{"id":17378,"date":"2017-11-01T00:00:00","date_gmt":"2017-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/11\/robuste-konsenskonzepte\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:51","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:51","slug":"robuste-konsenskonzepte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/11\/robuste-konsenskonzepte\/","title":{"rendered":"Robuste Konsenskonzepte"},"content":{"rendered":"<h3>Kompromissbereitschaft und Solidarit\u00e4t<\/h3>\n<p>Kerns Kritik am Kompromiss hat etwas sehr Polarisierendes und kompromisslos Dogmatisches. Heribert Prantl schreibt in &#8222;Ein Hoch auf den Kompromiss&#8220;, dass Deutschland vor allem bis 1945 ein kompromissfeindliches Land gewesen sei, in dem Kompromiss als Verrat der Ideale und \u00e4ngstliches Einknicken galt. Meiner Meinung nach ist es selbst in homogenen Gruppen, die in gewaltfreier Kommunikation (GfK) \u00fcber Bed\u00fcrfnisse ge\u00fcbt sind, nicht realistisch, dass Kompromisse immer vermieden werden k\u00f6nnen. Kompromisse um jeden Preis zu forcieren kann bedeuten, abweichende Meinungen wegzudiskutieren. Eine Bereitschaft zu Kooperation und Kompromissen im Zusammenleben mit anderen Menschen ist unerl\u00e4sslich. Es kann auch &#8222;gute&#8220; Kompromisse geben, bei denen alle Beteiligten &#8222;ja&#8220; sagen, weil sie einsehen, dass das aktuell die beste L\u00f6sung f\u00fcr das Projekt ist. Abstriche sind dabei ein wohlwollendes und nicht aufrechnendes Geschenk.<\/p>\n<p>Konsens bedeutet nicht, dass alle einer Meinung sind. Bedenken, Grummelkonsens, Beiseitestehen und Trennung sind herrschaftsarme Praktiken, die Teil von vielen Konsenskonzepten sind. Kern meint durch Kompromisse und Zugest\u00e4ndnisse entstehe soziale Missgunst. Ich denke das passiert eher, wenn Menschen wiederholt ihre Bed\u00fcrfnisse stark fordernd in den Vordergrund stellen. Dann werden sie in langfristigen Zusammenh\u00e4ngen auf Dauer vermutlich Sympathien und Unterst\u00fctzung verlieren, da Forderungen nicht herrschaftsfrei sind. Solidarit\u00e4t und Wohlwollen sind nicht bedingungslos. F\u00fcr Solidarit\u00e4t ist meiner Meinung nach eine Zusage der gegenseitigen Unterst\u00fctzung und\/oder eine gemeinsame Vision n\u00f6tig. Kern schreibt, mensch solle, Respekt und Wohlwollen &#8222;einfordern&#8220; und die Angst vor sozialen Sanktionen mache Menschen unfrei. Jedes Handeln von Menschen in einem sozialen Zusammenhang hat Konsequenzen. Ich denke, es ist wichtig, daf\u00fcr die Verantwortung zu \u00fcbernehmen und es nicht als Sanktion abzulehnen oder es der Verantwortung des Gegen\u00fcbers zuzuschieben.<\/p>\n<h3>Bed\u00fcrfnisbasierte Kommunikation ist kein Allheilmittel<\/h3>\n<p>Je nach Kontext kann der Fokus auf Bed\u00fcrfnisse entweder gut und richtig sein oder es sollten auch Projektbelange, Ziele, Erfahrungen, Untersuchungsergebnisse und strategische Argumente bedacht werden. Ein Beispiel f\u00fcr einen Kontext, in dem der Bed\u00fcrfnisfokus wichtig ist, ist das Consent-Konzept, das seinen Ursprung in feministischen und Sex-positiven Kreisen hat. Bei Consent geht es darum, vor und w\u00e4hrend sexuellem Kontakt immer wieder Zustimmung zu erfragen. Obwohl dies auch eine Art von Konsens ist, gibt es einige Unterschiede zu Konsens in anarchistischen Projekten.