{"id":17388,"date":"2017-12-01T00:00:00","date_gmt":"2017-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/libertaere-befreiung-des-katalanischen-volkes\/"},"modified":"2022-01-25T17:40:26","modified_gmt":"2022-01-25T15:40:26","slug":"libertaere-befreiung-des-katalanischen-volkes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/libertaere-befreiung-des-katalanischen-volkes\/","title":{"rendered":"Libert\u00e4re Befreiung des &#8222;katalanischen Volkes&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Anarchie und Nation: L\u00e4sst sich das miteinander verbinden?&#8220;, luden vor Jahren Plakate in den Stra\u00dfen Valencias zu einer Diskussionsveranstaltung ein. Was andernorts als Nonsens gelten w\u00fcrde, hier war es ernst gemeint. Teile der katalanischsprachigen Linken versuchen sich seit langem am Projekt eines linken Nationalismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der katalanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung spielt die sozialistische CUP (Candidatura d&#8217;Unitat Popular \/ Kandidatur der Volkseinheit) derzeit eine bedeutende Rolle. Sie tritt zwar bei Wahlen an, will aber keine Partei sein. ((1))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit ihren libert\u00e4ren Organisationsprinzipien erinnert die CUP an die Gr\u00fcnen der 1980er Jahre: Basisdemokratie und Organisierung in den Kommunen (&#8222;Munizipalismus&#8220;), Rotation von Funktionstr\u00e4ger_innen und die Beschr\u00e4nkung ihrer Geh\u00e4lter. ((2))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die CUP sieht sich als Teil des europ\u00e4ischen Zapatismus. Doch w\u00e4hrend sich das zapatistische Original immer positiv auf das demokratische Versprechen der mexikanische Verfassung bezogen hat, m\u00f6chte die CUP mit Spanien brechen. Sie strebt die &#8222;nationale Befreiung der Pa\u00efsos Catalans&#8220; an. Damit ist eine Art Gro\u00dfkatalonien bestehend aus allen katalanischsprachigen Gebieten gemeint, wozu auch die Region Valencia, die balearischen Inseln, Andorra und ein kleiner Teil Frankreichs gez\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Befreien m\u00f6chten sich die linken Nationalist_innen vom &#8222;Regime von 1978&#8220;, also der Verfasstheit Spaniens, wie sie sich im \u00dcbergang von der Franco-Diktatur zur Demokratie herausbildete. Sie verweisen darauf, dass die sozialen wie politischen Eliten des Franquismus damals ebenso unangetastet blieben wie Polizei, Justiz und Milit\u00e4r.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nationalspanische Stimmen warten dagegen gerne mit der Erz\u00e4hlung einer &#8222;modellhaften&#8220; Transici\u00f3n auf: Im \u00dcbergang von der Franco-Diktatur zur Demokratie h\u00e4tten die ehedem verfeindeten Spanier_innen mittels Kompromiss und Vers\u00f6hnung in geradezu vorbildlicher Art und Weise wieder zueinander gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das nationalspanische Establishment macht sich diesen Gr\u00fcndungsmythos der parlamentarischen Monarchie bis heute gerne zunutze, allen voran die Regierungspartei Partido Popular (PP) um den Ministerpr\u00e4sidenten Mariano Rajoy.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Aufarbeitung der Diktatur und ihrer Verbrechen hat der PP dagegen immer blockiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">140.000 bis 200.000 ermordete Antifranquist_innen? Wer dar\u00fcber sprechen will, dem werfen die spanischen Konservativen bis heute vor, alte Wunden aufzurei\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die Wunden der Angeh\u00f6rigen konnten nie heilen, blieben die Opfer doch in anonymen Massengr\u00e4bern im ganzen Land verscharrt und vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der PP, gegr\u00fcndet von einem ehemaligen Minister Francos, steht mental wie biografisch noch mit einem Bein im Franquismus. Kein Wunder, dass man sich in der Partei gerne folgende Geschichte erz\u00e4hlt: In den 1930er Jahren sei das Land w\u00e4hrend der Zweiten Republik, der ersten spanischen Demokratie, im Chaos versunken. Nur dem beherzten Eingreifen Francisco Francos und seiner Gefolgsleute sei es zu verdanken, dass Spanien damals nicht unterging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Regime habe nach dem B\u00fcrgerkrieg nicht nur den Frieden gebracht, sondern wirtschaftliche Reformen eingeleitet. Diese Modernisierungen h\u00e4tten Spanien erst reif f\u00fcr die Demokratie und f\u00fcr Europa gemacht. Dass die Franquist_innen