{"id":17394,"date":"2017-12-01T00:00:00","date_gmt":"2017-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/eine-auseinandersetzung-mit-der-taeterrolle\/"},"modified":"2022-01-26T12:46:53","modified_gmt":"2022-01-26T10:46:53","slug":"eine-auseinandersetzung-mit-der-taeterrolle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/eine-auseinandersetzung-mit-der-taeterrolle\/","title":{"rendered":"Eine Auseinandersetzung mit der T\u00e4terrolle"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am Totensonntag 1985 war die Gewaltfreie Aktionsgruppe Regenbogen an einem Aktionsb\u00fcndnis gegen eine milit\u00e4rische Kriegerehrung auf dem Heidelberger Ehrenfriedhof beteiligt, an der neben B\u00fcrgermeister Zundel, Abordnungen der Bundeswehr und der US-Armee auch der NPD-Ortsverein teilnahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die besondere Aktion der Gewaltfreien Aktionsgruppe war die Beteiligung von zwei in schwarzer Traueraufmachung gekleideter Frauen der Gruppe an der offiziellen Kranzniederlegung, bei der sie einen Kranz &#8222;f\u00fcr die vergewaltigten Frauen&#8220; mitf\u00fchrten und neben die anderen Kr\u00e4nze legten, was zu erheblichen Ausschreitungen am Ort des Geschehens f\u00fchrte. Bei der Diskussion um diesen Inhalt innerhalb der Gruppe wurde offenbar, dass mindestens eine Frau in der damaligen Gruppe bereits Opfer einer Vergewaltigung war und eine weitere das Kind einer vergewaltigten Mutter. Diese unvorbereitet in den Raum gestellten Realit\u00e4ten l\u00f6sten in der Gruppe eine Situation aus, in der es die Frauen kaum aushalten konnten, mit M\u00e4nnern in derselben Gruppe zu sein und die M\u00e4nner sich andererseits mit einer ihnen eigenen Ignoranz \u00fcber die Bedeutung dieser Bekenntnisse hinwegsetzten. Der Schock dieser Gruppensitzung sa\u00df tief und es war klar, dass eine intensive Auseinandersetzung mit Sexismus trotz gegenteiligen Anspruchs in der Gruppe noch nicht stattgefunden hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Folgezeit entschied die Gruppe, Sexismus zum Hauptthema zu machen. W\u00e4hrend zun\u00e4chst die anstehenden Themen, Volksz\u00e4hlung, Tschernobyl, zivilmilit\u00e4rische Wintex-Cimex-Man\u00f6ver spezifisch unter antisexistischem Blickwinkel bearbeitet wurden, stellte sich bald heraus, dass auf diese Weise eine intensive Besch\u00e4ftigung mit Sexismus nicht m\u00f6glich war. Als Sexismus schlie\u00dflich alleiniges Hauptthema wurde, trat die Gruppe in eine mehrj\u00e4hrige Auseinandersetzung mit den Themen Pornographie und Vergewaltigung ein. Die Schwierigkeit einer Auseinandersetzung \u00fcber Sexismus in gemischtgeschlechtlichen Gruppenstrukturen wurde mit dem Versuch angegangen, abwechselnd reine M\u00e4nner- und Frauentreffs zu machen, um zweiw\u00f6chentlich wieder als gemischte Gruppe zusammenzukommen. In dieser Phase, gegen Ende 1986, bildete sich aus dem Gruppen-M\u00e4nnertreffen eine eigenst\u00e4ndige Graswurzel-M\u00e4nnergruppe heraus.