{"id":17379,"date":"2017-11-01T00:00:00","date_gmt":"2017-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/11\/russischer-anarchismus-und-die-revolution-von-1917\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:04","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:04","slug":"russischer-anarchismus-und-die-revolution-von-1917","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/11\/russischer-anarchismus-und-die-revolution-von-1917\/","title":{"rendered":"Russischer Anarchismus und die Revolution von 1917"},"content":{"rendered":"<p>Der Name, von dem alles ausgeht, wenn \u00fcber den russischen Anarchismus gesprochen wird, ist Michail Bakunin. Trotz seines Schweizer Exils hatte er gro\u00dfen Einfluss auf die Mitte des 19. Jahrhunderts entstehenden anarchistischen Gruppen in Russland. Er selbst versuchte lange Zeit, ohne durchgreifenden Erfolg, Geheimgesellschaften zu gr\u00fcnden. Durch den mittelbaren Einfluss von Bakunins Schriften, vor allem der illegal verbreiteten ersten Nummer der Zeitschrift &#8222;Narodne Delo&#8220; (Die Volkssache), entstand aber in den 1870er-Jahren die Narodniki(Volkst\u00fcmler)-Bewegung.<\/p>\n<p>Sie versuchte von 1876 bis 1879, die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der russischen Bev\u00f6lkerung, die Bauernschaft, zu agitieren und berief sich auf teilweise noch vorhandenen &#8211; manche Sch\u00e4tzungen gehen bis zu 50% des bebaubaren Landes &#8211; Gemeindebesitz an Grund und Boden (Mir). Die Narodniki spalteten sich, nachdem diese Versuche gescheitert waren, 1879 in einen autorit\u00e4ren Fl\u00fcgel (Norodnaja-Volja, &#8222;Volkswille&#8220;) mit Vera Figner, Sofja Perowskaja (also einigen Frauen), Andrej Scheljabow, der in der Folge Attentate auf den Zaren ver\u00fcbte (u.a. das gegl\u00fcckte am 1. M\u00e4rz 1881 auf Zar Alexander II.), und in einen libert\u00e4ren Fl\u00fcgel (Cernyi Peredel, &#8222;Schwarze Umverteilung&#8220;) mit Vera Zasulic, Georgi Plechanow, P.B. Axelrod. Dieser Fl\u00fcgel sagte sich allerdings 1883 von libert\u00e4ren Einfl\u00fcssen los und wurde zur Keimzelle des russischen Marxismus.<\/p>\n<h3>Die Revolution von 1905<\/h3>\n<p>Um die Jahrhundertwende bildeten sich die Sozialdemokratie und die Sozialrevolution\u00e4re als Parteien heraus, wobei Letztere einerseits die Politik der individuellen Attentate fortsetzte, andererseits immer st\u00e4rkere Unterst\u00fctzung durch die Bauernschaft bekam. Die Revolution von 1905 begann jedoch bei den b\u00e4uerlich gepr\u00e4gten ProletarierInnen der St\u00e4dte. Sie war haupts\u00e4chlich eine Streikbewegung, die dem Zarismus b\u00fcrgerlich-parlamentarische Reformversprechen abn\u00f6tigte. Ein bewaffneter Aufstand in Moskau wurde in der Folgezeit niedergeschlagen und die Reformen bis 1907 vollst\u00e4ndig zur\u00fcckgenommen.<\/p>\n<p>Obwohl sich die AnarchistInnen &#8211; u.a. der wichtige Intellektuelle unter den russischen Anarchisten, Boris M. Eijchenbaum, genannt Volin [vgl. GWR 422] &#8211; an der Bildung der ersten R\u00e4te (Sowjets) aus Fabrikdelegierten beteiligten, kamen die R\u00e4te bald unter die Oberherrschaft der Parteien (etwa in Petrograd der RechtssozialdemokratInnen, &#8222;Menschewiki&#8220;, die sich 1903 von den &#8222;Bolschewiki&#8220; getrennt hatten, wodurch die russische Sozialdemokratie gespalten war).\u00a0((1))<\/p>\n<h3>&#8222;Schie\u00dft doch, wenn ihr es wagt!