement&#8220;, sein erstes Buch von 1984 hie\u00df: &#8222;Marxism and Native Americans&#8220;. Seither ist seine Publikationsliste lang und umfasst Themen wie Kulturimperialismus, das FBI-Repressionsprogramm COINTELPRO, das US-Gef\u00e4ngnissystem, die K\u00e4mpfe schwarzer bewaffneter Gruppen wie der Black Panther Party, Genozid und Ethnozid an indigenen V\u00f6lkern sowie sein &#8222;Pacifism as Pathology&#8220;. Sein Werdegang ist von zahlreichen Skandalen begleitet: Seine Vollprofessur hatte er 1997 im Rahmen eines Programms der positiven Diskriminierung als Angeh\u00f6riger der Native Americans erhalten. Sp\u00e4ter wurde ihm vorgeworfen, seine indianische Abstammung nur vorget\u00e4uscht zu haben, eine universit\u00e4re Untersuchung wurde allerdings eingestellt; doch eigene Angaben zu seiner Herkunft sind selbst widerspr\u00fcchlich. 1966 hat Ward Churchill als 19-J\u00e4hriger im Vietnamkrieg gedient. Seine Behauptung, dort habe er eine Spezialausbildung zum Bombenbau erhalten, deren Wissen er sp\u00e4ter der bewaffneten wei\u00dfen Gruppe &#8222;Weathermen&#8220; zur Verf\u00fcgung gestellt habe, erwies sich bei einer Recherche 2005 als frei erfunden. Er war in Vietnam als Soldat LKW-Fahrer und Filmvorf\u00fchrer gewesen. 2005, also vier Jahre nach der Auseinandersetzung mit Lakey, war das Jahr des gro\u00dfen Skandals f\u00fcr Churchill, als eine geplante Rede in einem College im Bundesstaat New York platzte, weil Passagen einer Schrift aus 2001, direkt nach den Anschl\u00e4gen des 11. September auf das World Trade Center, &#8222;On the Justice of Roostin Chickens&#8220; (B\u00f6se Taten fallen auf den \u00dcbelt\u00e4ter zur\u00fcck, das ist nur gerecht &#8211; der Ausdruck geht zur\u00fcck auf einen Ausspruch von Malcolm X nach dem Mord an Kennedy), einer breiteren \u00d6ffentlichkeit bekannt wurden. Darin hatte er den islamistischen Angriff auf das WTC legitimiert, indem er u.a. die dort Besch\u00e4ftigten aufgrund ihrer imperialistischen Verbrechen als lauter &#8222;kleine Eichm\u00e4nner&#8220; bezeichnete. Dies f\u00fchrte zu einem universit\u00e4ren Disziplinarverfahren gegen Churchill, in dessen Rahmen ihm f\u00fcnf F\u00e4lle von F\u00e4lschung und Plagiat nachgewiesen werden konnten. 2007 wurde Churchill entlassen, klagte in mehreren Instanzen, zun\u00e4chst auf Wiedereinstellung, dann auf Entsch\u00e4digung, bekam in einem Fall Recht und erhielt eine Entsch\u00e4digungszahlung von einem (!) Dollar, alle weiteren Verfahren gingen bis 2012 zu seinem Nachteil aus.\u00a0((2))<\/p>\n<p>George Lakey (geb. 1937) war Sohn eines Bergarbeiters im Schieferabbau. Als Jugendlicher war er zuerst militant, dann wurde er gewaltfrei (siehe Kasten). Erst 1973 outete er sich \u00f6ffentlich als Homosexueller und beteiligte sich seit ihren Anf\u00e4ngen an der US-amerikanischen LGBT-Bewegung.\u00a0((3))<\/p>\n<p>Nach Anf\u00e4ngen in der Bewegung gegen US-Atomtests war er in den Sechzigerjahren Teil der US-B\u00fcrgerrechtsbewegung, wurde 1963 wegen einer Sitzblockade verhaftet und dann schnell Trainer f\u00fcr gewaltfreie Aktion im &#8222;Mississippi Freedom Summer&#8220; 1964.