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: left;\">Motivationslagen und Inhalte der Graswurzel-M\u00e4nnergruppe<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ersten Treffen der Gruppe waren durch die Kl\u00e4rung der eigenen Motivation f\u00fcr eine M\u00e4nnergruppe gekennzeichnet. Eine Minderheit der Gruppe, die alsbald auch nicht mehr mitmachte, sah die Notwendigkeit der M\u00e4nnergruppe darin, dass die Frauen der gemischten Gruppe eine solche im Grunde forderten und die M\u00e4nner also keine Wahl h\u00e4tten. Die Mehrheit jedoch war dadurch motiviert, nicht immer wieder von Frauen auf patriarchale Verhaltensweisen gesto\u00dfen werden zu wollen, sondern selbst und eigenst\u00e4ndig solche Verhaltensweisen zu erkennen und zu ver\u00e4ndern. Nach der Gr\u00fcndungsphase gab es dann den immer wieder br\u00fcchigen Konsens, dass es in der M\u00e4nnergruppe prim\u00e4r nicht darum ginge, sich selbst zu bemitleiden und zu sehen, wo wir M\u00e4nner denn auch Opfer des Patriarchats w\u00e4ren, sondern darum, eigene T\u00e4terstrukturen zu erkennen. Was das bedeutet, zu realisieren; welche Privilegien damit verbunden sind, die wir M\u00e4nner meist als selbstverst\u00e4ndlich ansehen &#8211; das war nun die Aufgabe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Praxis der Graswurzel-M\u00e4nnergruppe bestand zun\u00e4chst aus Selbsterfahrung, die uns einfach unerl\u00e4\u00dflich erschien, um uns einerseits selbst in Frage stellen zu k\u00f6nnen, andererseits aber auch, um zu entdecken, dass es den anderen M\u00e4nnern oft ganz genauso erging, wir nur nie mit M\u00e4nnern dar\u00fcber reden, mit welchen Tabus wir zum Beispiel bez\u00fcglich Onanie oder Selbstbefriedigung erzogen wurden, wie wir uns als Hetero-M\u00e4nner Schwulen gegen\u00fcber verhalten und welche eigenen unterdr\u00fcckten schwulen Anteile wir in uns haben, welches Konkurrenzgebaren wir an den Tag legen, welche Vorstellungen von Sexualit\u00e4t, Phantasien wir haben, aber auch welche \u00c4ngste und Gef\u00fchle und wie wir uns str\u00e4uben, sie vor anderen M\u00e4nnern zu bekennen. Stets wichtiger Bestandteil der Gruppenpraxis war aber auch immer die allgemeinere Diskussion, die sich um den spezifisch graswurzelrevolution\u00e4ren Ansatz einer M\u00e4nnergruppe drehte oder allgemein aktuelle Fragen behandelte.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Thesen \u00fcber militarisierte M\u00e4nnlichkeit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein wesentliches Ergebnis der Diskussionen um den besonderen graswurzelrevolution\u00e4ren Ansatz in der M\u00e4nnerszene war ein urspr\u00fcnglich von Uli Wohland formuliertes Papier: &#8222;Thesen \u00fcber militarisierte M\u00e4nnlichkeit&#8220;, das in der Gruppe diskutiert und im Februar 1989 in der GWR Nr. 131 ver\u00f6ffentlicht wurde. Im Wesentlichen hat dieses Papier zwei inhaltliche Bedeutungen, eine in die &#8222;M\u00e4nnerszene&#8220; hinein und eine aus ihr heraus in die Diskussionen der sozialen Bewegungen, insbesondere der antimilitaristischen Bewegung hinein. In die M\u00e4nnerszene hinein wirkt dieses Papier durch die Entschiedenheit, mit der m\u00e4nnliche Gewalt als zu \u00fcberwinden und nicht etwa als unver\u00e4nderliche Naturkonstante einer biologischen &#8222;M\u00e4nnlichkeit&#8220; angesehen wird. Die m\u00e4nnliche Gewalt ist vielmehr historisch gewachsen: &#8222;Historisch gesehen d\u00fcrfte der Mann als Waffentr\u00e4ger und sp\u00e4ter als Krieger eine der \u00e4ltesten, wenn nicht gar die \u00e4lteste m\u00e4nnliche Rolle sein.