{"id":17389,"date":"2017-12-01T00:00:00","date_gmt":"2017-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/soziale-bewegungen-in-thessaloniki\/"},"modified":"2022-01-26T12:58:51","modified_gmt":"2022-01-26T10:58:51","slug":"soziale-bewegungen-in-thessaloniki","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/soziale-bewegungen-in-thessaloniki\/","title":{"rendered":"Soziale Bewegungen in Thessalon\u00edki"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Wobei ja Leute ohne Job sowieso Zeit haben, deswegen k\u00f6nnen sie auch mittags im Caf\u00e9 sitzen; und ein einziger Kaffee ist auch nicht teuer. Wobei das ja ein oberfl\u00e4chlicher Blick ist, und sich Armut meist nie so direkt zeigt. Aber wenn man sich die verschiedenen sozialen Einrichtungen hier vor Ort genauer anschaut, so wie ich das bei meinem mehrw\u00f6chigen Aufenthalt in Thessalon\u00edki diesen Sommer gemacht habe, wie sie sich auf unterschiedlichen Gebieten f\u00fcr ihre armen Mitmenschen einsetzen, dann kann man ein Gef\u00fchl f\u00fcr das Ausma\u00df der existenziellen Krise in Griechenland bekommen.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span lang=\"el-GR\">\u0392<\/span>esetzte H\u00e4user<\/h5>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Yfanet liegt in Kato Toumba, einem s\u00fcd\u00f6stlichen Stadtteil von Thessalon\u00edki. Diese recht heruntergekommene alte, gro\u00dfe Fabrik stammt vom Anfang des 20. Jahrhunderts, wurde in den 1960er Jahren aufgegeben und 2004 besetzt. Seitdem wird sie als soziales Zentrum benutzt. Die Fabrik und das Gel\u00e4nde geh\u00f6ren dem Kultusministerium, das hier eigentlich ein Museum bauen will. Aber dank der Krise fehlt das Geld hierf\u00fcr. An einem Dienstagabend besuche ich Yfanet. Ein Typ erz\u00e4hlt mir einiges und f\u00fchrt mich durch die d\u00fcsteren Fabrikhallen. Es gibt ein von \u00fcberwiegend jungen Leuten betriebenes Projekt, den \u201eBike Park\u201c, der in einer der gr\u00f6\u00dferen Hallen untergebracht ist: Ein aus Halfpipes und anderen Elementen zusammengesetzter Fahrrad-Parkour, der nachts in den schwach beleuchteten R\u00e4umen recht gespenstisch wirkt. Andere Hallen werden f\u00fcr Veranstaltungen benutzt, zum Beispiel wurde hier diesen Sommer das Theaterst\u00fcck <i>Endspiel<\/i> von Samuel Beckett aufgef\u00fchrt. Es finden regelm\u00e4\u00dfig \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Versammlungen in der gem\u00fctlich eingerichteten Bibliothek statt. Ich nehme an diesem Abend an einer teil, wobei ich nur wenig verstehe von der Diskussion der 15 Anwesenden. Freitag abends ist immer die Bar ge\u00f6ffnet und es finden Konzerte statt.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Die Leute von Yfanet waren auch an der Durchf\u00fchrung des \u201eNo Border Camps\u201c beteiligt, das im Juli 2016 auf dem Campus der Aristoteles Universit\u00e4t Thessalon\u00edki stattgefunden hat. Mittlerweile gibt es aber kaum noch Aktivit\u00e4ten bez\u00fcglich Fl\u00fcchtlingen.