{"id":17391,"date":"2017-12-01T00:00:00","date_gmt":"2017-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/sexismus-ist-ein-zentraler-aspekt-unserer-kultur\/"},"modified":"2022-01-25T18:59:24","modified_gmt":"2022-01-25T16:59:24","slug":"sexismus-ist-ein-zentraler-aspekt-unserer-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/sexismus-ist-ein-zentraler-aspekt-unserer-kultur\/","title":{"rendered":"Sexismus ist ein zentraler Aspekt unserer Kultur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Berichte von Frauen dar\u00fcber, dass Weinstein sie bel\u00e4stigt, bedroht und gedem\u00fctigt hat, gibt es sogar schon seit 1990. Journalistinnen haben das immer wieder recherchiert und aufgeschrieben, aber die wichtigen Medien waren nicht bereit, die Story zu drucken. Warum ist ausgerechnet jetzt das Fass \u00fcbergelaufen? Warum haben die Zeitungen die Geschichte nun endlich gebracht, anstatt sie wie sonst in die Schublade zu legen? Warum haben Schauspielerinnen wie Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie jetzt \u00f6ffentlich gemacht, dass auch sie von Weinstein bel\u00e4stigt wurden, anstatt wie bisher zu schweigen? Wo war der Punkt, an dem es kippte und der amerikanische Mainstream begann, sich von Weinstein abzuwenden, anstatt weiterhin alle Augen zuzudr\u00fccken?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich spielen hier viele Faktoren eine Rolle. Aber einer davon ist sicher, dass feministische Debatten sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr in den Mainstream vorgearbeitet haben. Von der S\u00e4ngerin Beyonc\u00e9, die bei Auftritten ein gro\u00dfes &#8222;Feminist&#8220; auf die B\u00fchne projizieren lie\u00df, \u00fcber die Schauspielerin Emma Watson, die als \u00f6ffentliche Protagonistin f\u00fcr UN-Frauenprojekte auftrat bis zu den Women&#8217;s Marches im Januar 2017 &#8211; den gr\u00f6\u00dften Demonstrationen, die es jemals in Amerika gegeben hat, gr\u00f6\u00dfer als die gegen den Vietnamkrieg &#8211; , als sich der weltweite Protest gegen Rechtspopulismus unter dem Banner der Frauenbewegung auf den Stra\u00dfen versammelte (vgl. GWR 416). Ohne Feminismus, so wird immer klarer, gibt es keine linke oder auch nur liberale Politik mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Zeiten, in denen sich Nazis und rechte Nationalisten unter dem Banner des Antifeminismus und des Hasses auf freie Frauen versammeln, ist Linkssein mit sexistischen Macho-Vorzeichen nicht mehr denkbar. Die Weinsteins waren bekanntlich Unterst\u00fctzer und gro\u00dfz\u00fcgige Spender f\u00fcr Hillary Clinton, die ja speziell auf dem &#8222;Frauenticket&#8220; gegen Trump angetreten war. Soeben erst erschien ihr Buch &#8222;What happened&#8220;, in dem es unter anderem auch darum geht, wie und warum sie &#8222;als Frau&#8220; gegen Trump gescheitert ist. Klar, dass sich Clinton umgehend von Weinstein distanzierte. \u00c4hnlich wie ihr ging es vielen: Ob sie wollten oder nicht, sie mussten Weinstein jetzt verurteilen. Das ist nat\u00fcrlich einerseits eine gute Nachricht, zeigt es doch, dass Feminismus etwas bewirkt hat. Andererseits ist dieser Mechanismus nat\u00fcrlich auch unbefriedigend: Die Mehrzahl der Distanzierungen von Weinstein hatten eben etwas Scheinheiliges. Nicht nur angesichts der Tatsache, dass sein Verhalten Frauen gegen\u00fcber ja kein Geheimnis und seit Jahren bekannt war. Sondern auch, weil nicht in allen F\u00e4llen klar war, wer sich aus wirklicher \u00dcberzeugung distanzierte, und wer nur, weil der Zeitgeist nichts anderes mehr zulie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umso wichtiger war es, dass unter dem Hashtag #metoo (&#8222;ich auch&#8220;) zehntausende Frauen, und nicht nur in den USA, umgehend angefangen haben, das Thema der sexualisierten Gewalt weiter zu besprechen. Der aktuelle Vorschlag kam von der Schauspielerin Alyssa Milano am 15. Oktober, und innerhalb weniger Tage ging das um die Welt. So wurde verhindert, dass der &#8222;Fall Weinstein&#8220; als Einzelfall behandelt wurde, und eine Debatte \u00fcber fehlgeleitete M\u00e4nnlichkeitsbilder und strukturelle Verh\u00e4ltnisse gef\u00fchrt.