&#8220;<\/h3>\n<p>Die Revolution von 1917 begann wie die Revolution von 1905 in libert\u00e4rem Sinne durch spontane Massendemonstrationen, vielerorts mit starker Frauenbeteiligung. Ausgehend von einem Streik von 90.000 Textilarbeiterinnen f\u00fcr Brot und Frieden zum Internationalen Frauentag (23. Februar 1917) kam es am 26. Februar zum Generalstreik und kurzen bewaffneten K\u00e4mpfen, die von Dienstverweigerungen und massenhaften Truppen\u00fcberl\u00e4ufen gepr\u00e4gt waren, bevor am 2. M\u00e4rz 1917 Zar Nikolaus abdankte. Volin beschreibt diese sozialen Auseinandersetzungen bildhaft:<\/p>\n<p>Die Arbeiterinnen &#8222;boten den Soldaten ihre Brust dar, nahmen ihre Kinder auf den Arm und riefen den Soldaten zu: &#8218;Schie\u00dft doch, wenn ihr es wagt! Besser wir sterben durch eine Kugel, als dass wir vor Hunger krepieren!&#8216; Schlie\u00dflich &#8211; und das war das Entscheidende an der Sache &#8211; durchquerten die Soldaten fast \u00fcberall vorsichtig die Menge, ohne von ihren Waffen Gebrauch zu machen und ohne auf die Kommandos der Offiziere zu achten. Diese machten im \u00dcbrigen auch keinen Versuch, ihre Truppen zum Gehorsam zu zwingen. Vereinzelt fraternisierten die Soldaten mit den Arbeitern und Arbeiterinnen, \u00fcberlie\u00dfen ihnen sogar ihre Gewehre, stiegen vom Pferd und mischten sich unter die Menge. Die Entscheidung fiel am 27. Februar. Seit dem fr\u00fchen Morgen meuterten ganze Regimenter der Garnison. Die Regierung entsandte zwei Kavallerie-Regimenter der zaristischen Garde, die einzigen, \u00fcber die sie noch verf\u00fcgen konnte, sowie starke Polizeieinheiten, teils beritten, teils zu Fu\u00df. Die Truppen sollten die Operation der Polizei unterst\u00fctzen und zu Ende f\u00fchren. Nach den \u00fcblichen Aufforderungen gab der Polizeioffizier den Befehl zum Angriff. Doch da geschah ein neues, unfassbares &#8218;Wunder&#8216;: Der Kommandeur der Garderegimenter hob seinen S\u00e4bel und mit dem Ruf: &#8218;Angriff auf die Polizei, vorw\u00e4rts!&#8216; f\u00fchrte er die beiden Regimenter gegen die Polizeikr\u00e4fte. Bald darauf war der letzte Widerstand der Polizei gebrochen.&#8220;\u00a0((2))<\/p>\n<p>Diese Schilderung zeigt eindringlich den spontanen, praktischen und entscheidenden Charakter auf, den die Dienstverweigerungen und das \u00dcberl\u00e4ufertum bei der Februarrevolution hatten. Von Februar bis Oktober 1917 wechselten mehrere b\u00fcrgerliche Regierungen unter Beteiligung der Menschewiki und rechten Sozialrevolution\u00e4re ab. Zuletzt wurde die b\u00fcrgerliche Republik vom Sozialrevolution\u00e4r Kerenski gef\u00fchrt. Er setzte den Krieg gegen Deutschland fort. Eine milit\u00e4rische Offensive im Juni 1917 scheiterte kl\u00e4glich. Als der Armeegeneral Kornilow daraufhin putschte, konnte sich die Kerenski-Regierung nur noch mit Hilfe der R\u00e4te und der Bolschewiki halten. Die R\u00e4te entstanden ebenso spontan wie 1905, wurden aber noch schneller von Parteien dominiert und entwickelten sich zu einer Art Parallelregierung, deren Aufrufe zur Dienstverweigerung die b\u00fcrgerliche Armee zersetzten. Ab September 1917 bildeten die Bolschewiki zusammen mit den linken Sozialrevolution\u00e4rInnen im Allrussischen R\u00e4tekongress die Mehrheit. Die linken Sozialrevolution\u00e4rInnen hatten sich \u00fcber die Frage der Regierungsbeteiligung innerhalb der b\u00fcrgerlichen Republik von ihrer rechten Parteih\u00e4lfte abgespalten.