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Von Vio.Me, dieser von den ArbeiterInnen besetzten chemischen Fabrik, hatte ich schon in der GWR und anderswo gelesen. Ich habe sie also besucht. Im Vio.Me-B\u00fcro unterhalte ich mich mit Spiros, der mir auch das Firmengel\u00e4nde zeigt. Nachdem in 2011 kein Lohn mehr an die ArbeiterInnen gezahlt worden ist, haben sie sich zur Besetzung und Weiterf\u00fchrung der Fabrik entschieden. Die urspr\u00fcngliche Besitzerin, die Firma Filkeram Johnson AG, ist l\u00e4ngst pleite, so dass eigentlich der griechische Staat haupts\u00e4chlich die Forderungen an Vio.Me h\u00e4lt. Die lediglich 25 ArbeiterInnen, die Vio.Me betreiben, und die hierf\u00fcr gerade mal 400 Euro im Monat erhalten (was ungef\u00e4hr der H\u00f6he des Arbeitslosengelds entspricht), hoffen, dass man diese Fabrik quasi als \u00f6ffentliches Eigentum unangetastet l\u00e4sst, also der Liquidator nicht zum Abtransportieren des Mobiliars kommt. Ein wichtiges Standbein sieht man darin, dass Vio.Me sehr gut in soziale Netze, auch gewerkschaftliche, eingebunden ist. Mittlerweile werden alle chemischen Maschinen f\u00fcr die Produktion eingesetzt. Sie sind alt, aber die Vio.Me-Produkte machen auf mich einen guten Eindruck. Die Produkte werden u.a. \u00fcber Kooperativen sowie auf Festivals direkt angeboten. Man kann sie auch in Deutschland beziehen, um seine Solidarit\u00e4t zu zeigen. ((1))<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Graswurzelbewegungen und Kooperativen<\/h5>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Seit ein paar Jahren kenne ich Filippos Polatsidis, der zusammen mit anderen eine Gruppe namens Per&#8217;volarides leitet, die \u201eG\u00e4rtner von Thessalon\u00edki\u201c. Bei einer Vortragsreise habe ich ihn hier in Frankfurt am Main pers\u00f6nlich kennengelernt. So lag es nahe, ihn in Thessalon\u00edki zu besuchen. Fr\u00fcher war Filippos selber arbeitslos gewesen, deswegen kann man Per&#8217;volarides auch als eine Art von Selbsthilfegruppe betrachten. Per&#8217;volarides haben in Kato Toumba einen Raum gemietet. Die Aktivit\u00e4ten der Gruppe umfassen die Versorgung von 20 bis 25 bed\u00fcrftigen Familien mit Lebensmitteln, die Bienenzucht, das gelegentliche Abholen von frischem Fisch direkt bei den Fischern, das Abernten von nicht mehr bewirtschafteten Olivenb\u00e4umen, generell das Einsammeln von Lebensmittel(spenden) auf M\u00e4rkten etc. Ferner wird in dem Raum von Per&#8217;volarides Tomatensauce, Karottenmarmelade etc. hergestellt, zusammen mit Fl\u00fcchtlingen aus dem Iran und Afghanistan, worauf Filippos besonders stolz ist. An dem Abend, wo ich zu Besuch bin, helfe ich dabei, den Honig aus seinen Wachswaben mittels einer Zentrifuge zu extrahieren. Diese Gruppe wird finanziell durch Solidarity4all unterst\u00fctzt, aber es wird auch versucht, mittels Crowd Funding Geld f\u00fcr den weiteren Ausbau der vielf\u00e4ltigen Aktivit\u00e4ten zu bekommen. ((2))<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Mikropolis<\/h5>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Zentral gelegen gibt es das Mikropolis, ein alternatives Zentrum in Thessalon\u00edki. Nach eigenen Angaben \u201eein sozialer Ort f\u00fcr Freiheit\u201c, herrschaftsfrei, basierend auf direkter Demokratie, Solidarit\u00e4t und Freiheit. Im ersten Stock gibt es die K\u00fcche <i>Antipina<\/i> (deutsch: \u201eGegenhunger\u201c), einen gro\u00dfen, urigen Caf\u00e9(raum), in dem auch Konzerte stattfinden; das Lebensmittelgesch\u00e4ft <i>Sintrofia<\/i> mit Lebensmitteln von Kooperativen