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Allerdings:<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Feministinnen hat das Ganze nat\u00fcrlich etwas vom ewig gr\u00fc\u00dfenden Murmeltier. Exakt derselbe Hashtag war ja bereits vor zehn Jahren von der Schwarzen Bloggerin Tarana Burke verwendet worden. In Deutschland haben wir das Thema vor vier Jahren unter dem Hashtag #aufschrei bereits ausgiebig verhandelt (vgl. GWR 377). Dass es immer noch Leute gibt, die \u00fcberrascht sind, wie viele Frauen sexualisierte Gewalt und Bel\u00e4stigungen erlebt haben, ist nicht nur zum Haareraufen, sondern langsam auch ein bisschen albern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Feministinnen in meiner Timeline haben bei #meetoo deshalb gar nicht erst mitgemacht &#8211; ich selbst eingeschlossen. Eine schrieb: &#8222;Ich habe nur wenig Lust, maximal unerfreuliche Situationen aus meinem Leben bestenfalls als Sensationseffekt prim\u00e4r f\u00fcr jene Leute hinzustellen, die davon ohnehin keinen Erkenntnisgewinn mitnehmen (wollen), sondern weiterhin in bedauerlichen Einzelf\u00e4llen denken werden und \u00dcbergriffe nicht mal dann erkennen wollen, wenn sie vor ihrer Nase passieren oder &#8211; schluck! &#8211; von ihnen selbst ausgehen. Und die meiner Erfahrung nach von Gewalterfahrungen wenn \u00fcberhaupt dann eigentlich vor allem deswegen h\u00f6ren wollen, um zu bewerten ob das denn \u0082wirklich so schlimm&#8216; war, um letztlich bei #notallmen zu landen. Thanks but no thanks.&#8220; Und eine andere: &#8222;Ich will nicht die schlechten Dinge, die mir passiert sind, aufschreiben, damit M\u00e4nner mich bemitleiden.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Genervtheit vieler feministischer Aktivistinnen dar\u00fcber, das ewig selbe jetzt schon wieder aufw\u00e4rmen zu sollen, hat der Kampagne aber keinen Abbruch getan. Die Frauenbewegung ist inzwischen stark genug, um Ungleichzeitigkeit aushalten zu k\u00f6nnen, und es ist gut zu wissen, dass nicht immer alle \u00fcberall mitmachen m\u00fcssen. Eine dritte Freundin schrieb auf Facebook: &#8222;Bei der berechtigten Frage, was eine Hashtag-Kampagne wieder bringen soll, und ob sie Frauen nicht wieder nur als Opfer darstellt, habe ich an mich selbst von vor 20 Jahren und l\u00e4nger gedacht. Es h\u00e4tte damals verdammt geholfen. Als ich anfing, mich zu sch\u00e4men, f\u00fcr die ganzen unerw\u00fcnschten Blicke, Kommentare und ja, auch h\u00e4ufige Ber\u00fchrungen durch M\u00e4nner, auch viel \u00e4ltere, auch welche, die meiner Familie nahe standen. Damals, als ich anfing, dar\u00fcber zu schweigen, meinen K\u00f6rper und mein Weiblichsein zu hassen und zu bestrafen, w\u00e4hrend mir gesagt wurde: Zeig doch was du hast, anstatt es zu verstecken, M\u00e4nner stehen doch drauf!, h\u00e4tte es verdammt gut geholfen zu wissen, dass ich mit all dem Hass und der Scham, weil ich ja schuld war, wer sonst, nicht allein war.