\u00a0((4))\u00a01967 nahm er als Beteiligter einer Qu\u00e4ker-Aktionsgruppe an der Protest-Segelschifffahrt der &#8222;Phoenix&#8220; nach S\u00fcdvietnam teil, wo mitgebrachte medizinische Hilfsg\u00fcter als Solidarit\u00e4t an die buddhistische Antikriegsbewegung verteilt wurden. 1971 war Lakey Mitbegr\u00fcnder des &#8222;Movement for a New Society&#8220; (MNS), wo er in Basisgruppen eine Strategie f\u00fcr gewaltfreie Aktion sowie seine Trainingsprogramme in gewaltfreier Aktion entwickelte.\u00a0((5))\u00a0Seine P\u00e4dagogik, die er in den Neunzigerjahren mit Barbara Smith weiter entwickelte, nannte er &#8222;Direct Education&#8220;. Sie fand inzwischen Anwendung in mehr als 20 L\u00e4ndern. Noch 2009 gr\u00fcndete Lakey das Earth Quaker Action Team und f\u00fchrte Kampagnen gewaltfreier Aktion gegen die Extraktion fossiler Brennstoffe durch. Es gelang ihr, eine Bank zum Abbruch der Finanzierung des Kohlebergbaus in den Appalachen-Bergen zu zwingen.\u00a0((6))<\/p>\n<h3>Die Mythen von Ward Churchill und der Widerspruch von George Lakey<\/h3>\n<p>George Lakey nennt in seinem Text zwei gemeinsame Voraussetzungen der Diskussion: Zun\u00e4chst sieht er Ward Churchill und seine eigene Person als Teile unterdr\u00fcckter Minderheiten, Churchill der Native Americans, sich selbst als Teil der Homosexuellen und auch der Arbeiterklasse. Weiterer gemeinsamer Ausgangspunkt: &#8222;Wir machen uns keinerlei Illusion \u00fcber den Kapitalismus, die autorit\u00e4ren und ultra-hierarchischen Strukturen oder \u00fcber den m\u00f6rderischen Charakter des amerikanischen Imperiums.&#8220;\u00a0((7))<\/p>\n<p>Lakey zeigt sich als pragmatisch orientiert, ihm geht es nicht um Ideologien, sondern um die Entwicklung einer mittel- und langfristigen Strategie f\u00fcr eine Revolution, die er jedoch gerade auf Seiten des bewaffneten Kampfes nicht sieht und worin ihm Ward Churchill auch ausgewichen sei. Es folgen Lakeys Widerlegungen von zehn Mythen, die Ward Churchill in &#8222;Pacifism as Pathology&#8220; \u00fcber den gewaltfreien Kampf verbreitet.<\/p>\n<p>In einer ersten These meint Ward Churchill, dass der Pazifismus als Ideologie der gewaltfreien politischen Aktion f\u00fcr alle Progressiven oder Linken in den USA eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit darstellt, gegen die er rebelliert. Lakey widerspricht ihm zun\u00e4chst auf begrifflicher Ebene: Churchill werfe wild Pazifismus, gewaltfreie Aktion und gewaltfreie Revolution durcheinander und setze alles in eins. Lakey unterscheidet jedoch als Basisaktivist den Pazifismus als konventionelles Lobbying auf parlamentarischer und juristischer Ebene von der direkten gewaltfreien Aktion, die sowohl \u00fcberzeugte Gewaltfreie als auch Nicht-Gewaltfreie aus taktischen und Effizienzgr\u00fcnden durchf\u00fchren k\u00f6nnen: au\u00dferparlamentarische Aktionen wie Demos, Streiks, Blockaden, Boykotts, Betriebsbesetzungen (S. 24ff.). F\u00fcr die Strategie einer gewaltfreien Revolution verweist Lakey auf sein &#8222;Manifest f\u00fcr eine Gewaltfreie Revolution&#8220;, das er 1972 der 14. Konferenz der War Resisters&#8216; International (WRI) vorgelegt hatte und das u.a. die Abschaffung des Kapitalismus, der Nationalstaaten, aber auch der Umweltverschmutzung, des Patriarchats und des Rassismus vorsieht sowie eine Strategie in f\u00fcnf Ablaufphasen vorstellt.