oder Kleinproduzenten, nach M\u00f6glichkeit sozial, fair und \u00f6kologisch angebaut bzw. hergestellt; einen Spielbereich f\u00fcr Kinder <i>Microtopos<\/i> und das \u201eMikropolis Refugees Solidarity project\u201c. Im zweiten Stock befindet sich die Buchhandlung nebst B\u00fccherei \u201eLa otra biblioteca\u201c sowie der Kopierladen <i>Microcopies<\/i>. Auf dem Dach des alten Geb\u00e4udes befindet sich die gro\u00dfe Terrasse. Hier l\u00e4sst es sich in warmen Sommern\u00e4chten bei einem kalten Bier gut relaxen.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Bei meinen Eink\u00e4ufen und Streifz\u00fcgen durch die Stadt bin ich auf zwei weitere Kooperativen gesto\u00dfen. Das Eklekt\u00edk in der Venizelou Stra\u00dfe ist ein genossenschaftliches Lebensmittelgesch\u00e4ft nebst einem Caf\u00e9, das nur Lebensmittel aus Kooperativen anbietet. Mitten in den engen Gassen der Altstadt findet sich die Taverne <i>Rediviva<\/i>. Gegen\u00fcber dem Restaurant sitzt man dabei wundersch\u00f6n auf einer kleinen Terrasse. Der Mann, der mich bedient, erz\u00e4hlt mir etwas \u00fcber die Entstehungsgeschichte: F\u00fcnf Arbeitslose haben sich vor f\u00fcnf Jahren entschieden, ein \u201eFood Collective\u201c aufzumachen. Dazu geh\u00f6rt zum einen dieses Restaurant, was sie im Untertitel \u201eCucina Povera\u201c nennen, also italienisch \u201eArmenk\u00fcche\u201c, eine \u201ealternative restaurant cooperative\u201c. Sie stellen aber auch selbst diverse Lebensmittel her, f\u00fcr ihren Restaurantbetrieb und zum Verkauf.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Fl\u00fcchtlingshilfe<\/h5>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Die Gefl\u00fcchteten sind im Stadtbild von Thessalon\u00edki pr\u00e4sent. Die Zahl der in Nordgriechenland lebenden Fl\u00fcchtlinge wird auf 7.000 und 25.000 gesch\u00e4tzt. Ihre Lage ist hier entspannter als in Athen oder auf den griechischen Inseln nahe der T\u00fcrkei. Nachdem das Fl\u00fcchtlingscamp in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze (ca. 80 Kilometer von Thessalon\u00edki entfernt) vor zwei Jahren aufgel\u00f6st worden ist, befinden sich dort auch keine Fl\u00fcchtlinge mehr. Wozu auch, ist das wegen der geschlossenen Grenze ja eine Sackgasse f\u00fcr Gefl\u00fcchtete. Um Thessalon\u00edki herum soll es noch einige Fl\u00fcchtlingscamps geben. Sie werden meist vom Staat betrieben, der f\u00fcr die Betreuung NGOs beauftragt und bezahlt. Allerdings sind einige davon &#8211; <i>Softex<\/i> am Stadtrand von Thessalon\u00edki, von Intervolve betrieben; <i>Refugee Support<\/i> in Alexandreia, ca. 50 Kilometer westlich von Thessalon\u00edki &#8211; diesen Sommer geschlossen worden. Konkret habe ich nur von dem <i>Diavata Refugee Camp<\/i> n\u00f6rdlich von Thessalon\u00edki geh\u00f6rt, das vom ASB betreut wird. Es hei\u00dft, dass die \u00fcbrigen Fl\u00fcchtlinge in Apartments untergebracht seien. Im Hafen von Thessalon\u00edki soll es auch ein Fl\u00fcchtlingscamp geben. Ich habe nicht versucht, in ein Fl\u00fcchtlingscamp zu gelangen, da man dort als Au\u00dfenstehender nur auf Einladung einer betreuenden NGO Einlass bekommt.