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles in Butter also? Oder auch nicht: Zwei Tage nach dem Start von #metoo war ich im Kino und sah &#8222;Blade Runner 2049&#8220;. Eine Dystopie mit allem, was Hollywood aus feministischer Sicht so eklig macht. Ein m\u00e4nnlicher Held, drum herum eine Riege von Frauen, deren Zweck haupts\u00e4chlich ist, ihn zu spiegeln. Zu erkl\u00e4ren, was er macht und warum, ihm Gelegenheit zu geben, seine Zweifel, \u00c4ngste und W\u00fcnsche auszudr\u00fccken. Fast als wolle er eine Illustration zu Luce Irigarays ber\u00fchmtem feministischen Klassiker &#8222;Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts&#8220; sein. Das Buch erschien 1974.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist es fast schon nur ein weiteres \u00e4rgerliches Detail, dass die Dystopie der d\u00fcsteren Zukunft in diesem Film voller busiger, nackter, sexualisierter und objektivierter Frauen ist. Es brachte mich dazu, noch einmal unter einem anderen Aspekt auf #metoo zu schauen: Dass so viele gro\u00dfe Medien das Thema jetzt aufgriffen, hatte leider eben auch damit zu tun, dass sexualisierte Gewalt sich gut verkauft, auch wenn man sich von ihr distanziert. Die Kritik an Sexismus kann eben auch ein Vorwand sein, um sie doch wieder zu zeigen. So funktioniert die News-Maschinerie, so funktioniert auch Hollywood. Bilder wirken aber nicht als Negation. Was man bei solchen Filmen und auch bei Berichterstattungen \u00fcber sexualisierte Gewalt sieht, die kulturellen Bilder, die davon produziert werden, sind Bilder von Frauen, die zum Objekt m\u00e4nnlicher Dominanz gemacht werden &#8211; ob das nun kritisch gemeint ist oder nicht, \u00e4ndert nichts daran. Das hei\u00dft nicht, dass man \u00fcber das Problem nicht reden soll. Es hei\u00dft nur, dass die Sache kompliziert ist und keine einfachen L\u00f6sungen hat.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Und die Moral von der Geschichte?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke, dass die Aufgabe f\u00fcr feministischen Aktivismus nun sein k\u00f6nnte, deutlich zu machen, dass die Emp\u00f6rung \u00fcber sexualisierte Gewalt nur die Spitze des Eisberges ist, und dass alle, die von sich behaupten deshalb emp\u00f6rt zu sein, noch gro\u00dfe Aufgaben vor sich haben. Und zwar nicht nur, weil es sich dabei um ein Massenph\u00e4nomen, um eine kulturelle Epidemie handelt und nicht um Einzelf\u00e4lle. Nicht nur, weil wir verstehen m\u00fcssen, dass Frauenfeindlichkeit nicht nur ein Problem von &#8222;Rechten&#8220; oder &#8222;Anderen&#8220; ist, sondern im Herzen der so genannten &#8222;westlichen Welt&#8220; fest verankert, und auch im Herzen des fortschrittlichen, linken Projekts &#8211; wof\u00fcr Harvey Weinstein steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sondern weil wir verstehen und dann vermitteln m\u00fcssen, dass wir sexualisierte Gewalt nur dann abschaffen k\u00f6nnen, wenn wir auch noch ganz viele andere Fragen stellen. Sexismus, die Abwertung von Weiblichkeit, die sich zur Normsetzung des M\u00e4nnlichen entwickelt hat, aus der Verachtung und Gewalt erst folgen k\u00f6nnen, ist nicht ein isolierter Aspekt unserer Kultur. Er ist ihr Zentrum. Deshalb k\u00f6nnen wir ihn nicht mit dieser oder jener Ma\u00dfnahme bek\u00e4mpfen. Wir m\u00fcssen alles umkrempeln. Wir brauchen nicht einfach nur Kritik und Bu\u00dfe. Wir brauchen eine Revolution.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berichte von Frauen dar\u00fcber, dass Weinstein sie bel\u00e4stigt, bedroht und gedem\u00fctigt hat, gibt es sogar schon seit 1990. Journalistinnen haben das immer wieder recherchiert und aufgeschrieben, aber die wichtigen Medien waren nicht bereit, die Story zu drucken. Warum ist ausgerechnet jetzt das Fass \u00fcbergelaufen? 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