&#8220; So wie die angebliche &#8222;Friedfertigkeit der Frau&#8220; aufgrund tradierter Rollenklischees nur zugeschrieben ist, so ist auch die m\u00e4nnliche Gewalt nur zugeschrieben. Aufgrund der jahrhundertelangen Genese des Patriarchats ist sie allerdings kaum sehr schnell aus den Tiefenstrukturen des m\u00e4nnlichen Sozialcharakters herauszubekommen. Wahrscheinlich sind uns noch nicht einmal alle Dimensionen m\u00e4nnlicher Gewalt bewusst. So k\u00f6nnen wir eine nicht-militarisierte M\u00e4nnlichkeit als Utopie heute noch gar nicht beschreiben. Als Aussage ergibt sich jedoch aus diesem Ansatz, dass m\u00e4nnliche Gewalt, weil historisch gewachsen, auch historisch ver\u00e4ndert, d.h. zun\u00e4chst reduziert und menschheitsgeschichtlich schlie\u00dflich abgeschafft werden kann und soll. Dazu ist es allerdings notwendig, &#8222;m\u00e4nnliche Gewalt&#8220; in all ihren Auspr\u00e4gungen als Herrschaftsmittel zu begreifen und nicht, wie dies in der M\u00e4nnerszene leider nur allzuoft praktiziert wird, als etwas, das positive und negative Aspekte, definiert \u00fcbrigens meist ganz nach Belieben des jeweiligen Mannes, haben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daraus ergibt sich wiederum eine Kritik an denjenigen Erscheinungen der M\u00e4nnerszene, die Befreiung etwa von Sexualit\u00e4tstabus der Kirche mit sexueller Befreiung an sich verwechseln und dabei nur spiegelbildlich verkehrt Sexualit\u00e4t mit Penetration gleichsetzen; oder auch eine Kritik an Schwulen- und Lesbenpornos, die nun pl\u00f6tzlich emanzipativ sein sollen, nur weil Homosexuelle sich freiwillig dieselbe Gewalt antun, die die Pornoindustrie heterosexistisch tagt\u00e4glich propagiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Au\u00dfen, d.h. in die sozialen, hier: antimilitaristischen Bewegungen hinein wirkt das Papier durch die These, dass die jungen M\u00e4nner nicht erst durch das Milit\u00e4r (Kriegsdienstzwang) patriarchal werden, wie viele Antimilitaristen jahrelang glaubten, sondern &#8222;eine f\u00fcr die Erfordernisse des Milit\u00e4rs angemessene Charakterstruktur mit(bringen).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie besitzen bereits eine Disposition f\u00fcr militarisierte M\u00e4nnlichkeit, die im Verlauf der militarisierenden Sozialisation nur ausgepr\u00e4gter herausgearbeitet wird und verst\u00e4rkt werden muss. Der militarisierte Mann, der t\u00f6tungsbereite Mann ist nur eine Variante des zivilen Mannes.&#8220; Der provokative Charakter dieser These f\u00fcr die antimilitaristische Bewegung springt sofort ins Auge, w\u00e4hnten sich doch z.B. totale Kriegsdienstverweigerer (Verweigerer sowohl des Kriegsdienstes wie des zivilen Ersatzdienstes) oft schon automatisch gegen die patriarchalen Grundmuster milit\u00e4rischer Ausbildung durch ihre Verweigerung gefeit und m\u00fcssen nun feststellen, dass der Heldenmythos ihres individualisierten Kampfes gegen Milit\u00e4r und Justiz viel von dieser Disposition f\u00fcr militarisierte M\u00e4nnlichkeit enth\u00e4lt.