\u00a0((8))<\/p>\n<p>Manche Thesen zeigen Churchills Grobschl\u00e4chtigkeit und Niveaulosigkeit, wie etwa These 2, die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung sei ja gewaltfrei geblieben, als sie sich von den Nazis zum Holocaust habe f\u00fchren lassen. Lakey antwortet hier mit dem Unterschied von Nichtstun bzw. Passivit\u00e4t zum immer aktiven gewaltfreien Widerstand sowie der Maxime Gandhis, der sich entschlossen gegen Feigheit und Passivit\u00e4t gewandt habe und meinte, wenn er nur die Wahl zwischen Nichtstun und Gewalt habe, w\u00fcrde er die Gewalt w\u00e4hlen. Aber er war sich sicher, gewaltfreier Widerstand sei fast immer m\u00f6glich, auch im antifaschistischen Kampf (S. 32f.).<\/p>\n<p>Je weiter historisch zur\u00fcck und geografisch weg von den USA die Ereignisse liegen, desto abstruser werden die Thesen Churchills. So meint er in These 3, dass die Erfolge der indischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung gegen den britischen Kolonialismus und der US-B\u00fcrgerrechtsbewegung in Wirklichkeit Erfolge der Gewalt waren. F\u00fcr Indien f\u00fchrt er tats\u00e4chlich den Zweiten Weltkrieg an, der Gro\u00dfbritannien &#8222;milit\u00e4risch ausgelaugt&#8220; (S. 36) habe, w\u00e4hrend doch alle Anti-Gandhianer, wenn schon, dann die Indian National Army (INA) des Subhas Chandra Bose anf\u00fchren, deren Bekanntwerden in der Nachkriegszeit zur Unabh\u00e4ngigkeit gef\u00fchrt habe &#8211; die INA scheint Churchill nicht einmal zu kennen. Vergessen wird in dieser Variante aber immer, dass die INA eine Marionette des japanischen Faschismus war. F\u00fcr die US-B\u00fcrgerrechtsbewegung zeigt Lakey intelligent auf, dass reale Erfolge gerade in der Zeit der gewaltfreien Phase dieser Bewegung, d.h. 1955 bis 1965 errungen wurden, w\u00e4hrend die &#8222;Kurve der Effizienz&#8220; danach, in Zeiten von Black Power und Black Panther Party, gerade drastisch zur\u00fcckging (S. 37).<\/p>\n<p>In These 4 unterstellt Churchill, dass die Regierung jede gewaltfreie Bewegung einfach niederschl\u00e4gt, wie es ihr gef\u00e4llt. Lakey antwortet, dass Churchill hier nicht-bewaffneten Massenwiderstand, den Lakey nach dem philippinischen Beispiel des Sturzes der Marcos-Diktatur 1986 &#8222;People Power&#8220; nennt, massiv untersch\u00e4tzt. Lakey bringt zahlreiche Beispiele, auch f\u00fcr uns unbekannte, in denen gewaltfreie Massenbewegungen Erfolg hatten, etwa den aufeinander folgenden Sturz der Diktaturen Martinez in El Salvador und Ubico in Guatemala 1944. Dann f\u00fchrt er den Sturz militaristischer Regimes in Osteuropa 1989 an und zeigt anhand der Beispiele des Zapatismus und des s\u00fcdafrikanischen ANC ab 1980 im Kampf gegen die Apartheid, dass selbst urspr\u00fcnglich bewaffnete Bewegungen an einem Punkt zu haupts\u00e4chlich nicht-bewaffneten und massenhaften Kampftaktiken \u00fcbergingen, und zwar aus Gr\u00fcnden der Wirksamkeit (S. 40-44).