nach Francos Tod 1975 die Diktatur am liebsten fortgef\u00fchrt h\u00e4tten, l\u00e4sst man dabei gerne unter den Tisch fallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umso energischer verteidigen die Postfranquist_innen heute den Status quo. Tats\u00e4chlich stimmte 1978 in Katalonien und anderswo eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit f\u00fcr die Verfassung. Allerdings vor allem deshalb, weil sie die Demokratie brachte. Die Alternative h\u00e4tte gehei\u00dfen, weiter unter einem autorit\u00e4ren Regime zu leben. Zu jener Zeit gab es im Milit\u00e4r mehrere Verschw\u00f6rungen gegen die demokratische Wende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer die aktuellen Ereignisse in Katalonien verstehen m\u00f6chte, darf den dominanten spanischen Nationalismus nicht \u00fcbersehen. Den &#8222;monarchischen Block&#8220; nennt Podemos-Chef Pablo Iglesias die antikatalanische Koalition aus PP, Ciudadanos und der Sozialistischen Partei. Dieser Block wendet sich lautstark gegen den Nationalismus der Katalan_innen, so bei der gro\u00dfen Pro-Spanien-Demonstration am 29. Oktober 2017 in Barcelona &#8211; und tut dabei sei, als sei Nationalismus nur eine Sache der anderen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei geh\u00f6rt es zum Wesensgehalt des nationalspanischen Lagers, die Einheit des Landes unter allen Umst\u00e4nden zu verteidigen. &#8222;Spanien: eins, gro\u00df und frei&#8220; lautete das franquistische Motto. Garanten der territorialen Einheit waren dabei immer schon das Milit\u00e4r und sein oberster Dienstherr, fr\u00fcher Franco, heute der Monarch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der K\u00f6nig am 3. Oktober 2017 eine Rede zur katalanischen Frage hielt, war es geradezu putzig mit anzusehen, wie deutsche Spanien-Korrespondent_innen erstaunt feststellten: Der Mann f\u00e4llt ja als Vermittler aus! Dabei hatte Felipe genau die Rede gehalten, die von ihm zu erwarten war: Die Einheit Spaniens ist nicht verhandelbar. Subtext: Wenn es sein muss, z\u00f6gern wir nicht, Gewalt anzuwenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Katalanismus kam im 19. Jahrhundert zun\u00e4chst als Kulturnationalismus auf. Im Zentrum dieser Bewegung standen die katalanische Sprache und Literatur. Zwar gab es schon fr\u00fch Autonomiebestrebungen, aber auf Unabh\u00e4ngigkeit von Spanien setzte immer nur ein Teil der katalanischen Nationalist_innen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Nationalismus ben\u00f6tigt einen interessegeleiteten Gebrauch von Geschichte, um sich seine Nation historisch zurechtzuzimmern. Die katalanische Variante bildet da keine Ausnahme, auch die linke nicht. Was die Geschichte des 20. Jahrhundert angeht, greifen die Katalanist_innen erkennbar gerne auf Gl\u00e4ttungen und \u00dcberzeichnungen zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1936 gab es auch in Katalonien Unterst\u00fctzer_innen des rechtsradikalen Putsches gegen die Republik? Und in der Diktatur sp\u00e4ter auch katalanische Franquist_innen? Dar\u00fcber spricht man lieber nicht. In mancher Darstellung erscheint der B\u00fcrgerkrieg als ein \u00dcberfall spanischer Truppen auf Katalonien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Juli 1936 waren die Anarchosyndikalist_innen die bestimmende Kraft in Barcelona? Bei den Stra\u00dfenschlachten im Mai 1937 bek\u00e4mpften katalanische Nationalist_innen die CNT Seite an Seite mit kommunistischen Einheiten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das muss man ja nicht unbedingt betonen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei war Katalonien bekannterma\u00dfen eine Hochburg des Anarchosyndikalismus. Nur war dieser eben sozialrevolution\u00e4r und nicht nationalistisch ausgerichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der linksrepublikanische Pr\u00e4sident Lluis Companys 1934 eine eigenst\u00e4ndige katalanische Republik ausrief, brach dieser fr\u00fche separatistische Versuch vor allem auch deswegen zusammen, weil die CNT diese Politik nicht unterst\u00fctzte. W\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkrieges sprangen manche Anarchist_innen gleichwohl auf den propagandistischen Zug des (spanischen) Nationalismus auf. ((3)) Schon damals zeigte sich, welch eine gro\u00dfe Anziehungskraft die nationalistische Ideologie bisweilen bis ins libert\u00e4re Lager hinein entfalten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweifellos war es ein