<\/p>\n<h3>F\u00fcr Lenins B\u00fcndnispolitik missbraucht<\/h3>\n<p>Im Laufe des Jahres 1917 n\u00e4herten sich AnarchokommunistInnen, AnarchosyndikalistInnen, Bolschewiki und linke Sozialrevolution\u00e4rInnen einander an. Neben den TolstojanerInnen mit b\u00e4uerlicher Basis, die vor allem die Kriegsdienstverweigerung propagierten sowie f\u00fcr die Abschaffung der Todesstrafe eintraten, und weiteren unabh\u00e4ngigen Gruppen waren die wichtigsten libert\u00e4ren Str\u00f6mungen vor, w\u00e4hrend und unmittelbar nach der Oktoberrevolution nach Volin erstens die &#8222;Union f\u00fcr anarchosyndikalistische Propaganda&#8220; mit der Zeitschrift &#8222;Golos Truda&#8220; (Stimme der Arbeit) in Petrograd von Sommer 1917 bis Fr\u00fchjahr 1918, in Moskau bis Ende 1918; zweitens die &#8222;F\u00f6deration der anarchistischen Gruppen von Moskau&#8220; mit der anarchokommunistischen Tageszeitung &#8222;Die Anarchie&#8220; bis April 1918; drittens die erst Ende 1918 in der Ukraine (Charkiw) gegr\u00fcndete &#8222;Konf\u00f6deration der anarchistischen Organisationen der Ukraine&#8220; mit der Zeitschrift &#8222;Kabat&#8220; (Sturmglocke), die libert\u00e4re Str\u00f6mungen der verschiedenen Richtungen vereinigen wollte.<\/p>\n<p>Im Folgenden bleibt zu fragen, warum sich trotz einiger Warnungen u.a. in der &#8222;Golos Truda&#8220; viele AnarchistInnen, besonders die erstarkenden AnarchosyndikalistInnen den Bolschewiki bis hin zum Aktionsb\u00fcndnis anschlossen. Praktisch standen sie beide in Arbeiterversammlungen ein f\u00fcr Fabrikkomitees, die die Fabriken \u00fcbernahmen, oder f\u00fcr Arbeiterkontrolle \u00fcber die Kapitalisten, wo dies nicht m\u00f6glich war. Diese Gemeinsamkeit gegen die Menschewiki f\u00fchrte zu Illusionen auf Seiten der AnarchosyndikalistInnen und AnarchokommunistInnen \u00fcber eine Abkehr Lenins vom marxistischen Dogma &#8211; in der Tat wurde der sogenannte &#8222;ultraradikale&#8220; Kurs Lenins zu dieser Zeit sogar innerhalb der eigenen Partei als &#8222;anarchistisch&#8220; kritisiert, was nur ein Beweis daf\u00fcr ist, dass die Zuspitzung einer politischen Konzeption in einem bestimmten Moment noch nichts \u00fcber ihren eigentlichen libert\u00e4ren Charakter aussagt und &#8222;Radikalisierung&#8220; nicht einfach mit dem \u00dcbergang zur bewaffneten Aktion verwechselt werden sollte.<\/p>\n<p>Diese Illusionen sollten dem russischen Anarchismus teuer zu stehen kommen. Wie konnten auch eindeutige Aussagen von Lenin in &#8222;Staat und Revolution&#8220; (1917 geschrieben, Anfang 1918 ver\u00f6ffentlicht) gegen den Anarchismus \u00fcbersehen werden? Lenin wandte sich unter eindeutigem Bezug auf die Stellen von Marx und Engels \u00fcber die antiautorit\u00e4ren Bakunisten gegen die anarchistische These, &#8222;dass die Arbeiter auf die Anwendung von Waffen, auf die organisierte Gewalt, das hei\u00dft auf den Staat verzichten sollen [was genau genommen nur f\u00fcr die TolstojanerInnen zutraf; d.A.]. In der Abschaffung des Staates als Ziel gehen wir mit den Anarchisten keineswegs auseinander. Wir behaupten, dass zur Erreichung dieses Zieles ein zeitweiliges Ausnutzen der Organe, Mittel und Methoden der Staatsgewalt gegen die Ausbeuter notwendig ist. Sollen die Arbeiter &#8218;die Waffen niederlegen&#8216;, wenn sie das Joch der Kapitalisten abwerfen, oder sollen sie diese Waffen gegen die Kapitalisten ausnutzen, um deren Widerstand zu brechen? Aber die systematische Ausnutzung der Waffen durch eine Klasse gegen eine andere Klasse, was ist das denn anderes als eine &#8218;vor\u00fcbergehende Form&#8216; des Staates?&#8220;\u00a0((3))<\/p>\n<p>Waren diese Worte nicht eindeutig genug? Vorl\u00e4ufig muss hier festgehalten werden, dass die AnarchistInnen die Gefahr einer Koalition bzw. Zusammenarbeit mit Lenin nicht erkannten, weil sie im Gegensatz zu den TolstojanerInnen den Zusammenhang von Staat und Krieg nicht konsequent zu Ende dachten und mit Lenin lediglich eine eindeutige Unterscheidung zwischen gerechtfertigtem B\u00fcrgerkrieg im Innern und imperialistischen Kriegen machten.