<\/p>\n<p>These 5: Es ist erstaunlich, dass jemand wie Ward Churchill, der 1990 bereits ein Buch \u00fcber die COINTELPRO-Repression des FBI ver\u00f6ffentlicht hatte, immer noch hartn\u00e4ckig am Dogma der bewaffneten Selbstverteidigung der Black Panther Party festh\u00e4lt. Lakey f\u00fchrt COINTELPRO gerade an, um zu zeigen, wie J. Edgar Hoover versuchte, die B\u00fcrgerrechtsbewegung Martin Luther Kings zur Gewaltaktion zu verf\u00fchren: &#8222;Deshalb bezahlen Regierungen regelm\u00e4\u00dfig Agenten, um gewaltfreie Bewegungen zu infiltrieren und sie zur Gewaltaktion anzustiften. Gewaltsame Bewegungen erm\u00f6glichen es den Regierungen, sie wirksam zu unterdr\u00fccken&#8220; (S. 49), und zwar durch \u00fcber die herrschenden Medien hergestellte \u00f6ffentliche Legitimierung der Repression.<\/p>\n<h3>Gewaltfreie Aktion &#8211; eine Angelegenheit wei\u00dfer AktivistInnen?<\/h3>\n<p>Es ist frappierend, mit welcher Unkenntnis Ward Churchill in den n\u00e4chsten beiden Thesen behauptet, die gewaltfreie Aktion werde nur von Wei\u00dfen praktiziert und Wei\u00dfe spalteten indigene Gegenbewegungen, indem sie statt Widerstand den Aufbau alternativer Projekte und Institutionen propagierten. Lakey antwortet hier mit einer Kritik der reinen Zerst\u00f6rungsstrategie, die auch heute im Insurrektionalismus viele Nachahmer findet, sowie mit vielen Beispielen gewaltfreier Massenbewegungen aus dem Trikont bzw. von Schwarzen, nicht nur Gandhi und M.L. King und besonders von C\u00e9sar Ch\u00e1vez bzw. dem Kampf der mexikanischen LandarbeiterInnen in den USA, sondern auch mit den Erfolgen der schwarzafrikanischen antikolonialen Bewegungen um Kwame Nkrumah in Ghana in den F\u00fcnfzigerjahren sowie den Kampagnen des zivilen Ungehorsams von Kenneth Kaunda, die Zambia 1961-1964 die Unabh\u00e4ngigkeit brachten (S. 54ff.). Lakey f\u00fchrt auch den Kampf der Aung San Suu Kyi als Beispiel f\u00fcr Erfolg an, das war 2001 sicherlich verst\u00e4ndlich, dahinter m\u00f6chte ich aber ein aktuelles Fragezeichen setzen: Die Macht des Milit\u00e4rs in Myanmar ist nicht gebrochen und Suu Kyi scheint heute als De-facto-Pr\u00e4sidentin immer mehr zum Feigenblatt der derzeitigen Massaker gegen die muslimischen Rohingya zu verkommen. Was Lakey Churchill ganz besonders vorwirft, ist dessen Abwertung jedes Aufbaus positiver Gegeneinrichtungen, also der vorwegnehmenden &#8211; oder &#8222;pr\u00e4figurativen&#8220; &#8211; Politik. F\u00fcr Churchill ist das gar nur eine wei\u00dfe rassistische Spaltungsstrategie, die die Indigenen vom ausschlie\u00dflichen Widerstand ablenkt. Lakey antwortet mit den zahlreichen &#8222;konstruktiven Programmen&#8220; im Kampf etwa von Gandhi und C\u00e9sar Ch\u00e1vez, die in Lakeys Revolutionskonzept strategische Bedeutung bekommen &#8211; zudem zeigen sie nach Lakey im Gegensatz zu Churchill auch den Willen zur Bek\u00e4mpfung nicht nur des kolonialen oder rassistischen Gegners, sondern auch zum gleichzeitigen Infragestellen eigener traditioneller Hierarchien: Ein Zug des selbstkritischen Bewusstseins, der bei Churchill nach Lakey v\u00f6llig fehlt (S. 60ff.).