politisches Verbrechen, dass die Franco-Diktatur die katalanische Sprache und Kultur unterdr\u00fcckte. Aber muss man deswegen von einem &#8222;versuchten kulturellen Genozid&#8220; sprechen, wie es der Politikprofessor Vicen\u00e7 Navarro aus Barcelona am 18. Oktober 2017 in der linken Tageszeitung El P\u00fablico tat? Im privaten Umfeld durfte Katalanisch immerhin gesprochen werden und die kulturelle Repression schw\u00e4chte sich im Laufe der Jahre deutlich ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heutzutage kann von kultureller Unterdr\u00fcckung in Katalonien ohnehin keine Rede mehr sein. An den Schulen ist Katalanisch die dominierende Sprache, \u00fcbrigens zulasten der f\u00fcr Heranwachsende so f\u00f6rderlichen Zweisprachigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt zahlreiche katalanischsprachige Zeitungen, Buchverlage und einen TV-Sender, ohne katalanische Sprachkenntnisse wird niemand in den \u00f6ffentlichen Dienst aufgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die linken Nationalist_innen k\u00f6nnen darauf verweisen, dass sie in der breiten Massenbewegung f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit entscheidend mitmischen. Angeschoben von dieser Bewegung verabschiedete das katalanische Parlament Gesetze gegen Zwangsr\u00e4umungen und den Einsatz von Gummigeschossen (die Madrid wieder annullierte), tausende nahmen an Refugee-Welcome-Demonstrationen teil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">CUP und Co. bauen auf einen partizipativen verfassungsgebenden Prozess f\u00fcr eine unabh\u00e4ngige katalanische Republik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei, so hoffen sie, lie\u00dfen sich entscheidende emanzipatorische Errungenschaften durchsetzen. Mit einem eigenen Staat w\u00e4ren die Katalan_innen die Monarchie los, sie k\u00f6nnten sich eine f\u00f6derale Struktur geben und vielleicht sogar ein bedingungsloses Grundeinkommen einf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch \u00fcbersehen sie einen wichtigen Punkt: Bis vor nicht allzu langer Zeit waren nur wenige Katalan_innen f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit. Diese gewann erst in den letzten Jahren an Zustimmung, nachdem der PP und das Verfassungsgericht ein neues Autonomiestatut verhindert hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entscheidend dabei war, dass Katalonien die Anerkennung als Nation ebenso verweigert wurde wie mehr Finanzhoheit. Es liegt auf der Hand: W\u00fcrde Madrid die &#8222;Plurinationalit\u00e4t&#8220; Spaniens offiziell anerkennen und Katalonien mehr Geld zugestehen, verl\u00f6re die separatistische Massenbewegung schnell an Kraft. Wohlstandschauvinistische Haltungen (&#8222;Spanien raubt uns aus&#8220;) sind in Katalonien verbreiteter und die Linke schw\u00e4cher, als der eine oder die andere wahrnehmen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche katalanische Anarchist_innen, angezogen von der basisdemokratischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung, hoffen darauf, den spanischen Staat zu destabilisieren und so neue politische R\u00e4ume zu \u00f6ffnen. Oder sie denken, in einem kleineren Staat seien die Einflussm\u00f6glichkeiten von Basisbewegungen gr\u00f6\u00dfer. ((4))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch das erscheint fraglich. Vergleichbar gro\u00dfe L\u00e4nder wie D\u00e4nemark oder die Schweiz haben jedenfalls keine ausgewiesen emanzipatorische Richtung eingeschlagen. Und die Unternehmer_innen entscheiden sich im Zweifel gem\u00e4\u00df ihres Klassenstandpunkts, wof\u00fcr die katalanische Geschichte ein Paradebeispiel bereith\u00e4lt: Als die anarchosyndikalistische Bewegung in den 1920ern das katalanische Kapital ernsthaft herausforderte, begann die Bourgeoisie mit Hilfe von angeheuerten Killern einen m\u00f6rderischen Klassenkampf. Kurze Zeit sp\u00e4ter machte sie mit der Diktatur von Miguel Primo de Rivera gemeinsame Sache. Dabei nahm sie die R\u00fccknahme der ersten katalanischen Autonomie umstandslos in Kauf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Anarchie und Nation: L\u00e4sst sich das miteinander verbinden?&#8220;, luden vor Jahren Plakate in den Stra\u00dfen Valencias zu einer Diskussionsveranstaltung ein. Was andernorts als Nonsens gelten w\u00fcrde, hier war es ernst gemeint. Teile der katalanischsprachigen Linken versuchen sich seit langem am Projekt eines linken Nationalismus. 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