<\/p>\n<h3>Zusammenhang von Staat und Krieg nicht erkannt<\/h3>\n<p>Das Dilemma der russischen AnarchistInnen lag in der Tatsache, dass sie &#8211; au\u00dfer den TolstojanerInnen &#8211; die systematische Bewaffnung des Volkes ebenso wie Lenin als Demokratisierung betrachteten. Lenin hatte in &#8222;Staat und Revolution&#8220; noch nicht Trotzkis (des Begr\u00fcnders der Roten Armee) These vom stehenden Heer und der Unterdr\u00fcckung des bewaffneten Volkes \u00fcbernommen. Deshalb glaubten viele AnarchistInnen an eine m\u00f6gliche Verhinderung des revolution\u00e4ren Staates bei gleichzeitiger Bewaffnung des Volkes. Sie konnten den Zusammenhang von Staat und Krieg strukturell nicht durchdringen und deshalb von Lenin systematisch f\u00fcr dessen Zwecke benutzt werden.<\/p>\n<p>So st\u00fcrmten die libert\u00e4r beeinflussten Kronstadter Matrosen zusammen mit den Bolschewiki das Winterpalais in Petrograd, worin sich die Oktoberrevolution eher als Putsch denn als Revolution auswies. Im milit\u00e4rischen Revolutionskomitee unter Vorsitz von Trotzki zur Vorbereitung der Aktion waren vier Anarchisten, u.a. Bill Shatow. Sofort nach der Oktoberrevolution wurde die Zensur eingef\u00fchrt, die Geheimpolizei (Tscheka) aufgebaut, im April 1918 dann die Rote Armee. Die im Dezember 1917 stattfindenden, von den Bolschewiki vor dem Oktoberumsturz versprochenen freien Parlamentswahlen brachten den Sozialrevolution\u00e4rInnen dennoch 410 Sitze, gegen\u00fcber nur 175 f\u00fcr die Bolschewiki (bei insgesamt 707).<\/p>\n<p>Da das Parlament die Bolschewiki als Machthaber nicht anerkennen wollte &#8211; die Sozialrevolution\u00e4rInnen waren gespalten &#8211; wurde es im Januar 1918 gewaltsam auf Anweisung der Bolschewiki unter f\u00fchrender Mithilfe von Kronstadter Matrosen, wie z.B. des Anarchisten Schelesnjakow, auseinander gejagt. F\u00fcr die AnarchistInnen war die gewaltsame Sprengung des Parlaments im Einklang mit ihren antiparlamentarischen Grunds\u00e4tzen. Da sie jedoch seit Mitte 1917 in den R\u00e4ten gegen\u00fcber den Bolschewiki in der Minderheit waren, hatten sie diesen damit die ungeteilte Macht zugeschanzt.<\/p>\n<h3>Der Friede von Brest-Litowsk<\/h3>\n<p>Im polnischen Brest-Litowsk fanden vom Dezember 1917 bis M\u00e4rz 1918 Friedensverhandlungen zwischen den Deutschen und den Bolschewiki (vertreten durch Trotzki) statt. Ausgehandelt wurde zwar ein Friede; die Ukraine, Finnland, Polen und die baltischen L\u00e4nder mussten daf\u00fcr aber den imperialistischen Interessen der Deutschen geopfert werden. Dieser Diktatfriede wurde von den linken Sozialrevolution\u00e4rInnen, welche bis dahin mit den Bolschewiki eine Koalitionsregierung bildeten, abgelehnt.<\/p>\n<p>Die AnarchistInnen propagierten gegen die klassisch b\u00fcrgerliche und staatspolitische Verhandlungspolitik Lenins den R\u00fcckzug der eigenen Truppen von der Front, um den Feind &#8211; wie 1812 Napoleon &#8211; ins weite Land zu locken und ihm durch Partisanengruppen den Nachschub abzuschneiden. In Moskau bewaffneten sich &#8222;schwarze Garden&#8220; der anarchistischen F\u00f6deration f\u00fcr den Partisanenkrieg, f\u00fchrten aber damit teilweise &#8222;Expropriationen&#8220; (Enteignungsaktionen, bei denen meist ein Gesch\u00e4ftsbesitzer oder Kapitalist von einer bewaffneten Gruppe get\u00f6tet wurde) f\u00fcr den pers\u00f6nlichen Gewinn durch, was Lenin den Vorwand lieferte, am 11. und 12. April 1918 die AnarchistInnen Moskaus durch die Tscheka niederzumetzeln.