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Ich habe vielmehr in der Stadt geschaut, welche Institutionen sich mit Fl\u00fcchtlingen besch\u00e4ftigen. In einem B\u00fcrohaus, das in einer Passage an der Ptolemaion Stra\u00dfe liegt, sind mehrere NGOs ans\u00e4ssig, die sich mit Gefl\u00fcchteten besch\u00e4ftigen: Oik\u00f3polis, Antigoni, Solidarity Now und Naomi. Naomi wird zum Beispiel von der deutschen Diakonie unterst\u00fctzt und von einer deutschen Pfarrerin geleitet. In der \u00f6kumenischen Werkstatt f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge lernen 50 Frauen das N\u00e4hen und Schneidern, und es sind noch einmal 50 Frauen, die hier Deutsch lernen. Bei Oik\u00f3polis hat man mich gleich an Alky\u00f3ne verwiesen, einem Tageszentrum f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge. Es wird mit Hilfe von Oik\u00f3polis organisiert und von der Diakonie Katastrophenhilfe finanziell unterst\u00fctzt. Es ist \u00f6kologisch ausgerichtet und bietet hundert Leuten t\u00e4glich Fr\u00fchst\u00fcck und Mittagessen an. In einem der Stockwerke ist das \u201eWarehouse Clothing\u201c untergebracht, also eine Kleiderkammer, die den Fl\u00fcchtlingen aber auch Waschmaschinen zur Benutzung anbietet. Sie wird von Adreana, einer jungen Griechin gef\u00fchrt. Hier arbeite ich mehrere Wochen halbtags als Volunteer mit, zusammen mit meist jungen Fl\u00fcchtlingen aus Syrien und dem Iran. Das Alky\u00f3ne ist ein Treffpunkt, an dem sich Ost und West begegnen. Die Fl\u00fcchtlinge k\u00f6nnen in einem \u201eVerkaufsraum\u201c shoppen. In einem hinteren Warenlager werden neu angekommene, gespendete Kleidung und Schuhe gesichtet, sortiert und gegebenenfalls gewaschen oder auch repariert, und dann sp\u00e4ter im Shop angeboten.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Festivals<\/h5>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">W\u00e4hrend meiner Zeit in Thessalon\u00edki war ich auf zwei Festivals, das eine eher anarchistisch ausgerichtet, das andere links-\u00f6kologisch.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Vom 6. bis zum 8. September fand das <i>Direct Democracy<\/i>-Festival statt, auf dem Campus der Aristot\u00e9les Universit\u00e4t Thessalon\u00edki. Es gab Vortr\u00e4ge und Podiumsdiskussionen \u00fcber Allmende, die westliche Krise und den Nationalismus, sowie Kommunalismus und Gemeinschaften. Ich habe sie mir aber nicht angeh\u00f6rt, da mein Griechisch hierf\u00fcr noch zu schlecht ist. Aber die Dokumentarfilme waren f\u00fcr mich interessant, da sie mit englischen Untertiteln gezeigt worden sind: \u201eSongs of the [greek] Underground\u201c von Bill Mousoulis; \u201eDreaming of life\u201c von Morteza Jafari, der die Fl\u00fcchtlingssituation Ende 2015 auf Lesbos und im Lager Idomeni eindr\u00fccklich dokumentiert; \u201eGolden Dawn: A Personal Affair\u201c von Ang\u00e9lique Kourounis, in dem die Parteimitglieder und Anh\u00e4nger sich \u00fcberraschend offen \u00e4u\u00dfern. In einer langen Reihe haben sich jeden der drei Abende zw\u00f6lf St\u00e4nde platziert, darunter Yfanet und Vio.Me. Es gab einen Stand von Mikropolis mit Lebensmitteln von Sintrofia, bedruckten Stoffen aus der Fl\u00fcchtlingsarbeit sowie B\u00fcchern aus der Buchhandlung. Ein Stand gegen den Goldabbau in Skouries mit entsprechenden T-Shirts im Angebot. Au\u00dferdem B\u00fcchertische mit linken und anarchistischen