<\/p>\n<p>In anarchistischen Projekten ist es wichtig, sich selbst als Teil eines Projekts zu sehen und dessen Ziele, Ressourcen und Belange bei Entscheidungen mitzudenken. Bei Consent dagegen sollten das eigene Wohlbefinden, Gef\u00fchle und Bed\u00fcrfnisse im Vordergrund stehen, um rechtzeitig &#8222;Nein&#8220; sagen zu k\u00f6nnen. Dabei ist es nicht n\u00f6tig ein &#8222;Nein&#8220; zu begr\u00fcnden. Nein hei\u00dft Nein. Und was sich heute gut anf\u00fchlt, kann morgen bereits nicht mehr akzeptabel sein. Wenn eine Aktion pers\u00f6nliche Grenzen \u00fcberschreitet, ist es vollkommen o.k., die Szene oder den Raum zu verlassen und weitere Gespr\u00e4che abzulehnen. In langfristig angelegten anarchistischen Strukturen ist dagegen eine gewisse Planbarkeit und Sicherheit n\u00f6tig. T\u00e4glich revidierbare Entscheidungen oder zahlreiche auf pers\u00f6nlichen Befindlichkeiten beruhende Vetos k\u00f6nnen Handlungsunf\u00e4higkeit bedeuten. In solchen Projekten ist es meiner Meinung nach wichtig, dass die Person, die ein Veto ausspricht, mit anderen im Gespr\u00e4ch bleibt und sich an der Findung von L\u00f6sungen beteiligt.<\/p>\n<p>Respektvolle Kommunikation in herrschaftsarmen Kontexten ist wichtig und Kommunikation auf Bed\u00fcrfnisebene kann neue Perspektiven er\u00f6ffnen, ist aber keine magische Garantie f\u00fcr eine win-win-L\u00f6sung. Zu denken, dass durch Kommunikation auf Gef\u00fchls- und Bed\u00fcrfnisebene alles zu kl\u00e4ren w\u00e4re, kann dazu f\u00fchren, dass andere Meinungen mit &#8222;du hast mich noch nicht verstanden&#8220; nicht akzeptiert und Themen immer wieder eingebracht werden. Wenn eine bestimmte, bed\u00fcrfnisorientierte, m\u00f6glichst wohlwollende Sprechweise ben\u00f6tigt wird, um Konsens zu erm\u00f6glichen, dann besteht die Gefahr von elit\u00e4rer Ausgrenzung und ein auf die Szene beschr\u00e4nktes Blickfeld, Kritikunf\u00e4higkeit und einem Wettbewerb der Befindlichkeiten ((1)).<\/p>\n<p>Laut Ralf Burnicki erschwert das Ausgehen von &#8222;subjektiver Betroffenheit&#8220; die Aufdeckung betroffenheitsferner, gegenwarts\u00fcbergreifender Kollektivziele ((2)). In einem guten Text \u00fcber das Konsenskonzept des N Street Cohousing Projekts\u00a0((3))\u00a0werden Leute, die wiederholt auf pers\u00f6nlichen Bed\u00fcrfnissen beharren und damit das Wohl des Projekts hinten an stellen als &#8222;community-mentally ill&#8220; oder im falschen Projekt bezeichnet.<\/p>\n<h3>1000 M\u00f6glichkeiten und Robustheit<\/h3>\n<p>Wenn schon eine als abwertend verstandene Bemerkung gen\u00fcgt, die Konsensatmosph\u00e4re zu zerst\u00f6ren, dann ist dieses Konzept zu angreifbar und h\u00f6chstens in safe spaces anwendbar. Doch es gibt eine bunte Vielfalt an Konsensans\u00e4tzen, was Konsens in unterschiedlichen Kontexten anwendbar und robust macht. Jedoch ist nicht unbedingt jede Art von Konsens f\u00fcr jedes Projekt geeignet. Wenn Leute aus unterschiedlichen Kontexten zusammen kommen, ist es wichtig zusammen zu kl\u00e4ren, was unter Konsens verstanden wird.<\/p>\n<p>Konsens kann als reine Entscheidungsmethode oder als mehrstufiger formaler Prozess verstanden werden. Projekte und Gruppen k\u00f6nnen sich einen Grundkonsens erarbeiten, innerhalb dessen (gef\u00fchlter Konsens, do-ocracy) Aktionen ohne weitere Entscheidung m\u00f6glich sind. In einem Workshop der Rebel Clowns Army habe ich gelernt, wie Bezugsgruppen auf Demos innerhalb weniger Minuten einen Konsens finden. In einer anarchistischen Utopie ((4))\u00a0wird Konsens weltweit zur Entscheidungsfindung genutzt. In anarchistischen F\u00f6derationen ist das heute schon so: Die IAF (International of Anarchist Federations) ist eine internationale Vernetzung von anarchistischen F\u00f6derationen. Darin f\u00f6deriert ist die FdA (F\u00f6deration deutschsprachiger Anarchist*innen) und darin wiederum sind lokale Gruppen f\u00f6deriert. Auf allen diesen Ebenen werden Entscheidungen im Konsens gef\u00e4llt &#8211; je nachdem welche Ebene betroffen ist: Wenn es um Prinzipien der IAF geht, entscheidet der IAF Kongress, wenn es um lokale Aktionen geht, entscheiden die lokalen Gruppen. Dabei sind die allermeisten