<\/p>\n<p>Auch die weitere Repression legitimierte Lenin durch die Unterscheidung von &#8222;wahren Anarchisten&#8220;, die die Bolschewiki unterst\u00fctzten und angeblichen Banditen und Kriminellen, die seiner Meinung nach mit Anarchismus nichts zu tun h\u00e4tten. Leider gab es wohl solche Gruppen tats\u00e4chlich, obgleich sie nur vordergr\u00fcndig Anlass f\u00fcr einen l\u00e4ngst geplanten Schlag gegen die AnarchistInnen waren. Der deutsche Anarchosyndikalist Rudolf Rocker weist in diesem Zusammenhang als Gegengewicht auf die T\u00e4tigkeit von AnarchistInnen in Petrograd im Dezember 1917 hin, die gegen vorkommende Pl\u00fcnderungen von bewaffneten Frontr\u00fcckkehrern zusammen mit den Bolschewiki vorgingen.\u00a0((4))<\/p>\n<p>In ihrer Kritik der russischen Revolution weist auch Rosa Luxemburg auf die zentrale Bedeutung des Friedensvertrags von Brest-Litowsk hin. Sie kritisiert, dass durch den Vertrag die Deutschen die Ukraine besetzen konnten und L\u00e4nder wie Finnland, Polen und die baltischen Staaten Nationen mit b\u00fcrgerlicher Regierung wurden. Dies habe den Deutschen eine Atempause an der Ostfront verschafft und eine fr\u00fchzeitige deutsche Revolution verhindert. Als Internationalistin hatte sie damit den wunden Punkt des Friedensschlusses getroffen.\u00a0((5))<\/p>\n<p>Dennoch muss bezweifelt werden, ob es zu diesem Zeitpunkt eine Alternative zu Lenins Friedensschluss, den er auch gegen Widerst\u00e4nde in der eigenen Partei durchsetzen musste, gab. Das libert\u00e4re Partisanenkonzept war nicht nur wegen der Willk\u00fcr der &#8222;schwarzen Garden&#8220; in Moskau problematisch. Denn es wurde sozusagen von den Bolschewiki gegen die Deutschen schon ausprobiert. Von Mitte 1917 bis Februar 1918 agierten das russische Heer und die bolschewistischen Roten Garden n\u00e4mlich mit einem Guerillakonzept und der W\u00e4hlbarkeit der Offiziere. Mit dieser Taktik unterlagen sie im Februar 1918 den Deutschen bei Narwa und Pleskau, was f\u00fcr Lenin dann den Ausschlag gab, Trotzkis Konzept einer Roten Armee zuzustimmen. Der Friede von Brest-Litwosk brachte nicht nur Zeitgewinn, sondern erf\u00fcllte &#8211; wenigstens vorl\u00e4ufig &#8211; auch die unmittelbaren Forderungen der Bev\u00f6lkerung nach einem Ende des Krieges. Die gro\u00dfe internationale Resonanz des Leninismus und die Popularit\u00e4t seiner Theorie bis in die Sechziger- und noch Siebzigerjahre hinein sind jedenfalls unverst\u00e4ndlich, solange der Friede von Brest-Litowsk nicht als eine der wenigen eingehaltenen Versprechen des Sozialismus interpretiert wird, den imperialistischen Krieg unmittelbar bei Macht\u00fcbernahme zu beenden.<\/p>\n<h3>Repression durch die Bolschewiki<\/h3>\n<p>Weil sie im Friedensvertrag einen Verrat der Revolution an die Deutschen sahen, ermordeten die linken Sozialrevolution\u00e4rInnen im Mai 1918 den deutschen Botschafter Mirbach, worauf die Repression gegen diese Gruppierung ebenfalls einsetzte. Im August 1918 waren AnarchistInnen und linke Sozialrevolution\u00e4rInnen bereits geschlagen und isoliert in den Untergrund zur\u00fcckgekehrt. Die Sch\u00fcsse der linken Sozialrevolution\u00e4rin Fanny Kaplan am 30. August 1918 auf Lenin und der \u00dcberfall auf das Moskauer B\u00fcro der KP durch AnarchistInnen (12 Tote) waren die verzweifelte Antwort.