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Aktionen und Probleme der M\u00e4nnergruppe: Ein Fazit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Antisexistische Inhalte wurden von der Graswurzel-M\u00e4nnergruppe nach au\u00dfen getragen: einerseits in den Zusammenhang der bundesweit organisierten F\u00f6GA hinein, die nun diesen Ansatz bei antimilitaristischen Kampagnen ber\u00fccksichtigen musste; andererseits in Form vereinzelter Aktionen vor Ort in Heidelberg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei dieser Aktionen m\u00f6chte ich nennen: Im Sommer 1989 wurde von der Graswurzel-M\u00e4nnergruppe angesichts zweier Vergewaltigungen in Heidelberg zu einer Demonstration &#8222;M\u00e4nner gegen M\u00e4nnergewalt&#8220; aufgerufen, zu der nur 20 M\u00e4nner kamen. 1990 wurden mehrmals vor Heidelberger Parkh\u00e4usern Flugbl\u00e4tter verteilt, die m\u00e4nnliche Autofahrer auf die Gewalt in Parkh\u00e4usern hinwiesen und sie u.a. aufforderten, ihre Autos nicht auf Frauenparkpl\u00e4tzen abzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der M\u00e4nnerdemo gab es einige neue Gesichter in der Graswurzel-M\u00e4nnergruppe. Sie hatten Interesse an einer ausf\u00fchrlichen Auseinandersetzung mit Sexismus, konnten aber mit dem spezifisch graswurzelrevolution\u00e4ren Ansatz der Gruppe weniger anfangen. Darauf \u00e4nderte die Gruppe ihren Namen in &#8222;Heidelberger M\u00e4nnergruppe&#8220;. Zu dieser Zeit wurde auch mit anderen Heidelberger M\u00e4nnergruppen und dem sich bildenden Verein &#8222;M\u00e4nner gegen M\u00e4nnergewalt&#8220; Kontakt aufgenommen, der bis heute [d.h. hier: 1992; Red.] noch nicht abgerissen ist, obwohl sich die Gruppe immer noch separat trifft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fluktuation brachte es in den Jahren mit sich, dass bestimmte Thematiken immer wieder wiederholt werden mussten, weil sich manch Neuer entsprechende Fragen noch nicht gestellt hatte. Es sind die M\u00fchen der Ebene, die jedoch niemals \u00fcberfl\u00fcssig sind, weil jede Selbsterfahrung neue Aspekte hervorbringt und bei uns M\u00e4nnern von ersch\u00f6pfender Behandlung dieses Themas vorerst sowieso nicht die Rede sein kann. So endet dieser Bericht auch mit einer Prise Skepsis, denn die langj\u00e4hrige Beteiligung in einer M\u00e4nnergruppe brachte f\u00fcr den Autor dieses Berichts, wenn \u00fcberhaupt, dann nur langsame und von R\u00fcckschl\u00e4gen gekennzeichnete Fortschritte, was Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber eigenen patriarchalen Verhaltensweisen betrifft. Es bewahrheitete sich die Vermutung, dass eine Beteiligung an M\u00e4nnergruppen leider gar nichts garantiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das soll nicht hei\u00dfen, dass sie \u00fcberfl\u00fcssig ist, im Gegenteil: Es wird durch Selbsterfahrung und auch durch die st\u00e4ndige Diskussion \u00fcber Varianten des Themas viel bewusst, und die Bewusstwerdung patriarchaler Anteile ist oft schon das wichtigste Ergebnis. Bis sich dieses Bewusstsein aber in Gef\u00fchle und spontane Verhaltensweisen \u00fcbersetzt, ist es leider ein langer, schmerzhafter Weg, der von uns M\u00e4nnern dennoch gegangen werden muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Totensonntag 1985 war die Gewaltfreie Aktionsgruppe Regenbogen an einem Aktionsb\u00fcndnis gegen eine milit\u00e4rische Kriegerehrung auf dem Heidelberger Ehrenfriedhof beteiligt, an der neben B\u00fcrgermeister Zundel, Abordnungen der Bundeswehr und der US-Armee auch der NPD-Ortsverein teilnahm. 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