B\u00fcchern. Wer halbwegs Griechisch kann, wei\u00df, wer sich hinter den Autoren verbirgt: <span lang=\"el-GR\">\u03a0\u03ad\u03c4\u03c1\u03bf\u03c2 \u039a\u03c1\u03bf\u03c0\u03cc\u03c4\u03ba\u03b9\u03bd<\/span> (Pjotr Alexejewitsch Kropotkin),<span lang=\"el-GR\"> \u0392\u03af\u03bb\u03c7\u03b5\u03bb\u03bc \u03a1\u03ac\u03b9\u03c7<\/span> (Wilhelm Reich),<span lang=\"el-GR\"> \u0388\u03bc\u03bc\u03b1 \u0393\u03ba\u03cc\u03bb\u03bd\u03c4\u03bc\u03b1\u03bd<\/span> (Emma Goldman),<span lang=\"el-GR\"> \u039d\u03c4\u03b1\u03bd\u03b9\u03ad\u03bb \u0393\u03ba\u03b5\u03c1\u03ad\u03bd<\/span> (Daniel Gu\u00e9rin),<span lang=\"el-GR\"> \u0395\u03c1\u03c1\u03af\u03ba\u03bf \u039c\u03b1\u03bb\u03b1\u03c4\u03ad\u03c3\u03c4\u03b1<\/span> (Errico Malatesta),<span lang=\"el-GR\"> \u039d\u03cc\u03b1\u03bc \u03a4\u03c3\u03cc\u03bc\u03c3\u03ba\u03b9<\/span> (Noam Chomsky) und<span lang=\"el-GR\"> \u039c\u03b9\u03c7\u03b1\u03ae\u03bb \u039c\u03c0\u03b1\u03ba\u03bf\u03cd\u03bd\u03b9\u03bd<\/span> (Michail Alexandrowitsch Bakunin)<span lang=\"el-GR\">.<\/span> Zus\u00e4tzlich gab es eine Fotoausstellung mit dem Titel \u201eLoneliness\u201c der Fotografie-Gruppe <i>jpeg micropolis<\/i> mit Bildern \u00fcber Fl\u00fcchtlinge. Jeweils ab 23 Uhr war Livemusik mit mehreren Bands angek\u00fcndigt. Lautstarke Musik mitten in der Nacht ist hier auf dem weitl\u00e4ufigen Unigel\u00e4nde ohne st\u00f6rende Nachbarn kein Problem.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Vom 14. bis zum 17. September fand zum siebten Mal unter dem diesj\u00e4hrigen Motto \u201ePeace is the Way\u201c das Greenwave Festival im Parko XANTh statt. Mehrere Organisationen waren mit der Durchf\u00fchrung betraut, unter anderem auch Oik\u00f3polis und Alky\u00f3ne. Deswegen bin ich auch gefragt worden, ob ich nicht beim Aufbau des Festivals mithelfen k\u00f6nnte. So habe ich zusammen mit rund 25 Leuten an dem Aufbau mitgearbeitet, was fast vier Tage gedauert hat. Dazu geh\u00f6rte der Aufbau zahlloser St\u00e4nde, der B\u00fchne sowie die Bereitstellung von Tischen und St\u00fchlen f\u00fcr \u201eProducer\u201c und G\u00e4ste. Entlang des Mittelgangs waren diverse Organisationen in den Hauptst\u00e4nden zur Selbstdarstellung untergebracht, neben Oik\u00f3polis, Alky\u00f3ne auch Antigoni, Naomi, die Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung, Praksis etc. Es gab einen Bar-Bereich f\u00fcr Speisen und Getr\u00e4nke, wobei die vegane K\u00fcche diesmal ein Schwerpunktthema gewesen ist. In der Gr\u00fcnanlage entlang kleiner verschlungener Wege waren die sogenannten \u201eProducer\u201c untergebracht, mehr als 100 (Klein-)Anbieter, die Seifen, Schmuck, Kunsthandwerk, gebrauchte B\u00fccher und Schallplatten sowie zumeist \u00f6kologische Lebensmittel angeboten haben. Darunter auch <i>Rediviva<\/i> und Vio.Me. Zwischendrin verteilt gab es Podien f\u00fcr Vortr\u00e4ge und dann Livemusik diverser Bands auf der B\u00fchne.