<\/p>\n<p>Die amerikanisch-russische Anarchistin Emma Goldman, die zu dieser Zeit in der Sowjetunion war, machte besonders auf das Schicksal der f\u00fchrenden Sozialrevolution\u00e4rin Maria Spiridonowa aufmerksam, die trotz internationaler Kampagnen im Jahre 1921 nicht aus den russischen Gef\u00e4ngnissen entlassen wurde. Goldman schildert in ihrer Aufarbeitung der Ereignisse sowie in ihrer Biographie auch anschaulich den B\u00fcrokratismus der Passagierscheine und Ausweiskarten, der jede Eigeninitiative der Bev\u00f6lkerung gerade in diesen Notzeiten erstickte.\u00a0((6))<\/p>\n<p>Die Konsumgenossenschaften kleiner Bauern und Handwerker (Artels) wurden von den Bolschewiki unmittelbar nach dem Oktober zerst\u00f6rt. In der Analyse von Volin musste die neue Staatsmacht geradezu alle unabh\u00e4ngigen, direkt organisierten Initiativen (Gewerkschaften, Genossenschaften usw.) zerst\u00f6ren, um der staatlichen Verteilungsb\u00fcrokratie fernab von den lokalen Gegebenheiten \u00fcberhaupt eine Daseinsberechtigung zu verschaffen. Die Unf\u00e4higkeit des neuen Staates, Produktion und Konsumption unmittelbar besser zu l\u00f6sen als durch die direkten Organisationsversuche der Bev\u00f6lkerung, f\u00fchrte zur Wirtschaftskrise.<\/p>\n<p>Es folgte ab Mai 1918 eine Politik der Zwangsrequirierung von Nahrungsmitteln f\u00fcr die St\u00e4dte und f\u00fcr die Versorgung der Roten Armee, worauf die b\u00e4uerliche Bev\u00f6lkerung mit passivem Widerstand reagierte, der zu h\u00e4rtester Repression von Seiten des revolution\u00e4ren Staates f\u00fchrte. Dies wiederum machte die Bauern offen f\u00fcr konterrevolution\u00e4re Tendenzen. In dieser Sicht ist sogar das Kontingent der einfallenden ausl\u00e4ndischen Armeen noch Folge der autorit\u00e4ren Entwicklung der russischen Revolution selbst: Die Repressionsma\u00dfnahmen der Bolschewiki lie\u00dfen die revolution\u00e4re Bewegung in anderen L\u00e4ndern zweifeln oder spalteten sie. Dadurch gewannen die kapitalistischen Staaten erst die Zeit, um Interventionsarmeen auszuheben und bereitzustellen. Die Analyse von Volin entlarvt somit die Revolutionskonzeption Lenins als offen reaktion\u00e4r:<\/p>\n<p>&#8222;Dies [die Zwangsrequirierungen und die Repression] sind die wesentlichen Faktoren, die die Bev\u00f6lkerung zerm\u00fcrben und anwidern, die sie gegen die Revolution einnehmen und auf diese Weise ein Wiederbeleben konterrevolution\u00e4rer Gesinnung und konterrevolution\u00e4rer Bewegung begr\u00fcnden. (&#8230;) Eine solche Sachlage lenkt nicht nur die Revolution in falsche Bahnen, sondern gef\u00e4hrdet auch ihre Verteidigung. (&#8230;) Jetzt m\u00fcssen sie [die Bolschewiki] sich selbst und ihre Anh\u00e4nger gegen die immer zahlreicher werdenden Feinde verteidigen, deren Auftreten und Aktivit\u00e4t vor allem eine Folge ihres eigenen Bankrotts ist. (&#8230;) Die falsche Verteidigung wird nat\u00fcrlich von oben organisiert mit Hilfe alter, schauerlicher Methoden (&#8230;): totale Beschlagnahme der gesamten Bev\u00f6lkerung durch die Regierung, Aufstellung einer streng disziplinierten Armee, einer Berufspolizei und v\u00f6llig ergebener Spezialeinheiten.&#8220;\u00a0((7))<\/p>\n<p><b>as<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Name, von dem alles ausgeht, wenn \u00fcber den russischen Anarchismus gesprochen wird, ist Michail Bakunin. Trotz seines Schweizer Exils hatte er gro\u00dfen Einfluss auf die Mitte des 19. Jahrhunderts entstehenden anarchistischen Gruppen in Russland. Er selbst versuchte lange Zeit, ohne durchgreifenden Erfolg, Geheimgesellschaften zu gr\u00fcnden. 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