Entscheidungen auf lokaler Ebene. Konsens ist sogar so anpassungsf\u00e4hig, dass er innerhalb kapitalistischer Logik Verwendung findet: Mit Soziokratie und Holokratie gibt es von Firmen adaptierte Konzepte von Konsens, die Mitarbeiter*innen dazu antreiben sollen, f\u00fcr ihren Arbeitsbereich Verantwortung zu \u00fcbernehmen, indem sie Verbesserungsm\u00f6glichkeiten aufzeigen und mit anderen L\u00f6sungen suchen, gegen die keine*r schwerwiegende Einw\u00e4nde hat. Auch wenn diese Art von Konsens nicht wirklich emanzipatorisch ist, sondern darauf abzielt Leute noch geschickter auszubeuten, zeigt dies, dass es viele Konsensvarianten gibt. Deshalb ist es wichtig, sich als Gruppe bewusst f\u00fcr ein passendes Konzept zu entscheiden.<\/p>\n<p>Dabei kann mensch sich viele Fragen stellen: Stehen alle Beteiligten hinter der Konsensmethode? Wer hat Mitentscheidungsrecht? Auch Leute, die nur mal vorbeischnuppern oder sich kaum beteiligen? Wer ist von welchen Entscheidungen betroffen? K\u00f6nnen Entscheidungen an (dezentrale) Kleingruppen abgegeben werden? Was muss entschieden werden und was kann im Rahmen eines gef\u00fchlten Konsens einfach gemacht werden? Gibt es Themenbereiche, die in Bezug auf das Projektziel nebens\u00e4chlich sind und deshalb mit einem schnellen Meinungsbild entschieden werden k\u00f6nnten? Ist das Projektziel klar festgelegt? Gibt es weniger grunds\u00e4tzliche Themenbereiche, die mit einer schnellen Konsensvariante z.B. per E-Mail mit drei Tagen Einspruchsfrist entschieden werden k\u00f6nnen? Wenn es keinen Konsens gibt, ist Abstimmen oder W\u00fcrfeln eine Option? Was bedeutet Veto? Nicht erf\u00fcllte pers\u00f6nliche Bed\u00fcrfnisse oder eine Gef\u00e4hrdung des Projekts? Wie wird mit einem Veto umgegangen? In einem Artikel in der GWR 210\u00a0((5))\u00a0ist zu lesen, dass unhinterfragtes Akzeptieren von Vetos zu einer Diktatur einer Minderheit f\u00fchren kann. Der oben zitierte Artikel \u00fcber das N Street Cohousing Projekt beschreibt einen formalen Nach-Veto-Prozess. K\u00f6nnen bestehende Vereinbarungen durch Veto widerrufen werden oder braucht es dazu einen Konsens? Soll Ausschluss einer Person durch &#8222;Konsens minus 1&#8220; m\u00f6glich sein? Werden Entscheidungen mehrstufig (Zustimmung, Bedenken, Beiseitestehen, Veto) gef\u00e4llt? Ist ein Mindestanteil von voller Zustimmung n\u00f6tig? Sollten Entscheidungsvorlagen zur Vorbereitung vorher ver\u00f6ffentlicht werden? Gibt es ein zeitliches Limit, innerhalb dessen eine Einigung erzielt werden sollte, um zu vermeiden, dass Leute mit mehr Zeit oder Ausdauer sich durchsetzen oder ist ein Zeitlimit ein Herrschaftsinstrument? Sollte jede Person eine feste Ansprechperson im Projekt haben, um diese im Zweifelsfall als Sprachrohr nutzen zu k\u00f6nnen, wenn es schwierig erscheint, die eigene Meinung im Plenum kund zu tun? Wird die Teilnahme an Plena erwartet oder ist alles freiwillig mit der M\u00f6glichkeit Zustimmung, Bedenken und Vetos nachzureichen?<\/p>\n<p>Viele M\u00f6glichkeiten, mit denen sich ein transparenter, herrschaftsarmer und an das jeweilige Projekt angepasster Prozess festlegen l\u00e4sst, der nicht durch ungeschickte Kommunikation oder Agents Provocateurs blockiert werden kann.<\/p>\n<p><b>Katja Einsfeld<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kompromissbereitschaft und Solidarit\u00e4t Kerns Kritik am Kompromiss hat etwas sehr Polarisierendes und kompromisslos Dogmatisches. Heribert Prantl schreibt in &#8222;Ein Hoch auf den Kompromiss&#8220;, dass Deutschland vor allem bis 1945 ein kompromissfeindliches Land gewesen sei, in dem Kompromiss als Verrat der Ideale und \u00e4ngstliches Einknicken galt. 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