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Die diversen Kooperativen, die es hier gibt, die vielen Klein-ProduzentInnen, die versuchen, abseits vom etablierten Markt Neues zu probieren, also unabh\u00e4ngig von Hierarchie und Herrschaft zu wirtschaften, m\u00f6glichst fair und \u00f6kologisch, erinnern mich an die Entwicklung der \u00f6kologischen Betriebe und Naturkostl\u00e4den in Deutschland-West in den 1970er bis in die 1990er Jahre hinein. Von dieser Aufbruchsstimmung ist bei uns ja trotz etablierter Biobranche leider nichts mehr zu sp\u00fcren. Aber hier in Griechenland schon, vielleicht auch gerade weil viele dieser Aktivit\u00e4ten durch die anhaltende Krise erst motiviert und entstanden sind.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Demonstrationen<\/h5>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Ich bin w\u00e4hrend meines Aufenthalts in Thessalon\u00edki bei zwei Demos mitmarschiert. Treffpunkt war immer der an der Egnat\u00eda Stra\u00dfe zentral gelegene Galerius-Bogen. Die erste Demonstration war anl\u00e4sslich der <i>Thessaloniki Trade Fair<\/i> und deren Er\u00f6ffnung durch Alexis Tsipras am 9. September. Es ist \u00fcblich, dass der Ministerpr\u00e4sident bei seiner Er\u00f6ffnungsrede seine zuk\u00fcnftige Politik vorstellt. Die als Antwort darauf traditionell j\u00e4hrlich stattfindende Demo ist mit einigen Tausend Menschen eine der gr\u00f6\u00dften in Thessalon\u00edki. Diverse Gruppierungen machen mit, zum Beispiel laufen Leute von Yfanet, Vio.Me, den Organisatoren vom <i>Direct Democracy<\/i>-Festival mit, sowie Gruppen gegen den Goldabbau in der Chalkidik\u00ed mit Transparenten wie \u201eSave Skouries\u201c und \u201eSOS Halkidiki\u201c. Der Marsch durch die Innenstadt kommt auch am Eingang des Messegel\u00e4ndes vorbei. Hier kommt es kurzzeitig zu einem Gerangel zwischen DemonstrantInnen und Polizei, mit Tr\u00e4nengas. Ansonsten verl\u00e4uft die Demo friedlich.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">\u00dcber den Goldabbau durch die kanadische Firma Eldorado Gold in Skouries in der Chalkidik\u00ed findet man in den deutschen Medien nur noch wenig. Bei meinem Besuch der M\u00f6nchsrepublik \u00c1thos bin ich mit dem Bus hier vorbeigekommen. In den umliegenden St\u00e4dten habe ich immer wieder Transparente gegen den Goldabbau gesehen. Diese Umweltsauerei bewegt ebenso viele Menschen im hundert Kilometer entfernten Thessalon\u00edki. Im Arch\u00e4ologischen Museum Thessalon\u00edki kann man im \u201eGoldsaal\u201c auch nachlesen, dass der Goldabbau in der Chalkidik\u00ed eine lange Tradition hat. Problematisch sind vor allem die heutzutage hier geplanten Abbaumethoden. Ich habe mich mit Frosso, einer Aktivistin, die in der Sozialen Klinik der Solidarit\u00e4t (KIA) mitarbeitet, die sich aber auch gegen den Goldabbau engagiert, getroffen. Sie erz\u00e4hlt mir, dass geplant ist, Gestein zu sprengen, um aus dem herumwirbelnden Staub Gold zu gewinnen. Problematisch ist der hohe Anteil an Asbest, der dadurch in der Luft \u00fcberall hin verbreitet wird. Auch sollen in einem riesigen Becken die R\u00fcckst\u00e4nde gelagert werden. Da die Membran aber nicht dicht ist, gelangt giftiger Abfall ins Meer, wird dadurch \u00fcber kurz oder lang den Fischfang zerst\u00f6ren. Am 19. September bin ich bei einer Demo gegen Eldorado Gold mitmarschiert, bei der etwa 500 Leute dabei sind. Ich laufe bei der 25-k\u00f6pfigen Gruppe der KIA mit. Durch die Kriminalisierung der GoldabbaugegnerInnen durch den griechischen Staat stehen mehrere Gerichtsverhandlungen an, so dass es in den folgenden Tagen zu weiteren Demonstrationen gekommen ist.