<\/p>\n<p>In These 8 geht es um die Diversit\u00e4t der Taktiken. Nach Churchill d\u00fcrfe keine Taktik ausgeschlossen werden, auch nicht der &#8222;offene Krieg&#8220;. Lakey bringt einige Gegenbeispiele von erfolgreichen Kampagnen, u.a. das interessante Beispiel eines US-Hafenarbeiterstreiks gegen die Beladung von Schiffen mit Waffen f\u00fcr die pakistanische Milit\u00e4rdiktatur, bei dem die ArbeiterInnen zun\u00e4chst zur Solidarit\u00e4t mit den antimilitaristischen AktivistInnen und dann zum Streik gerade deshalb bewegt wurden, weil bestimmte Aktionsformen bewusst ausgeschlossen wurden und sich die ArbeiterInnen darauf auch verlassen konnten (S. 66-70).<\/p>\n<p>Nicht ganz einverstanden bin ich bei Lakey mit dessen konstant negativer Bewertung der Zerst\u00f6rung von Sachen. Sicher kann sie eine Ausweitung der Massenaktion abschrecken, wenn sie die Perspektive simpler Zerst\u00f6rungswut spiegelt &#8211; aber als \u00f6ffentlich begr\u00fcndete gewaltfreie Sachbesch\u00e4digung kann sie im besten Falle auch produktiv wirken und zu mehr Solidarit\u00e4t f\u00fchren.<\/p>\n<p>In These 9 lehnt Churchill rundweg die M\u00f6glichkeit ab, man k\u00f6nne zugleich gewaltfrei und revolution\u00e4r sein. Lakey antwortet darauf mit einer interessanten Analyse des Pariser Mai 68, der vor allem mit sich verbreitenden Betriebsbesetzungen der ArbeiterInnen und der Flucht de Gaulles nach Deutschland kurz vor einer nicht-bewaffneten Revolution gewesen sei. Dann jedoch h\u00e4tten vor allem die Medien den Fokus der Ereignisse v\u00f6llig auf die in Flammen aufgehenden Autos und Barrikaden im Quartier Latin verengt, wodurch an einem entscheidenden Punkt die Mittelklassen abgeschreckt und nicht auf die eigene, sondern auf die Seite der Repression \u00fcbergelaufen seien (S. 74ff.).<\/p>\n<p>In These 10 schlie\u00dflich wehrt sich Lakey noch einmal grunds\u00e4tzlich gegen die von Churchill betriebene und f\u00fcr Linke typische Ineinssetzung von Radikalit\u00e4t, Gewaltanwendung und Revolution. Gewalt werde gerade in den USA f\u00fcr alle m\u00f6glichen reformistischen Zwecke eingesetzt und sei als individuelles Waffentragen Ausdruck des ideologisch herrschenden Mainstreams in den USA &#8211; also alles andere als per se &#8222;radikal&#8220; (S. 82f.). Sie sei als pr\u00e4gender Bestandteil der patriarchalen US-Kultur im Gegenteil so &#8222;radikal&#8220; wie ein John Wayne oder ein George W. Bush &#8211; oder ein Donald Trump, so m\u00fcsste man heute hinzuf\u00fcgen (S. 88).<\/p>\n<p><b>N.O. Fear<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussion zwischen Ward Churchill und George Lakey fand schon bald nach dessen Ver\u00f6ffentlichung von &#8222;Pacifism as Pathology. Reflections on the Role of Armed Struggle in North America&#8220; (1998) statt, n\u00e4mlich im Jahre 2001. 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