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Engagierte Popen<\/h5>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Bei meinem Aufenthalt in Thessalon\u00edki habe ich die Bekanntschaft mit zwei sozial engagierten Popen gemacht. Ich hatte von beiden schon vorab \u00fcber Bekannte in Frankfurt geh\u00f6rt.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Es gibt diese Geschichte, dass \u201eFather\u201c Athenagoras, als er zum Priester geweiht wurde, zu seinem Erzbischof sagte, dass er nach Afrika gehen wolle, um den Armen dort zu helfen. Der Erzbischof sagte ihm darauf, er solle hier bleiben, denn sie h\u00e4tten in Thessalon\u00edki ihren eigenen Typ von Afrika. So ist Vater Athenagoras Pope in Deudropotamos geworden, einem \u00e4rmlichen Stadtteil im Westen. Es wird \u00fcberwiegend von Roma und Sinti bewohnt. Es hei\u00dft, die Gegend sei gef\u00e4hrlich wegen drogenabh\u00e4ngigen und alkoholisierten \u201eZigeunern\u201c, die unberechenbar gewaltt\u00e4tig sein k\u00f6nnen. Die orthodoxe Kirche Agios Nektarios ist das imposanteste Geb\u00e4ude im Stadtteil. Vater Athenagoras predigt hier und hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich um die Leute in dieser Gegend zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Ich habe ihn an einem der Abende auf dem Greenwave-Festival getroffen, ein riesiger, freundlicher Mann in wei\u00dfer Kutte. Er ist umgeben von seinen Sch\u00fctzlingen. Der Grund seiner Anwesenheit auf dem Festival: Am sp\u00e4teren Abend spielt eine Band, bestehend aus j\u00fcngeren Leuten, rockig und laut: \u201eTa Paidia tou Pharou\u201c (\u201eDie Kinder des Leuchtturms\u201c). Das sind Bekannte aus seinem Stadtteil. Er l\u00e4dt mich ein, ihn in Deudropotamos zu besuchen. An einem Morgen in der folgenden Woche bin ich in der Agios Nektarios. Der vielbesch\u00e4ftigte Vater Athenagoras ist leider nicht da. Aber ich werde von einer Frau namens Heleni abgeholt, die gut Deutsch spricht. Wir fahren in einem Lieferwagen zu einem einst\u00f6ckigen Haus am Stadtrand. Kurz hinter der Schule sehen wir zwei Polizisten auf Motorr\u00e4dern, die zu einem vollbesetzten PKW gehen, um die Insassen zu kontrollieren. Unser Fahrer macht eine Geste, die sagt: Das ist typisch f\u00fcr Deudropotamos. Das kleine Haus, umgeben von einem Garten mit f\u00fcnf freilaufenden Hunden, ist \u201ePharos tou Kosmou\u201c, also etwas gro\u00dfspurig \u201eDer Leuchtturm der Welt\u201c. Hier leben die meisten der 15 betreuten Kinder, da deren Eltern entweder im Gef\u00e4ngnis sind oder sich nicht um ihre Kinder k\u00fcmmern k\u00f6nnen. Der J\u00fcngste ist f\u00fcnfeinhalb, geht in den Kindergarten, und ist bereits im Haus. Die anderen kommen nach und nach in der Mittagszeit von der Schule zur\u00fcck. Wir sitzen in der K\u00fcche und unterhalten uns. Einige Frauen arbeiten hier als Volunteers, das hei\u00dft, dass sie zum Beispiel mittags f\u00fcr die Kinder kochen. Auff\u00e4llig ist, dass hier bei Pharos nur Jungs sind, keine M\u00e4dchen, da die Roma und Sinti sie mit 12-13 Jahren verheiraten. Vater Athenagoras k\u00e4mpft bis jetzt erfolglos gegen diese Unsitte.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Papachristos ist ein Pope in schwarzer Kutte und mit Rauschebart. Er lebt in Trilofos, einem Ort au\u00dferhalb von Thessalon\u00edki in Richtung Chalkidik\u00ed. Aufgrund der Krise k\u00fcmmert er sich nicht nur um die religi\u00f6sen Belange seiner \u201eSch\u00e4fchen\u201c, sondern auch um ihr \u00dcberleben. Deshalb hat er Probleme mit seinen Oberen, da er zu nah bei den Menschen ist. Er hat deshalb die Strukturen, um Bed\u00fcrftigen zu helfen, auch unabh\u00e4ngig von der Kirche aufgebaut. Es gibt ein Geb\u00e4ude am kleinen Hauptplatz, die \u201eKoioniko Iatrio Trilofo\u201c, also die Soziale Klinik Trilofos, sowie etwas oberhalb ein zweites. Sonntags wird f\u00fcr rund 200 Leute gekocht. Das Essen wird mittags mit privaten PKWs ausgefahren, da manche Leute zu alt bzw. krank sind, aber auch, damit sie sich nicht zeigen und damit sch\u00e4men m\u00fcssten. Papachristos hat hier die Verbindungen aufgebaut, so dass er problemlos Lebensmittel als Spenden vom \u00f6rtlichen Supermarkt bekommt. Er hat auch Kontakt zu Fischern, die ihn anrufen, wenn sie zu viel Fisch gefangen haben, und den er abholen lassen kann. Oder zu Bauern, bei denen er die \u00c4pfel abernten lassen kann.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">An meinem letzten Abend in Griechenland fahren wir zu dritt nach Trilofos. Meine beiden Bekannten, von denen ich \u00fcberhaupt erst von Papachristos erfahren habe, sind kurzentschlossen heruntergeflogen. Wir werden \u00fcberschw\u00e4nglich von Papachristos begr\u00fc\u00dft. Mit dabei bei unserem Treffen ist unter anderem Nikolina, eine engagierte junge Griechin, die nicht nur beim sonnt\u00e4glichen Kochen und Ausfahren mithilft, sondern auch die Kinder von \u201ePharos tou Kosmou\u201c in griechischer Literatur unterrichtet. In unserer Runde diskutieren wir haupts\u00e4chlich die Frage, wieso doch nur so Wenige bei diesen freiwilligen Aktivit\u00e4ten &#8211; wie \u00c4pfel Ernten &#8211; mitmachen. Denn es gibt hier viele Arbeitslose, die eigentlich gen\u00fcgend freie Zeit h\u00e4tten. Mangelnde Solidarit\u00e4t ist ein generelles Problem bei vielen sozialen Einrichtungen und Selbsthilfegruppen, das habe ich auch bei der KIA und bei Per&#8217;volarides zu h\u00f6ren bekommen.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Fazit<\/h5>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">Ich habe auf meiner f\u00fcnfw\u00f6chigen Reise viel an solidarischen und sozialen Initiativen, an selbstorganisierten Strukturen abseits kapitalistischer Firmen gesehen, was mir zeigt, dass sich viele Griechen trotz Krise nicht unterkriegen lassen. In Thessalon\u00edki habe ich eine Lebendigkeit gesp\u00fcrt, eine Lebensfreude, die vielen Griechen noch lange nicht vergangen ist, von der ich aber meine, dass es daran in Deutschland eindeutig mangelt: Eigentlich ist Deutschland das Mangelland.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: right;\"><strong>Peter Oehler,<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: right;\">November 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wobei ja Leute ohne Job sowieso Zeit haben, deswegen k\u00f6nnen sie auch mittags im Caf\u00e9 sitzen; und ein einziger Kaffee ist auch nicht teuer. Wobei das ja ein oberfl\u00e4chlicher Blick ist, und sich Armut meist nie so direkt zeigt. 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